Start eines Flugkörpers aus dem Mk 41 Vertical Launching System (VLS) der Fregatte „Sachsen“. Foto: Bundeswehr/Volker Muth

Start eines Flugkörpers aus dem Mk 41 Vertical Launching System (VLS) der Fregatte „Sachsen“. Foto: Bundeswehr/Volker Muth

Flugkörper: Vielfalt in der maritimen Luftverteidigung

Im Beitrag vom 15. Juli 2026 hat marineforum online anhand der geplanten Luftverteidigungsfregatte F127 die verschiedenen Ebenen der maritimen Luftverteidigung betrachtet: Selbstverteidigung, Verbandsflugabwehr, Gebietsschutz sowie Flugkörper- und Raketenabwehr. Dieser Beitrag ordnet die dafür vorgesehenen Abwehrflugkörper den drei Reichweitenbereichen der gestaffelten Flugabwehr zu:

Die maritime Luftverteidigung gliedert sich in drei Bereiche:

  • Nah- und Nächstbereich: unter 10 NM (18,5 km)
  • Mittelbereich: 10 bis 50 NM (bis 92,6 km)
  • Weitbereich: über 50 NM

1 NM = NM steht hier für Nautische Meile beziehungsweise Seemeile = 1,852 Kilometer.

 

Gestaffelte maritime Luftverteidigung: CIWS, RAM und ESSM dienen der Selbstverteidigung, SM-2 und SM-6 dem Verbands- und Gebietsschutz, SM-3 der Abwehr ballistischer Raketen außerhalb der Atmosphäre. Grafik: KI-generiert
Gestaffelte maritime Luftverteidigung: CIWS, RAM und ESSM dienen der Selbstverteidigung, SM-2 und SM-6 dem Verbands- und Gebietsschutz, SM-3 der Abwehr ballistischer Raketen außerhalb der Atmosphäre. Grafik: KI-generiert

 

CIWS und RAM: Selbstverteidigung im Nächstbereich

Rohrwaffen und Abwehrflugkörper für den Nah- und Nächstbereich werden als Close-in Weapon Systems (CIWS) bezeichnet. Diese Nahbereichsverteidigungssysteme bilden die letzte Abwehrschicht eines Schiffes gegen anfliegende Bedrohungen.

Für die Selbstverteidigung werden auf allen entsprechend ausgerüsteten Einheiten Rohrwaffen unterschiedlicher Kaliber, Maßnahmen der Elektronischen Kampfführung (EloKa) und Abwehrflugkörper im Nah- und Nächstbereich eingesetzt. Man nennt solche Systeme auch „Point Defence“- oder „Close-in“-Abwehrsysteme.

Deutsche Korvette OLDENBURG verschießt RAM. Foto: Bw/Nico Theska
Korvette OLDENBURG verschießt RAM. Foto: Bw/Nico Theska

Der Vertreter dieser Systeme in der Deutschen Marine ist der seit 1992 querschnittlich auf allen Kampfschiffen ab Korvettengröße – früher sogar auf Schnellbooten – eingerüstete Flugkörper Rolling Airframe Missile (RAM/RIM-116).

RAM ist ein leichter Fire-and-Forget-Flugkörper für die Selbstverteidigung des Schiffes. Er ist auf die Abwehr anfliegender Seezielflugkörper sowie asymmetrischer Luft- und Oberflächenbedrohungen im Nächstbereich ausgelegt und benötigt nach dem Start keine Zielbeleuchtung durch das Schiff. RAM wird in der Marine über Mk-49-Starter mit jeweils 21 Flugkörpern eingesetzt. RAM ist ein deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt.

ESSM Block 2: die zweite Abwehrschicht

Oberhalb von RAM schließt die Evolved SeaSparrow Missile Block 2 (ESSM Block 2/RIM-162) in der zweiten Flugabwehrschicht, der „Second-Layer Anti Air Warfare“, die Lücke zwischen reiner Selbstverteidigung und Verbandsflugabwehr.

Australische Fregatte BRISBANE startet Evolved Sea Sparrow Missile. Foto: MoD Australien
Australische Fregatte BRISBANE startet Evolved Sea Sparrow Missile. Foto: MoD Australien

ESSM Block 2 ist ein schiffsgestützter, hochagiler Interceptor gegen Seezielflugkörper, Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen und reicht vom Nahbereich bis knapp in den Mittelbereich (beginnend bei 10 NM) hinein. Er verfügt über einen aktiven beziehungsweise Dual-Mode-Radarsuchkopf, wodurch sich die Abhängigkeit von einer kontinuierlichen Zielbeleuchtung durch das Schiff verringert.

Signifikant ist die Tatsache, dass ESSM-Flugkörper als Quad-Pack, also in einem Vierergebinde, in einer einzelnen Zelle des Mk-41-VLS-Startersilos (Vertical Launch System) bereitgehalten werden. Dadurch verfügen die mit ESSM in Mk-41-Startern ausgestatteten Fregatten der Klassen F123, F124 sowie künftig F127 und F128 über eine erhöhte Feuerkraft.

