Deutsche Fähigkeit zum Seekrieg aus der Luft
P-3C Orion

P-3C Orion

Die Fähigkeit zum Seekrieg aus der Luft

Zum 15. Jahrestag der Außerdienststellung des Marinefliegergeschwaders 2 postete ich im August 2020 einen Tweet. Offensichtlich traf dieser einen Nerv, denn selten bekam ich so viele Kommentare, selten löste ein Beitrag so eine breite Diskussion aus. Noch heute wird die damals für die Marine und später für die Bundeswehr verlorengegangene Fähigkeit offensichtlich schmerzlich vermisst. Natürlich versuchte ein Teil der Kommentatoren, den schuldigen Inspekteur oder Minister für diesen Verlust auszumachen. Allerdings fällt es in Kenntnis des Ergebnisses stets leicht zu verurteilen, ohne überhaupt alle damals möglichen Optionen für den Erhalt einer teuren Fähigkeit bei schrumpfendem Budget zu kennen. Weiter helfen solche Diskussionen ohnehin nicht. Ähnliches machten sicher die niederländischen Kameraden durch, als sie, vor vergleichbare budgetäre Herausforderungen gestellt, entscheiden mussten, ob sie ihre U-Boote oder die U-Boot-Jäger behalten wollten. Auch dort schmerzt der auf dieser Wahl basierende Verlust der P-3C Orion noch heute. Für uns Marineflieger bot der niederländische Verkauf die Option, die Fähigkeiten der Breguet Atlantic BR 1150 zu erhalten, obwohl wir nicht über die Finanzmittel für eine Neubeschaffung verfügten. Der Preis war allerdings, dass die gebrauchten Luftfahrzeuge auch in deutlich kleinerer Stückzahl kamen (8 statt bisher 15 MPAs).

Die meisten Kommentatoren diskutierten jedoch, ob es für eine Marine unserer Größe zu leisten sei, eine Jagdbomberkomponente wiederaufzubauen, oder ob eine Marine, die schlagkräftig sein möchte, sich nicht sogar eine Fähigkeit zum Seekrieg aus der Luft leisten muss. Landgestützt für die regionale, trägergestützt für eine weltweite Fähigkeit. Und wenn dies nicht alleine zu stemmen wäre, ob es nicht Zeit für ein europäisches Kooperationsprojekt zur Realisierung genau dieser Fähigkeit wäre.

Die Schlagkraft eines modernen Marine-Jagdbombers mit der richtigen Bewaffnung gegen Schiffe, aber auch Landziele ist dabei bis heute unbestritten. Aber ist die richtige Antwort auf die Herausforderungen von gestern auch morgen noch relevant? Sind Jagdbomber nicht selbst heute vulnerabler als früher? Haben nicht sogar etwas größere Marinen erhebliche Probleme, ihre fahrende Flotte zu alimentieren, weil die Jet-Komponente alle Gelder frisst? Ist es wirklich nicht möglich, diese Aufgabe im Joint-Ansatz verlässlich durch die Luftwaffe abzubilden? Was ist mit landgestützten Flugkörpersystemen oder der Kombination von unbemannten Systemen und fliegenden Führungsplattformen?

Während ich persönlich das Wiederaufleben einer Marine-Jagdbomberkomponente in Deutschland für utopisch halte, freue ich mich über die breite Diskussion und glaube, dass sie wichtig ist. Denn nicht das Luftfahrzeug, aber die Fähigkeit, die es abgebildet hat, war und ist für die Durchsetzungsfähigkeit einer Marine von immenser Bedeutung.

Um zu ergründen, welche Fähigkeiten eine Marine benötigt, gilt es Auftrag und Bedrohung zu analysieren. Der Auftrag der Deutschen Marine umfasst den Schutz maritimer Handels- und Transportwege, die Kontrolle oder das Verwehren definierter Seegebiete für einen Gegner in und von der Domäne See aus. Dazu muss man zunächst aufklären und ein Lagebild erstellen können, dann gegen einen Gegner Wirkung erzielen und eigene Kräfte behaupten können. Auch dies ist grundsätzlich nicht neu.

