Nun ist auch (endlich!?) das vierte Leck entdeckt worden, das bei vier Rohrleitungen logischerweise zu erwarten war. Ansonsten hätte womöglich ein peinlicher Zündversager vorgelegen, was nach Auffinden der Ladung sowie Analyse von Sprengstoff und Zündarmatur wenigstens eine relativ zuverlässige Täterzuweisung erlaubt hätte. Oder schlimmer noch, man hätte eine Boobytrap mit Detonationszeitpunkt bei Untersuchungs- oder Reparaturarbeiten in Erwägung ziehen müssen.

Lagebilderstellung

Das Bild ist immer noch diffus – zu viele Stellen sind daran interessiert, schnell und vereinfacht zu berichten. Keiner von uns ist Teil der Lagezentren, wo sich die Informationen verdichten und der Wahrheit annähern, aber wir können versuchen, die Sachlage von der Seite offener Informationen her zusammenzustellen. Nachfolgend einige Informationen, Überlegungen und Fragen, die sich ergänzend zum Erstbericht ,vom 28.09.2022 ergeben haben.

Das vierte Leck bei Nord Stream – und immer mehr Fragen

 

Aktuelle Lage

Das vierte Leck müsste sich nach erster Auswertung von schwedischen Angaben in der Doppelröhre von Nord Stream 2 in der Nähe der zuvor festgestellten Leckage südöstlich von Bornholm befinden, gerade eben außerhalb dänischer Territorialgewässer. Dass auch hier der Grenzverlauf der Ausschließlichen Wirtschaftszone Schwedens und Dänemarks noch nicht endgültig abgestimmt ist, sei wohl auch der Grund dafür, dass bisher keiner der beiden Staaten einen Angriff auf kritische Infrastruktur – auch wenn es nicht unbedingt die eigene sein muss – geltend gemacht hat, so vermutet der Tagesspiegel. Die Betreiberfirma Nord Stream AG (51% Gazprom, Zug/Schweiz) kündigte jedenfalls nach Bekanntwerden der Lecks eine Untersuchung an, um die Schäden festzustellen und die Ursachen des Vorfalls zu klären. Das ist eigentlich selbstredend, aber der Vorfall hat mittlerweile Dimensionen erreicht, die weit über das rein Betriebliche hinausgehen – siehe unten.

Das vierte Leck bei Nord Stream – und immer mehr Fragen

Der kleinere Gasaustritt an Nord Stream 2, am 28. September 2022. Foto: Schwedische Küstenwache

Aktuell noch unbeantwortet sind die Fragen

- Wurde vor der Entdeckung des vierten Lecks eine neue Detonation registriert, und waren die ersten Aufzeichnungen so klar, dass man jedes einzelne seismische Ereignis getrennt einem Leck zuordnen konnte?

- Wurde in der Anlandungsstelle für Nord Stream 2 der Druckabfall (bis auf 7 bar – entsprechend dem Druck in 70 bis 80 Metern Wassertiefe) in nur einer der Röhren festgestellt, oder war die zweite Röhre am Montag auch schon betroffen?

Antworten hierzu sollten recht kurzfristig verfügbar sein und das Lagebild klären.

In den nächsten Tagen

Das schwedische Außenministerium teilte mit, dass sich auf Anforderung Moskaus bereits am Freitagnachmittag der UN-Sicherheitsrat mit der Sachlage befassen werde. NATO und Europäische Union sitzen in Beratungen und haben sich in den Medien zu dem Vorfall geäußert.

