European Combat Vessel ECV - Foto: EDA

European Combat Vessel ECV - Foto: EDA

European Combat Vessel – Europas Marineprojekt nimmt Gestalt an

Am 15. Januar 2026 hat die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) in Brüssel mit den sieben beteiligten Marinen und Vertretern der Industrie die High‑Level-Requirements für das European Combat Vessel (ECV) diskutiert. Mit dem weitgehend abgestimmten Fähigkeitsprofil soll eine europäische Familie von Überwasserkampfschiffen entstehen, die Europas Flotten der 2040er Jahre prägen soll.

Vom Systems‑to‑Hull‑Ansatz zur Fregattenfamilie

European family of ships. Grafik. EDA
European family of ships. Grafik. EDA

Aus maritimer Sicht ist ECV vor allem der Versuch, die schwimmenden Plattformen von der künftigen ‚Arbeitspferd-Fregatte‘ bis hin zum Flotten-Flaggschiff in einem gemeinsamen Entwurf abzubilden. Die EDA‑Dokumente definieren drei Größenklassen – Klein (<3.000 Tonnen), Mittel (4.500–6.000 Tonnen) und Groß (7.000–8.000 Tonnen) – die als ‚Familie modularer Schiffe‘ eine durchgehende Linie vom Begleitschiff über ein Mehrrollen-Kampfschiff bis hin zur Führungsplattform bilden. Allen gemeinsam sind 10.000 Seemeilen Reichweite bei 15 Knoten, 30 Tage Seeautarkie und weltweite Einsatzfähigkeit bis Seegang 6+.

Multi‑Domain‑Kampfraum: Luft, Oberfläche, Unterwasser, Cyber

Die operative Klammer ist breit angelegt. Im Frieden sollen ECV‑Einheiten Präsenz zeigen, SLOC sichern, EEZ‑Interessen wahren, Maritime Security Operations und Unterstützung nach Naturkatastrophen (HADR) leisten – inklusive klassischer Aufgaben wie Fischereiaufsicht, Umweltschutz und Bekämpfung illegaler Aktivitäten. In Krisen können sich ihre Rollen um Maritime Interdiction Operations, strategische Vorpositionierung, A2/AD in allen Domänen und Evakuierungsoperationen erweitern. Im bewaffneten Konflikt wird die volle Palette gefordert: Sea Control und Sea Denial, integrierte Luft‑ und Raketenabwehr (IAMD/AAW), Anti‑Surface‑ und Anti‑Submarine Warfare, Strike Warfare und Naval Gunfire Support.

Stealth-Korvette "C Sword 90". Grafik: CMN France
Stealth-Korvette "C Sword 90". Grafik: CMN France

Die Anforderungen des Multi-Domain-Ansatzes nennen 4D‑Luftsuchradare, hochvolumige Luftraumaufklärung, ein vollständiges Spektrum an AAW‑Effektoren und – in den großen Versionen – BMD‑Optionen. Im Überwasserbereich sind Hyperschall‑Seezielflugkörper mit Reichweiten von deutlich über 75 Seemeilen gefordert, ergänzt durch ein 76mm‑Hauptkaliber, Railgun‑Option und Munition für präzisen Feuerkampf. Für den Unterwasserkrieg sollen ECVs über eine Kombination aus Rumpf‑ und Schleppsonaren, Variable Depth Sonar, Sonobojen und leichte Torpedos verfügen; explizit erwähnt werden auch sehr leichte und superkavitierende Hochgeschwindigkeits‑Torpedos.

UxV‑Mothership und Flaggschiff‑Fähigkeit

Die Plattformen sind als UxV‑„Motherships“ konzipiert. Alle Varianten müssen UAV, USV und UUV/AUV betreiben können. Die Versionen Mittel und Groß mit Hangarkapazitäten für mittlere Mehrzweckhelikopter und taktische Drohnen, die kleineren Versionen mit reduziertem, aber kompatiblem Ansatz. Die in der Konferenz ausgeteilte Dokumentation betont den „Teaming“-Gedanken: UxVs sollen nicht nur als Verlängerung der Sensor- und Waffenreichweite dienen, sondern in Schwärmen operieren, Datenfusion unterstützen und die eigene Signatur im EM‑ und akustischen Bereich entlasten.

