#meerverstehen: Großmächte definieren ihr Interesse an der Arktis neu

#meerverstehen: Großmächte definieren ihr Interesse an der Arktis neu

Die Arktis ist in den jüngsten Jahren immer mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Doch selbst im deutschsprachigen Raum ist es nicht mehr allein der Klimawandel, der das Interesse am Hohen Norden prägt. Es häufen sich Berichte und Reportagen aus dem Hohen Norden, in denen von neuen Häfen, Schiffahrtsswegen, c und eine Re-Militarisierung die Rede ist.
Aber was genau ist in der nördlichen Polregion eigentlich los? Geht es nur um Rohstoffe? Stehen wir vor einem neuen kalten Krieg an der Nordflanke? Was sind die Treiber der Entwicklungen und wer verfolgt dabei welche Interessen? In einer losen Artikelfolge versucht das Marineforum, den Hohen Norden und die geopolitische Dynamik einer Region der Zukunft verstehbar zu machen. In der heutigen ersten Folge werden die Ausgangssituation und die grundsätzlichen Interessenlagen der drei relevanten Groß- bzw. Supermächte skizziert.
Die Arktis hat seit jeher ihre politischen Konjunkturen. Über rund drei Jahrzehnte galt sie als eine Ausnahmeregion, weit entfernt von den Niederungen der Weltpolitik, in geradezu ewiger Friedfertigkeit erstarrt, so wie ihr „ewiges Eis“. Die arktische Einzigartigkeit, der „Arctic exceptionalism“, hat lange und teilweise bis heute die Debatten im und über den Hohen Norden geprägt. Verstehbar, daß sich auch jetzt noch viele Leute im Norden schwer damit tun, diesen Zustand langsam verschwinden zu sehen. Doch nüchtern betrachtet, ist die Denkfigur des „Arctic exceptionalism“ doch eher eine Ausnahme in der neuzeitlichen Geschichte des Hohen Nordens, die keineswegs durch beständige Friedfertigkeit geprägt war. Eher kann man sagen: Die großen Mächte haben seit langem auch in der Arktis Großmachtpolitik betrieben, und die Arktis war mehrfach und in steigender Intensität Schauplatz erbitterter Revier- und Konkurrenzkämpfe; sie ziehen sich durch das ganze 20. Jahrhundert.  Heute ist weithin vergessen, daß schon im Ersten Weltkrieg die Entente-Mächte eine Versorgung Rußlands mit Kriegsmaterial über die Arktis vornahmen. Nachdem das schwer zugängliche Archangelsk sich als ziemlich ungeeignet erwiesen hatte, wurde der Hafen von Murmansk aus dem Boden gestampft. Die zur Abfuhr der Kriegsgüter von dort an die Fronten benötigte Eisenbahnlinie wurde in regelrechter Sklavenarbeit von Gefangenen der Mittelmächte durch Taiga und Tundra gebaut; 28.000 von 70.000 der dafür völkerrechtswidrig eingesetzten Ungarn, Deutschen und Österreicher starben.
Im Zweiten Weltkrieg steigerte sich die Intensität der Kämpfe in und um den Hohen Norden gewaltig. Von der Besetzung Norwegens 1940 bis zur deutschen Kapitulation vollzog sich ein gewaltiges Ringen weniger um die Kontrolle von Rohstoffen, sondern wiederum und vor allem um die Kontrolle der sea line of communication nach Murmansk, über das unvorstellbare Mengen Kriegsmaterial an die Sowjets geliefert werden. In erbitterten Geleitzugschlachten versuchen Kriegsmarine und Luftwaffe, mit U-Booten, Überwassereinheiten und Fernbombern diesen Versorgungsweg zu unterbrechen - vergeblich.

