Die Versorgung in See soll mit der Mittleren Unterstützungseinheit auf neue Beine gestellt werden. Doch von der Forderung zur Realisierung ist es ein langer Weg.
Die Herausforderungen sind klar und eindeutig. Das veränderte geostrategische Umfeld verlangt von der Deutschen Marine Durchhaltefähigkeit und Flexibilität. Technische Innovationen diktieren in einem dagewesenen Umfang und einer zunehmenden Geschwindigkeit die Anforderungen an neue Marineeinheiten. Im Bereich der maritimen Versorgung und Unterstützung in See ist die Mittlere Unterstützungseinheit die Antwort auf diese operativen und technologischen Herausforderungen. Schwerpunkte der Mittleren Unterstützungseinheit sind: die Versorgung maritimer Einheiten in See mit Kraftstoff und Munition. Dies bleibt auch zukünftig die unabdingbare Kernaufgabe – das Gefecht erfordert mehr denn je Durchhaltefähigkeit. Die rasanten technologischen Entwicklungen im Bereich unbemannter Systeme bieten ein gewaltiges Potenzial hinsichtlich Wirkung und Aufklärung – der Leitsatz „Every unit a drone carrier“ wird handlungsbestimmend. Digitalisierung und Vernetzung sind in einem „Kampf der Informationen“ überlebenswichtig – Unterstützungseinheiten werden noch stärker informationstechnisch in die gesamte Marine integriert. Bedrohung ist Realität. Die Abwehr simultaner Angriffe von Flugkörpern, Kleinstzielen und Drohnen sowie Drohnenschwärmen stellt höchste Ansprüche an die Zielerfassungs-, Reaktions- und Wirkfähigkeiten – für Unterstützungseinheiten eine völlig neue Bedrohungsqualität. Breites Aufgabenspektrum und Kompaktheit der Einheiten. Zwei gegenläufige Forderungen, die sich nur durch eine modulare Auslegung bewältigen lassen. Zukunftssicher durch Flexibilität. Die dynamischen Veränderungen führen es uns jeden Tag vor Augen – Aufgaben und Anforderungen verändern sich kontinuierlich. Zukunftssicher ist nur der, der hierauf schnell und flexibel reagieren kann. Mit dem Kurs 2035+ sowie dem aktuell veröffentlichten Kurs 2025 hat die Deutsche Marine diese Forderungen klar umrissen und priorisiert. Doch wie werden hieraus konkrete militärische Anforderungen an eine Neubauprojekt? Und wie ist der Weg zur konkreten Realisierung zu gestalten, um mit gegebenen Ressourcen die Einheiten zu realisieren, die die Anforderungen optimal erfüllen?

Grafik: BAAINBw
Komplexität als Chance
Die Notwendigkeit zur signifikanten Steigerung der Durchhaltefähigkeit von Booten durch Bereitstellung von kompakten Versorgungseinheiten erkannte die Deutsche Marine bereits Ende der Fünfzigerjahre. Hierfür wurden Anfang der Sechzigerjahre 13 Tender in Dienst gestellt und 30 Jahre später durch sechs Tender der Klasse 404 abgelöst. Weitere 30 Jahre später sollte die nächste Ablösung erfolgen. Im Jahr 2022 wurde das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) beauftragt, eine reine Nachfolgelösung zu realisieren. Fast zeitgleich veränderte sich die Welt von heute auf morgen auf dramatische Weise, und es wurde mit der Zeitenwende eine massive Kursänderung in der Verteidigungspolitik vollzogen. Die Marine formulierte 2023 ihren (neuen) Kurs 2035+ mit einer deutlichen Neuausrichtung, die insbesondere für die neue Unterstützungseinheit drastische Änderungen im Anforderungsprofil zur Folge hatte. Faktisch musste die bisherige Forderungslage völlig neu überarbeitet werden. Um eine kurzfristige Realisierung weiterhin zu ermöglichen, wurde entschieden, die Verantwortung beim Projektleiter im BAAINBw zu belassen und die Anpassungen und Erweiterungen der Forderungslage im direkten Zusammenwirken mit Planungsamt/Planung sowie dem Bevollmächtigten Vertreter der Marine abzustimmen. Die neu formulierten Fähigkeiten umfassen: die Erhöhung des Eigenschutzes, insbesondere zur wirksamen Bekämpfung von Drohnen und Flugkörpern, die Erhöhung der Führungsfähigkeit mit umfassenden Datenlink- und Kommunikationsmitteln inklusive einer Lagebilddarstellung, die Bereitstellung der Fähigkeit zum Einsatz von Drohnen in den Bereichen Luft und See, die Fähigkeit zum Transport von Soldaten und Material, darunter auch Fahrzeuge, inklusive der Möglichkeit zum schnellen Be- und Entladen, den Einsatz von Spezialkräften inklusive der Forderung zum schnellen Aussetzen und Aufnehmen sowie den Transport ihrer Einsatzboote, die Fähigkeit zum umfassenden Patiententransport sowie die Eignung zum dauerhaften Betrieb eines organischen Hubschraubers der Größe eines Sea Lion sowie eine Landemöglichkeit für schwere Hubschrauber.