ESSM ist ein multinationales Projekt der zwölf Nationen des NATO Sea Sparrow Consortiums.

IRIS-T SLM: Verstärkung im Mittelbereich

Ein aktueller deutscher Ansatz zur Verstärkung dieser zweiten Abwehrschicht ist die Navalisierung von IRIS-T SLM (Infra Red Imaging System – Tail/Thrust Vector Controlled, Surface Launched Medium Range). Dieser Flugkörper soll die Lücke zwischen reiner Selbstverteidigung und weiterreichender Verbandsflugabwehr schließen, dabei aber weiter in den Mittelbereich hineinreichen als ESSM Block 2.

Eine erste Demonstrator-Erprobung auf der Fregatte „Baden-Württemberg“ (F125) war 2025 erfolgreich. Für eine Kampfwertsteigerung der F125 werden den navalisierten Konzepten zufolge feste Starter mit insgesamt 32 Flugkörpern pro Schiff untersucht.

Parallel prüfen die Unternehmen Diehl und Lockheed Martin die Integration der IRIS-T-Familie in das Mk 41 VLS. Damit könnte IRIS-T auch für F127 und andere europäische Plattformen relevant werden.

Bis hierher wurden die Abwehrflugkörper für die Selbstverteidigung und die erweiterte Selbstverteidigung betrachtet. Dazu gehört auch der Nahschutz anderer militärischer oder ziviler Schiffe im Rahmen des sogenannten „Mutual Support“.

Die Standard-Missile-Familie

Standard Missile Familie. Grafik KI
Standard Missile Familie. Grafik KI

Die nachfolgend dargestellten Flugkörper der US-amerikanischen Standard-Missile-Familie wirken bis in den Mittel- und Weitbereich hinein. Sie finden teilweise bereits in der Deutschen Marine Anwendung beziehungsweise sollen künftig auf den vorhandenen und geplanten Luftverteidigungsfregatten F124 und F127 can be used.

Flugkörper der Standard-Missile-Familie beschafft die Bundeswehr über Foreign-Military-Sales-Cases in den USA. Zusammen mit dem Aegis Combat System, SPY-Radaren und dem Mk 41 Vertical Launch System bildet diese Flugkörperfamilie den Kern der weiträumigen Luft- und Raketenabwehr amerikanischer Kreuzer und Zerstörer.

SM-2: Verbandsflugabwehr auf F124 und F127

In der Deutschen Marine wird die Standard Missile 2 (SM-2) auf den drei Luftverteidigungsfregatten der Sachsen-Klasse (F124) eingesetzt. Die Flugkörper werden aus dem 32-zelligen Mk 41 VLS verschossen und ermöglichen die schiffsgestützte Verbandsflugabwehr im Mittelbereich bis in den Weitbereich hinein.

Die Fregatte SACHSEN verschießt RIM-66 SM-2. Foto: Bundeswehr/Falk Plankenhorn
Fregatte SACHSEN verschießt SM-2. Foto: Bw/Falk Plankenhorn

Anders als in der US Navy unterstützen auf F124 das SMART-L-Radar zur weiträumigen Luftraumüberwachung und das Active Phased Array Radar APAR zur Zielverfolgung und Feuerleitung den Einsatz des Flugkörpers. Mit SM-2 bekämpft F124 anfliegende Flugzeuge und Großdrohnen bereits außerhalb der Reichweite von ESSM, IRIS-T und RAM.

Eingerüstet ist der SM-2 Block IIIA, der statt mit Dauerstrichbeleuchtung mit springender Zielbeleuchtung, der Interrupted Continuous Wave Illumination (ICWI), geführt wird. Dadurch kann F124 mehrere Abwehrvorgänge gleichzeitig durchführen.

Da für die Nachfolgeklasse F127 ein Aegis-Gefechtsführungssystem geplant ist, soll hier die Version SM-2 Block IIIC mit Dauerstrichbeleuchtung eingerüstet werden.

SM-6: größere Reichweiten und weitere Zieltypen

USS John Paul Jones (DDG 53) startet SM-6. Foto: US-Navy
USS John Paul Jones (DDG 53) startet SM-6. Foto: US-Navy

Zusätzlich zur SM-2 ist für die künftigen Luftverteidigungsfregatten F127 die Einrüstung der Standard Missile 6 (SM-6) geplant. In der Standard-Missile-Familie kann die SM-6 (im Vergleich zur SM-2) jedoch moderne Marschflugkörper und ballistische Raketen auf weitere Entfernung und in größerer Höhe innerhalb der Atmosphäre abwehren. Dazu gehören auch Anti-Ship Ballistic Missiles.

