{"id":29398,"date":"2023-05-17T09:30:00","date_gmt":"2023-05-17T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/marineforum.online\/?p=29398"},"modified":"2023-09-06T09:16:17","modified_gmt":"2023-09-06T07:16:17","slug":"quo-vadis-marine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marineforum.online\/en\/quo-vadis-marine\/","title":{"rendered":"Quo vadis, Navy?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie soll sich die Deutsche Marine unter dem Eindruck von Zeitenwende, demografischer Entwicklung und b\u00fcrokratischer Einschr\u00e4nkung langfristig weiterentwickeln? Acht Experten schildern ihre Sicht zum aktuellen Konzeptpapier Zielbild Marine 2035+.<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem am 28. M\u00e4rz 2023 ver\u00f6ffentlichten Zielbild Marine 2035+ liegt ein konzises Papier vor, das sich in verst\u00e4ndlicher und pr\u00e4gnanter Form mit Marineaufgaben und Flottenstruktur auseinandersetzt, ohne im wolkigen Duktus manch anderer Strategiedokumente zu verweilen. Die angedeutete Ziel-Mittel-Weg-Relation ist bemerkenswert erhellend. Die deutliche Unterstreichung, dass die Marine ein kapitalintensives Vorhaben sei, bei gleichzeitiger Forcierung der unbemannten Systeme \u2013 im Pokerjargon: all in \u2013 stechen positiv heraus.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnftige Flottenstruktur weckt dank schicker grafischer Umsetzung zwar schon jetzt wieder manchen Traum, vergisst jedoch die weniger attraktiven Themen, die in der Marine gerade viel virulenter sind: Munition, Ausstattung, Infrastruktur, Nachwuchsgewinnung. Es stimmt: Marine muss langfristig denken und pragmatisch und kurzfristig handeln. Nach dem ehemaligen US-Pr\u00e4sidenten Dwight D. Eisenhower: \u201eFailing to plan is planning to fail.\u201c Durch dieses Spannungsfeld gilt es zu navigieren. Wichtig ist die Herausstellung von zentralen Notwendigkeiten oder, f\u00fcr die Bescheidwisser, von Allgemeingut. Dazu z\u00e4hlen die Bedeutung maritimer Pr\u00e4senz, die nicht nur in Flaggenst\u00f6cken gerechnet wird, und die F\u00e4higkeit zum hochintensiven Gefecht. Auch die Marinemathematik \u2013 f\u00fcr ein Schiff im Einsatz braucht es derer drei \u2013 und demografische Zw\u00e4nge stechen heraus.<\/p>\n<p>Ein solch offizielles Statement aus der Feder der Marine hat es schon l\u00e4nger nicht mehr gegeben. Mit dem bereits ver\u00f6ffentlichten Kompass Marine und dem in Erarbeitung befindlichen Dachdokument Marine entsteht nun eine Familie von Eckpunktepapieren, die in jedem Fall einen Anlass zur Debatte bieten. In der Folge \u00e4u\u00dfern sich deutsche Experten in Form von Denkanst\u00f6\u00dfen zu einzelnen Aspekten des Zielbilds. Gegenrede ist erw\u00fcnscht!<\/p>\n<p><strong>Dr. Sebastian Bruns<\/strong> ist Senior Researcher am Institut f\u00fcr Sicherheitspolitik der Universit\u00e4t Kiel (ISPK) und war zuvor McCain-Fulbright-Gastprofessor an der US Naval Academy in Annapolis, Maryland.<\/p>\n<p><strong>Szenario einer kriegerischen Auseinandersetzung an der Nordflanke<\/strong><\/p>\n<p>Die Deutsche Marine hat in den vergangenen Jahren mehrfach betont, nicht auf eine Ostsee-Marine reduziert werden zu wollen. Heute wird im Zielbild 2035+ die Notwendigkeit einer hohen Gefechtsbereitschaft und Pr\u00e4senz an der NATO-Nordflanke \u2013 also Nordatlantik, Nord- und Ostsee \u2013 hervorgehoben. Beides ist so nachvollziehbar wie richtig. Die Deutsche Marine muss sich gemeinsam mit ihren internationalen Partnern auf die M\u00f6glichkeit eines bewaffneten Konflikts an der Nordflanke einstellen. Notwendig ist dies bereits seit 2014. Umso wichtiger, dass das Zielbild nun in vier von sieben