Das ECV wird als C2‑Multipurpose‑Plattform definiert. Das Combat Management System soll AI‑gestützt arbeiten, Multi‑Sensor‑Datenfusion leisten und verteilte Kampfnetze mit Edge/Fog‑Computing bis an die taktische Kante bereitstellen. Die Schiffe müssen in gestörten Verbindungsumgebungen (C2D2E, DDIL) operieren können – das heißt Führen eines maritimen Lagebildes mit Zielzuweisung und Verbandsführung auch bei gestörten oder ausgefallenen GNSS‑ und SATCOM‑Verbindungen. Gefordert sind NATO‑konforme Datenlinks (u.a. Link‑16/22, JREAP, VMF) und die Fähigkeit zur Cooperative Engagement Capability, perspektivisch auch zu Joint Composite Tracking.

Zwischen kompakter Fregatte und Kampfkreuzer

Stealthy ships from Sweden – Visby 2. Generation. Grafik: Saab
Stealthy ships from Sweden – Visby 2. Generation. Grafik: Saab

Im französischen Fachdiskurs wird die Zukunft der Überwasserschiffe entlang der Linie „frégates compactes“ versus „croiseurs de combat“ beschrieben. Aus französischer Flottensicht übersetzt ECV diese Formatdebatte in ein abgestuftes, aber kohärentes Fähigkeitsbild: Die Versionen ‚Klein‘ und ‚Mittel‘ liegen im Bereich der heutigen Mehrzweck‑Fregatten – mit zusätzlicher Multi‑Domain‑Tiefe – während die große Variante mit 7.000–8.000 Tonnen, umfangreicher AAW/BMD, Flaggschiff‑C2, DEW‑Option und ausgeprägter UxV‑Mothership‑Rolle operativ näher an einem europäischen „Kampfkreuzer“ angesiedelt ist.

Industrie, ILS und Technologietransfer

Für die Flottenplanung der beteiligten Marinen bedeutet das: ECVs sind weniger eine Einzelklasse als eine Fähigkeitsfamilie, die nationale Linien perspektivisch ablösen oder ergänzen können. Italien, Spanien und die Niederlande können künftige Fregatten‑ und Führungsplattformen innerhalb eines gemeinsamen Rasters denken. Kleinere Marinen erhalten Zugang zu einem Hochwertstandard, der sonst kaum finanzierbar wäre. Gleichzeitig geht aus der mitgelieferten Dokumentation eine stark integrierte Logistik Komponente (ILS) hervor – von verteilten Wartungs‑ und Upgradefähigkeiten bis zu Technologie‑Transfer und nationalen Zertifizierungsstellen. Damit soll Betriebswirklichkeit, Einsatzverfügbarkeit und nationale Souveränität über den gesamten Lebenszyklus der Schiffe entsprochen werden.

Fazit

Future European Combat Vessel - Flyer. Foto: EDA
Future European Combat Vessel - Flyer. Foto: EDA

Für die Marine‑Community bleiben zentrale Fragen offen. Werden ECVs das Rückgrat einer künftigen europäischen „blue‑water surface force“, oder nur ein weiteres, zu ambitioniertes Papierprojekt? Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die sehr hohen technologischen Ziele (‚direct energy weapon‘, Hyperschall, verteiltes C2, UxV‑Schwarm) mit realistischen Zeit‑ und Kostenpfaden zu hinterlegen.

Wird es gelingen, Schlüsselnationen wie Deutschland, Frankreich und Italien zum Einstieg zu bewegen? Oder wird an nationalen Linien festgehalten? Aus deutscher Sicht bemerkenswert sind die Dimensionen. Anders als bei der zukünftigen Fregatte F127 bescheidet sich ECV mit einer Verdrängung weit unter 10.000 Tonnen – noch.

Aus heutiger Sicht ist ECV das erste Konzept, das die maritimen Fähigkeiten Europas nicht mehr additiv, sondern als vernetzte, multi‑modulare Flottenarchitektur denkt – vom kleinen Begleitschiff bis zur hochgerüsteten Führungs‑ und Gefechtsplattform.



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