Warum will der Bär auf den Eisberg? Foto: US Coast Guard / C. Mendenhhall

Warum will der Bär auf den Eisberg? Foto: US Coast Guard / C. Mendenhhall

Grönlands geopolitische Bedeutung: Wo entscheidet sich die Zukunft Europas?

Grönland ist die größte Insel der Welt. Lange Zeit lag Grönland nur am Rande geopolitischer und ökonomischer Bedeutung. Seine einzigartige geografische Lage zwischen dem Arktischen und Atlantischen Ozean, der Einfluss des Klimawandels, reiche Bodenschätze und der amtierende US-Präsident haben Grönland in das Zentrum strategischer Bedeutung gerückt. 

Schon 2019 während seiner ersten Amtszeit sorgte der US-Präsident weltweit für Aufsehen, als Berichte über sein Interesse am Kauf von Grönland öffentlich wurden. Diese Nachrichten lösten zahlreiche Diskussionen über die Motive, die Machbarkeit und die geopolitischen Auswirkungen eines solchen Vorhabens aus.

Die Welt aus Sicht des Grönländers. Grafik: Wikipedia
Die Welt aus Sicht des Grönländers. Grafik: TUBS -     CC BY-SA 3.0

Grönlands Geschichte

Die Geschichte Grönlands ist geprägt von der Besiedlung durch die Inuit vor über 4.000 Jahren, der Ankunft der Wikinger im 10. Jahrhundert und der etwa im 14. Jahrhundert beginnenden Kolonialisierung durch Dänen und Norweger. Seit 1814 wird Grönland aus Kopenhagen verwaltet. Als Dänemark im 2. Weltkrieg durch die Deutschen besetzt wurde, übernahmen die USA die Kontrolle und Sicherung Grönlands und errichteten zahlreiche Militärstützpunkte auf der Insel. Nach dem 2. Weltkrieg fiel die Kontrolle über Grönland zurück an Dänemark und die USA reduzierten ihre Truppenpräsenz. Mit der dänischen Verfassungsreform von 1953 wurde Grönland offiziell entkolonialisiert und als Provinz gleichberechtigter Teil in das Königreich Dänemark integriert. 1979 erlangte Grönland weitreichende Autonomie. 2009 wurde die Selbstverwaltung weiter ausgebaut. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Inuit, deren Traditionen und Lebensweisen eng mit dem arktischen Umfeld verbunden sind. Im letzten Jahrzehnt ist Grönland international zunehmend in den Fokus gerückt. Der Klimawandel öffnet zunehmend die arktischen Gewässer für die Schifffahrt und erlaubt Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Abbau der bislang unter einer kilometerdicken Eisschicht ruhenden Bodenschätze.

Grönland geopolitische Bedeutung – die Arktis definiert durch Polarkreis, Temperatur und Baumgrenze. Grafik: researchgate.net
Grönland geopolitische Bedeutung – die Arktis definiert durch Polarkreis, Temperatur und Baumgrenze. Grafik: researchgate.net

Grönland geopolitische Bedeutung und die US-amerikanische Interessen 

Seit 2023 Pituffik Space Base, ehemals Thule Air Base. Bild: US-Space Force
Seit 2023 Pituffik Space Base, ehemals Thule Air Base. Bild: U. S. Space Force

Die USA behielten den im Kalten Krieg im Jahr 1951 eröffneten und auch heute noch strategisch bedeutsamen Luftwaffenstützpunkt in Thule (seit 2023 PITUFFIK SPACE BASE) mit dem strategischen Frühwarnradar im Nordwesten Grönlands. Dort sind nur noch etwa 175 Amerikaner stationiert. Lässt man narzisstische Beweggründe und Geltungssucht des US-Präsidenten beiseite, bleiben für die USA konkrete strategische Interessen, die eng mit Grönland verbunden sind. Grönland ist der nächste östliche Nachbar zu den USA. Aufgrund seiner Lage zwischen Nordamerika und Europa spielt Grönland eine tragende Rolle in Sicherheits- und Verteidigungsfragen. Wer Grönland besitzt, der beherrscht die Gegenküste von Murmansk, dem wichtigsten nuklearen Stützpunkt Russlands. Wem Grönland gehört, der ist auch in der Lage, den östlichen Ausgang des Arktischen Ozeans zu kontrollieren. Das Greenland-Iceland-UK-Gap (GIUK) ist die maritime Lücke, die alle atomar bestückten U-Boote Russlands passieren müssen, um in freie Gewässer zu gelangen. Alle diese strategischen Interessen der USA werden gegenwärtig übrigens umfänglich bedient, denn die USA, Dänemark, Norwegen und Kanada verfügen über entsprechende Verträge und eine seit Jahrzehnten bewährte arktische Kooperation. 