genannten Leistungsanforderungen von Schlagkraft, Seekrieg und Verteidigung spricht und auch das Risiko von Ausf\u00e4llen ganzer Einheiten miteinbezieht. Die Unterscheidung der maritimen Anforderungen in einzelnen Seegebieten zeigt dar\u00fcber hinaus, wie bedeutend und divers die Anforderungen der einzelnen Operationsgebiete, wie etwa der Ostsee, sind. Was das Zielbild korrekterweise impliziert: Auch bei einer m\u00f6glichen Norderweiterung der NATO bleibt die Notwendigkeit einer Bef\u00e4higung zum hochintensiven Gefecht an der gesamten Nordflanke und somit auch im Ostseeraum bestehen. Denn: Solange ein potenzieller Gegner an einem geschlossenen Seegebiet wie der Ostsee ans\u00e4ssig und aktiv ist, kann nicht von einer Kontrolle dieses Operationsraums gesprochen werden.<\/p>\n<p>Aus gutem Grund wird dahingehend die Bef\u00e4higung zum maritime strike im Verbund mit der F\u00e4higkeit zum \u00dcber- und Unterwasserseekrieg hervorgehoben, mit der sich deutsche und alliierte Seestreitkr\u00e4fte regionalen Anti-access\/Area-Denial-Herausforderungen stellen m\u00fcssen. Der multidimensionale Aspekt zeigt sich besonders in der Ostsee daher wechselseitig: in Form der zu bew\u00e4ltigenden Risiken, aber auch in Form der eigenen Antwort, die im Rahmen von Multi Domain Operations geliefert werden muss. Das Zielbild Marine 2035+ beweist damit, dass sich die Deutsche Marine ihrer Aufgaben und Anforderungen f\u00fcr den Auftrag der Abschreckung sowie der Landes- und B\u00fcndnisverteidigung im gesamten Nordflankenraum und der Ostsee im Besonderen bewusst ist.<\/p>\n<p><strong>Julian Pawlak<\/strong> ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universit\u00e4t\/Universit\u00e4t der Bundeswehr Hamburg und dem German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS).<\/p>\n<p><strong>\u00a0Die Arktische Relevanz der Nordflanke<\/strong><\/p>\n<p>Sicherheitspolitisch gewinnt der arktisch-nordatlantische Raum f\u00fcr die transatlantische Allianz und Deutschland zunehmend an Bedeutung: Die Deutsche Marine will sich besonders auf die Nordflanke der NATO konzentrieren. Im NATO-Kontext werden zu den L\u00e4ndern der Nordflanke in einer minimalistischen Auslegung Belgien, D\u00e4nemark, die Niederlande, Island, Norwegen und das Vereinigte K\u00f6nigreich gerechnet. In einer erweiterten Interpretation z\u00e4hlen dazu die NATO-Ostseeanrainer, also die baltischen Staaten und Polen sowie Finnland und Schweden, die als (zuk\u00fcnftige) neue NATO-Mitglieder auch als alliierte Arktisnationen gelten.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich um die Verb\u00fcndeten, deren Hoheitsgew\u00e4sser und Ausschlie\u00dfliche Wirtschaftszonen in der Polarregion und zugleich im Verantwortungsbereich des Alliierten Oberbefehlshabers (Supreme Allied Commander Europe, Saceur) liegen. Das sind zum einen \u2013 in der n\u00f6rdlichsten Auspr\u00e4gung im Atlantik \u2013 Kanada sowie D\u00e4nemark mit dem autonomen Territorium Gr\u00f6nland. Daran angrenzend liegt die demilitarisierte Inselgruppe Spitzbergen, die zu Norwegen geh\u00f6rt. Im weitesten Sinne z\u00e4hlen Island, welches an den n\u00f6rdlichen Polarkreis grenzt, und die USA, die mit Alaska einen direkten \u00dcbergang zum Arktischen Ozean besitzen, zu den arktischen Staaten der Allianz.<\/p>\n<p>Projiziert man dies auf eine Karte, so wird deutlich, dass die Gr\u00f6nlandsee, die Labradorsee, die Baffin-Bucht, das Europ\u00e4ische Nordmeer sowie das Nordpolarmeer als arktische Region zum Interessengebiet der NATO gerechnet werden k\u00f6nnen. Das Interessengebiet der Allianz beziehungsweise der Operationsbereich des Saceur ist als jener Raum definiert, der die Territorialgebiete der europ\u00e4ischen Alliierten sowie die eingeschlossenen Seegebiete umfasst und sich dann im Nordatlantik vom Nordpol bis zum N\u00f6rdlichen Wendekreis sowie in der Westausdehnung bis zur Ostk\u00fcste Nordamerikas erstreckt.