Gustl Unruh erklärt das Klassenchaos à la BMW. Foto: adobe stock Igor Cugunov

Gustl Unruh erklärt das Klassenchaos à la BMW. Foto: adobe stock Igor Cugunov

Klassenchaos bei BMW – und den Fregatten

Ein Erklärstück zu Letzteren. 

Grüß Gott! Ich bin mal wieder verwirrt. Früher hatte BMW die 3-er Reihe für’s Volk, die 5-er für den Mittelstand und den 7-er für die Amigos vom Strauss. Die Marine hatte Zerstörer Z 101 und Z103 für die harten Kerle und Fregatten F122 und F123 für die mit Rückenproblemen. Heute hat BMW über 20 Hauptbaureihen und in der Marine braucht man einen Mathematik-Leistungskurs um die vielen Fregattenklassen auseinanderhalten zu können. Und noch eins haben BMW-Automobile und Frigates gemeinsam: Sie sind teuer und die Frigates kommen – wie die Elektrifizierung bei BMW - auch noch alle zu spät.

Da dümpeln fünf nagelneue Corvettes K130 „2. Los“ seit Jahren an der Deja-Vu-Pier und können nicht in Dienst gestellt werden, exakt so wie ihre fünf Kollegen des 1. Loses vor eineinhalb Dekaden. Verdoppelt hat sich mit dem ursprünglich für € 1,5 MRD angesetzten 2. Los nicht nur die negative Erfahrung, sondern auch deren Preis - mittlerweile rund € 2,8 MRD. Die Hauptaufgaben der Corvettes sind Überwachung und Aufklärung der Überwasserlage sowie Bekämpfung von Zielen auf See und an Land. Ihre Einsatzgebiete sind insbesondere Randmeere und Küstengewässer. Sie sind mit ihren knapp 2000ts sozusagen die BMW 2-er Reihe.

Corvette "Emden" Photo: Michael Nitz
Corvette "Emden" Photo: Michael Nitz

Über den Corvettes in der Nahrungskette liegen die Frigates. Sie dienen als Geleitschiffe (Escorts) für maritime Verbände, zivile Konvois oder zum Gebiets- und Objektschutz im maritimen Bereich. Sie sind grundsätzlich weltweit einsetzbar und zumeist spezialisiert auf Uboot-Jagd oder Flugabwehr/Luftverteidigung.

Im Dezember 2022 wurde die letzte Frigate der Bremen-Klasse (F122) ausser Dienst gestellt. F122 war mit ihren acht Einheiten die bisher anzahlmäßig größte Fregattenklasse. Die für die Uboot-Jagd konzipierten Schiffe waren die ersten Hubschrauberträger in der Bundesmarine und entwickelten sich zu den Arbeitspferde der Deutschen Marine. Sie waren Klassiker. Wie ein BMW 2002tii.

Maintaining the operational availability of the F123 until at least 2035 Photo: Bundeswehr/Björn Wilke
Maintaining the operational availability of the F123 until at least 2035 Photo: Bundeswehr/Björn Wilke

Die Mitte der 90-er Jahre in Dienst gestellten Frigates der Brandenburg-Klasse (F123) sind mittlerweile mit ihren knapp 30 Jahren Dienstzeit die Silberrücken der Flotte. Aktuell werden drei der vier Einheiten am Ende ihrer Nutzungsdauer für € 1,2 MRD zur „F123 SdEV“ hochgepimpt – Rüstungsdeutsch „Sicherstellen der Einsatzverfügbarkeit“. Quasi wird aus dem BMW 3-er E35 von 1995 ein aktueller 3-er G50. F123“B“ soll anschließend eine Fähigkeitslücke in der Uboot-Abwehr der Deutschen Marine füllen. Aber auch hier erheblicher Zeitverzug und erhebliche Kostensteigerung. Dem Bundesrechnungshof ist jüngst die Zahl € 5,5 MRD aufgestossen.

Mit etwas Glück kommen die SdEV-Einheiten 2029 gerade noch rechtzeitig, um zusammen mit ihren drei etwas jüngeren Schwestern der Sachsen-Klasse (F124) den Kern der deutschen Flotte in der vielkolportierten Seeschlacht gegen Russland zu bilden. Eine echte Mid-Life-Conversion hat die Luftverteidigungsfregatte F124 im Gegensatz zur F123 nie erfahren. Die drei Schiffe haben ihre mittlerweile 20 Dienstjahre in steter Obsoleszenz verbracht. Kein anderes Überwasserkampfschiff wurde je so vernachlässigt wie die noch immer potentiell kampfstärksten Einheiten der Marine. Nach der jüngst ins Beinkleid gegangenen Obsoleszenzbeseitigung im Bereich Weitbereichssensor und der Luftverteidigungsfähigkeit ist noch der Masterplan F124 übrig geblieben, der u.a. wenigstens im Bereich der Kommunikation und EloKa kritische Lücken schließen soll. Wenn kein Wunder geschiet, müssen die F124-er aber noch bis in die Vierziger Jahre durchhalten, bis ein Nachfolger in Fahrt kommt. In der Zeit macht ein der 5-er BMW sechs Modellwechsel mit.

