Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen üben für den Krisenfall Foto: LKdo HH

Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen üben für den Krisenfall Foto: LKdo HH

Red Storm Charlie: Hamburgs kritische Infrastruktur im Fokus

Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, im Interview über hybride Angriffe, zivile Verantwortung und die Übung Red Storm Charlie vom 24. bis 26. September 2026.

Hamburgs Wohlstand hängt an verwundbarer Infrastruktur: Hafen, Flughafen, Energieversorgung und Verkehrswege machen die Stadt zu einer zentralen logistischen Drehscheibe – und zu einem möglichen Ziel hybrider Angriffe. Fällt an einem dieser Knotenpunkte der Strom, das Mobilfunknetz oder eine wichtige Verkehrsverbindung aus, reichen die Folgen weit über das Stadtgebiet hinaus.

Bei Red Storm Charlie üben Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen deshalb gemeinsame Abläufe für den Krisenfall. Im Interview erklärt Kapitän zur See Kurt Leonards, warum inzwischen 80 Prozent der Arbeit des Landeskommandos dem Operationsplan Deutschland gelten, weshalb Unternehmen ihre Alarmierungs- und Ausfallpläne prüfen müssen und warum sich die entscheidenden Personen bereits vor einer Krise kennen sollten.

Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg mit Chefredakteur marineforum, Kapitän zur See a.D. Holger Schlüter
Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg mit Chefredakteur marineforum, Kapitän zur See a.D. Holger Schlüter Foto: hsc

Das Interview führte Holger Schlüter, Chefredakteur des marineforum

Herr Kapitän zur See Leonards, nach Drohnensichtungen und der Bergung einer Drohne in Leipzig wurde über einen möglichen Angriff auf kritische Infrastruktur diskutiert. Was macht eine solche Nachricht mit dem Kommandeur eines Landeskommandos?

Kurt Leonards: Eine Aufgabe der Kommandeure der Landeskommandos ist es, die sicherheitspolitische Lage im jeweiligen Bundesland darzustellen. Wir führen hier, wenn man so will, Awareness-Operationen durch und halten viele Vorträge vor gesellschaftlich relevanten Gruppen. Diese Vorträge beginnen immer mit dem Blick auf die Wirklichkeit: Wir stehen bereits jetzt unter hybriden Attacken.

Ich könnte aufzählen, wie viele hybride Attacken es 2024, 2025 und 2026 gegeben hat. Was zum Beispiel in Leipzig passiert ist, überrascht uns als Teil der territorialen Verteidigung überhaupt nicht. Es ist die nächste Perle an einer langen Perlenkette, die wir schon seit Jahren beobachten.

Die Landeskommandos waren lange vor allem mit zivil-militärischer Zusammenarbeit, Katastrophenhilfe und Heimatschutz verbunden. Wie stark hat sich Ihre Arbeit seit der Zeitenwende verändert?

Kurt Leonards: Das hat sich komplett gewandelt. Seit der Zeitenwende beschäftigt sich das Landeskommando Hamburg zu 80 Prozent mit dem Operationsplan Deutschland. Welche Bedeutung hat dieser Operationsplan für Hamburg? Darauf richten wir uns aus. Alles andere macht zusammen noch etwa 20 Prozent unserer Arbeit aus. Wir sind deshalb vor allem Gesprächspartner für die Landesregierung, also für den Hamburger Senat und die Behörden, wenn es um Landes- und Bündnisverteidigung geht.

Mussten die Kontakte zu den anderen Behörden erst neu aufgebaut werden? Gibt es Hindernisse oder Zuständigkeitskonflikte?

Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen üben für den Krisenfall Foto: Lkdo HH / Gelhausen
Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen üben für den Krisenfall Foto: Lkdo HH / Gelhausen

Kurt Leonards: Das Gegenteil ist der Fall. Ich will hier nichts schönreden, aber ich bin fest davon überzeugt: In Hamburg ist man sich bewusst, wie gut es dem Bundesland geht und wie hoch der Wohlstand ist. Dieser Wohlstand kann nur erhalten werden, wenn man in Sicherheit investiert.

Deshalb gibt es bei der Innenbehörde eine große Bereitschaft, mit der Bundeswehr und dem Landeskommando zusammenzuarbeiten. Das tun wir auf wöchentlicher, fast täglicher Basis. Wir haben enge persönliche Kontakte.

