Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die bestehenden Sicherheits- und Risikomanagementsysteme europäischer Häfen grundsätzlich als Ausgangspunkt für die Bewertung von Hafenanläufen nuklear angetriebener Handelsschiffe (Nuclear-Powered) dienen könnten. Als Fallbeispiel diente der Hafen Rotterdam, der mit einem jährlichen Umschlag von rund 440 Millionen Tonnen Fracht und einer Fläche von mehr als 12.500 Hektar als größter Seehafen Europas gilt.
Die Studie „Enabling Nuclear-Powered Feeder Ships: A Joint Development Project on Port Call Feasibility and Regulatory Pathways“ wurde von Lloyd's Register, der Hafenbehörde Rotterdam, der britischen Core Power und der Reederei A.P. Moller-Maersk erarbeitet. Untersucht wurde nicht die Zulassung eines konkreten Schiffstyps, sondern die Frage, unter welchen regulatorischen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen Hafenanläufe nuklear angetriebener Frachtschiffe künftig möglich wären. Nach Auffassung der Autoren bieten die in europäischen Häfen etablierten und risikobasierten Sicherheitsverfahren eine tragfähige Grundlage. Nuklearspezifische Anforderungen an Sicherheit, Gefahrenabwehr, Betrieb und Notfallmanagement müssten jedoch in bestehende Verfahren integriert und durch nationale sowie internationale Vorschriften ergänzt werden. Vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung der Schifffahrt sehen die Autoren die Kernenergie als mögliche Ergänzung zu Wasserstoff, Ammoniak und synthetischen Kraftstoffen. Aufgrund ihrer hohen Energiedichte könne sie insbesondere für Schiffe mit großen Reichweiten,

langen Einsatzzeiten und hoher Auslastung Vorteile bieten. Die größten Herausforderungen liegen nach Einschätzung der Studie weniger in der Technik als in der Harmonisierung internationaler Vorschriften. Erforderlich seien eine engere Verzahnung des maritimen und nuklearen Regelwerks, einheitliche Genehmigungs- und Haftungsregelungen, angepasste Versicherungsmodelle sowie abgestimmte Sicherheits- und Notfallkonzepte. Ebenso seien die Akzeptanz in Hafenstädten und eine transparente Öffentlichkeitsarbeit entscheidend. Zugleich verweist die Studie darauf, dass die Vorschriften der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation für nuklear angetriebene Schiffe aus einer früheren Entwicklungsphase stammen und für einen kommerziellen Einsatz grundlegend überarbeitet werden müssten.
Die Autoren betonen, dass es sich um eine konzeptionelle Machbarkeitsstudie handelt. Untersucht wurden ein definierter Entwurf eines Feederschiffes, ein angenommenes Einsatzprofil sowie die regulatorischen Rahmenbedingungen eines Hafenanlaufs in Rotterdam. Die Studie stellt weder eine Sicherheitsbewertung noch eine Zulassung oder Einsatzempfehlung dar, sondern soll die weitere Diskussion innerhalb der internationalen Seeschifffahrts- und Atomenergie-Organisation unterstützen. Unabhängig davon bleibt die Nutzung der Kernenergie politisch umstritten. Befürworter verweisen auf eine zuverlässige, CO₂-arme Energieversorgung, Kritiker auf hohe Kosten, Sicherheitsrisiken, die Entsorgung radioaktiver Abfälle und lange Genehmigungsverfahren.
kdk, SWZ Maritime