Spätestens Sonntag sollte das Gas dann so weit aus der Leitung entwichen sein, dass man sich in die Nähe der Pipeline wagen kann. Aber auch dann sollte es noch etwa eine Woche dauern, bis ein Beruhigung eingetreten sein wird und man sich den Tatorten nähern kann. Es sei denn, es wird von russische Seite – je nach dortiger Interessenlage – weiter Gas nachgepumpt, um die Rohre möglichst seewasser- und damit soweit machbar überhaupt korrosionsfrei zu halten. Allein eine Reparatur der defekten Pipeline wird sich nicht einfach gestalten, aber einmal über große Strecken mit Seewasser geflutet, dürfte der für eine Wiederherstellung der vollen Funktionsfähigkeit zu leistende Aufwand einem Rentabilitätsvergleich nicht mehr Stand halten.

Andererseits wird aber auch ein Aufenthalt oder ein Durchfahren der mit Gas durchsetzten, perlenden und aufströmenden Umgebung des Lecks für jeden auf Verdrängung basierenden Schwimmkörper zu einem Wagnis – die erheblich verringerten Dichteverhältnisse bestimmen das Eintauchen und Auftriebsverhalten von Schiffen und Booten ganz maßgeblich. So lange aus den Pipelines Gas im beabsichtigten Maße ausströmt, wird sich dort vorerst kaum jemand ungesichert hintrauen – und aufklären können!

Bild zeigt ein Schwesterschiff der "Amfritite", die KBV 002 "Triton". Aufnahme: schwedische Küstenwache

KBV 002 "Triton", Schwesterschiff der "Amfitrite". Foto: Schwedische Küstenwache

KBV 003 Amfitrite“, ein Schiff der schwedischen Küstenwache, vorbereitet auch für einen Einsatz bei maritimen Verunreinigungen und dazu ausgerüstet mit einer fernlenkbaren Drohne, operiert in der Nähe der Gaslecks in der schwedischen Wirtschaftszone. Das dient zur Zeit eher der Sicherung des Seeverkehrs, denn ein Aufklärungseinsatz ist noch nicht angezeigt.

Apropos Klima

Die Dänische Energiebehörde berechnete, dass die Klimabelastung des Gasaustritts etwa einem Viermonats-„footprint“ Dänemarks entspricht. Einem anderen Vergleich zufolge entsprächen 120.000 Tonnen Methan etwa 10 Mio. Tonnen CO2, also dem Jahres-Ausstoß von 2 Mio. Benzinern auf der Straße. Demzufolge schätzten Forscher die Auswirkungen des Gasaustritts auf Umwelt und Klima für eher gering ein – und ein konkretes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung gerade auf der Ostsee-Insel Bornholm bestehe eigentlich nicht. Zu Methan haben allerdings kürzlich erfolgte Studien auch gezeigt, dass es im Seewasser absorbiert werden kann und über die Aktivierung von Algen diese zur Bindung von CO2 anzuregen in der Lage ist. Relative Entwarnung in dieser Hinsicht!

Wer könnte es gewesen?

Viel wichtiger – und umso weniger beantwortbar – sind die Fragen nach der verantwortlichen Stelle für diese höchstwahrscheinlichen Sabotageakte. Wer hat ein Interesse an der Unterbindung der Gaslieferungen durch Nord Stream? Welcher staatliche Akteur hat ein Interesse an einer dauerhaften Ausschaltung der beiden Pipelines? Welcher Staat kann so etwas durchführen? Wie und wann würde er das durchführen? Welcher Zweck, welche Absicht steht dahinter? Wem wird der größere Schaden zugefügt und welches Risiko gegenüber Verbündeten wird in Kauf genommen? Und warum gerade zum jetzigen Zeitpunkt? Welche Marinekräfte waren in den letzten Wochen über, auf und unter Wasser im Gebiet tätig, bzw. konnten festgestellt werden? Jede Antwort wirft weitere Fragen auf! Die tatort-gelangweilte bundesrepublikanische Angst- und Leidensgesellschaft darf sich zuvorkommendster Bedienung durch die Medien aller Couleur sicher sein!

