Die Marineflieger sind im Aufwind: Zugegeben, liest sich stereotyp. Aber so ist es.
Nach dem Einflug der ersten beiden Boeing P-8A "Poseidon" und der Landung des allerersten NH90 "Sea Tiger" im Dezember geht es für die Marineflieger in Nordholz weiter im „Durchtauschen“ des gesamten „Flugparks“. Nach der Beschlussfassung des Haushaltsausschusses im Dezember erfolgte am 12. Januar der nächste Meilenstein: Mit der Unterzeichnung des Vertrages zwischen der NSPA (NATO-Support and Procurement Agency) und General Atomics Aeronautical Systems zur Beschaffung von acht Drohnen MQ-9B "SeaGuardian" beginnt der Einstieg in die unbemannte Fähigkeit des Seekrieges aus der Luft. Die Kosten für das Projekt von rund 1,5 Milliarden Euro beinhalten systemische Unterstützung und Ausbildung für die Anfangsjahre.
Kombinierte Aufklärung und U-Boot Jagd
Zum Schutz der internationalen Seewege sowie von Unterwasserleitungen, Häfen und Offshore-Anlagen setzen die deutschen Seestreitkräfte zukünftig die in der Auslieferung befindliche P-8A "Poseidon" ein. Künftig sollen Drohnen diese Fähigkeiten einer klassischen MPA (Maritime Patrol Aircraft) ergänzen. Durch das Zusammenspiel bemannter und unbemannter Systeme lassen sich großflächige Einsatzräume wie der Nordatlantik oder die Ostsee nahezu lückenlos überwachen. Dabei wird es aber nicht bleiben: die Poseidon ist ein mächtiges Waffensystem zur Detektion und Bekämpfung von U-Booten und wird mit der MQ-9B um eine Fähigkeit erweitert.

Während die P-8A mit einer Reisegeschwindigkeit von mehr als 900 Kilometern pro Stunde schnell große Distanzen überbrücken kann und eine hohe Kapazität für Sensoren und Waffen besitzt, liegt die Stärke der MQ-9B in ihrer außergewöhnlichen Ausdauer. Dank ihres vergleichsweise geringen Gewichts von 2230 kg und der aerodynamisch günstigen Auslegung mit einer Spannweite von über 20 Metern bei nur rund zehn Metern Länge verfügt die Drohne über sehr gute Segelflugeigenschaften. Unter idealen Bedingungen kann sie unter Beachtung von Wetterlage, Flugprofil und Nutzlast theoretisch bis zu 30 Stunden in der Luft bleiben.
Sensoren, Bewaffnung und vernetzte Einsatzführung
Die MQ-9B kann mehr als 2.000 Kilogramm "Nutzlast" in das Einsatzgebiet mitführen, damit ist das Beladen mit Waffen gemeint. Für den maritimen Einsatz sind verschiedene Sensoren vorgesehen, darunter leistungsfähige Kameras und Radarsysteme zur Überwachung der Meeresoberfläche, aber auch aktive Bewaffnung wie Flugkörper oder Bomben. Zur U-Boot Jagd wird ein Abwurfbehälter für Sonarbojen integriert werden. Damit wird die Drohne zu einem leistungsstarken Sensorträger zur Bekämpfung von Unterwasserzielen und der maritimen Aufklärung.
Die von den Sensoren gewonnenen Daten werden in Echtzeit an Bodenkontrollstationen übertragen, von denen aus die "Drohnenpiloten" der Marineflieger die Drohnen steuern. Gleichzeitig sollen auch andere Flugzeuge und Schiffe der Deutschen Marine auf diese Informationen zugreifen können. Eine gemeinsame Nutzung von Daten und Informationen mit befreundeten Marinen ist vorgesehen. Aufgrund der grundsätzlich einheitlichen Auslegung der Maschinen – nationale Sonderwünsche wurden u.a. aus Zeit- und Geldgründen nicht umgesetzt – ist diese Zusammenarbeit nahezu selbstverständlich. Gerade in der U-Boot-Jagd stellt das somit einen erheblichen operativen Sprung in die Zukunft dar.
Zulauf, Infrastruktur und Einarbeitung