Anfang des Jahrtausends brachte BMW den X5 heraus, für die Marine wurde die Stabilisierungsfregatte der Baden-Württemberg-Klasse (F125) konzipiert. Die Länge des Klassennamens passt zur Länge der Wartezeit auf diese Schiffe. Die Indienststellung war für 2014 vorgesehen, das fünf Jahre später in Dienst gestellte Typschiff konnte dann auch schon im Oktober 2023 in seinen ersten Auslandseinsatz auslaufen. Jetzt sollen die vier nagelneuen F125, die für „niederschwellige Kriseneinsätze“ erdacht wurden, im Rahmen einer Mid-Life-Conversion in richtige Kampfschiffen verwandeln.

When everything still seemed fine - F126 in front of a Hamburg backdrop. Graphic: Ladies
When everything still seemed fine - F126 in front of a Hamburg backdrop. Graphic: Ladies

Würde BMW einen Van der 7-er Reihe bauen, stünde der für die mittlerweile gescheiterte 10.000ts große Frigate F126. Diese mutiert von einer Korvette K131 im Verlaufe von 15 Jahren erst zu einer MÜKE (Mittleres Überwasserkampfschiff), dann zu einem MKS (Mehrzweckkampfschiff für Kriseneinsätze) und schließlich zu einer modularen Frigate F126, spezialisiert zur U-Boot-Jagd. Ein industriepolitisches Vergabe-Hick-Hack verzögerte den Bau der Schiffe ebenso, wie die inkompartible Software des niederländischen Auftragnehmers und seiner deutschen Sub-Unternehmen. Ende Juni hat Verteidigungsminister Boris Pistorius das Programm F126 dann konsequenterweise wegen immer weiter steigender Kosten, immer mehr Zeitverzug und immer höherem Realisierungsrisiko gestoppt.

Jetzt verlassen wir die arithmetische Nummernfolge aus chronologischen Gründen. Durch das vom Verteidigungsminister verkündete Ende des Projektes Frigate F126 wurde Ende Juni 2026 aus der ursprünglichen Brückenlösung MEKO A-200 DEU nun die Ersatzlösung Fregatte F128. Die Kosten für die ersten vier bestellten Schiffe liegen bei € 6,3 MRD. Eine Option auf vier weitere Schiffe zum Preis von € 5,3 MRD wartet auf die Mittelfreigabe durch den Haushaltsauschuss des Bundestages. Die erste Einheit wurde der Marine für Dezember 2029 versprochen, die weiteren Einheiten sollen im 9-Monats-Rhytmus folgen. Hier wären wir dann bei einem BMW Alpina B3: Bezahlbar, betreibbar und bewährt.

Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: TKMS
Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: TKMS

Die letzte Zahl in unserem Mathematik-Leistungskurs ist die „127“. Acht Fregatten F127 soll die drei Luftverteidigungsschiffe F124 ablösen. Auch F127 (größenmäßig ein maritimer BMW iX8 in der Stretched Version) liegt bereits hinter dem Zeitplan und über dem Budget. Längst müßte F127 unter Vertrag stehen, sollte sie wie vorgesehen Mitte der 30-er Jahre den beabsichtigten Quantensprung in der Luftverteidigung auf die Weltmeere bringen. F127 wird nicht nur als eines der größten Überwasserkampfschiffe der Welt geplant, es ist sicherlich auch eines der komplexesten. Hier hat man „von oben“ alles hineingemurkst, was man der NATO versprochen hat. Neben der klassischen Verbandsflugabwehr geht es um hypersonische Interceptoren, die ballistische Raketenabwehr und Langstreckenraketen gegen Landziele.

Da dümpeln also knapp vierzig vorhandene, zulaufende und bis 2035 geplante Überwasserkampfschiffe - K130 und fünf (!!!) Fregattenklassen (F123 bis F128) in den marineaffinen Köpfen herum, die meisten leider an der Pier, im Dock oder noch in den Schubladen.

Kurs Marine 2025, Bundeswehr
Kurs Marine 2025, Bundeswehr

Aber wie passt das alles zum Inspekteurs-Kurs 2035+? Das Ruder liegt hier in vielen anderen Bereichen (UBoote, Marineflieger, Logistik, unbemannte Systeme, KI, etc.) auf „Recht so“ und die Fahrthebel auf „Voll Voraus“. Bei den Überwasserkampfschiffen jedoch fährt das System „Schlingerkurs mit Schräglage“. Quasi eine Mercedes A-Klasse beim Elchtest.

Und das liegt nicht bzw. nicht nur an der Marine. Bonner Rüstungswesen, Koblenzer Beschaffungsstrukturen, deutsche Industriekapazitäten und letztendlich auch politische Willensbildung in Berlin reflektieren noch immer nicht die sicherheitspolitischen Herausforderungen. Wie Markus Söder sagt „Wir müssen uns auf die Hinterfüße stellen und selber besser werden“. Die Marine käme mit zwei jetzt schnell gelieferten, robusten und aufeinander aufbauenden Schiffsentwürfen für Unterwasserseekrieg und Überwasserseekrieg und dem lange fälligen Einstieg in das Prinzip „Linie-statt-Klasse“ sicherlich besser zurecht, als mit dem aktuellen milliardenteuren Klassenchaos à la BMW.

Mit Geld allein baut man eben keine Streitkräfte. Und falsch gesetzte Prioritäten führen im Ernstfall zu Verlusten. Bei BMW nur an der Börse, bei der Marine an Leib und Leben. G‘scheiter bin I jetzt ned. Aber durstig. Pfiad Enk und Prost, Euer Gustl Unruh.

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