In der vergangenen Woche fand in Kiel die offizielle Taufe der ersten deutschen maritimen Aufklärungsdrohne auf den Namen „Seetaube“ statt. Beim traditionellen Bruch der Sektflasche am Bug sprach die Taufpatin, Hauptbootsmann Cara vom Bataillon Elektronische Kampfführung 912: „Ich taufe dich auf den Namen Seetaube und wünsche dir und deinem Bedienpersonal allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unterm Kiel!" Hergestellt wurde dieses moderne Unmanned Surface Vehicle (USV) durch das deutsche Start-up Stark, dessen erstes und Vorzeigesystem Virtus bereits in der Ukraine im Einsatz ist.

Die „Seetaube“ soll in der Bundeswehr den fast schon klassischen Aufgabenkomplex für unbemannte Systeme – Dirty, Dull and Dangerous – übernehmen. Denn auch auf See nehmen hybride Bedrohungen deutlich zu. Sabotage, Spionage oder Angriffe auf Kritische Infrastruktur bewegen sich häufig unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts und erschweren eine schnelle Reaktion. Um solche Aktivitäten künftig früher zu erkennen und eindeutig zuzuordnen, baut die Bundeswehr ihre maritimen Aufklärungsfähigkeiten kontinuierlich aus. Ein wichtiger Baustein soll hier das neue USV Seetaube sein. Das rund sechs Meter lange System ist hierfür mit Radar, Kameras und weiteren Sensoren ausgestattet, wodurch die Seetaube unabhängig operieren und gleichzeitig als vorgeschobene Sensorplattform dienen kann. Hinzu kommt ein besonderes Einsatzszenar des Systems von Stark: Für die exakte Ortung von Funksignalen ist in der Regel eine sogenannte Kreuzpeilung erforderlich. Während ein einzelnes Schiff nur eine Peilung durchführen kann, stellt die „Seetaube“ eine flexibel verlegbare zweite Referenzposition bereit und erhöht damit die Genauigkeit der Ortung deutlich.
Das neue USV der Bundeswehr basiert auf dem System Vanta von Stark. Vanta kann dabei Geschwindigkeiten von über 45 Knoten erreichen und verfügt über eine Nutzlastkapazität von bis zu 500 Kilogramm, was die Plattform geeignet für eine Vielzahl von Payloads und entsprechende militärische Fähigkeiten macht. So hat Stark beispielsweise bereits den Start der rohrgestützten Loitering Munition „Cascade“ von einem Vanta aus durchgeführt.
Aufgaben der Seetaube in der Bundeswehr
Laut der Bundeswehr wird die „Seetaube“ weitgehend autonom arbeiten. Vorgeplante Missionen fährt das USV demnach selbstständig ab und orientiert sich dabei innerhalb definierter Grenzen an den internationalen See-Verkehrsregeln. Die Verantwortung verbleibt jedoch beim Bedienpersonal, das den Einsatz durchgehend überwacht und bei Bedarf eingreifen kann. Eine tatsächliche Autonomie ist also aktuell noch nicht vorgesehen, stattdessen wird die Seetaube durch einen Bediener gesteuert bzw. mindestens überwacht. Die Daten des USV werden verschlüsselt an das Mutterschiff oder den Nutzer an Land übertragen, sodass dort nahezu in Echtzeit ein umfassendes Lagebild entstehen kann – unterstützt durch die Daten der Seetaube und anderer Sensoren, seien sie nun bemannt oder unbemannt.
Projekt des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr
Entwickelt wurde die „Seetaube“ im Rahmen eines Innovationsprojekts des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) durch das Unternehmen Stark, das Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr, und natürlich mit Input durch die Deutsche Marine. Alle diese Akteure gingen das Projekt mit dem Ziel an, Aufklärungsdaten schneller verfügbar zu machen und die maritime Lagebilderstellung insbesondere angesichts der heutigen Bedrohung durch hybride Aktionen (von Russland oder China) deutlich zu verbessern.
Mit diesen Fähigkeiten – besonders den modularen Aufwuchsfähigkeiten – kann die Bundeswehr das System künftig nicht nur für Aufklärungsaufgaben einsetzen, sondern auch als Träger von Effektoren oder es für beides in vernetzte Aufklärungs- und Wirksystemverbünde integrieren. Dank der hohen Seeausdauer und des weitgehend automatisierten Betriebs kann das USV dabei Überwachungs- und Aufklärungsaufgaben über lange Zeiträume übernehmen. Das entlastet bemannte Einheiten und erhöht gleichzeitig deren Verfügbarkeit für andere Einsätze.
Doch zuerst geht die „Seetaube“ in die Erprobung. „In der nächsten Phase stehen in den kommenden Monaten unterschiedliche Tests an, bevor das System offiziell in Dienst genommen wird“, berichtet die Bundeswehr. „Im ersten Schritt steht die Ausbildung des nutzenden Personals im Fokus, das mit dem System und seiner Steuerung vertraut gemacht werden muss. Danach wird das Überwasserfahrzeug im eigentlichen Seebetrieb und im Anschluss im Rahmen einer Aufklärungsmission auf Herz und Nieren geprüft.“ Es werden also noch Monate vergehen, bevor der CIR und die Deutsche Marine diese neuen Fähigkeiten mit der Seetaube tatsächlich in Dienst stellen kann. Aber zumindest ist die „Seetaube“ seit der Taufe bereits offiziell ein Teil der Bundeswehr geworden.
Text: Dorothee Frank
Fotos: Bw/CIR