<\/p>\n<p>Es handelt sich um das Gebiet, f\u00fcr das die NATO-Regierungen dem Saceur bereits in Friedenszeiten das Mandat erteilt haben, Verantwortung wahrzunehmen. Schon in der geografischen Bestimmung wird also klar: Die \u201eNATO ist eine arktische Allianz\u201c, wie NATO-Generalsekret\u00e4r Jens Stoltenberg im August 2022 sagte. Jedoch bleibt aktuell die Aufmerksamkeit der NATO prim\u00e4r auf die k\u00fcstennahen R\u00e4ume gerichtet und weniger auf die Zentralarktis.<\/p>\n<p><strong>Dr. Michael Paul<\/strong> ist Senior Fellow und Fregattenkapit\u00e4n G\u00f6ran Swistek ist Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrung des Paradigmenwechsels<\/strong><\/p>\n<p>Unter den Schlagworten K\u00fcstenverteidigung und K\u00fcstenkampf fordert das Zielbild Marine 2035+ erstmals wieder seit Ende des Kalten Kriegs, und auch gleichberechtigt neben anderen maritimen Operationsarten, amphibische F\u00e4higkeiten f\u00fcr die Bundeswehr. Neu ist das nicht: In der Vorg\u00e4nger-Zielvorstellung (2025+) wurde noch der Begriff expeditionary navy genutzt. Diese sollte auch eigene Kr\u00e4fte an Land von See aus unterst\u00fctzen \u2013 was aber eher einem strategischen Seetransport entsprach.<\/p>\n<p>Auch die Konzeption der Bundeswehr aus dem Jahr 2018 legte fest, dass wieder \u201ebegrenzte amphibische Operationen\u201c die F\u00e4higkeiten der Seestreitkr\u00e4fte bestimmen w\u00fcrden. Beschr\u00e4nkte sich der Aufgabenbereich der infanteristischen Kr\u00e4fte der Marine bis 2014 noch fast ausschlie\u00dflich auf Objektschutz und Boarding-Missionen, so hebt die Marine nun sehr deutlich einen Bedarf an F\u00e4higkeiten zur Durchf\u00fchrung amphibischer Operationen hervor. Deren Auftrag sei es, \u201erelevante K\u00fcstenbereiche see- und landseitig zu kontrollieren\u201c und \u201ewechselnde Schwerpunkte in der K\u00fcstenregion\u201c zu bilden.<\/p>\n<p>Das ist durchaus die Weiterf\u00fchrung jenes Paradigmenwechsels, auch im Denken der Marinef\u00fchrung, der mit der Aufstellung des Seebataillons 2014 seinen Anfang nahm und mit der Integration in das niederl\u00e4ndische Korps Mariniers konsequent fortgef\u00fchrt wurde. Denn die Marineinfanteristen aus Eckernf\u00f6rde sollen, eng angelehnt an die niederl\u00e4ndischen Partner sowie die Royal Marines, f\u00fcr die Bundeswehr \u201eFachwissen f\u00fcr den wohl komplexesten aller milit\u00e4rischen Auftr\u00e4ge\u201c sammeln, f\u00fcr Landungsoperationen. So schreibt es die Bundeswehr auf ihrer eigenen Website.<\/p>\n<p>Ein Blick in den Fuhrpark des neuen Zielbilds zeigt aber, dass diese Absichtsbekundung kaum mit amphibischen Plattformen hinterlegt ist. Hinter den aufgef\u00fchrten \u201ebis zu 18 Future Combat Surface Systems\u201c k\u00f6nnten aber in einem ersten Schritt wohl klassische Kampfboote stehen, wie etwa das schwedische CB 90, die neben der Verbringung von infanteristischen Kr\u00e4ften in Bataillonsst\u00e4rke in einem Folgeschritt k\u00fcnftig auch unbemannte Aufkl\u00e4rungsmissionen durchf\u00fchren oder kritische Infrastruktur sichern k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Mit Kampfbooten kann die Marine ferner k\u00fcnftig kleine, mobile raiding parties, also \u00dcberfallkommandos in Kompanie- oder Bataillonsst\u00e4rke, inklusive der Unterst\u00fctzungselemente wie Scharfsch\u00fctzen, Drohnenoperateure oder Notfallsanit\u00e4ter zum Einsatz bringen. Die