Die acht MQ-9B Drohnen sowie die zugehörigen Bodenkontrollstationen werden künftig beim Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ im Standort Nordholz stationiert. Die ersten Systeme sollen der Deutschen Marine ab 2028 zulaufen. Bis zur Aufnahme des Flugbetriebs sind jedoch umfangreiche Vorbereitungen erforderlich, insbesondere das Ausbilden der Drohnenpiloten, Sensorenbediener und des technischen Personals sowie das Aufbauen der dazu gehörenden Infrastruktur. "Unbemannt" heißt eben nicht "ohne Personal", die Spezialisten für Wartung und Flug müssen angeworben und ausgebildet werden. Für die Wartung werden Hallen benötigt und vor allem eines: Platz. Dazu ließ der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, auf einer Tagung in Rostock Anfang Januar 2026 verlauten, man sei auf der Suche nach einem weiteren Fluggelände für das Marinefliegerkommando fündig geworden: man verhandle über den Flughafen Schwerin-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern.
Aus Erfahrung klüger
Die Bundeswehr kann davon profitieren, dass Großbritannien und Belgien die MQ-9B bereits einsetzen. Auch Dänemark hat 2025 vier MQ-9B "SeaGuardian" beschafft. Deren Erfahrungen können genutzt werden, um die Einführung der Drohne möglichst reibungslos zu gestalten. Die USA nutzen Drohnen dieser Bauart von General Atomics seit dem Ersteinsatz der MQ-9A "Reaper" im Jahr 2020. Berühmt berüchtigt wurden derartige Waffensysteme bei ihrem Einsatz in Afghanistan durch Großbritannien und die USA. Was aus dieser Erfahrung heraus in Deutschland zu heftigen Diskussionen führte und gar eine Ablehnung bewaffneter Drohnen nach sich zog und 2020 zu einem Rücktritt des verteidigungspolitischen Sprechers führte. Das hat sich gewandelt, auch wenn ethische und rechtliche Bedingungen komplex bleiben. Derzeit betreibt die Bundeswehr in der Luftwaffe bereits acht Drohnen vom Typ "Heron TP" des israelischen Herstellers IAI.

Die besatzungsfreien Maschinen (wem "unbemannt" nicht genderkorrekt genug ist) haben den Vorteil, keine Sicherheits- und Überlebenssysteme für Besatzungen tragen zu müssen. Abgesehen von der geringen Gefährdung für die Bediener kommt der Gewichts- und Reichweitenvorteil direkt der operativen Durchhaltefähigkeit zu gute. Das bedeutet aber nicht, dass die Drohnen eine Konkurrenz zu den klassischen MPA sind, wie eine namhafte deutsche Flug-Fachzeitschrift im Juni 2025 behauptete, denn erst die Kombination beider macht den operativen Mehrgewinn aus. Dass in kriegerischer Auseinandersetzung – wie im Schwarzen Meer bitter erfahren – eine MPA mit Besatzungen hochgefährdet ist, führt zu einem vermehrten Einsatz von unbemannten Systemen. Bei der Überwachung von Meeres-Infrastruktur und Präsenzoperationen im Frieden oder in Krisen ist das schnell verfügbare menschliche Auge jedoch nach wie vor wichtig.

Anders als bei der gescheiterten Beschaffung der "Euro Hawk", die ebenfalls eine Option für die Marine zu sein schien und nun auf dem Flugplatz Berlin-Gatow als museale Bruchlandung zu sehen ist, ist die MQ-9B für eine Zulassung zertifiziert, sowohl für den internationalen als auch deutschen Luftraum. Eine langjährige Zusammenarbeit der Marineflieger mit General Atomics USA (https://www.ga.com/) besteht über deren deutsche Niederlassung und der Wartung der Dornier DO 228, die von der Deutschen Marine im Auftrag des Verkehrsministeriums betrieben wird.
kdk, hsc