Die „Schurkenstaaten“

Es wären vorrangig die Lieferkettenpartner Russland, Ukraine, Polen und Deutschland, die zu betrachten wären. Wer von denen könnte, wer wollte? Frankreich, Großbritannien und China hätten natürlich auch die Mittel und Möglichkeiten – aber welches Motiv? Es wären aber doch viel wahrscheinlicher die beiden Kontrahenten USA und Russland, die sich unverändert konfrontativ gegenüberstehen – und dazwischen (nicht ganz unwesentlich) der gesamte europäische Westen.

Wenn man weiter von Sabotage ausgeht, dann war der Vorfall eine komplexe Operation. Um diese Aktion durchzuführen, müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein: 1. genaue geografische Kenntnis der Nord Stream Pipelines, 2. Fähigkeit, in der Wassertiefe zu agieren, 3. Zusammenführung verschiedener Marinemittel über drei Dimensionen, 4. möglichst zeitgleiche Detonationen zwecks Verschleierung, 5. Abwesenheit zum Ereigniszeitpunkt. Dies alles erfordert Vorbereitung, Mittel und politischen Willen. In der Schnittmenge dieser drei Voraussetzungen liegen nur ein paar wenige Akteure.

Welche Motive könnte Russland für eine Sabotage haben?

Russland stellte bereits Ende August die Gaslieferungen durch Nord Stream 1 vollends ein - wegen notwendiger Reparaturen und einer fehlenden Turbine, also durch Sanktionen verzögerte Wartungsarbeiten, so die Wortwahl. Vermutet wird jedoch eher, dass Russland über die gesperrte Pipeline den europäischen Gaspreis künstlich in die Höhe treiben möchte, denn das bringt Geld in die Schatulle des Kreml.

Wartungsarbeiten sind aber irgendwann fertiggestellt, und würde Russland dann kein Gas liefern, läge ein Vertragsbruch vor. Deutschland könnte im Bestreben, sich von russischem Gas unabhängig zu machen, verzugslos und straffrei die teilweise noch langfristig laufenden Lieferverträge kündigen. Bei – wie jetzt hergestellt – defekter Leitung, geht das natürlich nicht – weil Russland bei allem „guten Willen“ nicht liefern kann.

Auch folgende Argumentationskette ist vorstellbar: Sollte Russland – im „Interesse des Westens“ – etwaige Reparaturen auch durchführen wollen, müssten für die Auftragsvergabe des vorwiegend russischen Nord Stream-Betreibers (auch an westliche Zulieferer) Sanktionen umgangen werden. Zusätzlich benötige er den Zugriff auf alle seine Finanzen.

Eine aus westlich-wirtschaftlicher Sicht unsinnige Opferung eigener „Goldkörnchen“ könnte aus der ausschließlich machtpolitischen Sicht Moskaus durchaus Sinn machen – wenn dadurch Angst und Preise getrieben werden und ein Klima allgemeiner Unsicherheit die Europäische Union in die Uneinigkeit treibt. Wahrscheinlicher ist also – entgegen allen Unschuldsbeteuerungen – die unausgesprochene, aber glaubhafte Drohung des Kreml, solche Operationen überall auf der Welt durchführen zu können, ob Energie- oder Daten-Pipeline, unter Wasser oder an Land, wann immer es gerade passt. Moskaus Fähigkeit zur hybriden Kriegführung konnte im Laufe der vergangenen Jahre nur zu deutlich beobachtet werden. Die mittlerweile nicht nur durch diese Sabotage gefallenen Schranken geschriebenen und Gewohnheitsrechts eröffnen bedenkliche und beängstigende Möglichkeiten – bis hin zur verdeckten Androhung des Einsatzes von Nuklearwaffen. Die Eskalationshoheit im gesamten Spektrum der militärischen und nichtmilitärischen Kriegführung liegt im Augenblick bei dem Machthaber im Kreml – kaum ein Anderer kommt hier in Frage. Toyota – nichts ist unmöglich!

