Trump's Industrieschelte und Hegseth's Beschaffungslinie
Anfang Januar 2026 machte US-Präsident Donald Trump per Social-Media-Post seine Kritik am Rüstungskonzern Raytheon (RTX) öffentlich. Vermutlich weniger orientiert am Einzelfall, eher als bewusst gewähltes Beispiel für ein von ihm ausgemachtes breiteres Problem: Lieferfähigkeit und Prioritäten. Der Vorwurf: Falsche industrielle Prioritäten (shareholder value), zu wenig Fokus auf Produktionskapazitäten, dadurch zu geringe Lieferleistung. Flankiert wird dieser Ton durch die Linie von Verteidigungsminister Pete Hegseth, der Beschaffung ausdrücklich als Teil der militärischen Einsatzfähigkeit einordnet: Produktionstempo, Flexibilität und Ablieferung sollen wichtiger werden als perfektionierte Spezifikationen und langwierige Prozessabsicherung. Für Europa ist das nicht nur eine national-amerikanische Debatte. Denn sobald die USA ihre Rüstungslogik stärker auf nationale Priorisierung und kurzfristige Wirkung ausrichten, verschiebt sich für Verbündete das Risiko – weg von der geschriebenen Vertragslage, hin zur realen Lieferkette.
Europas Flotten am Tropf der USA
Gerade im maritimen Bereich werden die strukturellen Folgen dieser Entwicklung besonders deutlich. Europäische Marinen sind seit Jahren in zentralen Fähigkeitssegmenten auf amerikanisches Ausrüstungsmaterial und US-geprägte Standards angewiesen – von maritimer Aufklärung über Starter- und Flugkörpersysteme bis hin zu Sensorik, Datenlinks und elektronischen Komponenten. Diese Abhängigkeiten sind nicht das Ergebnis einzelner Entscheidungen, sondern Ausdruck eines über Jahre gewachsenen Beschaffungsmusters innerhalb der NATO. Die maritime Fernaufklärung basiert in mehreren Staaten auf der P-8 Poseidon; Überwasserkampfschiffe nutzen den Mk-41-Starter als universelles Rückgrat für Effektoren, während 'Strike'-Optionen zunehmend mit dem Marschflugkörper Tomahawk verknüpft werden. Auch in der maritimen Flugabwehr bleiben viele Flotten auf US-Abfangflugkörper angewiesen – und damit gebunden an US-Produktion, Modernisierungszyklen und Priorisierung im Krisenfall. Darüber hinaus bleibt in vielen Verbänden Link 16 der Taktik-Datenlink-Standard, der zwar NATO-weit interoperabel macht, aber in Terminals, Krypto-Modernisierung und Release-Management an ein US-dominiertes Rüstungsgeflecht gekoppelt ist. Und selbst dort, wo Systeme national wirken, hängt ihre Präzision und Synchronisation häufig an PNT-Diensten wie GPS: Position, Navigation, Timing und damit die konsistente Lageführung sind in Szenarien hoher Intensität keine Komfortfunktion, sondern Voraussetzung für Wirksamkeit.