St\u00e4rke solcher Kr\u00e4fte liegt darin, unabh\u00e4ngig voneinander und das Moment der \u00dcberraschung ausnutzend, gegnerische Kr\u00e4fte direkt oder \u00fcber das Hinterland anzugreifen. Ziel ist dabei, nadelstichartig feindliches Handeln zu st\u00f6ren oder strategische Punkte wie H\u00e4fen, Flugbasen oder Flugk\u00f6rperstellungen zu gewinnen. Auch die Abwehr gegnerischer irregul\u00e4rer Kr\u00e4fte w\u00e4re so m\u00f6glich. Versehen mit Steilfeuerwaffen wie M\u00f6rsern, leichten Flugk\u00f6rpern wie Hellfire oder Spike-ER, Aufkl\u00e4rungssensoren sowie Minen, k\u00f6nnten Kampfboote im K\u00fcstenvorfeld zudem amphibische Landungen gegnerischer Kr\u00e4fte verhindern oder zumindest erschweren.<\/p>\n<p>Amphibische Operationen sind aber immer streitkr\u00e4ftegemeinsame Operationen, und hier liegt das Problem des Zielbilds 2035+: Die Marine kann der Bundeswehr zwar amphibische Teilf\u00e4higkeiten zur Verf\u00fcgung stellen, es bedarf aber eines Joint-Kommandos f\u00fcr die F\u00fchrung derartiger Operationen. Nun muss es daher zun\u00e4chst Aufgabe der anderen Organisationsbereiche sein, ihre Zieldokumente abgestimmt mit der Marine zu erstellen.<\/p>\n<p><strong>Fregattenkapit\u00e4n a.D. Arne Bj\u00f6rn Kr\u00fcger<\/strong> hat 2014 das Seebataillon aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Chancen f\u00fcr eine international agierende nationale K\u00fcstenwache?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Klartextrede des Bundeskanzlers auf der Bundeswehrtagung 2022 fielen bez\u00fcglich des Kernauftrags Landes- und B\u00fcndnisverteidigung die Worte: \u201eAlle anderen Aufgaben haben sich ihm [dem Auftrag] unterzuordnen.\u201c Sofern hiermit ein R\u00fcckzug aus EU- und UN-Missionen impliziert wurde, ergibt sich die Frage, wie k\u00fcnftige humanit\u00e4re Kontroll- und \u00dcberwachungsmissionen durchgef\u00fchrt werden sollen.<\/p>\n<p>Die Bundespolizei, zurzeit mit kleinen Einheiten bei der Operation Poseidon im Mittelmeer zugegen, besitzt erste Erfahrungen in maritimen Auslandsmissionen, die mithilfe eines Personalpools aus Zoll- und Wasserschutzpolizeibeamten durchgef\u00fchrt werden. Die Bundesanstalt f\u00fcr Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung (BLE) ist mit ihren gro\u00dfen Fischereischutzbooten regelm\u00e4\u00dfig im Nordatlantik an Kontrollt\u00e4tigkeiten beteiligt. Eine Grundexpertise f\u00fcr kleine und gro\u00dfe Missionen ist demnach vorhanden. Auch fehlt es nicht an Fahrzeugen. Alleine der Koordinierungsverbund K\u00fcstenwache besitzt 15 Schiffe ab 49 Meter L\u00e4nge, die sich grunds\u00e4tzlich f\u00fcr Seegebiete au\u00dferhalb der Ostsee und der Deutschen Bucht eignen.<\/p>\n<p>Es fehlt die B\u00fcndelung von Zust\u00e4ndigkeiten. So sind Zoll und Bundespolizei bereits eine personelle Kooperation an Bord ihrer Schiffe eingegangen, Wasserstra\u00dfen- und Schifffahrtsverwaltung und BLE aber blieben au\u00dfen vor. Sch\u00fcfen wir eine einheitliche Beh\u00f6rde, die auf See die Aufgaben der Schifffahrtspolizei, Strompolizei und Strafverfolgung von jeder seegehenden Einheit aus wahrnehmen k\u00f6nnte, w\u00fcrden Schiffe effektiver ausgelastet und es b\u00f6te sich die Chance, bestehende Einheiten in internationale Missionen zu senden.