Zum Jahresbeginn 2026 hat der Bundestag einen ersten Schritt zur Reaktivierung der Wehrpflicht beschlossen. Wieder einmal waren in der politischen Debatte Schlagworte wichtiger als Argumente. Da stand Kanonenfutter gegen Kriegstüchtigkeit. Nicht nur die Wehrpflichtgegner nutzten Totschlagargumente, auch die andere Seite argumentierte nicht viel differenzierter. Nach den Schülerdemonstrationen wurden alle Pauschalurteile über die Generation Z herausgeholt und festgestellt, dass die Jugend von heute ihre Pflichten verweigert.
Wen wundert es, dass junge Leute dagegen protestieren, wenn sie in eine Pflicht genommen werden, die sie nicht verstehen. Wir haben jahrzehntelang versäumt, Verteidigung zu erklären, und nun haben einige von ihrem demokratischen Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht.
Das ist übrigens ein erster großer Erfolg der Wehrpflichtdebatte. Junge Menschen befassen sich zum ersten Mal seit Langem mit der Frage, ob sie in der Bundeswehr dienen möchten. Längst nicht alle werden diese Frage mit nein beantworten. Bei den Demonstrationen waren jedenfalls nicht besonders viele. Und auch die sollten wir für ihr Verhalten nicht tadeln, sondern mit ihnen über Verteidigung diskutieren.
Stellen wir uns die Staaten der Welt einmal als Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenhof vor. Da spielen Große und Kleine, Schwache und Kräftige, Selbstbewusste und Ängstliche. Und es gibt ein paar Bullys, die den Schulhof beherrschen wollen. Während die Kräftigen und Selbstbewussten in Frieden gelassen werden, müssen die Schwachen und Ängstlichen ihr Taschengeld abgeben.
Deutschland tritt dort auf als ein dicklich-blässlicher Knabe, ein willkommenes Opfer für die Bullys. Zum Glück hat es Geld und kann sich mit ihnen arrangieren. Außerdem hatte es bisher einen starken Beschützer, der das Schlimmste verhindert hat. Dumm nur, dass dieser Beschützer plötzlich gemeinsame Sache mit einem der übelsten Bullys macht.
Jetzt ist guter Rat teuer. Aufgeben ist keine Option, denn dann würde das Leben vollends unerträglich. Die einzige Chance ist ein Crashkurs in Selbstverteidigung, verbunden mit einem mentalen Coaching.
Was aber soll Wehrpflicht zu diesem Crashkurs beitragen? Können in Kriegen, die durch Drohnen und künstliche Intelligenz gekennzeichnet sind, kurz angelernte junge Menschen überhaupt einen sinnvollen Beitrag zur Verteidigung leisten?
Das anschaulichste Beispiel sind Drohnen. Eines vorweg: unbemannt heißt nicht ohne Personal. Da sitzen nicht nur ein paar Wenige im Keller und steuern riesige Drohnenflotten. Drohnen werden vielmehr dezentral verteilt von kleinen Trupps eingesetzt. Da braucht man technikaffine Nerds, vertraut mit Konsole und Joystick, kräftige Typen, die schnell neue Unterstände buddeln können, und andere, die gerne Geländewagen fahren.
Man sagt, jede ukrainische Brigade habe dafür einen eigenen Truppenteil mit etwa 800 Soldaten, eine beachtliche Zahl, für die es gerade in der Generation Z ausreichendes Potenzial gibt.
Ähnlich ist es beim Heimatschutz. Man wird viele Menschen brauchen, um neuartige Abwehrsysteme zu bedienen. Allein der Umfang der zu schützenden zivilen kritischen Infrastruktur ist gewaltig. Dazu kommen Betrieb und Schutz der Drehscheibe Deutschland mit Flugplätzen, Marinestützpunkten und vielem mehr.
Angesichts der unvermeidbaren Schäden und Verluste geht es im Übrigen nicht nur um zusätzliche Soldaten, sondern auch um Personal für Hilfsorganisationen wie THW, Rotes Kreuz und Feuerwehr.
Trotz dieses offensichtlichen Mehrbedarfs hört man, dass Soldaten besser ohne Zwang rekrutiert werden sollten, indem man die Bundeswehr attraktiver macht. Das haben wir in 15 Jahren nicht geschafft und sollten uns daher eingestehen, dass es Zeit ist, von diesem toten Pferd abzusteigen.
So ist die Wehrpflicht ein ganz wesentlicher Bestandteil unseres Crashkurses Selbstverteidigung. Sie versetzt Streitkräfte und zivile Organisationen personell in die Lage, all die neuen Aufgaben im erforderlichen Umfang wahrzunehmen.
Außerdem ist sie ein wichtiger Beitrag zum mentalen Coaching. Die ganze Gesellschaft muss sich wieder mit dem Thema der äußeren Sicherheit auseinandersetzen, wenn Söhne und Töchter von der Wehrpflicht betroffen sind. Und schließlich ist es für viele junge Menschen ein erster Schritt aus dem Elternhaus und damit Teil des Erwachsenwerdens. Denn wie verabschiedete sich der Seemann seinerzeit bei uns auf dem Schnellboot von seinem Bootsmann: „Danke, Schmadding, aus mir hat die Marine einen Mann gemacht.“
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Konteradmiral a.D. Karsten Schneider ist Präsident des Deutschen Maritimen Instituts.