Die Frage nach Amerikas weißer Weste

Skeptische Betrachter amerikanischer Vorgehensweisen rund um den Globus sowohl im industriellen als auch im militärischen Sektor mögen in dem unverzüglichen Fingerzeig auf Russland ein wohl orchestriertes Ablenkungsmanöver von Uncle Sam sehen. Zu einfach und zu schnell, um nicht doch unliebsame Fragen zu stellen. Könnte das Ausschalten der Nord Stream Pipelines nicht doch so sehr im amerikanischen Sinne sein, dass Amerika diese Sabotage auch durchführen ließe? Diese Frage muss man sich gefallen lassen!

USS Kearsarge, auslaufend Großer Belt. Foto: Michael Nitz

USS Kearsarge, auslaufend Großer Belt. Foto: Michael Nitz

Was machte die Kearsarge-ARG (Amphibious Ready Group) auf ihrem Weg hin und zurück zum Baltikum? War sie im Gebiet, weil sie Informationen hatte und etwas verhindern oder davor abschrecken wollte – oder wollte sie dort selber etwas machen? War ihre sichtbare Anwesenheit in der Ostsee zur Unterstützung der baltischen Staaten doch nur eine willkommene Gelegenheit, unter anderem durch Sprengladungen Einfluss nehmen zu wollen? Jedes Verhalten kann auf zwei Weisen als „Narrativ“ interpretiert werden. Wie weit würde die amerikanische Industrie gehen, um sich zukünftig Energie- und Rohstoffquellen auf dem eurasischen Kontinent zu sichern? Wie dringend ist amerikanischen Politikern eine zügige Beendigung des Ukraine-Krieges noch vor einem möglichen Umkippen der öffentlichen Unterstützung für die Ukraine durch einen „Leidenswinter“ in Deutschland und Europa? Wäre ein wirtschaftlicher Einbruch – eventuell sogar der Zusammenbruch – der Industrienation Deutschland im Interesse der amerikanischen Wirtschaft? Würde da auch das Weiße Haus mitgehen wollen und es riskieren, für derartige Ziele die Transatlantische Brücke vollends auf's Spiel zu setzen? Diese Fragen sollten in der Öffentlichkeit klar und glaubhaft beantwortet werden, damit vorhandene Zweifel sich nicht zu einem weiteren Spaltpilz in der Bevölkerung ausbreiten können.

Kearsarge Amphibious Ready Group - auslaufend Großer Belt. Foto: Michael Nitz

Kearsarge Amphibious Ready Group - auslaufend Großer Belt. Foto: Michael Nitz

Grundsatzfrage

Wie weit also würden die beiden Kontrahenten gehen, um den Ausgang des russisch-ukrainischen Abenteuers zu ihren jeweiligen Gunsten zu entscheiden? Mit Putin, oder ohne? Die Fingerzeige, die Anschuldigungen und die Dementis werden wohl mehr verwirren, als aufklären.

Und in Deutschland?

Hier dürfte nunmehr jeglicher Argumentationslinie – ob von ganz rechts, oder ganz links, oder aus der Mitte und für die Zeit danach gedacht – zu einer De-Sanktionierung und damit (noch lange nicht gewährleisteten) Wiederaufnahme von Gaslieferungen der Hahn abgedreht worden sein! Gut so, wird so mancher denken. Und weiter?

Das Auswärtige Amt hat einen Krisenstab gebildet, an dem weitere Ministerien und das Kanzleramt beteiligt sind. Der BND soll wohl national in führender Position beteiligt sein an der Erkenntnisverdichtung zum Über- und Unterwasserseeverkehr im Gebiet der Leckagen und im den Detonationen vorausgegangenen Zeitraum.