Innere und äußere Sicherheit wurden in Deutschland aus guten Gründen voneinander getrennt. Die Polizei ist für die innere, die Bundeswehr für die äußere Sicherheit zuständig. Bei hybriden Angriffen funktioniert diese strikte Trennung aber nicht mehr. Hamburg ist mit dem Hafen, dem Flughafen, den Industriegebieten und seiner Funktion für die Versorgungsketten ein ideales Ziel für solche Angriffe.

Wenn im Hamburger Hafen der Strom ausfällt, am Flughafen das Mobilfunknetz zusammenbricht oder in einem Industriegebiet nur das Gerücht verbreitet wird, das Trinkwasser sei kontaminiert, hat das unmittelbare Auswirkungen. Das Gleiche gilt, wenn jemand behauptet, eine Mine in die Elbe geworfen zu haben. Deshalb besteht die Bereitschaft, nicht nur darüber zu reden, sondern auch Geld zu investieren – etwa in Drohnenabwehrsysteme für den Hafen und in Drohnenkompetenz bei der Hamburger Landespolizei. Wir stehen dazu in einem engen fachlichen Austausch. Eine unserer Aufgaben lautet ganz praktisch: Wer muss eigentlich mit wem reden, damit am Ende etwas funktioniert?

Red Storm Charlie folgt auf Red Storm Alpha und Red Storm Bravo. Was ist Charlie?

Kurt Leonards: Red Storm Charlie ist die dritte Übung dieser Reihe. Sie hat einen besonderen Zweck: Sie soll das Bewusstsein für die zivil-militärische Zusammenarbeit stärken. Hamburg kann Ziel hybrider Angriffe werden, und deshalb müssen wir miteinander arbeiten. Wir müssen die gleiche Sprache sprechen. Und wir müssen wissen: Wer sind die Köpfe in der Krise, bevor wir die Krise haben! Wie bei Red Storm Bravo sind rund 500 Soldatinnen und Soldaten beteiligt. Der Anteil der Bundeswehr wird also nicht größer. Enorm entwickelt hat sich dagegen die Zahl der Kooperationspartner. In den vergangenen zwölf Monaten ist vor allem die Hamburger Wirtschaft auf das Thema aufmerksam geworden.

Wie beteiligt sich die Wirtschaft an der Übung? Stichwort Red Storm Business?

Kurt Leonards: Die Handelskammer Hamburg hat dazu die Idee für Red Storm Business entwickelt. Unternehmen sollen Red Storm Charlie zum Anlass nehmen, ihre eigenen Sicherheitsabläufe zu überprüfen. Gibt es eine Alarmierungskette? Funktioniert sie tatsächlich? Wie verhält sich der Betrieb bei einem Stromausfall? Und weiß ein Unternehmen, wer in seiner Belegschaft Reservist ist, wer zur Freiwilligen Feuerwehr oder zum THW gehört? Dabei kann sich herausstellen, dass einzelne Beschäftigte im Krisenfall doppelt oder sogar dreifach eingeplant sind. Als die Handelskammer Red Storm Business angestoßen hatte, sagten auch die Handwerkskammer, der Unternehmensverband Nord und der Arbeitgeberverband AGA sofort: Wir machen mit. Damit sind die Soldatinnen und Soldaten bei Red Storm Charlie zahlenmäßig in der Unterzahl. Das ist das Beste, was uns passieren kann. Denn es zeigt, dass diese zivil-militärische Übung inzwischen weit über die Bundeswehr hinaus angenommen wird.

Gibt es gesellschaftliche Bereiche, die bei solchen Planungen bisher kaum berücksichtigt wurden?

Kurt Leonards: Ein Punkt, auf den man zunächst überhaupt nicht kommt, ist der Unterschied zum Kalten Krieg. Im heutigen Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung wird ein großer Teil der Bundeswehr nicht mehr im Inland sein. Die Truppe würde frühzeitig ins Baltikum oder in andere Gebiete an der Ostflanke der NATO verlegen. Dann sieht beispielsweise auch ein Bundeswehrkrankenhaus anders aus als heute. Das betrifft ebenso die Militärseelsorge: Die Militärseelsorger begleiten die Truppe. Wer kümmert sich dann in Deutschland um traumatisierte Soldatenfamilien, um Verwundete oder um die Angehörigen von Kriegsgefangenen? Das ist ein großer Bereich, über den wir uns 40 Jahre lang keine Gedanken mehr gemacht haben. Deshalb beteiligen sich bei Red Storm Charlie auch die evangelische und die katholische Kirche Hamburgs. Wir werden, wenn Sie so wollen, einen Feldgottesdienst ohne Militärseelsorger haben. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie viele gesellschaftliche Gruppen die Notwendigkeit einer solchen Übung inzwischen akzeptieren.

