Ostsee, Mecklenburger Bucht, vor der Küste des Ostseebades Boltenhagen. Foto: Phillipp Steiner

Ostsee, Mecklenburger Bucht, vor der Küste des Ostseebades Boltenhagen. Foto: Phillipp Steiner

DWT-Special: Munitionsaltlasten – Sprengstoff bergen vom Ostseegrund

Taucher: „Man weiß nicht, was man bekommt da unten“

Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Land, das den großen Krieg vom Zaun gebrochen hat, hat ihn auch verloren und ist vielerorten zerstört. Doch Hunderttausende Tonnen Munition, die die Armeen der Nationalsozialisten nicht mehr abfeuern konnten, lagern noch im Land: Bomben und Minen, Patronen, Torpedos und Co. Eine gefährliche Hinterlassenschaft, welche die Siegermächte loswerden wollen. In großem Stil wird deshalb in der Nachkriegszeit Munition vor den deutschen Küsten in Nord- und Ostsee verklappt. Ein Umweltbewusstsein wie heute fehlt damals, das Motto lautet offenbar: Aus den Augen, aus dem Sinn.

September 2025 an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. An einem frühherbstlichen Tag soll hier vor dem idyllischen Boltenhagen ein winziger Teil des Kriegserbes geräumt werden. Und zwar von der „Baltic Lift“ aus. Es handelt sich um eine etwa 54 mal 18 Meter große Plattform. Bei der Anfahrt mit einem Crew-Transfer-Boot von Boltenhagen aus erkennt man als erstes ihre beiden großen Kräne sowie die orangefarbenen Aufbauten an Deck. An einer Seite der „Baltic Lift“ sind zwei Aufzüge installiert. Sie führen hinunter zum Meeresgrund.

Taucher Dirk Schoenen bereitet sich auf seinen Einsatz vor. An seinem Helm sind Licht und Kamera montiert, sodass die Kollegen auf der Plattform „Baltic Lift“ seine Arbeit an Bildschirmen verfolgen können.
Taucher Dirk Schoenen bereitet sich auf seinen Einsatz vor. An seinem Helm sind Licht und Kamera montiert, sodass die Kollegen auf der Plattform „Baltic Lift“ seine Arbeit an Bildschirmen verfolgen können.

Am Mittag macht sich Dirk Schoenen aus Rostock bereit, den einen Aufzug zu besteigen. Er ist Berufstaucher. Man sieht dem 60-Jährigen mit den kurzgeschorenen Haaren und dem grauen Stoppelbart seine Erfahrung an. Er tauche seit 1986, wird Schoenen später verraten. Kollegen helfen ihm beim Anlegen der schweren Ausrüstung. Der schwarze Anzug, der so dick ist, dass er den Taucher an der Oberfläche ins Schwitzen bringt, mehrere Paar Handschuhe übereinander, eine Pressluftflasche auf dem Rücken, die eine Notration Atemluft enthält, und der gelb-orangene Taucherhelm.Der Helm ist mit einem Schlauch verbunden, der von der Plattform aus mit Atemluft gespeist wird. Zudem sind am und im Helm eine Sprechverbindung, Licht und Kamera montiert. So steigt Schoenen auf den Gitterrost des Aufzuges, hält sich am Geländer fest. Der Lift bewegt sich summend abwärts und Schoenen verschwindet im graublauen Wasser der Ostsee.

Was ist bekannt über die Stelle, an der Schoenen hinabtaucht? Volker Hesse hat es vorher, noch an Land in Boltenhagen, den heutigen Besuchern der „Baltic Lift“ erläutert. „Wir haben es hier mit einer Schute zu tun, die in den Nachkriegsjahren, das weiß man nicht genau, entweder dort versenkt worden ist oder also einfach gesunken ist.“ Während die Schute unterging, hat sie sich offenbar gedreht und ihre Ladung verloren. Die bestand aus Munition und bildet nun, zum Teil verrottet und verrostet und miteinander verbacken, zusammen mit hölzernen Transportkisten oder deren Überresten in gut zwanzig Metern Tiefe ein „Haufwerk“, wie Hesse es ausdrückt.