Weitere Konsequenzen sind eine verstärkte Präsenz in den Küstengebieten an Nord- und Ostsee sowie eine Intensivierung der Kontrolle insbesondere kritischer Infrastrukturen (KI) innerhalb der Hoheitsgewässer durch die Bundespolizei. Ist uns überhaupt klar, was zur KI zählt – der Begriff schließt neben Gas-, Öl- und Stromtrassen auch Telekommunikationskabel, aber eben auch Energieumschlag-Terminals, Hafenanlagen und Offshore-Installationen ein – letztendlich müsste maritime KI auch die Seewege umfassen.

War es professionelles Gespür, das den Inspekteur Marine noch wenige Tage vor dem Ereignis auf unsere kritische Infrastruktur unter Wasser hinweisen ließ? Die Deutsche Marine bereitet sich jedenfalls auf multinationale Untersuchungsvorhaben zur Ursachenklärung vor – wer dabei in den Lead geht, stand bisher noch nicht fest, aber es dürfte klar sein, dass hier eine herausragende Aufgabe vor uns liegt.

Union und Bündnis?

Letztendlich ist offen, wie eine robuste Reaktion, insbesondere bei der EU aussehen soll. Auf Seiten der NATO stellt sich die Frage des Bündnisfalles – die von den NATO-Botschaftern am Donnerstag vorgelegte Formulierung geht in diese Richtung. Fraglich ist, ob sich dazu Konsens erzielen lässt. Fakt aber ist, dass ein umfassender Schutz maritimer Infrastruktur auf die Dauer nicht zu leisten ist. Insofern liegt in einer aufwändigen Diversifizierung und einem breiteren Ausbau der Energieversorgung ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma.

Fazit

Weil aber eine letztendliche Klärung der Täterfrage (und damit auch der Täterabsicht) kaum möglich sein wird, schauen wir alle derzeit völlig machtlos einer „Live-Experimentation“ zu, ohne – anders als beim Klimawandel – selbst eingreifen zu können.

2 Kommentare

  1. Mir erscheint Russland als Täter eher unwahrscheinlich, obwohl ich durchaus die angeführten Argumente nachvollziehen kann, die dafür sprechen. Es erschließt sich mir jedoch einfach nach wie vor nicht, warum …
    – Russland gerade dieses Seegebiet für eine solche Aktion wählen sollte (nicht in für sie militärisch vielleicht weniger riskante Teile der Ostsee agiert)
    – Russland den politischen Spaltungstendenzen in Deutschland und einem zentralen Argument für Proteste im Herbst die Grundlage nehmen sollte
    – Russland sich die Möglichkeit politische Handlungsstärke zu zeigen und perspektivisch auch die entsprechende ökonomische Flexibilität nehmen sollte, die auf der Fähigkeit basiert den Hahn der Pipilines auf- oder zudrehen zu können
    – Russland seine eigene, enorm, teure Infrastruktur wählt, dies im Geheimen macht und damit letztlich der ökonomischen Substanz seiner Kernindustrie freiwillig schaden sollte (selbst wenn dies kurzfristig den Gaspreis erhöht)

    Politisch und ökonomisch scheinen mir andere Staaten deutlich mehr zu profitieren. Ich denke hierbei nicht nur an die USA, Polen und die Ukraine finden kaum Erwähnung. Haben nicht diese beiden Staaten die größten Vorteile und gerade Polen die beste geografische Lage. Nun führt noch eine Pipeline durch die Ukraine von Russland in die EU und Russland kann kaum noch europäische Staaten mit Gaslieferungen von der Unterstützung der Ukraine abhalten oder diese zumindest beschränken. So bleibt die Frage im Raum, kann und wird die Marine harte Fakten liefern können, die uns Klarheit verschaffen – und dies auch tun falls Verbündete beteiligt sein sollten?

    Antworten
    • Sehr geehrter Herr Hansen,
      zu Ihren Fragestrichen möchte ich gerne versuchen, ein paar Antworten zu formulieren.