Die Arktis - geografisch gesehen. Grafik: US NOAA
Die Arktis - geografisch gesehen. Grafik: US NOAA

Die amerikanische Administration gibt an, durch einen Erwerb Grönlands verhindern zu wollen, dass Mächte wie China oder Russland ihren Einfluss in der Arktis ausbauen. Tatsächlich gibt es in der Rhetorik Pekings zwar eine „polare Seidenstrasse“, aber keine Anzeichen für die Absicht, den Arktischen Raum dauerhaft militärisch nutzen zu wollen. Russland selbst besitzt bereits den größten Anteil am Arktischen Meer und hat bisher – wie auch schon die Sowjetunion – kein Interesse an Grönland gezeigt. Vielmehr ist Russland an der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen (Svalbard) interessiert. Ohnehin ist die Sicherung der eigenen arktischen Staatsgebiete in der aktuellen Lage bereits Herausforderung genug.

USCGC Storis. Foto: U.S. Coast Guard
USCGC Storis. Foto: U.S. Coast Guard

Grundsätzlich könnte man aber mit einer potentiellen Bedrohung arktischer Territorien durch Russland und China argumentieren. Wäre sie tatsächlich vorhanden, so hätten die USA jedoch selbst in Alaska dieser kaum etwas entgegen zu setzen: Die US Coast Guard besitzt ganze zwei Eisbrecher („USCGC Healy“, 17.000 Tonnen, und „USCGC Storis“ 13.000 Tonnen), die US Navy hat keine eisfähigen Plattformen – allerdings, es wird nachgerüstet. In der kaum 70 Kilometer breiten Beringstraße trennen Russland und die USA lediglich eine zwei Kilometer breite Eisfläche zwischen den beiden Diomedes-Inseln – dort passiert - nichts, denn das Gebiet ist weitläufig unbewohnt.

USCGC Healy. Foto: U.S. Coast Guard / N. Cangemi
USCGC Healy. Foto: U.S. Coast Guard / N. Cangemi

Es bleiben auf US-Seite also doch nur die wirtschaftlichen Interessen, es geht um Deals für Öl, Gas und andere Rohstoffe auf grönländischem Boden. Deren Abbau wird zunehmend technisch möglich und wirtschaftlich interessant. Und zumindest China verfügt über ausreichend finanzielle Mittel, um sich schleichend in den industriellen Rohstoffabbau einkaufen zu können – was es sinnvollerweise zu verhindern gilt. Aber das ist wiederum souveräne Aufgabe Dänemarks und der Grönländer selbst – vielleicht auch unter sicherheitspolitischem Aspekt in einem europäischen Kontext.

Grönlands Zukunft

Wie es nun aber aussieht, wird Grönlands Zukunft auch weiterhin durch die Grönländer bestimmt. Gemäß des Gesetzes zur Selbstverwaltung vom Juni 2009 liegt die Entscheidung über Grönlands Unabhängigkeit bei der Bevölkerung. Und diese hat im Januar 2025 bereits mit 85%-iger Mehrheit einen Anschluss als 51. Staat der USA abgelehnt. Die Europäer haben in Davos eine Einigkeit und Bestimmtheit in ihrem Widerstand gezeigt, die Trump offensichtlich beeindruckt und – vorerst zumindest – von Annexionsabsichten der Insel abgeschreckt hat. 

Dänemark - mit Grönland. Grafik: ZDF/InvestmentWeek

Was keiner für möglich gehalten hätte: Das bisher eher unbedeutende Grönland wurde zum Testfall für die Kohäsion der NATO. Zurück bleibt ein transatlantischer Scherbenhaufen, der nun vor allem in den europäischen Hauptstädten aufgekehrt werden muss. Ein Weiter-wie-bisher kann es nicht mehr geben. Europa muss seine gesamte – nicht nur die arktische – Sicherheitsarchitektur auf neue, eigene Füsse stellen. Die Ressourcen dafür wären da, jetzt braucht es politische Einigkeit und selbstbewussten Gestaltungswillen. Die EU hat seit dem Jahr 2000 sogar den richtigen Leitspruch dafür: In varietate concordia. In Vielfalt geeint.

Kooperation als strategische Pflicht

Im arktischen Raum sind die Sicherheitsinteressen der USA infolge einer jahrzehntelangen Vernachlässigung der Nordflanke erkennbar abhängig von einer erfolgreichen Kooperation mit den westlich geprägten Anrainern. Angesichts wachsender strategischer Konkurrenz in der Arktis ist eine abgestimmte Bündnisplanung zwingend. Diese zu vertiefen und auszubauen ist Aufgabe der Politik, der Diplomatie und der Streitkräfte des Bündnisses, um Interoperabilität und gemeinsame Handlungsfähigkeit im arktischen Norden systematisch zu stärken.

Die Frage bleibt: will Amerika das hören?

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