110 Jahre altes Rettungsschiff der russischen Marine namens „Kommuna“ soll die Moskva Bergung durchführen. Foto: thewarzone, vipflash

110 Jahre altes Rettungsschiff der russischen Marine namens „Kommuna“ soll die Moskva-Bergung durchführen. Foto: thewarzone, vipflash

Neues von der „Moskwa“ - ein altes Schiff soll ihr zur Seite stehen

Was die Verluste an Menschenleben angeht, so hüllt sich der Kreml weiterhin in Schweigen, bestenfalls erfolgt ein zögerliches Eingestehen ohnehin völlig untertriebener Zahlen.

Unkontrollierter Offenbarungs-Tweet

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Tweet einer regierungsnahen Moskauer Quelle vom Freitag, 22. April 2022, dem nur eine minimale Lebensdauer gegönnt war, bevor er von der Bildfläche verschwand. Darin wurden Gefallenen- und Vermisstenzahlen des Ukraine-Krieges angegeben, die jedoch den als etwas überhöht eingeschätzten Angaben der Ukrainskaya Pravda (https://www.pravda.com.ua/eng/) mit 23.000 toten russischen Soldaten ziemlich nahe kommen: 13.400 Tote, 7.000 Vermisste, 116 Tote auf der „Moskwa“. Offiziell gilt weiterhin die Zahl von 2.000 Gefallenen auf russischer Seite – aber das glaubt nun bis auf Einen wirklich keiner mehr!

...auf See geblieben ...

Nachdem zunächst zum Verlust des Lenkwaffen-Kreuzers „Moskwa“ verkündet wurde, dass alle Besatzungsmitglieder von Bord geborgen werden konnten, gilt in Moskau seit dem 20. April offiziell, dass es einen Toten und 27 Vermisste gegeben habe – 396 Soldaten seien evakuiert worden. Verwunderlich an diesen Zahlen ist, dass Dokumentationen zufolge dieser Kreuzer eine Besatzung von etwa 480 haben sollte – eine Quelle spricht sogar von einer Besatzungsstärke von deutlich über 600 – und in Kriegszeiten läuft so ein Schiff erwartungsgemäß keinesfalls unterbesetzt aus dem Hafen aus!

Keine Wehrpflichtigen – keine Reservisten

Mittlerweile sprach ein unabhängiges russisches Informationsportal von 37 Toten Marinesoldaten, darunter auch Wehrpflichtige, die (seit 2017) eigentlich nicht an Bord von Kriegsschiffen dienen, geschweige denn sich im Kriegseinsatz befinden sollten – aber schließlich ist es nach russischer Lesart ja auch kein Krieg! Und der Staatspräsident hat seinen Russen und Russinnen erst Anfang März noch versichert, dass sich weder Reservisten, noch Wehrpflichtige an der „Spezialoperation“ beteiligten. Immer mehr Menschen melden sich jedoch bei der Suche nach Informationen zu ihren „vermissten“ Verwandten zu Wort und lassen die Zahl von über 100 Opfern des Untergangs der „Moskwa“ traurigerweise als realistisch erscheinen. Bekanntlich ist der Schleier, den Moskau über eigene Verluste legt, sehr undurchdringlich und extrem hartnäckig.

Verletzte? Welche Verletzen?

Verletzte, die es bei derartigen Vorfällen in nicht unerheblichem Maße auch immer gibt, wurden tragischerweise bisher noch nicht einmal erwähnt!

Von Namen und Bedeutungen

Schwerer Raketenkreuzer „Moskwa“ der „Slava“-Klasse – alleine schon die beiden Namen haben Bedeutung! „Moskau“ als Hauptstadt Russlands und „Ruhm“, oder „Ehre“, sind im militärischen und machtpolitischen Kontext geradezu schwergewichtig, emotionsbehaftet und symbolschwanger. Unweit der Stelle, wo unlängst die ukrainische Marine in Mykolaiv ihr Flaggschiff „Hetman Sagaidachny“ selbst versenkte, lief Ende Juli 1979 der Kreuzer „Slava“ nach seiner Taufe als Typschiff der „Atlant“-Klasse (Projekt 1164) vom Stapel und wurde noch am letzten Tag des Jahres 1982 in Dienst gestellt. Es sollte eine Serie von sechs Einheiten werden, es liefen aber nur vier vom dortigen Stapel und lediglich drei wurden auch dienstfähig ausgerüstet. Nach „Slava“, „Marshal Ustinov“ und „Varyag“ wurde die „Ukrayina“ jedoch nie fertiggestellt und liegt noch heute in der ehemaligen Nikolayev-Nord-Werft nördlich des Stadtzentrums (Naberezhna Street, 24) verlassen als Hulk an der Pier am Südufer des Flusses Inhul.

Neues von der „Moskwa“ - ein altes Schiff soll ihr zur Seite stehen

Unfertiger "Ukraynia" Lenkflugkörper-Kreuzer der "Slava"-Klasse in Mykolaiv. Foto: twitter

Fliegender Namenswechsel

Die russische Marine entschied 1996, der „Slava“ als dem Flaggschiff der Schwarzmeer-Flotte den Namen der russischen Hauptstadt zu verleihen. Als ein „Teilstück“ Russlands sollte sie symbolträchtig die Flotte führen oder im Hafen von Sewastopol liegen, gerade als auf der Krim der unsägliche Trennungsprozess zwischen der Ukraine und Russland sich in schwierigem Fahrwasser befand (siehe „Sewastopol und Schwarzmeer-Flotte“ vom 17.03.2022). Es folgte ein Vierteljahrhundert „Moskwa“ als russischer Platzhirsch im Schwarzen Meer – inklusive Modernisierung und großer Werftliegezeit.

