Brasilianischer Flugzeugträger "Sao Paolo" (ex-"Foch") bei der Abreise zum Abwracken in der Türkei. Foto: Instituto Sao Paolo

Brasilianischer Flugzeugträger "Sao Paolo" (ex-"Foch") bei der Abreise zum Abwracken in der Türkei. Foto: Instituto Sao Paolo

Brasilien: Die nächste Umweltkatastrophe mit Ansage

Der Flugzeugträger wurde 1963 noch unter dem Namen „Foch“ bei der Marine Nationale in Dienst gestellt, dann Ende 2000 nach 37 Dienstjahren an Brasilien weitergegeben, konnte aber dort als Flaggschiff „Sao Paolo“ nie richtig einsatzreif wiederhergestellt werden, ging daher 2017 aus dem Dienst und wurde schließlich an eine türkische Werft in Aliaga (nördlich Izmir) zum Abwracken versteigert.

Geballte Ladung Gift

Man kann davon ausgehen, dass sich in und am Schiff reichlich Gefahrenmaterial befindet, wie Asbest, PCB und Giftfarben, die nach internationalem Recht den Rumpf als Sondermüll qualifizieren und er somit besonderen Handelsbeschränkungen unterliegt. Zusätzlich war das Schiff 1966 im Pazifik atmosphärischen Atombombentests ausgesetzt gewesen. Allein dafür waren wohl an die 170 Tonnen Blei- und Cadmium-Farbe als Strahlungsschutz aufgebracht worden. Außerdem hatten sich noch zu französischen Zeiten wohl auch atomare Substanzen an Bord befunden, über die äußerst wenige Informationen erhältlich sind.

Internationale Regeln

Aber es gibt eine IHM-Liste, ein Inventory of Hazardous Materials, die vor dem Export des brasilianischen Trägers erstellt werden musste. Diesem Papier der brasilianischen Marine vertraut die türkische Seite nun aber gar nicht, denn sie konnte es nicht einsehen, konnte auch nicht mehr als gut 10% des Trägers besichtigen, und verlangt nun weitere Probenentnahmen und Prüfungen, um den genauen Schadstoffgehalt bestimmen zu können. Außerdem schlagen Umweltschützer in beiden Ländern Alarm, weil gemäß der Konvention von Basel und Barcelona unter diesen Umständen ein Export überhaupt nicht stattfinden darf. Entsprechend hat das Oberste Gericht der Türkei mit einer einstweiligen Verfügung den Import der "Sao Paolo" in die Türkei untersagt und eine Prüfung noch innerhalb brasilianischer Territorialgewässern verlangt.

Beispiel Clemenceau

Frankreich als ursprünglicher Besitzer der „Foch“ hatte gemäß dem Kaufvertrag von 2000 das letzte Wort bei einem eventuellen Weiterverkauf – auch als Wrack. Paris erklärte Brasilien, dass lediglich EU-Werften auf der Liste der genehmigten Abwrackunternehmen (approved ship recycling facilities) zum Bieterkreis zugelassen seien, so wie es das Izmir-Protokoll von 1996 zur Barcelona-Konvention vorsieht (Protocol on the Prevention of Pollution of the Mediterranean Sea by Transboundary Movements of Hazardous Wastes and their Disposal), wonach kein Gefahrenabfall das Mittelmeer passieren darf - außer zwecks Entsorgung in einem EU-Land. Diverse Umweltverbände fordern nun ein Eingreifen Frankreichs wie im Falle des Schwesterschiffes „Clemenceau“, das in 2006 nach Indien exportiert und wegen Illegalität des Vorgehens vom Präsidenten Jacques Chirac wieder nach Frankreich zurückgeholt wurde.

Dreistes Vorgehen Brasiliens

Brasilien hat den Schleppzug mit dem Träger aber schon Anfang August auf die Reise in das Mittelmeer geschickt. Dabei hat er die geplante Route entlang der brasilianischen Küste unverzüglich verlassen und ist schnurstracks ostwärts in internationale Gewässer gefahren. Brasilien meint nun, der türkischen Verfügung nicht mehr nachkommen zu müssen. Mittlerweile steht der Schleppzug vor der mauretanischen Küste, wenige Seetage entfernt von Gibraltar, allerdings ohne dass weder Marokko, Spanien oder Großbritannien benachrichtigt wurden oder ihre Einwilligung zur Passage der Gewässer gegeben hätten, wie es der Baseler Konvention zufolge erforderlich gewesen wäre. Brasilien schlägt daher schamlos vor, die erneuten Prüfungen „nach Ankunft“ in der Türkei durchführen zu lassen – im übrigen auch zu Lasten des Importeurs. Die Türkei weigert sich zurecht, denn mit diesem Vorgehen würde vorsätzlich internationales Recht gebrochen – sie fordert den Rücktransport nach Brasilien und eine Sperrung des Mittelmeeres für diesen Schleppzug.

Ende gut – alles Mist

Einige Nationen werden nun wohl gegen den Schleppzug vorgehen und das Drama wird unter den Blicken der Welt seinen Lauf nehmen. Sollte Brasilien nicht einlenken und keine andere Nation einknicken, dann wird der Schleppzug bei Gibraltar beleidigt umkehren und die Heimreise antreten. Wetten, dass er dort nie ankommen wird? Die Wetterbedingungen in einer atlantischen Schlechtwetterfront werden die Trosse reißen lassen - und der Schadstoffriese wird auf Tiefe gehen. Brasilien stellt sich als Opfer dar und wird sich frei aller Schuld sehen. Den brasilianischen Präsidenten wird das wenig kümmern. Wetten dass?

4 Kommentare

  1. Wie verkommen ist unsere Welt mittlerweile? Mir unbegreiflch, warum Frankreich seinen Schrott nicht selber entsorgen muss. Wenn ich mein schrottreifes Auto einfach auf meinem Grundstück vergammeln lasse, ist das Ordnungsamt sofort da.

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  2. Die einzigen, die sich für das Schiff noch interessieren, dürften Inder oder die Chinesen sein – letztere zum Studium wie bei der HMAS Melbourne. Wenn jetzt der Kahn auf See noch mehrfach den Eigentümer und Zielhafen wechselt, würde mich eine solche Offerte nicht wundern.
    Und abgesehen davon – der Weg um das Kap herum durch den in Indischen Ozean ist noch viel länger als zurück nach Brasilien. Da ist die Chance auf eine richtig starke Schlechtwetterfront dann noch etwas größer.

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  3. Das ist wirklich krass! Bin gespannt wie es weiter geht. Hoffe, ihr werdet berichten …

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