Das unerhörte Stakkato

Das zweite Amtsjahr von Trump II hat mit einem selbst für seine Verhältnisse unerhörten Stakkato internationaler Aktivitäten begonnen: Umsturz in Venezuela, Grönlandkrise, Kubablockade und schließlich der Irankrieg. Für Europa war die Grönlandkrise am bedrohlichsten, weil es um nicht weniger ging als die Besetzung von Teilen eines NATO-Mitgliedsstaats durch die USA. Kaum war diese Krise beigelegt, begann der Irankrieg, der die Weltwirtschaft bis heute belastet. Angesichts der Halbzeit dieser erratischen US-Präsidentschaft stellt sich die Frage, welche langen Linien in der amerikanischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik trotz aller Unsicherheiten zu erkennen sind.
Die Grundrichtung ist schon seit Obamas Pivot to Asia 2011 unverändert. Noch älter sind amerikanische Forderungen nach größeren europäischen Verteidigungsbeiträgen. Stets hatte sich Europa diesem Ansinnen gegenüber meisterlich taub gestellt, und auch nach der Besetzung der Krim änderte sich das nicht ernsthaft. Selbst nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 blieben die Konsequenzen halbherzig. Allein der Begriff Sondervermögen zeigte, dass es nach diesem Unfall schnellstmöglich zurück zur Normalität gehen sollte. Erst als der polternde Trump vom Verbündeten zum potentiellen Gegner mutierte, wurde Europa wach. Es kaufte sich nicht nur mit viel Geld amerikanische Garantien ein, sondern begann eine wirkliche eigene Verteidigungsfähigkeit aufzubauen und zugleich einen gewissen Schulterschluss mit den USA zu wahren.
"Limited Support from the US"!

Diese haben im Januar 2026 eine neue Defense Strategy veröffentlicht, die naturgemäß bereits vor der Grönlandkrise entstanden ist. Sie dürfte die Grundhaltung der besonneneren Strategen in der US-Administration zum Ausdruck bringen. Insofern ist davon auszugehen, dass sie eine gute Orientierung für die künftige Zusammenarbeit mit den USA ist. Die wesentliche Aussage dazu ist: „In Europe and other theaters, allies will take the lead against threats that are less severe for us but more so for them, with critical but more limited support from the United States.“
Dieser Satz hat es in sich. Er knüpft die kritische Unterstützung durch die USA an größere Leistungen der Verbündeten. Das bedeutet nichts anderes, als dass der amerikanische Atomschirm von der Bereitschaft der Europäer abhängig ist, ihrerseits die konventionelle Verteidigung ihres Kontinents weitgehend allein zu übernehmen. Wie die Grönlandkrise gezeigt hat, bezieht sich das nicht nur auf den europäischen Kontinent selber, sondern auch auf den Nordatlantik. Somit hängt der Fortbestand der Allianz davon ab, dass die Europäer die aus dem NATO-Gebiet in Richtung Pazifik abgezogenen konventionellen US-Kräfte kompensieren.

Charles de Gaulle mit deutschen,
britischen und französischen Schiffen, Foto: Marine Nationale/Cindy Luu
Schon früh wurde über den Abzug von etwa 5000 Heeressoldaten aus Deutschland berichtet. Außerdem wurde die zuvor angekündigte Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern gestoppt. Bei den übrigen Kräften handelt es sich im Wesentlichen um solche Luft- und Seestreitkräfte, die in der indopazifischen Region gegen den Rivalen China benötigt werden. Die Anzahl der Jagdflugzeuge und Tanker sinkt um ein Drittel, die der strategischen Bomber um die Hälfte. Ein Drittel der Seefernaufklärer wird abgezogen und außerdem das einzige Atom-U-Boot mit Marschflugkörpern. Schließlich wird eine Flugzeugträgergruppe in den Pazifik verlegt einschließlich ihrer Flugzeuge und Geleitfahrzeuge, d.h. acht von 17 AEGIS-Zerstörern für die Luftverteidigung. Diese Kürzungen sind bereits eingeleitet, während die europäischen Bemühungen um Ersatz noch Jahre in Anspruch nehmen werden. Wie angespannt die daraus resultierende Lage ist, zeigt eine Meldung des Befehlshabers der US-Marine in Europa. Er hat nicht mehr genug AEGIS-Schiffe, um gleichzeitig die Luftverteidigung für Israel und Europa sicherzustellen.
Europa reagiert langsam, aber es reagiert

Auch wenn Europa noch Zeit braucht, um diese Kräfte zu kompensieren, so ist es doch nicht untätig geblieben. Deutschland hat zum Beispiel inzwischen die Tomahawk-Marschflugkörper auf eigene Rechnung bestellt. Außerdem beteiligt es sich an einer europäischen Initiative, um den Abzug der Tankflugzeuge auszugleichen. Bei den Seestreitkräften wird sich Deutschland weder bei den Flugzeugträgern noch bei den Atom-U-Booten beteiligen können. Es plant jedoch bereits die Beschaffung von acht AEGIS-Schiffen. Bei den Seefernaufklärern werden sich die europäischen Nationen sicherlich ebenfalls auf eine Kompensation einigen können.
Was bedeuten diese Veränderungen für das transatlantische Verhältnis? Auch wenn es bisweilen so klingt, ziehen die USA ihre Kräfte nicht aus Verärgerung über die Europäer ab. Vielmehr sehen sie sich im Pazifik einer Bedrohung gegenüber, auf die sie alle ihre verfügbaren Kräfte konzentrieren wollen. Anders als frühere Regierungen droht die Trump-Administration nicht nur mit Truppenabzug, sondern sie setzt ihn um.
Dadurch wird Europa unter Zugzwang gesetzt, seine Verteidigungsinteressen in erheblich größerem Maße und vor allem schnell selber wahrzunehmen. Es ist gefordert, nicht nur sich selbst zu schützen, sondern zugleich einen erheblichen Beitrag im Nordatlantik zu leisten. Die Europäer übernehmen erstmals Verantwortung für die Sicherheit der US-Atlantikküste, weil es den USA hierfür schlichtweg an Kräften fehlt. An die Stelle eines einseitigen US-Schutzschirms tritt eine gegenseitige Abhängigkeit.
Damit gewinnt der europäische Verteidigungsbeitrag eine neue strategische Dimension, vorausgesetzt Europa hält sich an seine Versprechen. Wenn dieses Arrangement unter einer US-Regierung zu Stande kommt, die nicht für ihre Europafreundlichkeit bekannt ist, dann zeigt es, wie fundamental das amerikanische Interesse an einer stabilen Zusammenarbeit mit Europa in Wirklichkeit ist. Es ist an Europa, diese Gelegenheit zu ergreifen.
Karsten Schneider, Präsident des Deutschen Maritimen Instituts

