Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie Hamburg Foto: Steiner

Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie Hamburg Foto: Steiner

DWT-Special Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH): Schifffahrt. Klima. Daten. Und viel Meer.

Mit diesem Slogan wirbt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie. Zeit, sich darüber mit dem Präsidenten, Helge Heegewaldt, zu unterhalten

Herr Heegewaldt, das BSH steht an prominenter Stelle in Hamburg. Jeder, der hier einläuft, sieht und kennt das Gebäude an den Landungsbrücken. Das ist ein wunderschöner Blick hier oben mitten im Maritimen. Und auch Ihr zweiter Dienstsitz in Rostock liegt maritim direkt an der Warnow.

Marineforum
Wenn jemand fragt, was tun Sie im BSH, was geben Sie ihm zur Antwort?
Heegewaldt
Kurz gesagt: Wir sind die zentrale maritime Behörde Deutschlands. Wir sind immer dann beteiligt, wenn es um Nordsee und Ostsee geht. Wir sagen Wasserstände voraus und warnen vor Sturmfluten, arbeiten eng mit den Behörden von Bund und Ländern sowie dem Katastrophenschutz zusammen. Wir sorgen mit unseren Tiefendaten und Seekarten dafür, dass die Schiffe sicher von einem Hafen zum nächsten kommen. Gerade das Thema Versorgungssicherheit der Bundesrepublik Deutschland steht hier im Vordergrund. Hinzu kommen Befähigungszeugnisse und Befähigungsausweise für Seeleute und andere Services für die Seeschifffahrt. Und die Planung und Genehmigung von Offshore-Windenergieanlagen in der ausschließlichen Wirtschaftszone gehört zu unseren Zuständigkeiten. Angesichts des geplanten Ausbaus von derzeit rund 10 Gigawatt auf ein Vielfaches davon ist das BSH auch für die Energieversorgung von nationaler Bedeutung.

Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiff ATAIR des BSH Foto: Steiner
Die „Atair“ ist das Flaggschiff des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Das Schiff dient zur Vermessung, Wracksuche und Forschung. Hier ist es nahe seinem Liegeplatz in Bremerhaven zu sehen.

Marineforum
Stichwort maritime Sicherheit?
Heegewaldt
Unser gesetzlicher Auftrag ist eindeutig zivil. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine spielt maritime Sicherheit jedoch für uns eine noch größere Rolle.
Die Aufgaben des BSH gehören zur kritischen Infrastruktur, deshalb arbeiten wir eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen – bei Datenkabeln ebenso wie bei sicheren Zufahrten zu den Häfen. Unterwasserhindernisse wie Wracks oder verlorene Schiffsladungen sind ein Thema: Unsere fünf Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiffe orten solche Gefahren, damit sie schnell beseitigt werden können. Wir stehen von unseren Standorten Hamburg und Rostock aus in engem Austausch mit Marine und Polizei. Unter den veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen verstehen wir Verteidigung zunehmend als gesamtstaatliche Aufgabe.

Marineforum
Nochmal maritime Sicherheit: Sie haben auf der „Drehscheibe Deutschland“ eine wichtige Rolle, wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Behörden? Was können Sie einsetzen?
Heegewaldt
Die Grundlage unserer Arbeit liefern unsere fünf Spezialschiffe. Sie erfassen Daten, die vor allem für Schifffahrt, Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft wichtig sind. Genauso sind sie aber auch für die Sicherheitsbehörden wie Marine, Bundespolizei und Landespolizeien von enormer Bedeutung. Wir erfassen ozeanographische Daten – von Temperatur und Salzgehalt über Schallausbreitung - sowie Wassertiefen bis hin zur Beschaffenheit und Veränderung des Meeresbodens. Wir arbeiten zudem mit den Partnern in den internationalen Organisationen wie OSPAR, Helcom, der International Maritime Organization (IMO) und der International Hydrographic Organization (IHO) zusammen. In diesen Gremien vertritt das BSH deutsche Interessen.

