Paris Naval Conference 2026, Foto: IFRI

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Paris Naval Conference 2026: Maritime Aufrüstung und Operationen in umstrittenen Gewässern

Was auf das maritime Europa zukommt – und die Marinen daraus machen sollten

Die Botschaft der Paris Naval Conference 2026 (2./3. Februar): Die Zeit, in der man sich hinter symbolischen Beiträgen und langen Projektlaufzeiten verstecken konnte, läuft ab. Ob Europas maritime Abschreckung trägt, wird sich wesentlich daran entscheiden, ob sich – in unserem Fall – Deutschland, seine Marine und die deutsche maritime Industrie in den nächsten Jahren tatsächlich auf Kriegsfähigkeit und industrielles Tempo trimmt.

Die Beiträge der vom IFRI (Institut Français des Relations Internationales) veranstalteten Konferenz zusammenfassend entscheidet sich die künftige Glaubwürdigkeit europäischer Abschreckung nicht nur vor Brest, Portsmouth und Norfolk, sondern ebenso in Wilhelmshaven, Eckernförde und bei der deutschen Rüstungsindustrie. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Deutschlands Marine und Industrie, wenn Europa seine bis etwa 2030 geforderte Kriegsfähigkeit an der Nordflanke, in der Ostsee und ihren Zugängen erreichen will.

Die im „Kurs Marine 2025“, im Zielbild 2035+ und im „Commanders Intent 2026“ des Inspekteurs Marine formulierten Ziele werden auf Zeit und Durchhaltefähigkeit hin bestärkt.

Deutschland als Schlüssel an der Nordflanke

Die Konferenz beschrieb die Rückkehr der hochintensiven Seekriegsführung im Nordatlantik, in Nord- und Ostsee – mit Russland als Hauptbedrohung und hybriden Aktivitäten gegen Unterwasser‑Infrastruktur, Häfen und Offshore‑Anlagen. Für Deutschland hieße dies:

  • Die Marine bleibt Kernakteur an der NATO‑Nordflanke, mit Verantwortung von der Ostsee über die Nordsee bis in den nördlichen Atlantik.
  • Die im „Kurs Marine 2025“ formulierte Fokussierung auf Abschreckung an der Nordflanke, hohe Einsatzbereitschaft bis 2029 und technologischen Umbau bis 2035 wird durch Paris bestätigt, unter höheren Zeitdruck gesetzt und in einen europäischen Erwartungsrahmen gestellt.

Paris 2026 setzt die Akzentuierung darauf, dass es weniger die Frage ist, ob Deutschland „beiträgt“. Vielmehr ginge es darum, ob es im Ostseeraum und an der Zuführungslinie nach Skandinavien als verlässlicher Hauptträger von Präsenz und Seeraumkontrolle wahrgenommen wird.

Militärische Erwartungen an die Deutsche Marine

Die in Paris umrissenen Anforderungen – Luft‑See‑Überlegenheit, Schutz kritischer Infrastruktur, Durchhaltefähigkeit – decken sich mit dem deutschen Fähigkeitsprofil: moderne Sensorik, U‑Jagd‑Fähigkeit, Flugkörper mit großer Reichweite und unbemannte Systeme im Kernauftrag. Ein Profil, das im „Commanders Intent 2026“ des Inspekteurs der Marine geschärft wird.

  • Der Inspekteur fordert explizit den Aufbau einer Drohnenflotte der Deutschen Marine und die konsequente Integration unbemannter Systeme unter, auf und über Wasser, einschließlich Loitering Munition.
  • Er knüpft dies an klare Vorgaben zur Einsatzbereitschaft – zwei Drittel der Einheiten sollen verfügbar sein, „ein Schiff in der Werft schreckt nicht ab“ – und betont, dass Harmlosigkeit „keine Strategie zur Konfliktvermeidung“ sei.

Abschreckung = Kriegstüchtigkeit

Damit liegt Admiral Kaack auf der gleichen Linie wie der französische Generalinspekteur General Fabien Mandon, dessen Aussagen sich auf die Formel bringen lassen: Abschreckung heißt Kriegstüchtigkeit – materiell, technologisch und mental. Er eröffnete die Konferenz trocken mit „Today, we are preparing for war“.

Mandon beschreibt die Marine als ersten Schutzwall nationaler Souveränität und Hüterin einer globalisierten Wirtschaft. Nicht nur wegen der 80–90 Prozent lebenswichtiger Güter, die über See transportiert werden. Mit Beispielen wie dem Umfahren Afrikas wegen der Bedrohungen im Roten Meer und der Operation „Cleaners“ gegen russische Ölexporte verbindet er Seeoperationen mit Wirtschaftskrieg. Gleiches gilt für Untersee‑Kabel als Rückgrat der digitalen Wirtschaft. Er erinnert, dass nur die See den Massentransport von Kräften und Material in einen Konflikt ermöglicht. Er fordert mehr Lethalität (mehr Flugkörper an Bord, mit größeren Reichweiten) und mehr Schiffe – „was zählt, ist Masse“. Gleichzeitig warnt er vor der „Transparenz“ des Gefechtsfelds durch Quantentechnik, Weltraum und Akustik und verweist auf Dronen-Kriegführung (Ukraine, Huthi) sowie die Notwendigkeit von KI‑unterstützter Auswertung bei gleichzeitiger Cyber‑Resilienz.