Im Kalten Krieg blieb es in der Arktis genauso ruhig wie in anderen Regionen Europas, also auch hier von „exceptionalism“ keine Spur. Der Hohe Norden war in diesen Jahrzehnten das wohl größte, vor allem nukleare „Pulverfaß“ weltweit, denn für Moskau stellte angesichts schwer überwindbarer Meerengen an den Belten und am Bosporus das Nordmeer das einzig verfügbare Ausfallstor in die Weiten des Nordatlantik dar. Hier wurde folgerichtig nicht nur eine dreistellige Zahl von U-Booten und Überwasserschiffen stationiert, sondern die Kola-Halbinsel wurde zum größten Stationierungsgebiet sowjetischer Kernwaffen. Neben zahlreichen taktischen-nuklearen Gefechtsköpfen lagen hier die geballten strategischen Zweitschlagkapazitäten in Gestalt der sowjetischen SSBN-Flotte, die im sowjetisch kontrollierten Eismeer eine sichere „Bastion“, so der Name des Konzeptes, vorfinden sollten. Um diese zu schützen,  wollte die UdSSR mit allen Mitteln und weit im Vorfeld von Barents- und Kara-See jegliche Aktivitäten feindlicher Kräfte unterbinden. Dazu wurde die gesamte sowjetische Eismeerküste mit einer großen Anzahl von Stützpunkten versehen, auch wenn diese bei rund 8000 km Luftlinie überwiegend nur eine Perlenschnur von Frühwarnsystemen und Luftabwehr bilden konnten.

Mit Ende des Kalten Krieges begann eine im Rückblick eher kurze Periode von Abrüstung und Entspannung, aus welcher das Bild von der nordischen Einzigartigkeit entsprang. Aber schon nach kaum zwei Jahrzehnten erhielt dieses schöne Bild vom konfliktfreien Norden erste Risse: Als die russische Tschilingarow-Expedition Anfang August 2007 in einer spektakulären Aktion durch zwei bemannte Tieftauchboote die Landesflagge der Russischen Föderation auf dem Meeresboden des geographischen Nordpols plazierte und damit eine symbolische Besitzergreifung vollzog, ging ein Aufschrei um die Welt. Obwohl völkerrechtlich ein Nullum, war der Westen durch die russische Aktion alarmiert. Es folgte dann bemerkenswert schnell die sogenannte „Illulissat-Deklaration“ vom Mai 2008, mit der sich die arktischen Meeresanrainer, ab dann als Arctic 5 (Kanada, USA, Rußland, Norwegen und Dänemark wegen Grönlands) tituliert, wechselseitig auf die Respektierung des internationalen Seerechts und die friedliche Konfliktbeilegung im arktischen Ozean verpflichteten. Nebenbei erreichten sie damit vor allem den schönen Nebeneffekt, alle anderen Staaten aus der Region herauszuhalten, denn das Internationale Seerecht (UNCLOS) enthält zwar umfangreiche Regelungen zur Abgrenzung von Hoheitsgebieten und zur Beilegung von konkurrierenden Ansprüchen benachbarter Anrainer auf Meeresgebiete, ermächtigt diese aber in keiner Weise zu exklusiveren Ansprüchen auf sonstige Teile der Hohen See. Diese ist und bleibt legal „gemeinsames Erbe der Menschheit“ und untersteht einem Regelwerk unter Aufsicht der Vereinten Nationen.

Nach einer Welle des Medienrummels und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, deren Tenor meist die Warnung vor großen, heraufziehenden Konflikten im Kontext des arktischen Rohstoffreichtums war - der U.S. Geological Survey hatte seine vage Schätzung von den 13% der globalen Öl- und 30 % der globalen Gasvorkommen in der Arktis veröffentlicht - verebbte das öffentliche Interesse wieder. Doch die russische Annexion der Krim führte ab 2014 Sorgen über Gefahren aus dem Osten wieder allerorten auf die Tagesordnung, so auch in der Arktis. Heute wird immer deutlicher: So wenig ewig wie ihr Eis, so wenig ewig ist auch der arktische Friede ad infinitum garantiert. Beides scheint inzwischen in menschlicher Hand, das Schicksal der „Natur“, wie auch das der Völker und ihres Zusammenlebens.

Aus guten Gründen ist der Klimawandel und das damit einher gehende Phänomen des abschmelzenden arktischen Eisschildes eine auch in den Medien konstant widergespiegelte Problematik. Und so sehr das Thema auch bis zum Überdruss strapaziert erscheint, so muß man doch klar konstatieren: In der Arktis ist der Klimawandel massiv, und er läuft mit der gut zweieinhalbfachen Geschwindigkeit bzw. Intensität ab im Vergleich zu anderen Regionen. Dies hat mit einer Reihe von Faktoren zu tun, allen voran der Albedo des Eisschildes, denn die weiße Eisoberfläche reflektiert das Sonnenlicht, aber der dunkle Ozean schluckt es, und dadurch generiert sich ein Teufelskreislauf von Abschmelzen und weiter beschleunigter Erwärmung. Die sommerlich noch eisbedeckten Flächen in der Arktis haben innerhalb weniger Jahrzehnte von durchschnittlich über 7 Mio auf nur noch knapp über 5 Mio Quadratkilometer abgenommen. Es kann kein Zweifel bestehen, daß dieser Sachverhalt eine Realität mit potentiell schwerwiegenden ökologischen Folgen beschreibt und daß der gegenwärtige Trend dieses Wandels sogar für eine noch stärkere Dynamisierung spricht. Dies ist denn auch der größte Treiber für die politischen Veränderungen in der Arktis. Denn es steht ebenso außer Frage, daß sich mit der Eröffnung womöglich bald unkomplizierter und ganzjährig befahrbarer neuer Seewege in der Arktis auch sicherheitspolitische Implikationen ergeben. Hinzu kommt die erwähnte Unruhe zwischen West und Ost im Gefolge der ukrainischen Entwicklungen und sodann spielen andere (Macht-)Verschiebungen in der Konkurrenz der führenden (See-) Mächte eine große Rolle.