Marineforum
Schattenflottentanker arbeiten mit ihren Seekarten, mit ihren Daten genauso wie das deutsche U-Boot, das in der Ostsee taucht.
Heegewaldt
Nochmal: Das BSH ist und bleibt eine zivile Behörde. Wir sorgen dafür, dass alle Schiffe sicher navigieren können. Dennoch müssen wir uns fragen, wie gut wir auf neue Bedrohungen vorbereitet sind. Dazu gehört auch die Frage, wie offen wir künftig mit bestimmten Daten umgehen können, wenn diese nicht nur der sicheren Navigation dienen, sondern auch für andere Zwecke genutzt werden können.
Grundsätzlich stehen unsere Daten als Open Data für Schifffahrt, Wissenschaft und Forschung zur Verfügung. Gleichzeitig prüfen wir fortlaufend, wie wir den Grundsatz offener Daten mit den gestiegenen sicherheitspolitischen Anforderungen in Einklang bringen können.
Die Frage, ob künftig alle Daten uneingeschränkt veröffentlicht werden sollten, berührt daher grundlegende Prinzipien unseres Handelns. Mit dieser Herausforderung stehen wir nicht allein – viele Behörden beschäftigen sich derzeit mit ähnlichen Fragestellungen.

 

Auf der Brücke der Atair Foto: Steiner
Ulrich Klüber ist Kapitän der „Atair“, eines Bundesschiffes für Vermessung, Wracksuche und Forschung. Hier sitzt er bei einer Wracksuche vor Monitoren, die die Unterwasserlandschaft darstellen.

Marineforum
Ist das ein Konflikt?
Heegewaldt
Wir handeln auf Grundlage des internationalen Seerechts. Die Freiheit der Meere ist ein hohes Gut. Wir können und sollten weder die freie Durchfahrt behindern noch notwendige nautische Informationen zurückhalten. Würden wir das tun, müssten wir ähnliche Einschränkungen auch andernorts gegen uns selbst erwarten. Gleichzeitig tragen wir Verantwortung für die Sicherheit der Schifffahrt in deutschen Gewässern. Das ist unser hoheitlicher Auftrag. Unsere Arbeit steht dabei oft weniger im öffentlichen Fokus. Viele verbinden maritime Themen mit Kreuzfahrten oder Urlaub. Weniger sichtbar ist die tägliche Arbeit, die notwendig ist, um Sicherheit auf See bei jedem Wetter zu gewährleisten.

Marineforum
Wir haben eine große seegehende Behördenvielfalt. Sehen Sie die Notwendigkeit, über das organisatorische Konstrukt der Küstenwache hinaus Reformbedarf?
Heegewaldt
Die bestehenden Zuständigkeiten haben sich grundsätzlich bewährt. Gleichzeitig zeigen neue Bedrohungslagen, dass wir unsere Zusammenarbeit weiter vertiefen und Verfahren noch besser verzahnen müssen, vor allem auch zwischen den Ressorts. Auch ich bin vor drei Jahren damit angetreten, dass sich das BSH stärker vernetzen muss, gerade mit den verschiedenen Institutionen in Bund und den Ländern, mit denen wir Schnittstellen haben. Insofern ist die aktuelle Krisenlage zugleich eine Chance, die Konzepte zur Bewältigung von Gefahrenlagen weiter voranzubringen, auch deutlich über die Ressortgrenzen hinweg.