      Warum gerade dieses Seegebiet? Nun ja – vor der eigenen Haustür (sprich in den nationalen Territorialgewässern) würde man doch solche Aktionen nicht zulassen bzw. solchen Unrat nicht deponieren wollen. Und je dichter dran, umso deutlicher der Fingerzeig auf den Verursacher.

      Spaltungstendenzen in Deutschland durch Zerstörung der Gasversorgungsleitung die Grundlage nehmen? Spaltungstendenzen – wie der Begriff schon sagt – sind ein schleichender Prozess – politisch äußerst unschön, aber langsam und wenig kontrollierbar. Angst und Befürchtungen im Zielgebiet wirken sofort – und das könnte dem Machthaber im Kreml auch innenpolitisch sehr zum Vorteil gereichen. Energie- und informationsabhängige Staaten reihum werden sich reflexartig um ihre kritische Infrastruktur kümmern – ihre Kräfte werden unmittelbar gebunden! Ordnungsbehörden (Bundes- und Landespolizei, Zoll, Küstenwache, Marine, etc.) werden aktiv, und demokratische Diskussionsprozesse verlangsamen die Reaktionsgeschwindigkeiten. Lange und zu 100% ist ein erhöhter Schutz- und Überwachungsaufwand nur sehr begrenzt aufrecht zu erhalten.

      Handlungsstärke durch „Hahn-auf-und-zu-Politik“ zeigen? Das verfängt nur noch dann, wenn der Westen wirtschaftlich den Winter nicht übersteht. Ansonsten ist Russland zumindest unter Putin kein seriöser Verhandlungspartner mehr – aus dem Club hat er sich in diesem Jahr galant herausgekegelt!

      Eigene Infrastruktur zerstören? Russlands Gedankenwelt ist nicht grundsätzlich wirtschaftlich-marktorientiert ausgeprägt – oligarchische Einzelfälle bestätigen die Regel. Russlands Grundverhalten erscheint eher machtorientiert – das völkerrechtswidrige Begründen und das brutalisierende Verhalten im Ukraine-Krieg verdeutlicht das nur zur Genüge! Nord Stream 1 und 2 einmal durch fadenscheinige Reparatur-Argumente aus dem Spiel genommen und Deutschland zügig auf dem Wege zu anderweitigen Energie-Importen und -Erzeugungswegen ist diese Pipeline keine zuverlässige und wirkmächtige Figur auf dem Schachbrett der russischen Spielmöglichkeiten mehr – dann kann man auch gleich darauf verzichten! Dieser Schachzug wäre sicherlich mehr als ein „Bauernopfer“, aber ihn als ein „Damenopfer“ zu bezeichnen um den König zu retten, das wäre dann doch vielleicht zu hoch gegriffen. Denn das hieße, dass das „Pipelineopfer“ ein Verzweiflungsakt des Machthabers im Kreml gewesen wäre. So weit ist es nun doch wohl noch nicht? Aber ein valider Schachzug wäre es schon!

      Was tatsächlich hinter dem Sabotageakt auf Nord Stream 1 und 2 stehen könnte, das wird kaum zu ermitteln sein. In diesem Verfahren ist die Marine keine Polizei- oder Kriminalbehörde. Sie wird aufklären, überwachen und bekämpfen, aber dabei kaum relevante Fakten zu Tage fördern können. Und in diesem Szenario auf sich alleine gestellt wird keine Nation agieren können: alle staatlichen Organisationen aller Anrainer und die Betreiber/Besitzer der Pipeline sind hier gefordert. Mit anderen Worten – hier wird viel Zeit vergehen, bevor wir relevante Neuigkeiten erfahren dürfen.

      Auch wenn diese Antworten nicht jedem „schmecken“ werden – die Fragen sollten jedoch nicht unkommentiert im Raum stehen bleiben. Die Antworten sind keinerlei Schuldzuweisung, sie zeigen lediglich eine der möglichen Interpretationen des Vorfalls auf.
      Für die Redaktion
      A. Stephenson

      Antworten

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