In mehreren iterativen Schleifen wurden die jeweiligen Forderungen zu den genannten Fähigkeiten einer Prüfung der technischen Realisierbarkeit entlang der Rahmenbedingungen Budget, Realisierungszeit und Betreibbarkeit unterzogen. Umfang und Ausprägung der einzelnen Forderungen wurden so ausformuliert, dass sich ein Optimum hinsichtlich der Gesamt-Einsatzverhältnisse ergibt. Im Ergebnis wurden zwei Lösungsvorschläge erarbeitet. Der erste Lösungsvorschlag repräsentiert eine Einheit, die noch vergleichbar kompakt wie ein Tender ausgelegt ist und bis auf die Fähigkeiten zum organischen Betrieb eines mittleren Hubschraubers und dem Landen eines schweren Hubschraubers alle Fähigkeiten in unterschiedlichen Ausprägungen erfüllt. Der zweite Lösungsvorschlag erfüllt alle Anforderungen, was zu einem erheblich größeren Schiffsentwurf mit deutlich höheren Aufwänden in der Beschaffung und insbesondere beim Betrieb führt. Im Ergebnis erfüllt der erste Entwurf ein Maximum der neuen Fähigkeiten bei gleichzeitig moderatem Aufwuchs des Beschaffungs- und Nutzungsaufwands. Gleichwohl wächst durch die signifikante Ausweitung der Fähigkeiten und Forderungen die Komplexität des Projekts deutlich an.
Mehr als ein Schiffsdesign
Unterschiedliche technische Gewerke wie Schiffbau, Antriebe, Sensoren, Waffen und Logistik müssen auf engstem Raum so funktional integriert werden, dass sie betreibbar sind und die geforderte

Wirkung entfalten können. Militärspezifische Ansprüche wie Standkraft, ABC-Schutz, Signaturreduktion oder IT-Sicherheit erhöhen die Anforderungen. Gleichzeitig verfolgt die Bundeswehr für einen Betrieb im öffentlichen Raum das Ziel, eine Vielzahl von zivilen Vorschriften möglichst weitgehend zu beachten, darunter die International Convention for the Prevention of Marine Pollution from Ships (Marpol) oder die International Convention for the Safety of Life at Sea (Solas), soweit sie nicht den militärischen Anforderungen entgegenstehen. Die zunehmende Digitalisierung trägt zur Erhöhung der Komplexität erheblich bei. In einem Rüstungsprojekt für militärische Schiffe und Boote kommen weitere Bereiche hinzu, die die Multidimensionalität deutlich steigern. Aspekte wie die Logistik zum Betrieb der Einheiten, militärische Sicherheit, Prüf- und Zulassungsaspekte, insbesondere für militärisches Gerät, vergaberechtliche Vorgaben sowie industrie- und wirtschaftspolitische Aspekte skizzieren einen bunten Strauß an Einflussfaktoren, die durch die Projektleitung eines maritimen Rüstungsprojekts bewältigt werden müssen.
Gestaltungsprinzipien
Welche Gestaltungsprinzipien werden in dem Projekt konkret verfolgt, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden? Hier ein paar Beispiele: Technologie – eingeführt und marktverfügbar: Zur Realisierungsbeschleunigung wurden im Rahmen des Forderungscontrollings die Forderungen hinsichtlich ihrer zeitlichen Umsetzbarkeit geprüft. Hierbei wurde darauf geachtet, verfügbare Technologien sowie möglichst marktverfügbare und querschnittlich verwendete Komponenten und Anlagen vorzusehen. Logistik und Ausbildung: Zur Begrenzung von logistischen Aufwänden, insbesondere hinsichtlich Dokumentation, Ersatzteilen und Ausbildung, steht im Fokus, so weit wie möglich auf bereits eingeführte Komponenten und Anlagen zurückzugreifen. Ein weiterer Vorteil hierbei ist, dass die (zeit-)aufwändigen Prozesse zur Herstellung der Versorgungsreife deutlich reduziert werden können und der Truppe die notwendigen Unterlagen und logistischen Verfahren bereits mit Anbeginn der Nutzung zur Verfügung stehen.
