Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: MTG

Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: MTG

Luftverteidigung: Warum Fregatten F 127?

Uns fällt auf, dass bei der Berichterstattung über zukünftige Fregatten hin und wieder einiges durcheinander gerät: Es ist also mal wieder Zeit für ein Erklärstück.

Vor einigen Wochen hat der Verteidigungsminister das Projekt Fregatte F126 – die mit 10.000ts bislang größte Fregatte der Welt – für beendet erklärt. Die Deutsche Marine bekommt statt dessen erst einmal die Fregatte F128, eine knapp 4.000ts kleine MEKO A200. Gründe für seine Entscheidung waren die Kostenexplosion, die Verzögerungen im Projekt sowie das hohe Entwicklungsrisiko der F126. Trotzdem ist das Projekt noch in den Zeilen: Die versunkenen angeblichen 2 Milliarden an bisherigen Kosten werden zu rechtfertigen sein, DAMEN scheint offenbar eine Klage einzureichen! Und was wird nun eigentlich mit dem bereits angefangenen Schiff?

In all dieser Aufregung um das Projekt F126 bleibt es um ein anderes geplantes Vorhaben relativ ruhig. Für die aktuellen Luftverteidigungsfregatten der Sachsen-Klasse (F124) ist die Fregatte F127 als Ersatz vorgesehen. Auch hier: Kosten, Zeitverzug und Risiko. Tatsächlich wird hier mit zuletzt berichteten 12.500ts das größte, komplexeste und teuerste Luftverteidigungsschiff innerhalb des NATO-Bündnisses konzipiert. Schaut man auf die umfangreich geforderten Fähigkeiten, die das Schiff alleine im Bereich der Luftverteidigung abbilden soll, dann werden die Gründe dafür einleuchtend. Man findet diese geforderten Fähigkeiten hinter zahlreichen Abkürzungen zu unterschiedlichen Bereichen der Flugabwehr bzw. Luftverteidigung: IAMD, TBMD, AAW, ASMD, etc.? Was steckt dahinter und warum braucht man das so nötig?

Zuallererst einmal: Es heißt FLUGabwehr, nicht LUFTabwehr. Die sollte man nicht abwehren, die braucht man zum Leben. Aber es heißt LUFTverteidigung (engl. Air Defence) – die Verteidigung gegen Bedrohungen aus der Luft. Unter Luftverteidigung versteht man innerhalb der Bundeswehr alle Maßnahmen quer durch die Dimensionen Land, Luft, See, Cyber und Weltraum, um Angriffen aus der Luft vorzubeugen, sie zu erkennen, ihre Abwehr zu koordinieren und sie schließlich zu eliminieren. In der Luftverteidigung sind Flug- und Raketenabwehr zusammengefasst. Das Ganze funktioniert nur in der quer über alle Teilstreitkräfte und Dimensionen vernetzten und integrierten Operationsführung – man spricht hier von Multi-Domain-Operations. In der Dimension See – quasi der Marine – bezeichnet man die Teilmengen der Luftverteidigung als Air defence bzw. englisch Anti-Air-Warfare und Raketenabwehr, englisch Missile Defence. Die Marine spricht englisch, weil ihre Schiffe in der Regel in multinationale Verbände eingebunden operieren.

Wie funktioniert Flugabwehr in der Marine?

Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: TKMS
Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine. Grafik: TKMS

The Anti-Air-Warfare (AAW) gehört zur Above Water Warfare (AWW) – im Gegensatz zur Under Water Warfare (UWW). In der Anti-Air-Warfare unterscheidet man zwischen Selbstverteidigung, Verbandsschutz und Gebietsschutz.

Grundsätzlich sind fast alle Einheiten der Marine zur Self-defence gegen Luftbedrohungen ausgerüstet, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Typische Effektoren zur Selbstverteidigung wären Rohrwaffen mit Kalibern zwischen 20mm und 127mm zur Abwehr von Flugzeugen einschließlich Drohnen, oder auch der Rolling-Airframe-Missile (RAM) für die Nächstbereichs-Flugabwehr. Neben der Waffe bestimmen auch die Art der Sensoren und die verfügbaren Feuerleit- sowie Führungs-Einsatzsysteme den Grad des Erfolges.

For the Unit air defence braucht es in der Regel dafür speziell ausgerüstete Fregatten und Zerstörer mit ihren Weitbereichssensoren und ihren „Verbandswaffen“, den Mittel- bzw. Weitbereichsflugkörpern vom Typ Evolved Sea Sparrow Missile (ESSM) bzw. Standard Missile-2 (SM-2). Der im Verband fahrende Anti-Air-Warfare-Commander (AAWC, das ist in der Regel der Kommandant des bestgeeigneten Schiffes) ist für die Korrelation des Luftlagebildes und die Koordination der Bekämpfung innerhalb des Verbandes verantwortlich. Er sorgt dafür, dass bei einem Angriff alle Ziele bekämpft werden, und möglichst so koordiniert, dass es keine „Leaker“ (unbekämpfte Ziele) und keine unnötigen Mehrfachbekämpfungen gibt. Typvertreter hier sind die Fregatten der Sachsen-Klasse (F124).

Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Design AMDC
Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine. Design AMDC

Solche Flugabwehrschiffe tragen auch zum Gebietsschutz (Area-Air-Defence) bei. Hier kommt dann die Einbindung in die nationale Luftverteidigungsorganisation bzw. die des NATO-Bündnisses zum Tragen. Dabei werden das Lagebild und die Reaktionen auf Bedrohungen durch einen landgestützten Befehlsstand (Control & Reporting-Center CRC) koordiniert. Da der Einsatz von dort geführt wird, fungiert die Fregatte jetzt als schwimmende Flugabwehrbatterie, trägt mit ihren Sensoren zum Lagebild bei, oder übernimmt – bei Ausfall des CRC – vorübergehend dessen Aufgaben.

Unterstützung könnte in allen Fällen von Jagdflugzeugen (F-16, F18, Eurofighter, F35, etc.) kommen. Diese Unterstützung der Airborne Air Defence (AAD) ist am effektivsten, wenn dafür speziell ausgebildete Jägerleitoffiziere an Bord zur Verfügung stehen.

Abwehr von Anti-Schiff-Flugkörpern ist eine eigene Sparte der Flugabwehr

In allen drei vorgenannten Bereichen, von der Selbstverteidigung über die Verbandsflugabwehr bis zum Gebietsschutz, gibt es auch die Anti-Ship-Missile Defence (ASMD). Hier geht es um die Abwehr von Anti-Schiffs-Flugkörpern mit Rohrwaffen, Nächstbereichssystemen wie den RAM, oder den vorgenannten Abwehrflugkörpern des Mittel- und Weitbereichs.  ASMD ist eine Teilmenge der „luftatmenden“ Flugabwehr, nicht der Raketenabwehr!

Vier Unterscheidungen in der Raketenabwehr

Unter die Raketenabwehr fallen alle Abwehrmaßnahmen gegen anfliegende ballistische und hyperschallschnelle Flugkörper. Sie ist in der Regel nur in der Integration möglich, die im nachfolgenden Kapitel beleuchtet wird.  Auch hierfür sind spezifische Fähigkeiten erforderlich, die sich auf die Sensoren, Effektoren und die Führungssysteme beziehen. Die deutsche Marine hat aktuell keine Fähigkeit zur Raketenabwehr. Raketenabwehr ist aufgeteilt in zwei Bereiche und zwei Zwecke. Zunächst unterscheidet man zwischen der endo-atmosphärischen (in der Atmosphäre) und der exo-atmosphärischen (außerhalb der Atmosphäre, also vereinfacht im Weltraum) Raketenabwehr. Sodann unterscheidet man die Theatre Ballistic Missile Defence TBMD für den Schutz von Truppen im Einsatz und die Ballistic Missile Defence BMD zum Schutz von Territorium und Bevölkerung. Für die Raketenabwehr innerhalb der Atmosphäre braucht man auf dem Schiff beispielsweise einen SM-6, für die im Weltraum einen SM-3-Abwehrflugkörper.

Einen maritimen Sonderfall der TBMD stellt die Abwehr von ballistischen Anti-Schiff-Raketen (ASBM) dar. Die Fregatte "Hessen" (Sachsen-Klasse, F124) hatte 2024 eine solche ballistische Anti-Schiff-Rakete der Huthi-Milizen im Rahmen der Operation ASPIDES im Roten Meer erfolgreich bekämpft und damit einem Handelsschiff Mutual Support geleistet.

Integrierte Luftverteidigung quer durch die Dimensionen

Marineeinheiten können auch in die nationale Luftverteidigungsorganisation oder die der NATO integriert werden. Man spricht dann von Integrierter Luftverteidigung bzw. vom NATO Integrated Air and Missile Defence System (NATINAMDS). Dabei kann dann das Unterstellungsverhältnis des Schiffes beispielsweise zum Kommandeur eines CRC der Luftwaffe wechseln.

Eine Einheit: HARDKILL und SOFTKILL

In diesem Versuch eines Erklärstückes wurde bislang lediglich über Lagebildbeitrag, Führungsunterstützung und Hardkill geschrieben. Es gilt jedoch das Prinzip „Hardkill und Softkill bilden eine Einheit“. Unter Softkill versteht man in diesem Zusammenhang alle Maßnahmen des elektronischen Kampfes zur Unterstützung der Luftverteidigung. Ohne elektronische Unterstützungs- und Gegenmaßnahmen geht es nicht!