Mit ihrem aktiven Suchkopf verringert sich die Abhängigkeit von einer permanenten Zielbeleuchtung durch das startende Schiff. Die SM-6 kann dadurch auch Ziele jenseits des Radarhorizonts bekämpfen. Als Mehrrollenflugkörper besitzt sie zudem Möglichkeit, auch gegen Land- und Seeziele eingesetzt zu werden.

SM-3: Raketenabwehr außerhalb der Atmosphäre

Als Option „Fitted for, but not with“ soll F127 auch für die Standard Missile 3 (SM-3) ausgelegt werden. Die SM-3 ist ein spezialisierter Abfangflugkörper gegen ballistische Raketen außerhalb der Atmosphäre.

Die SM-3 dient nicht der klassischen Luftverteidigung gegen Flugzeuge oder Marschflugkörper, sondern ausschließlich der exoatmosphärischen Abwehr von Raketen im Rahmen der Ballistic Missile Defence (BMD). Wird sie zusammen mit der SM-6 eingesetzt, entsteht eine Schichtung aus exoatmosphärischer Raketenabwehr und endoatmosphärischer Terminal Defence.

Wie die SM-6 wird auch die SM-3 aus dem Mk 41 VLS verschossen. Für die leistungsstarke SM-3 sind jedoch extra-tiefe Startcontainer in der Strike-Version erforderlich (Mk 41 Strike-length); auch die SM-6 sind aus diesen Startsilos einsetzbar, haben aber noch Platzreserve für spätere Systemverbesserungen. F124 und künftig F127 sind eingerüstet mit dem Mk 41 VLS in der Strike-Version.

Diese optionale Fähigkeit ist bei F127 der entscheidende Design-, Kosten- und Risikotreiber.

Ältere SM-3 Block IB werden mit einem Preis von 12 Millionen US-Dollar angegeben. Der weitreichendere und in seiner Wirksamkeit deutlich verbesserte Block IIA soll einen Stückpreis von knapp 30 Millionen US-Dollar haben.

Der Einsatz dieser Standard Missile ist ausschließlich über Aegis-Kampfführungssysteme einschließlich des SPY-6-Radars und einiger Peripheriegeräte möglich, für die pro Schiff rechnerisch knapp 1,275 Milliarden Euro fällig werden. Zum Vergleich: Eine komplette Fregatte F128 könnte bereits für rund 1,5 Milliarden Euro zu haben sein.

Abwehr hypersonischer Flugkörper

Zusätzlich ist für F127 ein Hypersonic Interceptor zur Abwehr hyperschallschneller Flugkörper und Gleitvehikel mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit vorgesehen. Entsprechende Systeme werden derzeit sowohl in den USA als auch in Europa entwickelt.

Ausblick: Mehr Flugkörper pro Zelle – und europäische Systeme

Waffensystemversuch IRIS-T an Bord Fregatte BADEN-WÜRTTEMBERG, F125-Klasse. Foto: Diehl-Defence
Waffensystemversuch IRIS-T an Bord Fregatte BADEN-WÜRTTEMBERG, F125-Klasse. Foto: Diehl-Defence

Der Ausblick zeigt zwei Entwicklungslinien: Eine weitere Spezialisierung und dadurch höhere Packungsdichte im Startcontainer bei amerikanischen Flugkörpern, sowie der mögliche Einstieg in eine europäische Flugkörperfamilie mit IRIS-T.

Erste konzeptionelle Überlegungen zu einer Navy Modular Missile (NMM) als Nachfolgerin der Standard-Missile-Familie schwappen bereits über den Atlantik. Die NMM wird ebenso vielfältig und spezialisiert gedacht wie die Standard-Missile-Familie. Allerdings könnten für die Selbstverteidigung künftig bis zu sieben, statt vier Flugkörper aus einer Zelle verschossen werden; für den Verbandsschutz zwei oder vier, statt bislang einer. Da diese Entwicklungen sich aber noch in einem frühen Stadium befinden, sind nur wenige Angaben verfügbar.

IRIS-T wiederum bietet die Möglichkeit zum Einstieg in eine europäische Flugkörperfamilie. Auch hier sind weitere Entwicklungen und Spezialisierungen zu erwarten. Ebenso werden Laserwirksysteme (LWS) auch in Europa mit mit Nachdruck für den Einsatz vorbereitet.

EBX/MS

 

Schutzschichten der maritimen Luftverteidigung: CIWS, RAM und ESSM schützen das Schiff im Nahbereich, SM-2 und SM-6 übernehmen den Verbands- und Gebietsschutz. Die exo-atmosphärische Abwehr ballistischer Raketen bildet die äußerste Schicht. Grafik: KI-generiert
Schutzschichten der maritimen Luftverteidigung: CIWS, RAM und ESSM schützen das Schiff im Nahbereich, SM-2 und SM-6 übernehmen den Verbands- und Gebietsschutz. Die exo-atmosphärische Abwehr ballistischer Raketen bildet die äußerste Schicht. Grafik: KI-generiert

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