<\/p>\n<p>Unter Einbeziehung der Wasserschutzpolizeien der L\u00e4nder und der damit verbundenen Vereinheitlichung der Zust\u00e4ndigkeiten im K\u00fcstenmeer und der Ausschlie\u00dflichen Wirtschaftszone w\u00fcrde eine mindestens 5000 Personen starke nationale K\u00fcstenwache entstehen. Durch die Konzentration der Marine auf ihre Kernaufgaben entsteht eine au\u00dfenpolitische L\u00fccke. Ob die zahlreichen Eins\u00e4tze und st\u00e4ndigen Marineverb\u00e4nde weitere Freedom of Navigation Operations (Fonops) zulassen, ist fraglich. Eine zivilbeh\u00f6rdliche K\u00fcstenwache k\u00f6nnte daher ein besonders effektives Instrument der Au\u00dfenpolitik werden. Mit Vollzugsbefugnissen ausgestattet, bestenfalls durch EU und UN mandatiert, w\u00e4re diese nichtmilit\u00e4rische soft power eine clevere non-combatant solution, gerade wenn die Kontrolle ziviler Schifffahrt, beispielsweise bei der \u00dcberwachung eines Embargos, im Vordergrund steht.<\/p>\n<p>Die Entsendung einer K\u00fcstenwache w\u00fcrde vermutlich partei\u00fcbergreifende Zustimmung finden, da weder Kriegsschiffe noch Soldaten beteiligt sind. Die weit gefasste Europ\u00e4ische Sicherheitsstrategie gibt einer international agierenden nationalen K\u00fcstenwache den erforderlichen rechtlichen Spielraum. Dass diese bei der Bek\u00e4mpfung von blue crime ohnehin eine einheitliche Struktur ben\u00f6tigt, ist dabei fast schon Nebensache.<\/p>\n<p><strong>Till Andrzejewski<\/strong> ist Polizeibeamter und K\u00fcstenbootf\u00fchrer bei der nieders\u00e4chsischen Wasserschutzpolizei.<\/p>\n<p><strong>Mut zum (teil-)autonomen System<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist im Zielbild 2035+ der Marine die globale Tendenz abgebildet, nach der (teil-)autonome Systeme immer st\u00e4rker in die Streitkr\u00e4fte integriert werden. Sie werden damit selbstverst\u00e4ndlicher Teil milit\u00e4rischer und auch maritimer Realit\u00e4t. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass (teil-)autonome Systeme nie losgel\u00f6st von anderen milit\u00e4rischen Kontexten und Strukturen gedacht werden d\u00fcrfen. Wenn diese in die Streitkr\u00e4fte integriert werden, m\u00fcssen sie innerhalb der bestehenden milit\u00e4rischen Systeme, Infrastrukturen und strategischen Kulturen \u2013 beispielsweise Auftragstaktik und Innere F\u00fchrung \u2013 funktionieren.<br \/>\nAutonome Systeme werden zwar auf absehbare Zeit erst einmal nur f\u00fcr die \u201edrei Ds\u201c, dirty, dull, dangerous, eingesetzt werden, allerdings sind hier auch rapide Entwicklungen hin zu (teil-)autonomen kampff\u00e4higen Systemen zu beobachten. Dabei ist eine Besonderheit hervorzuheben:\u00a0 Bis zum kinetischen Waffeneinsatz \u2013 wie auch immer dieser aussehen mag \u2013 kann das System auch als Datenlieferant dienen. Und diese Daten m\u00fcssen in irgendeiner Weise gespeichert, aufbereitet, verarbeitet, ausgewertet und zur Verf\u00fcgung gestellt werden \u2013 und zwar so, dass alle relevanten Teile der Streitkr\u00e4fte auch darauf zugreifen k\u00f6nnen. Pointiert ausgedr\u00fcckt: Das sch\u00f6nste hochtechnisierte System n\u00fctzt wenig, wenn auf dem Server noch Windows 95 l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich der \u201eKrieg vor dem Krieg\u201c. Schnittstellen und Datenmanagement werden die elementarten Stellschrauben zuk\u00fcnftiger milit\u00e4rischer Effektivit\u00e4t. Das hat erhebliche organisationale Auswirkungen, denn die Anforderungen an das Personal \u00e4ndern sich, Softwareexpertise wird unabdingbar. Zusammengefasst kann also festgehalten werden: Das Mindset muss sich \u00e4ndern. Die See bleibt gleich, die Rahmenbedingungen \u00e4ndern sich aber gerade massiv.<\/p>\n<p><strong>Sebastian Schwartz<\/strong> arbeitet an der Schnittstelle von Sci-Fi, technischer Friedens- und Konfliktforschung, der Digitalbranche, Nerdtum und autonomen Systemen.