Noch einige Jahre muss die Marine mit den Tendern der Klasse 404 auskommen. Die frühzeitige Einsatzbereitschaft der Einheiten wird weiterhin maßgeblich durch die bedarfsgerechte Ausbildung der (Erst-)Besatzung beeinflusst. Die rechtzeitige Bereitstellung der militärischen Besatzungen ist hier ebenso maßgeblich wie die projektseitige Einplanung der vielfältigen Ausbildungsaspekte, sowohl für die Soldaten wie auch für die zivilen Instandsetzungsbereiche. Die Projektleitung zielt hierbei insbesondere darauf ab, die gesamte Ausbildung bereits zum Vergabestart mit allen Beteiligten auf Basis der Schiffsauslegung und der daraus abgeleiteten Ausbildungsanforderungen vollständig und umfassend zu definieren. Informationssicherheit und militärische Sicherheit: Die heute fast durchgängige Digitalisierung aller Bereiche und Anlagen erfordert eine völlig neue Dimension der Informationssicherheit. Der Zeit- und Ressourcenaufwand für Planung, Koordination und Umsetzung übersteigt die Aufwände vergangener Projekte erheblich. Die Projektleitung widmet diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit. Bereits in der Analysephase wird das Thema sorgfältig berücksichtigt und alle relevanten Stellen werden frühzeitig eingebunden. Nachweisführung: Die Nachweisführung zur Feststellung der Leistungserbringung in den unterschiedlichen Projektstadien, angefangen von Integrationsprüfungen über Werksprüfungen, Hafen- und Seetests bis hin zu diversen Einsatzprüfungen, steht immer in einem starken Spannungsfeld von Belastbarkeit der Nachweise (Testumfang und Testtiefe) versus Aufwand der Nachweise (Zeit, Kosten und Ressourcen). Auf jeden Fall müssen die vielfältigen Nachweise mit den unterschiedlichen Instanzen, darunter Abnahmekommission, künftiger Betreiber, Güteprüfstellen, externe Klassifikationsgesellschaften und militärische Prüforganisationen, bis zur Einleitung der Vergabe vollständig definiert sein. Erfolgsfaktoren sind hier die aufwendige Abstimmung aller Beteiligten und Projekterfahrungen, schließlich gibt es hier keine fixen Regeln mit Erfolgsgarantie.

Grafik: BAAINBw
Die hohe Anzahl an Aufgaben, nicht nur entlang der Vielzahl an Fähigkeiten, die in den zugehörigen technischen Bereichen erarbeitet werden müssen, zeigt ansatzweise den immensen Umfang der Projektarbeit auf. Die Bewältigung der Vielschichtigkeit ist nur durch die Bündelung von fachkundigen Ressourcen und Expertise möglich.
Resümee und Ausblick
Mit Kurs 2035+ und Kurs 2025 hat die Deutsche Marine die Zielrichtung für das Projekt Mittlere Unterstützungseinheit neu ausgerichtet. In einem intensiven Dialog zwischen Marine, Projektleitung und Planung wurden die technischen, wirtschaftlichen und operativen Entscheidungsgrundlagen erarbeitet, auf deren Ende April 2025 die Abteilungsleitung Planung die hierzu notwendigen Fähigkeitsforderungen festgelegt hat. Auf dieser Basis erfolgt durch das BAAINBw die Ausplanung der weiteren Projektrealisierung. Der hierzu referenzierte technische Lösungsansatz der Projektleitung zeigt, dass diese Fähigkeiten mit einem kompakten und zukunftssicheren Design abbildbar sind. Aktuell werden im Wesentlichen die technischen Lösungen in den Bereichen Waffen und Führung sowie in den relevanten Projektelementen ausgearbeitet. Die Ergebnisse dieser Arbeit bilden die Grundlage für die Auswahlentscheidung des Generalinspekteurs als wesentlicher nächster Projektmeilenstein. Vorbehaltlich der anstehenden Entscheidung verfolgt die Projektleitung eine Vergabe zum Bau von insgesamt sechs Einheiten mittels eines Vertrags im Wettbewerb. Die an das Projekt Mittlere Unterstützungseinheit gestellten Aufgaben haben zwangsläufig zu einer Vielschichtigkeit geführt, die eine besondere Herausforderung darstellt. Die Projektleitung des BAAINBw stellt durch die umfassende und vollständige Betrachtung aller Projektaspekte der Beschaffung und der späteren Nutzung sowie durch die frühzeitige Einbindung der Marine und aller weiteren Stakeholder sicher, dass diese Herausforderung gemeistert wird.
Technischer Regierungsdirektor Gunther Brückner ist Leiter des Referats Einsatzgruppenversorger, Tender und Mittlere Unterstützungseinheit im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr.
Gunther Brückner