Letzter Akt

Dann mit Kriegseröffnung das Auftauchen der „Moskwa“ vor der kleinen ukrainischen Schlangen-Insel als Machtdemonstration während der Eroberung – und nun die Versenkung des russischen Flaggschiffes durch ukrainische Seeziel-Flugkörper trotz dreifach gestaffelter Flugabwehrsysteme auf dem Kreuzer. Beide, Schiff und Seeziel-FK, entsprachen nicht der allerneuesten Bauart: das Schiff gebaut noch vor den Erkenntnissen der ersten Flugkörper-Gefechte (Falklands), und die Raketen basierend auf sowjetischem Entwürfen und im Unterschallbereich anfliegend. Dazu Überraschungsmomente auf der einen und Abnutzungserscheinungen auf der anderen Seite, möglicherweise Täuschmanöver ukrainischerseits und Verkettung unglücklicher Umstände russischerseits. Dazu gibt es bereits viele spekulative Wortmeldungen, aber wer wirklich dabei war, der wird vorerst nicht reden! Das Schiff liegt nun auf seichtem, gut zugänglichem Boden in eher 50 als 100 Metern Wassertiefe und wartet auf sein weiteres Schicksal.

Ein Veteran tritt in das Rampenlicht

Die ehrenvolle Aufgabe des Totenwächters wird nun wohl dem Unterwasser-Bergungs- und Rettungsschiff „Kommuna“ zufallen, mit 110 Jahren unter dem Doppelkiel wohl einem der weltweit ältesten Schiffe überhaupt. 1915 zu Zarenzeiten als „Volkhov“ in den Dienst der Baltischen Flotte gestellt, diente der Katamaran-förmige U-Bootstender gleichzeitig auch als Bergungsschiff der kaiserlichen Marine, der Sowjetmarine, jetzt der Marine der Russischen Föderation. Auf auf diese Weise hat es – bisher – zwei Weltkriege überlebt, und dabei sollte es auch gerne bleiben!

Altes Schiff mit neuer Aufgabe

Nach der Revolution wurde das ungewöhnlich anmutende Schiff dem Trend der Zeit folgend umbenannt in „Kommuna“ in Anlehnung an die längst vergangenen französischen Revolutionäre. In ihrer Dienstzeit brachte sie alles vom Grund wieder an die Oberfläche, was erreichbar war – von U-Booten über Flugzeuge bis hin zu Kraftfahrzeugen von Bord eines versunkenen Versorgers während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Durch die immer größer werdenden Atom-U-Boote zu klein geblieben für das direkte Bergungsgeschäft, kam sie nach einer „Modernisierung“ 1967 zur Schwarzmeer-Flotte, wo sich ohnehin nur kleine konventionelle Boote befanden. Heute immer noch in Betrieb, ist sie universelle Plattform für Tauchrettungsboote und Rettungsroboter. Sie ist heute noch auf google zu finden – in den westlichen Ausläufern von Sewastopols außerhalb des geschützten Innenhafens, unweit der Nakhimov-Akademie, mitten in der Striletska Bucht.

Neues von der „Moskwa“ - ein altes Schiff soll ihr zur Seite stehen

Bergungsschiff "Kommuna" in Sewastopol. Foto: TASS

Totenwache

Was kann die „Kommuna“ der „Moskwa“ noch gutes tun, denn Bergen können als Ganzes wird sie den Kreuzer nicht? Ausgehend davon, dass es Russland nicht vorrangig um die Überreste der vermissten Besatzungsmitglieder gehen wird, befindet sich erfahrungsgemäß immer geheimhaltungsbedürftiges Material an Bord. Munition und technologisch sensitives Material ist aus verschiedenen Gründen auch gerne von Bord zu holen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass wie unbestätigt, aber vereinzelt vermutet, sich nukleare Sprengköpfe für die P-1000 „Sandbox“-Antischiffsraketen an Bord befunden haben könnten. Wie auch immer der Krieg ausgeht – dies alles sind Materialien, die man schon gar nicht ukrainischen Händen oder alliierten Augen überlassen möchte. Wenn die „Kommuna“ in diesen Tagen im Schwarzen Meer zwischen Odessa und Sewastopol auf und nieder steht, dann werden das wohl die Koordinaten eines der größten Verluste der russischen Marine seit 75 Jahren sein. Wie man heute weiß, liegen diese Koordinaten aber auch deutlich in der Reichweite ukrainischer Seeziel-Flugkörper!

Jedenfalls sollten Marinen bei der Namensgebung ihrer Einheiten bedenken, dass Symbole und Emotionen über keine eigenen Auftriebskräfte verfügen – wenn es mal nicht gut läuft!

Video zur „Kommuna“

https://youtu.be/t2zLYmW1RRQ

Von allen recherchierten Links mit Erklärungsversuchen zur Versenkung der „Moskwa“ - hier die wohl „eindrucksvollsten“!

https://www.realcleardefense.com/articles/2022/04/19/neptunes_the_moskva_and_how_not_to_sink_a_cruiser_827840.html?mc_cid=ccd25d3a28

http://www.admiraltytrilogy.com/read/Moskva_Damage.pdf?fbclid=IwAR2SfIxZ3CWPjXA4OVLQ-rfW58PpWaLTNoKZZa-FRcg80tTP9s_1yKprmNw

 

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