General F. Mandon, Copyright IFRI - Copyright: IFRI, https://www.ifri.org/fr/conference-navale-de-paris-2026-rearmement-naval-et-operations-en-eaux-contestees

Verdichtet man die Linien der Konferenz, so ergeben sich für die Deutsche Marine mehrere Erwartungsfelder:

  • Durchhaltefähigkeit: Ost‑ und Nordsee sind nicht nur militärische Räume, sondern industrielle Lebensadern – für Energie, Handel, Daten. Vigilance‑ und Abschreckungsoperationen wie in „Baltic Guard“ müssen längerfristig mit höherer Intensität gefahren werden können – trotz der kleinsten Marine in der Geschichte der Bundeswehr.
  • Multi‑Domain‑Fähigkeit: Die Forderung nach „victory at sea“ in komplexen Gefechtsfeldern deckt sich mit der deutschen AuffassuParis Naval Conference 2026: Was jetzt auf die Deutsche Marine und Europas Abschreckung zukommtng: Moderne Sensorik, U‑Jagd‑Fähigkeit, Flugkörper mit großer Reichweite und unbemannte Systeme, wie im Zielbild 2035+ und „Kurs Marine 2025“ angelegt, werden zu entscheidenden Parametern.
  • Unbemannte Systeme: Die Konferenz betont unbemannte Plattformen und datengetriebene Gefechtsführung – exakt jene Linie, die Vizeadmiral Kaack als „Drohnenflotte der Deutschen Marine“ über und unter Wasser skizziert.
  • Kritische Infrastruktur: Der Schutz von Daten‑ und Lieferketten, Untersee‑Kabeln und Offshore‑Infrastruktur wird zu einem Kernauftrag, der direkt in die deutsche Wirtschafts‑ und Industriepolitik hineinreicht.

Die deutsche Linie findet sich in Paris durchaus bestätigt – die Fragen sind Tempo und Konsequenz der Umsetzung.

Industriepolitische Erwartungen an Deutschland

In der Konsequenz heißt dies, dass Abschreckung zur Industriefrage geworden ist: „industrial tempo“ und resiliente Lieferketten wurden als gleichrangig zur Flottengröße eingeordnet. Werft‑ und Rüstungskapazitäten müssen Verluste ersetzen und Systeme schnell nachproduzieren können, damit Abschreckung glaubwürdig bleibt.

Für Deutschland folgt daraus:

  • Werften und Systemhäuser als strategische Ressource: Deutsche Standorte – von Marineschiffbau über Sensorik bis zu Lenkflugkörpern – werden im europäischen Kontext als notwendiger Pfeiler des maritimen Wiederaufrüstens gesehen.
  • Serien statt Einzelstücke: Das in Paris geforderte industrielle Massen‑ und Nachrüstungsvermögen passt schlecht zur deutschen Tradition aufwändiger, individueller Plattformprojekte. Der Druck zu stärkerer Beteiligung in europäische Serien‑ und Standardisierungsvorhaben wächst.
  • Synchronisierung mit „Kurs Marine 2025“: Die im Kurs formulierten Ziele – Modernisierung, mehr Einsatzbereitschaft, Priorität unbemannter Systeme – müssen industriepolitisch unterlegt werden: durch langfristige Rahmen- und Abrufverträge, beschleunigte Vergaben sowie Nutzung europäischer Förderinstrumente (EDF u.a.) für maritime Schlüsselprojekte.

Gerade wegen seiner wirtschaftlichen Stärke gilt Deutschland hier als Taktgeber: Zögert Berlin bei maritimer Beschaffung, bremst es die gesamte europäische Skalierung maritimen Rüstens.

Folgerungen für Marine und Politik

Für den deutschen maritimen Diskurs lassen sich aus Paris drei Kernaussagen ableiten:

  1. Vom Symbol zur Kriegsfähigkeit: Die Deutsche Marine muss ihre Rolle vom „präsenten Beitragenden“ hin zu einem der tragenden Pfeiler der Nordflanken‑Verteidigung aufwerten – mit klar messbaren Zielen bei Einsatzbereitschaft, Durchhaltefähigkeit und Präsenz in Nord‑ und Ostsee.
  2. Industrie als Teil der Operationsplanung: Werften, Zulieferer und Systemhäuser müssen frühzeitig in Szenarien berücksichtigt werden – nicht als nachgelagerte Unterstützer, sondern als integrale Voraussetzung für längere Operationen und schnelle Regeneration.
  3. Zeithorizont 2030 ernst nehmen: Der von Paris gesetzte Zeithorizont trifft sich mit deutschen Zwischenmarken (einsatzbereit bis 2029, technologischer Umbau bis 2035+). Die Haushalts‑ und Beschaffungsentscheidungen werden sich daran messen lassen, ob sie diese Ziele erreichbar machen oder weiter aufschieben.

Mit ihren Grundlagendokumenten Kurs Marine 2025, Zielbild 2035+ und Commanders Intent 2026 hat die Deutsche Marine ihren Kurs abgesteckt. Es liegt nun an Berlin, dies politisch wie industriell zu hinterlegen. Das Signal der Paris Naval Conference 2026 ist unmissverständlich: Ob Europas maritime Abschreckung trägt, wird sich wesentlich daran entscheiden, ob die Bundesrepublik ihre Marine und ihre maritime Industrie in den kommenden Jahren tatsächlich auf Kriegsfähigkeit und industrielles Tempo trimmt.

Die Zeit, in der man sich hinter symbolischen Beiträgen und langen Projektlaufzeiten verstecken konnte, läuft ab.

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