<\/p>\n<p><strong>Besseres Lagebild durch engere Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem der Inspekteur der Deutschen Marine im Februar in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dazu aufgerufen hat, maritime Kritische Infrastruktur k\u00fcnftig besser zu sch\u00fctzen und dazu \u201ezivile, staatliche und nichtstaatliche Sensordaten\u201c zusammenzuf\u00fchren, wird dieses Thema nun erneut im Zielbild Marine 2035+ aufgegriffen.<\/p>\n<p>Dort hei\u00dft es, die Marine ben\u00f6tige \u201eausgestaltete Kooperationsbeziehungen zum Informationsaustausch mit anderen Stellen.\u201c Daf\u00fcr seien ein Netzwerk f\u00fcr den Datenaustausch sowie seegest\u00fctzte Mittel zur Informationsgewinnung in Schwerpunkten und k\u00fcnstliche Intelligenz zur Unterst\u00fctzung bei der Datenauswertung notwendig. Auch Hans-Peter Bartels betonte unl\u00e4ngst: \u201eDeshalb braucht das B\u00fcndnis neue Sensoren und Wirkmittel, vor allem aber ab sofort die Zusammenf\u00fchrung aller verf\u00fcgbaren zivilen und milit\u00e4rischen Daten.\u201c<\/p>\n<p>Um dieser Forderung nach digitaler Datenfusion nachkommen zu k\u00f6nnen und damit ein weitgehend vollst\u00e4ndiges Unter- und \u00dcberwasserlagebild zu erlangen, ben\u00f6tigt es aus Unternehmenssicht einer \u00fcbergeordneten staatlichen Koordinierungsstelle, die alle Organisationen schnell zusammenf\u00fchrt. Zahlreiche Partner, auch im Auftrag des Bundes, arbeiten an der Digitalisierung der Meere, indem wir etwa k\u00fcnstliche Intelligenz und Big-Data-Analysen einsetzen, um software as a service f\u00fcr maritime Geoinformationen f\u00fcr Beh\u00f6rden zu entwickeln, beispielsweise f\u00fcr den Kampfmittelr\u00e4umdienst des Landes Schleswig-Holstein.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit den Betreibern der Offshore-Industrie werden ebenfalls datengetriebene und vertrauensw\u00fcrdige Datenr\u00e4ume f\u00fcr eine effiziente Zusammenarbeit und Digitalisierung in der Offshore-Windbranche entwickelt. Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums wird ferner mit Hochdruck an der Realisierung eines Internet of underwater things gearbeitet.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte die Marine nun von diesen Initiativen profitieren? Denkbar w\u00e4re zum einen ein gemeinsamer use case mit der Industrie, beispielsweise im Rahmen des F\u00f6rderprojektes Marispace-X des Bundesministeriums f\u00fcr Wirtschaft und Klima. In diesem mit 15 Millionen Euro ausgestatteten Projekt soll ein digitaler maritimer Datenraum bis Ende 2024 geschaffen werden, der auf Datenhoheit, Sicherheit, Interoperabilit\u00e4t und Modularit\u00e4t basiert. Zum anderen w\u00e4re auch ein Projekt mit dem Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters (COE CSW) in Kiel denkbar, das bereits erfolgreich mit der zivilen Wirtschaft sowie mit der Forschung kooperiert. Derzeit ist bereits ein Projekt mit dem NATO CRME in La Spezia ausgeplant, das den Einsatz einer hochskalierbaren Datenplattform f\u00fcr die eigene Sensordatenauswertung testet. Deutsche Firmen stehen folglich bereits heute mit maritimer Geodatenexpertise f\u00fcr zuk\u00fcnftige Projekte zur Verf\u00fcgung und warten, um es im Marinejargon auszudr\u00fccken, nur noch auf den \u201eMan\u00f6veranpfiff\u201c.<\/p>\n<p><strong>Jann Wendt<\/strong> ist CEO der north.io GmbH, Initiator der Kiel Munition Clearance Week und Koordinator von Marispace-X.<\/p>\n<p>Sebastian Bruns<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie soll sich die Deutsche Marine unter dem Eindruck von Zeitenwende, demografischer Entwicklung und b\u00fcrokratischer Einschr\u00e4nkung langfristig weiterentwickeln? Acht Experten schildern ihre Sicht zum aktuellen Konzeptpapier Zielbild Marine 2035+. Mit dem am 28. 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