Verändert hat sich dagegen die Bedrohung. Digitale Datenübertragung und satellitengestützte Aufklärung und Kommunikation sind verwundbar gegen Cyberattacken, das elektromagnetische Spektrum ist bedeutsamer geworden, Hyperschallflugkörper und Schwarmangriffe unbemannter Systeme erfordern neue Abwehrmechanismen und Konzepte, Reaktionszeiten wurden kürzer, U-Boote leiser, Tauchzeiten länger.

Japanische Kawasaki P-1

Japanische Kawasaki P-1

Um dem entgegen zu treten, müssen wir weiterhin weiträumig agieren sowie schnell und flexibel Schwerpunkte bilden können. Wir müssen bei hohem Eigenschutz auf Distanz effektiv wirken und damit abschrecken können. Aufgrund der kurzen Reaktionszeiten und hohen Waffenreichweiten müssen wir aber zunächst eines: Ein Lagebild ständig abrufbar haben. Dies bedingt die Nutzung verfügbarer Satellitensysteme, aber auch luftgestützter Aufklärungsmittel, die Satellitenbilder verdichten oder bei Nichtverfügbarkeit Ersatz bieten. Hochwertmittel wie Seefernaufklärer oder Jagdbomber sollten allerdings nicht zur Erstellung eines Basislagebilds herangezogen werden müssen. Zum einen, weil man bei Erstellung eines Lagebilds verwundbar ist. Zum anderen, weil Flugstunden kostbar sind und daher gezielt auf Basis eines bereits vorhandenen Lagebilds zur Verifikation, Führung oder Wirkung zum Ansatz kommen sollten.

Geht es dann darum zu wirken, bietet ein Jagdbomber nach wie vor viele Vorteile. Zwar haben Satelliten und unbemannte Systeme die Reichweitenvorteile in der Zielauffassung relativiert und see- wie landgestützte Flugkörper Reichweiten, die abgestützt auf Zieldaten Dritter (third party targeting), den Wegfall von Kampfjets kompensieren. Doch bieten Geschwindigkeit, geringe Radarrückstrahlfläche und Durchsetzungsfähigkeit noch immer Überraschungsmoment, schnelle Schwerpunktverlagerung und Reaktionsfähigkeit. Diese Durchsetzungsfähigkeit kommt angesichts der stetigen Weiterentwicklung in Radar- und Flugkörpertechnik zur Abwehr von Kampfflugzeugen aber mit einem hohen finanziellen Preisschild. Ist dieser Aufwand für Luftstreitkräfte noch weitgehend ohne Alternative und im eingeschwungenen Zustand leistbar, käme bei der Deutschen Marine der immense Aufwand hinzu, eine seit 15 Jahren fehlende Expertise sowie Infrastruktur und Organisation aufbauen und natürlich die Waffensysteme selbst beschaffen zu müssen.

