Stille Übergabe eines Drachen: Fast unbemerkt hat TKMS das modernste U-Boot der israelischen Marine ausgeliefert. Die „Drakon“ schließt die Dolphin-II-Klasse ab und weist bereits auf die Dakar-Klasse hin.

Flaggenwechsel ohne Öffentlichkeit
Lediglich die Patrouille der „Falshöft“, ein Streifenboot der Wasserschutzpolizei, vor der Kieler Werft am Morgen des 22. Juli deutete auf ein ungewöhnliches Ereignis hin. Auf dem Werksgelände von TKMS wechselte unterdes die „Drakon“ zur israelischen Marine. Weder TKMS noch der Kunde informierten darüber. Am Folgetag verließ das U-Boot erstmals unter israelischer Flagge den Werftliegeplatz. Bei den Fahrten in der Kieler Bucht mit unterschiedlichen Fahrtstufen und Betriebszuständen waren erstmals alle sechs Ausfahrgeräte, zeitweise gleichzeitig, zu sehen.
Das Rätsel im Turm
Die 73 Meter lange „Drakon“ wird der als kampfstark geltenden Dolphin-II-Klasse zugerechnet. Sie unterscheidet sich jedoch merklich von ihren Schwestern und ist eigentlich ein Einzelstück. Die 2014 und 2016 in Dienst gestellten Boote „Tanin“ und „Rahav“ messen 68,6 Meter. Bei der seit 2012 in Kiel gebauten „Drakon“ erhielt der Rumpf eine Verlängerung, auch ist der Turm größer als bei den beiden Vorgängern.
Die Vergrößerung der Turmsektion schafft erkennbar zusätzliches Volumen, die internationale Fachmedien mit einer möglichen vertikalen Startanlage für Flugkörper (VLS) in Verbindung bringen. Die Spekulationen reichen von maximal drei ballistischen Flugkörpern bis zu acht senkrecht startenden Marschflugkörpern, untergebracht in großen Schächten oder mehreren kleineren Startzellen. Denkbar wären auch Vielzweckschächte für unbemannte Systeme, Aufklärungsmittel oder Spezialkräfte. Weder Israel noch TKMS haben Existenz, Zahl oder Bestückung solcher Zellen bestätigt. Israels Verteidigungsministerium spricht von „einzigartigen Systemen“ und „bahnbrechenden Technologien“, ohne sie zu erläutern. Analysen von Fotos der Erprobung deuten auf zwei ‚Schächte‘ hin.
Nach „Auftauchen!“, dem Magazin des Verbands Deutscher Ubootfahrer (VDU), könnten die anzunehmenden senkrecht eingebrachten Startrohre in den Druckkörper des Ubootes hineinragen, womit sich so auch Spezialkräfte und Unterwasserdrohnen verbringen ließen (Ausgabe 309, 2025). Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt der auf Unterwasserkrieg spezialisierte Open-Source-Analyst H. I. Sutton auf seiner Website Covert Shores.
Zur gesicherten Bewaffnung gehörten zehn im Bug befindliche Torpedorohre: sechs mit 533 und vier mit 650 Millimetern Durchmesser. Die größeren können neben Flugkörpern auch Spezialausrüstung oder Unterwasserfahrzeuge aufnehmen. Offizielle Angaben zur eingerüsteten Bewaffnung fehlen.
International wird seit Jahrzehnten angenommen, dass Israels Dolphin-U-Boote eine seegestützte nukleare Zweitschlagfähigkeit bereitstellen. Israel bestätigt oder dementiert weder den Besitz von Kernwaffen noch deren Stationierung auf U-Booten.

Strategisches Signal
Unabhängig von den unbekannten Details sieht die israelische Marine in der „Drakon“ eine Erweiterung ihrer operativen Möglichkeiten. Bei der Namensgebung im November 2024 bezeichnete Marinebefehlshaber Vizeadmiral David Saar Salama das Boot als Verstärkung des „langen Arms“ Israels, der lange in entfernten und verborgenen Räumen operieren könne. „‘Drakon‘ wird als Schlussstein für die Gewährleistung der Sicherheit des Staates Israel dienen, sehend und unsichtbar, in fernen und unbekannten Räumen lebend, für eine lange Zeit. Ein U-Boot, das ein zusätzlicher Kräftemultiplikator für die Fähigkeiten und die Stärke der Marinewaffe, der IDF und des Staates Israel ist – angesichts komplexer Herausforderungen, auf der strategischsten und wichtigsten Ebene des Staates Israel“. Beobachter sehen darin eine Bestätigung der Hypothese, dass der „Drakon“ und deren Folgeserie von drei "Dakar"-Booten eine größere verteidigungspolitische Bedeutung zukommt, hin zu einer Zweitschlagsfähigkeit mit ballistischen Flugkörpern.
Die jetzige Übergabe hat vor allem rüstungs- und industriepolitische Bedeutung. Für Israels Abschreckung, maßgeblich gegenüber Iran, wird das Boot erst nach Herstellung seiner Einsatzbereitschaft und Stationierung vor Ort relevant.
Unstrittig ist dagegen, dass Israel seine U-Boote für Operationen weit über das östliche Mittelmeer hinaus vorsieht. Dolphin-Boote wurden wiederholt im Golf von Aquaba/Eilat beobachtet. Zuletzt am Sonntag, 19. Juli 2026. Ein Video von Badegästen wurde nach Freigabe durch die israelische Militärzensur veröffentlicht. Damit demonstriert die israelische Marine, dass sie bei Bedarf auch den Zugang zum Indischen Ozean und damit in Richtung Iran nutzen kann. Ein bestätigter Kampfeinsatz eines von einem israelischen U-Boot gestarteten Marschflugkörpers ist öffentlich jedoch nicht bekannt.
Vom Drachen zum Schwertfisch
Mit der „Drakon“ endet die Dolphin-Beschaffung. Zugleich gilt das stark modifizierte Boot als technologische Brücke zu den drei bestellten Einheiten der Dakar-Klasse, die TKMS als vollständig neuen, auf Israel zugeschnittenen Entwurf bezeichnet. Auch dort fällt eine große Turmsektion auf und, wie Werner Sonne aus der Beobachtung eines Modells schlußfolgert (Europäische Sicherheit und Technik, April 2025), achterlich des Turms „vier vertikale Abschussrohre“. Womit Israel mit der „Drakon“ nicht einfach ein sechstes Dolphin-U-Boot erhalten hat, sondern den Vorläufer seiner nächsten U-Bootgeneration.
Deren Produktion wurde im November 2024 zeitgleich zur Taufe der „Drakon“ aufgenommen. Auslieferungen sind zu Beginn des kommenden Jahrzehnts vorgesehen. Über welche Fähigkeiten der Schwertfisch, die deutsche Übersetzung von ‚Dakar‘, verfügen wird, bleibt geheim. Geheimhaltung ist Teil der Abschreckung.
Autoren: H. Uwe Mergener und Michael Nitz