Der an vielen Stellen diskutierten Fragen neuer Seewege kommt einige Bedeutung zu: Es liegt auf der Hand, daß mit einer erheblichen Reduktion des arktischen Eispanzers die Möglichkeiten einer seeverkehrlichen Nutzung zunehmen, und zwar grundsätzlich auf 3 Routen: Nordwest-, Nordost- und Transpolarpassage. Der Nordwest-Passage (NWP) dürfte wenig Bedeutung zukommen. Was soll mit welchen Destinationen über den kanadischen Arktisarchipel in großen Mengen verschifft werden? Andere sieht es aus mit der NOP oder auch Northern Searoute, welche in der Tat für eine bedeutende Abkürzung der globalen Hauptschiffahrtswege zwischen Asien und Europa sorgen könnte. Gänzlich neu ist die transpolare Passage, die derzeit noch völlig undenkbar ist für kommerzielle Zwecke, aber sollte der gegenwärtige Trend des Abschmelzens des nordischen Eisschildes anhalten, könnte die Polkalotte ab den 2030 er Jahren sommers eisfrei werden.

Welche Mächte sind derzeit in der Arktis relevant? Aus dem Kreis der Arktischen 5 werden Dänemark und Norwegen zurückgestellt, weil sie eindeutig keine Großmächte sind, und auch Kanada nur kurz gestreift. Zwar ist das Land ein bedeutender arktischer Akteur und die NWP führt durch den kanadischen Archipel; das Land ist aber trotz großer arktischer Ambitionen von einer Großmachtrolle immer noch und auch künftig weit entfernt. Daran ändert auch der Bau neuer kanadischen Arctic Offshore Patrol Vessel (AOPV), der mit großer Verspätung erfolgt, fast gar nichts; diese sind eher symbolisch armiert. Das Typschiff der neuen Harry de Wolf-Klasse ist seit Ende 2019 im Probebetrieb. Patrouilliert werden kann mit dieser Klasse, Seeherrschaft ausgeübt werden in keiner Weise.

Es bleiben als machtpolitisch relevante Akteure Rußland, die USA - und die vor zwei Jahren per Selbsterklärung zum „Near Arctic State“ ernannte Volksrepublik China, die zunehmend arktische Aktivitäten entfaltet.

Vereinfachend kann über diese drei Großmächte festgestellt werden, daß die USA nach langer Abstinenz im High North so etwas wie ein zumindest partielles arktisches Erwachen erleben. Weiter, daß die Russische Föderation trotz der an mancherlei Stelle bemühten Kassandra-Rufen zumindest im High North als Bedrohung wohl überschätzt und die Volksrepublik China in ihrer künftigen Rolle dagegen deutlich unterschätzt wird. Welche Beobachtungen und Annahmen diese Einschätzungen stützen, wird in den weiteren Folgen dieser Artikelserie näher beleuchtet werden, daher hier nur vorab einige ganz wenige Bemerkungen:

Die USA als bislang einzig verbliebene Supermacht der Welt, wurden zutreffend in ihren arktischen Ambitionen noch vor kurzem als  „bemerkenswert schwach“ beschrieben. Zur Überraschung mancher erwähnte selbst die neue „National Defence Strategy of the United States of America“ unter der Ägide von James Mattis vom Januar 2018 die Region nicht einmal. Inzwischen setzt ein Umdenken ein. Die Krisen wie um die Ukraine und Syrien sind als Beschleuniger eines arktischen Sinneswandels in den USA zu verstehen. Dies zeigt auch der nun tatsächlich begonnene, wenn auch zögerliche  Bau neuer Eisbrecher, aber auch Aktivitäten wie das NATO-Großmanöver „Trident Juncture 18“ oder die Wiederbegründung des für den gesamten Nordatlantik zuständigen „2nd Fleet Regional Command“ in Norfolk.