Im Kalten Krieg hatten wir einen Bundeswehraufkleber mit Igeln – immer schön friedlich. Begriffe wie „Gefallene“ und „Krieg“ haben wir vermieden. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Wie gehen vor allem Ihre zivilen Kontakte mit diesen harten Wahrheiten und den zu beschreibenden Szenarien um? Wir brauchen Leichensäcke, wir brauchen Gefangenenlager, wir werden Tote haben und bei der medizinischen Versorgung an Grenzen stoßen. Wie gehen Menschen mit diesen Wahrheiten um? Verändert sich da etwas?

Kurt Leonards: Ja, da ändert sich etwas. Man muss allerdings auch sagen: Es kommt darauf an, wie man die sicherheitspolitische Lage darstellt. Wenn man Ängste und Panik verbreitet, hilft das niemandem. Man muss die Dinge sehr sachlich und vor allem mit Belegen aufzeigen. Ein bewährtes Mittel ist, öffentlich zugängliche Medien zu zitieren. Ich nutze vor allem die vielen Hamburger Medien, um den Hamburgerinnen und Hamburgern die sicherheitspolitische Lage darzustellen. Aus der Lage ergeben sich Entscheidungsbedarfe und Prioritäten. Wenn man das sachlich vermittelt, stößt man auf viel Verständnis.

Wie sieht es denn mit der Personallage im Landeskommando aus: Aufbau, Heimatschutz, Rekrutierung, freiwillige Reservistenarbeit...

Kurt Leonards: Der Heimatschutz gehört nicht mehr zu den Landeskommandos und fällt damit auch nicht mehr in meinen Verantwortungsbereich. Zugleich wurden die Landeskommandos in den vergangenen zwei Jahren von vielen administrativen Aufgaben entlastet und in ihrer Führungsfähigkeit gestärkt. Das betrifft sowohl die Arbeit im Lagezentrum als auch die Besetzung von Dienstposten mit führungserfahrenem Personal. Unser Personalbestand liegt tatsächlich bei mehr als 100 Prozent. In Hamburg gibt es viele Reservistinnen und Reservisten, die sich regelmäßig im Landeskommando engagieren. Ihre beruflichen Erfahrungen aus dem zivilen Bereich bringen sie unmittelbar in die zivil-militärische Zusammenarbeit ein.

Zum Schluss – Wildcard! Was will ein Kommandeur Landeskommando noch loswerden, was ich nicht gefragt hab?

Kurt Leonards: Eine Herausforderung ist der Umgang mit hybriden Bedrohungen an der Schnittstelle zwischen innerer und äußerer Sicherheit. Dabei hat ein Stadtstaat große Vorteile: Die 1,9 Millionen Einwohner Hamburgs verteilen sich nicht über ein großes Flächenland, sondern leben in einer Stadt. Dadurch kennt man die beteiligten Entscheidungsträger.

Vor allem die Zusammenarbeit zwischen der Polizei Hamburg und dem Landeskommando Hamburg ist sehr eng. Das hilft uns, wenn wir uns in bestimmten Situationen gegenseitig unterstützen müssen. Wir haben im Landeskommando eigene Kompetenz in der Drohnenabwehr aufgebaut. Unsere Spezialisten tauschen sich dazu direkt mit den Fachleuten der Hamburger Polizei aus. Das ist nur ein Beispiel. In Hamburg trifft man sich häufig und hat dadurch sehr gute Möglichkeiten für einen kontinuierlichen Austausch.

Kurt Leonards: Das weiß ich nicht genau, aber er hat sie verfügbar – wie viele andere Entscheidungsträger in Hamburg auch.

Sehr geehrter Herr Kapitän zur See Leonards, lieber Kurt. Herzlichen Dank für die Zeit und wir wünschen, dass dieser wunderbaren Stadt auch mit Hilfe des des Landeskommandos kein Unheil geschieht.

HSC - EBX/MS

 

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