Die SS „Great Eastern“ war eines der ambitioniertesten Schiffsprojekte des 19. Jahrhunderts und gilt als Vorläufer des modernen Ozeandampfers. Isambard Kingdom Brunel und John Scott Russell entwarfen das Schiff für die Eastern Navigation Company, ursprünglich für den Verkehr zwischen England, Indien und Australien.
Mit 211 Metern Länge und rund 32.000 Tonnen Verdrängung war der 1858 fertiggestellte Segeldampfer das damals größte Schiff der Welt. Die Geschwindigkeit betrug über 14 Knoten. Zwei Raddampfmaschinen, eine Einzelschraubenmaschine und sechs Masten mit mehr als 5400 qm Segelfläche ermöglichten verschiedene Antriebsarten.
Die Dimensionen wurden zugleich zum wirtschaftlichen Problem. Der erste Stapellaufversuch am 3. November 1857 scheiterte; erst am 31. Januar 1858 konnte das Schiff zu Wasser gebracht werden. Die zusätzlichen Kosten belasteten die Betreiber erheblich. Statt der vorgesehenen Langstrecke nach Australien wurde die „Great Eastern“ im Nordatlantik eingesetzt. Ihre riesigen Laderäume und die Kapazität für bis zu 4.000 Passagiere erwiesen sich als kaum vermarktbar.
Auch technisch kam es zu Rückschlägen. Während der Probefahrt im September 1859 ereignete sich vor Hastings eine schwere Explosion in der Dampfanlage. Mehrere Besatzungsmitglieder starben, weitere wurden verletzt. Wenige Tage zuvor hatte Brunel an Bord einen Schlaganfall erlitten; er starb am 15. September 1859 im Alter von 53 Jahren.

1862 lief die „Great Eastern“ vor Long Island auf einen nicht kartierten Felsen. Die Außenhaut wurde auf über 25 Metern Länge aufgerissen, während die innere Hülle unbeschädigt blieb. Die Doppelhüllenbauweise verhinderte den Untergang und bestätigte den praktischen Wert dieser Konstruktion.
Ihre größte historische Bedeutung erlangte die „Great Eastern“ als Kabelschiff. Ihre Größe und Stabilität erlaubten es, mehrere tausend Kilometer schweres Telegrafenkabel aufzunehmen und auszubringen. Nach einem gescheiterten Versuch im Jahr 1865 gelang im Juli 1866 die Verlegung des ersten dauerhaft funktionierenden transatlantischen Kabels. Damit sank die Kommunikationszeit zwischen Europa und Nordamerika von Tagen auf Minuten. Die Verlegung des Unterseekabels wurde vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“ gewürdigt.

In den Folgejahren verlegte die „Great Eastern“ weitere Unterseekabel, unter anderem bis nach Indien. 1867 kehrte sie vorübergehend in den Passagierdienst zurück. Auf einer Fahrt nach New York war auch Jules Verne an Bord; seine Eindrücke verarbeitete er in seinem Buch „Une Ville flottante“ (eine schwimmende Stadt).
Mit dem Aufkommen spezialisierter Kabelschiffe verlor der Koloss jedoch seine Bedeutung. Nach wechselnden Nutzungen wurde die „Great Eastern“ 1889 abgewrackt. Wirtschaftlich gescheitert, blieb sie technisch und kommunikationsgeschichtlich bedeutsam: Ihre historische Wirkung entfaltete sie nicht als Fracht- oder Passagierschiff, sondern als Kabelleger.
kdk, National Maritime Museum,

