Viel wird dieser Tage über die geplante Luftverteidigungs-Fregatte F127 der Bundeswehr und ihre Größen- und Kostenexplosion geschrieben. Diese liegen insbesondere am geforderten Beitrag zur ballistischen Raketenabwehr, der Ballistic Missile Defence (BMD), Nachfolgend soll das Thema BMD näher beleuchtet und der Begriff auf einer abstrakten Ebene erklärt werden.
Was unterscheidet Flug- und Raketenabwehr?
Ballistic Missile Defence (BMD) gehört ganz allgemein zur Luftverteidigung (Air & Missile Defence – AMD). Die Teilmengen der Luftverteidigung bezeichnet man in der Marine als Air defence (Air Defence) und Raketenabwehr (Missile Defence). Wir betrachten hier nur letztere.
Vorab zur Abgrenzung: Raketenabwehr beinhaltet not die Abwehr „luftatmend“ angetriebener Seeziel-Flugkörper (Anti Ship Missiles) oder Marschflugkörper (Cruise Missiles). Diese führen keinen Sauerstoff in Tanks oder Antriebsstufen mit sich, sondern entnehmen den zur Verbrennung notwenigen Sauerstoff der Umgebung – daher „luftatmend“. Ihre Abwehr gehört zur Flugabwehr bzw. zur Anti-Ship-Missile Defence (siehe Beitrag Luftverteidigung im MFO-Blog).

Unter die Raketenabwehr fallen alle Abwehrmaßnahmen gegen gegnerische ballistische und hyperschallschnelle Flugkörper. Hierfür sind über die Fähigkeit Flugabwehr hinausgehende, spezifische Fähigkeiten erforderlich, die sowohl Sensoren, als auch Effektoren und Führungssysteme betreffen. Die deutsche Marine hat aktuell keine Fähigkeit zur Raketenabwehr – mit der F127 soll sie jedoch derartige Fähigkeiten erhalten.
Die vier Anwendungsfälle der Raketenabwehr

In der BMD unterscheidet man grundsätzlich zwei Zwecke und zwei Bereiche: Theatre Ballistic Missile Defence (TBMD) dient dem Schutz von Kräften im Einsatz – Ballistic Missile Defence (BMD) schützt Territorium und Bevölkerung. Darüber hinaus unterscheidet man zwischen den Bereichen der endo-atmosphärischen (in der Atmosphäre) und der exo-atmosphärischen Abwehr von ballistischen Zielen (außerhalb der Atmosphäre, also vereinfacht gesagt: im Weltraum).
Welche Abwehrflugkörper stehen zur Verfügung: SM-6 versus SM-3
For the Raketenabwehr innerhalb der Atmosphäre braucht man auf einem Schiff – neben geeigneten Sensoren und Einsatzsystemen – einen für diese Aufgabe spezialisierten Abfangflugkörper, beispielsweise den Standard Missile 6 (SM-6), wie er für F127 vorgesehen ist. Dieser bekämpft eine ballistische Rakete nach ihrem Wiedereintritt in die Atmosphäre mittels seines eigenen Suchkopfes. Zum Zerstören des erkannten Zieles verwendet der SM-6 einen hochentzündlichen Splittersprengkopf (High-Explosive Blast-Fragmentation Warhead). Der SM-6 ist allerdings auch ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen: Er ist auch zur Bekämpfung von See- und Landzielen sowie zur weitreichenden klassischen Flugabwehr geeignet. Der SM-6 kann ebenfalls Anti-Ship-Ballistic-Missiles bekämpfen, wie sie bereits fallweise durch die Huthi-Milizen im Roten Meer eingesetzt wurden. Ähnliche Fähigkeiten besitzen auch die Flugkörper der bodengebundenen Luftverteidigung, wie etwa der PAC-3 des Patriot-Systems und entsprechende Flugkörper anderer Nationen (z.B. SAMP-T oder ASTER 30).

For the Raketenabwehr im Weltraum gibt es seeseitig bislang nur den Standard Missile 3 (SM-3), der für F127 aktuell nicht zur Ausrüstung gehört. Dieser besitzt ein sogenanntes Kill Vehicle, das ausschließlich ausserhalb der Atmosphäre eingesetzt werden kann. Damit muss die ballistische Rakete direkt getroffen werden. Das ist keine triviale Aufgabe und erfordert die allerhöchsten technologischen Fähigkeiten („to hit a bullet with a bullet in space“).