Hinzu kommt eine andere, gern unterschätzte Abhängigkeit im Bereich digitaler Betriebs- und Führungsinfrastruktur. „Digital independence“ ist kein Buzzword wie ein Ereignis im Nachbarland zeigt: 2025 wurde in Frankreich parlamentarisch auf einen Fall verwiesen, in dem Microsoft im Kontext der US-Sanktionen den Zugang zu Cloud-Maildiensten des Internationalen Strafgerichtshofs zeitweise suspendiert haben soll – ein Signal, dass selbst in Europa betriebene Dienste durch extraterritoriale Regime faktisch beeinflussbar geworden sind. In Europa werden nun „Break-Glass“-Kontinuitätsmodelle diskutiert, um im Krisenfall den Betrieb auch dann aufrechtzuerhalten, wenn US-Anordnungen oder Sanktionen Cloud-Services einschränken. Für maritime Streitkräfte, die auf vernetzte Gefechtsführung, Datenlinks und präzise Zeit-/Positionsdienste angewiesen sind, wird digitale Unabhängigkeit damit zur Ergänzung klassischer Rüstungssouveränität.
F127: Architektonische Abhängigkeit
Für Programme wie die künftige deutsche Luftverteidigungsfregatte F127 ist dies längst mehr als eine technische Detailfrage. Mehrere zentrale Ausrüstungsentscheidungen sind bereits getroffen: Ein standardisiertes Führungs- und Waffeneinsatzsystem ist haushaltsseitig unterlegt, die Auswahl leistungsfähiger US-Sensorik ist bestätigt, und auch bei Startanlagen und Flugkörpern ist die Integration amerikanischer Systeme vorgesehen. Damit wird Abhängigkeit nicht nur „mitgekauft“, sie wird Teil der Architektur: Einsatzrelevante Softwarestände, Schnittstellenfreigaben, Waffenintegration und der Nachbeschaffungsweg für Effektoren liegen in einer Kette, die Europa nur begrenzt selbst steuern kann. Das ist operativ attraktiv, weil das Ökosystem aus Gefechtsführung, Starter und Effektoren zusammenpasst – es ist aber strategisch heikel, sobald Verfügbarkeit nicht mehr als gegeben angenommen werden kann.

Kapazitätsengpässe als Treiber
Dass es dabei nicht um Theorie geht, zeigen die Kapazitätsdebatten in den USA: Artilleriemunition wird hochgefahren, bleibt aber hinter der als notwendig markierten Zielgröße zurück; bei Patriot-Abfangflugkörpern ist der Produktionsausbau mehrjährig angelegt; und selbst bei Programmen wie der F-35 hat die jüngere Vergangenheit gezeigt, wie stark Software-Releases und Abnahmeprozesse reale Verfügbarkeit beeinflussen können. Für europäische Nutzer folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Nicht nur die Leistungsfähigkeit eines Systems entscheidet, sondern seine planbare Verfügbarkeit über Jahre – in Produktion, Modernisierung und Munitionslogik.
Konsequenzen für Europas Flotten
Trumps Raytheon-Statement ist keine Anekdote von Frustration. Er will, dass sich die Anreiz-Struktur der US-Rüstungsbeschaffung ändert – hin zu Geschwindigkeit und Erfüllung des eigenen Bedarfes. Europäer und andere Kunden, die sich auf US-Lieferketten verlassen haben, hätten das Nachsehen.

Wer diese Realität ausblendet, riskiert Hochwertplattformen, deren limitierender Faktor nicht Rumpf, Radar oder taktisches Konzept ist, sondern die Systemkette dahinter: Munitionsnachführung, Ersatzteilverfügbarkeit, Konfigurationsmanagement, Zertifizierung neuer Softwarestände und die Zulassung/Integration von Effektoren. Die Antwort darauf muss keine politische Entkopplung sein, wohl aber ein konsequenteres Risikomanagement in der Beschaffung. Dazu gehören belastbare Bevorratungskonzepte, vertraglich abgesicherte Nachliefer- und Instandsetzungspfade, europäische Wartungs- und Reparaturkapazitäten sowie eine Munitions- und Upgradeplanung, die realistische Produktionsraten einpreist. Wo Alternativen verfügbar sind – bei Effektoren, Sensorik, oder PNT – kann Diversifizierung Abhängigkeiten abfedern. Es scheint geboten, „Resilienz“ nicht als nachgeordnete Logistikfrage zu behandeln, sondern als Bestandteil der Einsatzfähigkeit. Sie entsteht eben nicht aus Sonntagsreden, sondern aus Munitionsnachführung, Ersatzteilen, zertifizierten Softwareständen und der Fähigkeit, Effektoren auch unter Druck nachzuliefern und zu integrieren. Trumps Systemreform erzwingt europäische Selbstversorgung. Das ist die strategische Irreversibilität. Und etwas, das Sicherheitspolitiker verinnerlichen und erkennbar vertreten müssen.
hum, ajs