Am 3. Januar äußerte der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, im Interview mit der Welt am Sonntag seine Erwartung, dass der Post-Corona-Haushalt eine Abwärts-Korrektur der NATO-Ziele in allen Staaten des Bündnisses erforderlich machen werde. In einer solchen Zeit die immensen Investitionen für den Wiederaufbau einer Jagdbomber-Komponente anzugehen, hätte nicht vertretbare Verdrängungseffekte. Die notwendige politische Unterstützung dafür wäre bestenfalls schwer generierbar. Jagdbomber bringen ihre Fähigkeit vornehmlich am High End eines Konfliktes zum Tragen. Dieses High End wurde als Maßstab für Rüstungsprojekte festgelegt. Unterstützung findet aber leichter, was auch im Alltag mandatierter Kriseneinsätze jeden Tag zur Auftragserfüllung beiträgt. Marine-Jagdbomber könnten hier aber nur die Systeme der Luftwaffe quantitativ unterstützen, keinen inhaltlichen Mehrwert bieten. Angesichts zahlreicher weiterer Felder, in denen die Marine dem Verlust von Fähigkeiten entgegentreten muss, ist der Wiederaufbau einer Jet-Komponente meines Erachtens damit weder finanziell noch personell zu stemmen.
Dennoch benötigt die Deutsche Marine eine eigene Befähigung zum Seekrieg aus der Luft. Für eine andere Teilstreitkraft wird in Zeiten begrenzter Ressourcen und zu vieler Aufträge immer zuerst der Auftrag vernachlässigt, der nicht der eigene ist. Das war bereits bei Abgabe der Tornado-Komponente an die Luftwaffe so. Nur mit einer eigenen Fähigkeit kann ein Inspekteur sicherstellen, dass ausgebildetes Personal sowie einsatzbereite Waffen und Waffensysteme für die durch ihn priorisierten Aufgaben bereitstehen. Trägt diese Fähigkeit zudem zur Überlebensfähigkeit weiterer Flottenteile bei, sinkt bei Nichtverfügbarkeit der Einsatzwert der gesamten Flotte. Aus der gleichen Überlegung heraus muss man konstatieren, dass eine gemeinsame europäische Lösung zwar wünschenswert, aber in diesem Aufgabenbereich aktuell wenig realisierbar scheint. Versuche, im NATO-Rahmen einer „Strategic Defence Intiative“, Flugstunden der MPA-Nationen entgeltlich für alle Mitgliedstaaten verfügbar zu machen, scheiterten am fehlenden Interesse. Ebenso wurden Überlegungen nicht weitergeführt, angelehnt an das Konzept des European Air Transport Commands (EATC) ein europäisches MPA-Kommando zu schaffen. Während dies für den Aufgabenanteil der Bildaufklärung durchaus vorstellbar ist, stellt die Nutzung von nationalen Datenbanken über fremde wie eigene U-Boote in der U-Jagd eine erhebliche Hürde für eine solche Kooperation dar.

Bewaffnung einer amerikanischen P-8 Poseidon mit Harpoon-FKs

Bewaffnung einer amerikanischen P-8 Poseidon mit Harpoon-FKs

Wenn somit eigene Fähigkeiten benötigt werden, heißt dies jedoch nicht, dass die entsprechenden Fähigkeitsträger in großer Stückzahl benötigt werden. Bereits eine geringe Anzahl ermöglicht die Erstellung von Einsatzkonzepten, Entwicklung von Taktiken sowie die Beschaffung und Integration von geeigneter Bewaffnung. Wird dabei eine Bewaffnung in die Bundeswehr eingeführt, die auch beim Eurofighter oder seinem Nachfolger integrierbar ist, können im Bedarfsfall und bei entsprechend hoher streitkräftegemeinsamer Priorität schlagkräftigere Komponenten der Luftwaffe in größerer Stückzahl schnell eingebunden werden, um die eigene Anfangsbefähigung komplementär zu ergänzen. So behalten sowohl der Inspekteur Marine als auch der Inspekteur Luftwaffe jeweils die Hoheit über eigene Fähigkeitsträger und bauen dennoch eine gemeinsame Fähigkeit auf.

Also doch Jagdbomber für die Deutsche Marine, nur weniger? Nein, denn nach wie vor geht es um eine rudimentäre Befähigung; darum, Anknüpfpunkte für die Luftwaffe zu haben. Dazu kann auch eine MPA mit seiner hohen Reichweite und Traglast für effektive Seezielflugkörper dienen. Natürlich ist eine MPA angesichts geringerer Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit, aber auch der großen Radarrückstrahlfläche wegen kein vollwertiger Ersatz für einen Jet. Radarrückstrahlflächen und eingeschränkte Durchsetzungsfähigkeit könnten jedoch durch moderne elektronische Gegen- und Schutzmassnahmen (EloG/SM) mittels Jamming oder Scheinzielerzeugung teilweise kompensiert werden. Unbemannte Komponenten zur komplementären Aufklärung und Zielerfassung, insbesondere in umkämpfter Umgebung, könnten die Risiken weiter senken. Sollte die Bundeswehr zukünftig auch mit bewaffneten unbemannten fliegenden Systemen (Unmanned Aerial Systems, UAS) ausgestattet werden, könnten auch diese ergänzend eine wesentliche Rolle einnehmen, da das bemannte System als Führungsplattform für den Waffeneinsatz außerhalb von Gefährdungsbereichen verbleiben könnte. Eine solche Aufgabenteilung würde selbst bei einem Einsatz von der Heimatbasis den vorgesehenen Ansprüchen genügen, einen Waffeneinsatz von „Drohnen“ nicht aus dem Heimatland heraus zu führen.