Marineforum
Stichwort autonome oder unbemannte Fahrzeuge: Können Sie was zu Problematik von Zulassungen oder Genehmigungen sagen?
Heegewaldt
Die Entwicklung bei derartigen Fahrzeugen schreit rapide voran, technisch und auch auf Seiten der Forschung. Ich war kürzlich beim Hydrographentag in Travemünde sowie bei der Fachkonferenz „Neue Technologien und Testfelder für Wasserstraßen und Häfen“ des Bundesverkehrsministeriums, die im BSH Rostock stattfand. Da tut sich sehr viel. Aktuell ist noch wenig reguliert. Das ist eine besondere Herausforderung für die Forschenden und die Unternehmen. Das heißt, Testen geht momentan nur in abgesicherter Umgebung. Deswegen gibt es jetzt auch den MASS-Code. Das ist ein Regelwerk für den sichereren Betrieb autonomer Handelsschiffe der IMO. Das gilt zunächst einmal freiwillig. Zudem ist es ziemlich herausfordernd, weil man mit Regularien der schnell sich weiterentwickelnden Technik hinterherläuft. Unterhalb der IMO-Regulatorik haben wir aktuell noch nahezu einen rechtsfreien Raum, die Regelungen müssen erarbeitet werden. Dazu haben sich die Nordseeanrainerstaaten in einer Absichtserklärung zusammengeschlossen, um harmonisierte Regeln zu entwickeln. Hier arbeiten wir als BSH für das BMV mit. Wir hatten letztes Jahr zudem einen ersten runden Tisch hier bei uns im BSH, wo wir alle Nutzerinnen und Nutzer, die mit autonomen Fahrzeugen zu tun haben, eingeladen und informiert haben, was sich bei der IMO und im Nordseeraum entwickelt. Übrigens ist hinsichtlich der Zulassungen nicht nur das BSH ein Player, sondern auch die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, mit denen wir eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Marineforum
Stichwort AWZ: was sagen Sie zur maritimen Sicherheit im Offshore Sektor?
Heegewaldt
Vom Grundsatz her ist das, was jetzt bereits in Betrieb ist, in den kommenden Jahren in Betrieb geht oder in den nächsten 20 Jahren noch gebaut wird - also Offshore-Windparks, Konverter, Stromkabel - ähnlich wie an Land in der sicherheitstechnischen Verantwortung des jeweiligen Betreibers. Auf hoher See ist das aufgrund der Entfernungen und Bedingungen herausfordernd.

Präsident des BSH Helge Heegewaldt mit Chefredakteur marineforum Holger Schlüter
Präsident des BSH Helge Heegewaldt mit Chefredakteur marineforum Holger Schlüter

Wenn wir die Leistung bis 2045 versiebenfachen wollen, wie es das Windenergie-auf-See-Gesetz vorsieht, wird das noch herausfordernder. Schauen Sie sich den maritimen Raumordnungsplan des BSH für Nordsee und Ostsee an: Dort erkennen Sie Schifffahrtsrouten, Naturschutzgebiete, Fischereizonen, militärischen Gebiete und eben die Offshore-Flächen. Das wird alles stark genutzt und wir sprechen hier in Zukunft von deutlich mehr als 200km bis in den sogenannten Entenschnabel. Wenn etwas passiert, beispielsweise ein Arbeitsunfall, muss auch die Rettungskette für die Menschen vor Ort funktionieren. Da sind für den Flug über See geeignete Hubschrauber oder eine Rettungsstation nur eine Bedingung. In der AWZ muss das für die küstenferne Gebiete neu geplant und organisiert werden.

Marineforum
Persönliche Frage: Sie haben keinen seemännischen Hintergrund. Förderlich oder Fluch? Haben Sie einen Bootsführerschein?
Heegewaldt
Also, ich glaube, es ist förderlich, wenn jemand von außen kommt. Als ich BSH-Präsident wurde, habe ich mir jedes Referat, jeden Bereich im BSH genau angeschaut. Die Seevermessung, die Seeschifffahrtsverwaltung, den Offshore-Bereich und die Meereskunde. Ich habe den Kolleginnen und Kollegen im BSH zugehört und nachgefragt. Was macht ihr? Erklärt mir es genau! Ich bin von Hause aus Jurist. Und hier im Hause gibt es eine Vielfalt an Berufen, das sind insgesamt über 100 unterschiedliche Berufsbilder. Beeindruckend! Wir haben Beschäftigte unter anderem aus der Naturwissenschaft wie Biologie, Chemie, Physik, aus der Nautik, aus der Ozeanographie, aus der Vermessung, den Ingenieurswissenschaften und Rechtswissenschaften, aber auch Seeleute, Schiffsmechaniker und Taucher sowie Beschäftigte mit klassischem Verwaltungshintergrund. Ein wirklich breites Feld, was man erstmal verstehen muss. Und um Ihre Frage zu beantworten (lacht). Nein, einen seemännischen Hintergrund habe ich nicht, jedenfalls noch nicht. Ich bin jetzt gerade 50 Jahre alt geworden und habe mir vorgenommen, dass ich das theoretische Arbeiten auch in der Praxis erfahren muss. Deswegen spreche ich viel mit meinen Kolleginnen und Kollegen, bin auf unseren Schiffen unterwegs und habe mir fest vorgenommen, endlich den Bootsführerschein zu machen.

Holger Schlüter

Displays

Leave a Reply

Your email address will not be published. Erforderliche Felder sind mit * markiert


en_GBEnglish