Deutsche Marine mit großer Expertise, aber begrenzten Fähigkeiten

With its SM-2 missiles, a Class 124 frigate covers approximately four times the airspace of the Patriot system, photo: Marcel Kröncke
Mit ihren Flugkörpern SM-2 deckt eine Fregatte der Klasse 124 etwa den vierfachen Luftraum des Patriot-Systems ab. Bild: Marcel Kröncke

Bereits zu Beginn des Jahrtausends hat die Deutsche Marine den Quantensprung vom Verbandsflugabwehrzerstörer der Lütjens-Klasse (Z103B) zum Luftverteidigungsschiff der Sachsen-Klasse (F124) erkannt. In den folgenden zwei Dekaden wurde – zusammen mit der Luftwaffe – umfangreiche Expertise durch gemeinsame Lehrgänge und Übungsteilnahmen, Konzeptentwicklung, Experimente, Symposien und Studien aufgebaut. Die Deutsche Marine war führend in der Konzeptentwicklung zusammen mit den multinationalen Partnern und übernahm sogar die Führung in einem NATO-Gremium, das sich mit der seegestützten Abwehr von ballistischen Raketen im Weltall auseinander setzt.

Auch rein national hat sich die Deutsche Marine im Bereich Flugabwehr – hier insbesondere im Anteil Anti-Ship-Missile-Defence ASMD – zu einer der führenden NATO-Marinen entwickelt. Die jährlichen Flugkörperschießabschnitte gehören zu den komplexesten im Bündnis. Noch im April haben deutsche Marineeinheiten neue Standards im Bereich „Black Firings“ gesetzt. Dabei operieren die Einheiten in See, ohne den Zeitpunkt oder die Art und das Mittel des Überraschungsangriffes in einem Übungsszenario zu kennen. Dies stellt eine klare Abkehr von den früheren Drehbuch-Schießszenaren dar und gleichzeitig einen deutlichen Schritt in Richtung Kriegstauglichkeit.

Zerstörer Z 103 MÖLDERS im Marinemuseum Wilhelmshaven. Foto: Pön-Ex-Crew
Zerstörer Z103 MÖLDERS im Marinemuseum Wilhelmshaven. Foto: Pön-Ex-Crew

Auch wenn F124 als Luftverteidigungsschiff nicht mehr auf der Höhe der Gezeiten segelt, so werden dennoch die Selbstverteidigungsfähigkeiten der anderen Flotteneinheiten konsequent weiterentwickelt. Für F123B, F126, F128 ist die Ausrüstung mit der zwischenzeitlich verbesserten Variante des Mittelbereichs-Abwehrflugkörpers ESSM geplant, für F125 die Nachrüstung mit IRIS-T. Das stellt einen signifikanten Fähigkeitszuwachs hin zu einer echten gestaffelten Flugabwehr (Eloka, ESSM, RAM und Rohrwaffen) für diese Einheiten dar. Inwieweit sich hier eine Entlastung der Verbandsflugabwehr ergibt, muss untersucht werden.

F127 soll alle geschilderten Fähigkeiten abbilden

Auf F127 sollen erstmals in der Deutschen Marine alle vorab beschriebenen Fähigkeiten abgebildet werden. Und obwohl die aktive Raketenabwehr von ballistischen Flugkörpern im Weltraum durch das Verteidigungsministerium nur als „fitted for but not with“-Option gefordert ist, ist dies der hauptsächliche Kosten-, Größen- und Risikotreiber. Sie erfordert – aktuell noch alternativlos – das Aegis-Gefechtsführungssystem und den SM-3-Abwehrflugkörper.

Nähme man diese Forderung heraus und würde man sich zum Thema BMD in der Marine auf einen Sensorbeitrag im Weltraum zur Frühwarnung und Zielvoreinweisung beschränken, eröffneten sich zahlreiche – nationale wie europäische – Alternativen in Bezug auf Plattform, Sensoren und Effektoren.

Conclusion: ein Ersatz für die Sachsen-Klasse ist unverzichtbar. Auch und gerade wegen der schnell voranschreitenden Drohnentechnologie braucht man Plattformen, die nicht den Status Quo abbilden, sondern die technologischen Sprünge allumfassend mitgehen können. Als führende Nation können wir uns hier keine Lücken leisten, weder in der NATO noch im europäischen Kontext. Deutschland hat zwar in Bezug auf die Anzahl eine kleine Marine, aber die Bedeutung ihrer Fähigkeiten im Bündnis ist groß. Man wird das den Parlamentariern sicher gut erklären. Nach der Sommerpause wird die Debatte losgehen.

Tipp zum Schluß: sollte jemand bei welchem Sender auch immer weiterhin stur von "Luftabwehr" sprechen, umschalten!....

Text: hsc, au, ajs

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