Eine vergleichbare Abfangwaffe der bodengebundenen Luftverteidigung wäre das Arrow-3 Waffensystem, wie es in Israel hergestellt und auch in Deutschland aktuell eingeführt wird.
In Kombination: Wird SM-3 zusammen mit SM-6 eingesetzt, entsteht eine Schichtung aus exo-atmosphärischer Raketenabwehr und endo-atmosphärischer „Terminal Defence“ gegen ballistische Raketen.
Welche Kosten und Risiken beinhalten exo-atmosphärische Fähigkeiten?
Aktuelle SM-3 Block IB-Abwehrflugkörper werden mit einem Stückpreis von ca. 12 Millionen US-Dollar angegeben. Der weitreichendere und in seiner Wirksamkeit deutlich verbesserte Block IIA soll sogar um die 30 Millionen US-Dollar pro Stück kosten.
Der Einsatz der SM-3 ist ausschließlich über das Aegis-Kampfführungssystem einschließlich des AN/SPY-6-Radars und weiterer Peripheriegeräte möglich, für die pro Schiffseinheit F127 rechnerisch knapp 1,275 Milliarden Euro fällig werden.
Braucht es die Abfangfähigkeit oder wäre ein reiner Sensorbeitrag auch sinnvoll?
Dass die aktuellen Flugabwehr-Fregatten der Klasse F124 (Sachsen, Hamburg und Hessen) in etwa zehn Jahren einen technologisch leistungsstarken Nachfolger benötigen, scheint unbestritten. Die großen Themen im Zusammenhang mit der F127 sind jedoch ihre hohen Kosten (bis zu 5 Milliarden Euro pro Einheit), ihre enorme Tonnage (12 500 ts) und ihre für Ausbildung und Betrieb sehr anspruchsvollen Fähigkeiten (Luftverteidigung einschließlich BMD). Bisher wird im Zusammenhang mit den technischen Leistungsdaten der Fregatte F127 meist nur ganz allgemein von „upper layer Fähigkeiten“ gesprochen.
Üblicherweise verbindet man damit Erfassungs- und Bekämpfungs-Fähigkeiten in der Exo-Atmosphäre, also im Bereich über 100km Höhe, bzw. im Weltraum – dazu braucht es das Aegis-Kampfführungssystem (siehe Bericht im MFO-Blog), das AN-SPY-6-Radar plus den SM-3-Flugkörper.
Es könnte aber auch lediglich ein Sensorbeitrag durch ein hochleistungsfähiges Radar gemeint sein, wie es z.B. für F124 geplant war, aber dann nach 18 Jahren Planungsarbeit am hohen Risiko der Integration in das Gesamtsystem Schiff scheiterte. Diese damit erzeugte Fähigkeit zur Frühwarnung und Zielvoreinweisung in allen vier oben genannten Anwendungsfällen der Ballistic Missile Defence gibt es innerhalb des NATO-Bündnisses bislang nur in geringer Ausprägung.

Derartige Erfassungs-Fähigkeiten aber vergrößern die Wirksamkeit der bestehenden Abwehrsysteme, wodurch alleine der Sensorbeitrag an sich bereits einen Mehrwert für die Raketenabwehr in einem größeren Rahmen (national sowie NATO-Europa) generiert: Er schafft zusätzliche Warnzeit, verbessert die Qualität des gemeinsamen Lagebildes und erweitert den zeitlichen und geografischen Entscheidungsraum für den Einsatz land-, luft- oder seegestützter Abwehrsysteme.
Und er eröffnet in Bezug auf die Plattform F127 Optionen für nationale und europäische Lösungen, die leistungsstarke Sensoren für eine BMD zu deutlich geringeren Kosten auf halb so großen Plattformen bereithalten könnten – und damit auch für die Deutsche Marine in ihrer heutigen Form betreibbar wären.
Wer sich sinnvoll an einer Ballistic Missile Defence beteiligen will, muss nicht über das Gesamtpaket – also weitreichende Sensoren and hochfliegende Effektoren – verfügen. Wenn Kosten und Komplexität das System zu überfordern drohen, ist bereits eine reine Sensorfähigkeit ein bedeutender Beitrag im Gesamtsystem der nationalen und bündnisgemeinsamen Luftverteidigung.
au / ajs