Taucher Dirk Schoenen nimmt den Aufzug hinab zum Grund der Ostsee. Der Rostocker steigt von der Plattform „Baltic Lift“ ab, um Munition zu räumen.
Taucher Dirk Schoenen nimmt den Aufzug hinab zum Grund der Ostsee. Der Rostocker steigt von der Plattform „Baltic Lift“ ab, um Munition zu räumen.

Hesse ist Ingenieur und einer der Koordinatoren des Bundesprogrammes Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee. Das Programm hat die damalige Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) 2023 gestartet. Es soll die systematische Räumung der Kriegsmunition aus den deutschen Meeresgewässern einleiten. Die Arbeit der „Baltic Lift“ ist ein Pilotprojekt im Rahmen des Bundesprogrammes. Hier geht es (noch) nicht darum, möglichst viel Munition zu bergen. Vielmehr ist das Ziel dieses und dreier abgeschlossener Pilotprojekte in der Mecklenburger Bucht, Erfahrungen zu sammeln, die für die spätere, systematische Räumung hilfreich sind. Bei den Pilotprojekten hätten sie schon viel über die Kampfmittel im Meer erfahren, sagt denn auch Hesse. „Also wie wir die handhaben müssen, wie wir die angreifen müssen, wie wir die dann zerlegen müssen.“

Heute also ist Taucher Dirk Schoenen im Einsatz, um Erfahrungen für das Projekt zu sammeln. Von der Plattform lässt sich sein Einsatz verfolgen. Schoenens Stimme und blubbernde Atemgeräusche ertönen aus mehreren Lautsprechern. Die Bilder seiner Helmkamera werden auf Monitoren gezeigt. Ansprechpartner an der Oberfläche sind Tauchereinsatzleiter Jan Stelljes und Räumstellenleiter Kay-Uwe Huth. Sie haben in einem Container auf der „Baltic Lift“ Posten bezogen. Er ist mit viel Elektronik, Anzeigen und Bildschirmen bestückt.

Nicht alles, was vom Gespräch aus den Lautsprechern dringt, ist gut verständlich. Aber letztlich berichtet Schoenen, was er unter Wasser sieht und ertastet. Und die Kollegen an der Oberfläche beraten ihn und geben Anweisungen. Sie sagen etwa: „Also haben wir zwei Granaten, ja?“ Schoenen: „Ja, wir haben eine Granate mit Transportbox und eine einzelne.“ Nach einiger Zeit wieder Schoenen: „Also die Reste der Kartusche hängen noch zusammen mit dem Granatenboden.“ Die Kollegen oben: „Ja, sieht man gut, Dirk. Alles klar, dann halt mal kurz mal einen Zollstock drüber…“ Schoenen: „…bis zum Granatenboden fünf Zentimeter, somit ist davon auszugehen, dass das ‘ne 12,8-Zentimeter-Granate ist…“

Später steigt Schoenen auf zu einem sogenannten Sortierplatz, um die Funde weiter zu identifizieren und in Kisten zu sortieren. Auch dieser Sortierplatz liegt unter Wasser, er hängt von der Bordwand der „Baltic Lift“. Der Platz wird genutzt, damit die Munition nicht auf die Plattform muss. Hier verpasst Schoenen seinen Funden auch Nummern, sodass sie rückverfolgbar sind. Denn vom Sortierplatz werden sie später in geschlossenen Spezialbehältern weiterverfrachtet. Entweder an Land oder zu einem Zwischenlager auf dem Meeresgrund – dessen Koordinaten geheim bleiben –, wo sie auf die endgültige Entsorgung warten. Wie und wann die erfolgt, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen.

Fund: Taucher Dirk Schoenen hält eine am Ostseegrund gefundene Munition. Zu sehen ist das Video auf einem Bildschirm auf der Plattform „Baltic Lift“.
Fund: Taucher Dirk Schoenen hält eine am Ostseegrund gefundene Munition. Zu sehen ist das Video auf einem Bildschirm auf der Plattform „Baltic Lift“.

