Guardians of the North Atlantic Grafik: Michal Piekarski

Guardians of the North Atlantic Grafik: Michal Piekarski

DWT-Special Guardians of the North Atlantic: NATO-Seemacht im Wandel

Wächter des Nordatlantiks – eine Rezension

Nicht erst seit den jüngsten Diskussionen um Grönland ist der nordatlantische Raum sicherheitspolitisch wieder auf der Agenda erschienen. Tatsächlich spielt die strategische Dimension des Nordatlantiks, inklusive transatlantischer Seeverbindungslinien sowie des Zugangs zum Nordmeer, mindestens seit den Aggressionen Russlands und der entsprechenden Re-fokussierung der NATO wieder eine große Rolle. Auch im Februar 2026, auf der 62. Münchner Sicherheitskonferenz, lud der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christan Kaack, zum diesjährigen MSC-Panel der Deutschen Marine ein, welches dem Nordatlantik gewidmet war. Zuvor hat der Inspekteur Marine zu diesem Thema auch schriftlich beigetragen und dessen Relevanz somit mehrmals unterstrichen. Sein Vorwort steht am Anfang des Sammelbandes „Guardians of the North Atlantic“, der sich mit der maritimen Rolle der NATO auseinandersetzt und damit maritime Strategien und Marineoperationen der Allianz genaustens beleuchtet. Insbesondere stellt sich die Frage, wie das Bündnis, mit dem Nordatlantik zentral sowohl geographisch als auch im Namen, sich maritim dorthin entwickelte, wo es jetzt steht.

Wollte den Autor kennenlernen: NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit Sebastian Bruns Foto: Nederlands Instituut voor Militaire Historie (NIMH)
Wollte den Autor kennenlernen: NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit Sebastian Bruns Foto: Nederlands Instituut voor Militaire Historie (NIMH)

Dr. Sebastian Bruns und Fregattenkapitän Dr. Christian Jentzsch geben darauf eine Antwort, die dazu besonders weit ausholt. Ihr Sammelband ist das Ergebnis eines Kooperationsprojekts des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), das seit Ende 2022 über zwei internationale Expertenworkshops im November 2023 im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven, sowie im März 2024 in Laboe, internationale Expertinnen und Experten zusammengebracht hat, um sich sicherheitspolitisch wie auch historisch der maritimen Rolle der NATO, insbesondere aber nicht ausschließlich des Nordatlantiks, zu nähern. Durch diese Genese führt der Band Militärhistoriker und Politikwissenschaftler, aber auch Praktiker aus verschiedensten alliierten Ländern an einen Tisch, unter anderem aus den USA, Großbritannien, Polen, Niederlande, Dänemark und Deutschland.

Der Band eint die verschiedenen Beiträge durch eine gemeinsame Rahmung, nämlich der NATO als maritime Allianz. Dies wird anhand der vorhandenen Beiträge deutlich. Diego Ruiz Palmer rekonstruiert, wie die NATO zwischen 1967 und 1988 zweimal ihre maritime Aufstellung neu erfand und mit dem Concept of Maritime Operations (CONMAROPS) schließlich ein passendes Instrument zur Abschreckung fand. Duncan Redford fragt schließlich am anderen Ende des Bandes, ob die Zeit für eine neue maritime Strategie der NATO gekommen sei. Zwischen diesen beiden Kapiteln wechseln sich im Band unterschiedliche Perspektiven ab. Anselm van der Peet zeigt, wie die niederländische Marine die amerikanische Maritime Strategy der 1980er Jahre als Hebel gegen innenpolitischen Kürzungsdruck nutzte, während Heiko Herold und Dominique Guillemin deutsche und französische Einheiten durch den Kosovokrieg verfolgen. Johannes Riber und Michał Piekarski beschreiben jeweils den dänischen und den polnischen Weg vom Kalten Krieg an in das 21. Jahrhundert. Es sind die diese Beiträge über die kleinen und mittleren Seestreitkräfte, die das besondere Augenmerk in der ersten Hälfte des Bandes aufzeigen. In der zweiten Hälfte des Buches finden sich vermehrt Themen aktueller Natur, zu denen auch der Doyen der Marinestrategie, Geoffrey Till, schreibt: Maritime Strategie, Abschreckung, die Arktis und der Krieg Russlands gegen die Ukraine werden thematisiert, um nur einige zu nennen. wendet sich dann aber weitestgehend der Gegenwart zu.

Vorwort vom Inspekteur der Marine Jan Kaack Foto: Schlüter
Vorwort vom Inspekteur der Marine Jan Kaack Foto: Schlüter

Mit diesen und weiteren Themen entfaltet der Sammelband in der Reihe der ISPK Seapower Series seine Stärke, die in jener Vielstimmigkeit liegt. In gewohnter Manier der Herausgeber sowie herausgebenden Institutionen bietet das Werk qualitativ wie quantitativ einen erleuchtenden Einblick in die Tiefen des nordatlantischen Bündnisses, welches doch, wie die Beiträge zeigen, deutlich über diesen geographischen Raum hinauswirkt. Die Vielzahl der Kapitel, Themen, Autoren und Perspektiven zeigt, wie vielfältig die NATO maritim sowohl in der Vergangenheit aufgestellt war, als auch heute noch ist. Doch wie Bruns und Jentzsch selbst unterstreichen, eine endgültige Studie zur maritimen NATO muss nach wie vor erst verfasst werden. Zu vielfältig und tiefgehend sind Themen und Debatten, zu groß die Forschungsbereich. Dieser Sammelband jedoch bietet eine bedeutende Perspektive auf diese Vielfalt und hilft, ein tieferes Verständnis für die maritime Dimension der nordatlantischen Allianz zu entwickeln.

Sebastian Bruns / Christian Jentzsch (Hrsg.): Guardians of the North Atlantic. NATO Maritime Strategies and Naval Operations in Turbulent Times. Baden-Baden: Nomos 2025 (ISPK Seapower Series, Bd. 7), 413 Seiten, ISBN 978-3-7560-3420-8.
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Auto: Dr. Julian Pawlak ist Wissenschaftler an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

 

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