Für den Wiedereinstieg in die Seekriegführung aus der Luft ist die eingangs erwähnte und schon fast zufällig in die Deutsche Marine gekommene P-3C Orion zentral gewesen. Mit dem Abbruch der Modernisierung der P-3C steht diese Option nun auf der Kippe. Die klarstandsbedingte Einsatzunterbrechung in der EU-Operation Irini Anfang 2021 hat bereits einen Ausblick darauf gegeben, wie wenig belastbar der Einsatz der verbliebenen P-3C über die letzten Jahre der Nutzung bis 2025 sein wird. Die Auswahl des Nachfolgers wird abhängig von Traglast, Reichweite und Integrationsmöglichkeit für Waffen, Sensoren und unbemannte Systeme in die Missionsanlage unweigerlich einen großen Einfluss darauf haben, ob der Wiedereinstieg in die Seekriegführung aus der Luft eine Option bleibt, sich sogar weitere Optionen eröffnen oder aber entsprechende Überlegungen zumindest bis 2035 ausscheiden.

Was heißt das für die Marineflieger? Zunächst gilt es, nicht von neuen Fähigkeiten zu träumen, sondern sicherzustellen, dass wir nicht weitere Fähigkeiten, zuvorderst die luftgestützte U-Jagd, verlieren. Nur das kann als Basis dienen, einige Fähigkeiten der Jagdbomber zurückzugewinnen, andere über die geschickte Einbindung von Luftwaffe und anderen Kräften zu sichern, ohne in den Ressourcenkonflikt des Aufbaus einer eigenen Jagdbomberkomponente zu geraten. MPAs bieten somit eine Grundbefähigung, die mit entsprechender Bewaffnung und ergänzender (auch unbemannter) Komponenten flexibel und skalierbar im Baukasten erweitert werden kann. Sie bieten zudem die Basis zur Erstellung von Einsatzkonzepten, um weitere Kräfte in den Seekrieg aus der Luft einzubinden. MPAs sind kein vollwertiger Ersatz für Jagdbomber, aber sie sind ein vielseitiges und abstandsfähiges Einsatztool über das gesamte Spektrum, von der Krise bis zur Bündnisverteidigung, das auch in der Seekriegführung aus der Luft Grundbefähigung und stepping stone darstellt.

Auch dieser Beitrag und meine Bewertung des Potenzials von MPAs wird sicher weitere Diskussionen auslösen. Und das ist gut so. Sicher ist aber eines: MPAs werden auch künftig in der Deutschen Marine personell wie finanziell realistisch abbildbar sein.

 

Kapitän zur See Thorsten Bobzin ist Kommandeur des Marinefliegerkommandos.

 

Text: Thorsten Bobzin; Fotos: Bundeswehr/Sascha Linkemeyer, US Navy, Japan Maritime Self Defence Forces

2 Kommentare

  1. Da ich bezweifele, dass die Bundeswehr in der Lage ist BV und LV gerecht zu werden, wäre es überraschend, wenn die Marine eine Ausnahme machen würde.

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  2. Die Möglichkeiten einer MPA sollten unstreitig sein. Hier waren wir 2007 noch weiter mit eine Airbuszelle A 319 und Führungs- und Einsatzsysteme der P 8.
    Die von Ihnen erhoffte Interimslösung ist bisher nicht finanziert und keine 25 Millionen Vorlage im Parlament.
    Politik redet von Leitlinien für den Indopazifik-Pazifik und Schutz der Seeverbindungswege. Sie gibt aber wohl 2021 jetzt schon eine weitere Fähigkeit der Deutschen Marine auf.
    UK hatte mit der Außerdienststellung der Nimrod als MPA einen Fehler gemacht, Diesen aber mit einer Kaufentscheidung für die P8 revidiert.
    Wieso geht bei uns keine Kaufentscheidung, wenn man die Fähigkeit einer MPA erhalten will?
    Was sagt eigentlich die Verteidigungspolitische Sprecherin der SPD dazu?

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