Auf den Bildschirmen sind derweil Schoenens Hände in den blauen Handschuhen zu beobachten. Zum Beispiel, wie er einen schwarz-grauen Klumpen nimmt und mit einem Hammer Anhaftungen abklopft. Weißlicher Staub verteilt sich im Wasser, ein zylinderförmiges Etwas tritt zutage – wohl ein Geschoss aus dem Zweiten Weltkrieg. Als Schoenen auf die Plattform zurückgekehrt ist, erläutert er seine Arbeit. Gefunden habe er unter anderem „Holzkisten oder das, was davon übrig ist, noch zusammen mit Kartuschen und Treibladungsteilen, die noch übriggeblieben sind und noch nicht oxidiert sind“. Zudem eine einzelne Granate vom Kaliber 12,8 Zentimeter, die im Boden steckte. Und eine Kiste mit Zwei-Zentimeter-Munition, die aber eigentlich nicht mehr existiert. „Im Prinzip sind nur noch drei Bretter davon übrig, der Rest ist nur noch der zusammengewachsene Block.“

Der Taucher erklärt das Arbeiten mit dem Hammer. Das sehe „vielleicht erstmal schlimm aus“. Aber man habe ein System, um die Geschosse zu reinigen. Er arbeite sich an den Seiten, die unbedenklich seien, zum Heck beziehungsweise nach vorn zum Zünder vor. Als größte Herausforderung nennt der 60-Jährige die Ungewissheit. „Wir haben zwar eine grobe Richtung, was alles in dieser Verklappungsstelle vorhanden sein müsste. Aber damals wurden auch keine wirklich genauen Bücher geführt, oder Ladungslisten oder sowas existiert nicht.“

Über acht Jahrzehnte sind seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Seine Hinterlassenschaften verschmutzen immer noch das Meer. In Deutschland wird die systematische Räumung vorbereitet. Gleichzeitig ist unklar, welche Objekte genau wo und in welchem Zustand herumliegen. Oder wie Taucher Dirk Schoenen es ausdrückt: „Man weiß nicht, was man bekommt da unten.“

Kriegserbe im Meer

Überraschungen möglich: Neben Munition wird auch sonstiges Kriegsgerät aus der Ostsee geborgen.
Überraschungen möglich: Neben Munition wird auch sonstiges Kriegsgerät aus der Ostsee geborgen.

Bis zu 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition sollen in den deutschen Meeresgewässern liegen. Das geht aus einer umfassenden Bestandsaufnahme von Experten aus Bund und Küstenländern von 2011 hervor.

Bis zu 1,3 Millionen Tonnen werden in der Nordsee vermutet, rund 300.000 Tonnen in der Ostsee. Den Löwenanteil bildet konventionelle Munition, hinzu kommt eine im Vergleich geringe Menge chemischer Kampfmittel. Sie geriet etwa bei Kämpfen, Manövern oder Unfällen ins Meer. Ein Großteil wurde aber nach dem Zweiten Weltkrieg geplant verklappt.

Grundsätzlich kann Munition auch nach Jahrzehnten noch explodieren. Aber zuletzt rückte eine andere Gefahr ins Bewusstsein: Die verrostenden und verrottenden Objekte setzen schädliche Stoffe wie den Sprengstoff Trinitrololuol (TNT) frei. Forscher haben derartige Substanzen bereits in Wasser, Sediment und Meerestieren festgestellt.

Schon heute wird immer mal wieder Munition im Meer geräumt, etwa wenn sie bei Baggerarbeiten auftaucht. Sie wird dann zum Beispiel vor Ort gesprengt oder an Land entsorgt. Doch das sind mehr oder weniger ad-hoc-Räumungen. Künftig jedoch sollen die deutschen Meeresgewässer, insbesondere die großen Verklappungsgebiete, systematisch und vorsorglich geräumt werden.

Deshalb hat die damalige Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) Anfang 2023 den Startschuss für ein 100 Millionen Euro schweres Programm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee gegeben. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung und der Bau einer Industrieanlage zur Entsorgung von Munition im Meer. Die Objekte würden dann auf einer schwimmenden Plattform verbrannt und damit entsorgt. Wobei der Betrieb nicht Teil des Programmes ist, sondern neu finanziert werden muss. Im September 2024 begann das Vergabeverfahren.

Im Rahmen des Bundesprogrammes wurden auch vier Pilotprojekte in der Ostsee durchgeführt. Dabei ging es um die Bergung von Munition, noch nicht um ihre Entsorgung. Das Projekt vor Boltenhagen mit der „Baltic Lift“ war eines davon.

Phillipp Steiner

Anzeigen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


de_DEGerman