Der Adressat dieser Bemühungen, Rußland, wird gegenwärtig von den meisten westlichen Regierungen als Bedrohung wahrgenommen. Dies ist nachvollziehbar, denn die Annexion der Krim, der Krieg im Donbass die Intervention in Syrien und das teilweise säbelrasselnde Auftreten der Putin-Regierung, haben in jüngeren Jahren erheblich zugenommen und sind nicht eben vertrauensbildend. Aber was ist die strukturelle Grundlage des Auftretens Moskaus im Hohen Norden? Tatsache ist, daß die russische Föderation in nicht geringem Umfang Stützpunkte in der Arktis wiedereröffnet oder neu gebaut hat. Allerdings ist dabei noch nicht das Niveau an Militarisierung aus Sowjetzeiten erreicht. Das Hafen- und Stützpunkt-Cluster um Murmansk und Severomorsk bildet wie schon zu Sowjetzeiten das maritime Ausfallstor Russlands in Barentssee und Nordatlantik und beinhaltet die Zweitschlagkapazitäten der russischen SSBN-Flotte. Bei den meisten anderen der Stützpunkte im Vorfeld von Russlands Küstenlinie handelt es sich um kleine Installationen. Vor allem aber ist Rußland - wie zu zeigen sein wird - in einem bisher nicht gekannten Ausmaß auf neue Fördergebiete und Offshore-Vorkommen in seinem arktischen Küstensaum angewiesen. Die mit großem Nachdruck und hohem Mitteleinsatz vorangetriebene Erschließung der Jamal-Halbinsel, der Verflüssigungsanlagen, des Exporthafens Sabetta und weitere Projekte zeigen die extreme Abhängigkeit der russischen Wirtschaft und erst recht des Staatshaushaltes von einer ungestörten Inwertsetzung dieses Ressourcen und dem dort generierten cashflow aus dem Export der Hydrokarbonate. Politische Turbulenzen in dieser Region kann Rußland nicht gebrauchen.

Der dritte, oft unterschätzte arktische Player sind die Chinesen, welche erst seit kurzer Zeit auf der Bühne sichtbar geworden sind. Im Januar 2018 erklärte sich China mit Veröffentlichung seines Arktis-Weißbuchs zum „Near-Arctic State“, obschon selbst die nördlichsten Grenzgebiete der Mandschurei noch ca. 1.500 km vom Sibirien durchschneidenden Polarkreis entfernt sind und von chinesischen Häfen südlich von Wladiwostok bis in arktische Gewässer tausende von Kilometern zurückzulegen sind.

China untermauert diesen Anspruch seit einigen Jahren durch gesteigerte Aktivitäten. Chinesisches Kapital ist auch stark beteiligt an der Erschließung der russischen Exportkomplexe für Flüssiggas. Während sich der Westen von diesen Aktivitäten inzwischen zurückgezogen hat, springen staatliche chinesische Investoren nur allzu gerne ein und halten jetzt eine umfangreiche Beteiligung von ca. 30 % am 27 Mrd. $ teurem LNG-2-Projekt, das 2018 startete. Die am wenigsten positive Rezeption in westlichen Sicherheitskreisen lösen indes die zunehmenden chinesischen Wirtschaftsaktivitäten in Gemeinwesen wie Island und Grönland aus, im ersteren Falle von einer hunderte von Personen umfassenden Botschaft in Reykjavik gesteuert. Hier ist die Gefahr gegeben, daß an Kopfzahl kleinere oder nach Unabhängigkeit strebende Entitäten sich auf Kooperationen mit einem Partner einlassen, dem sie in keiner Weise und schon gar nicht auf der Verhandlungsebene gewachsen sind. Jüngste Besorgnisse betreffen darüber hinaus die Frage einer engeren militärischen Zusammenarbeit von Russen und Chinesen; auch darauf wird im Marineforum in einer der nächsten Folgen zurückzukommen sein.

Der Autor ist Senior Fellow am Institut für Sicherheitspolitik bei der Universität Kiel und u.a. Herausgeber des in Kürze bei Springer erstmals erscheinenden „Handbook on Geopolitics and Security in the Arctic“.

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