Facebook löscht marineforum

Facebook löscht marineforum

Doppelmoral? Facebook tilgt renommiertes Fachmedium

 Ja, Sie lesen richtig. marineforum.online, das Portal der just 50 Jahre alten Zeitschrift marineforum wurde von Facebook gelöscht. Offenbar auf der panischen Jagd nach prorussischen und rechtsradikalen Accounts, legt der META-Konzern ein demokratisch seriöses Fachmedium lahm.

 50 Jahre bereitet das marineforum nun Nachrichten aus dem Umfeld Schifffahrt, Marine, maritime Sicherheit und Technologie von Experten für Experten auf. Herausgeber ist das Deutsche Maritime Institut e.V. (DMI), gegründet von Marine-Offizieren, das auf seinen Veranstaltungen mit der Crème de la Crème deutscher und internationaler Sicherheitspolitik aufwarten kann und auch schon mal die Kanzlerin begrüßen durfte. Seit drei Jahren sind die ehemals hochrangigen Pensionäre auch Online erfolgreich, zeitweise sind es 100.000 Nutzer und mehr, die sich über aktuelle Themen wie maritime Infrastruktur und gerade jetzt den Einsatz der „Hessen“ informieren wollen. Betonfest auf demokratischem Boden stehend ist die Redaktion alles andere als prorussisch unterwegs. Und die oft jungen Nutzer schätzen, dass die alten Herren ihnen auf diversen Social-Media-Kanälen entgegen kommen. Allein auf Facebook zählte man 10.000 Follower.

Offenbar hat die Suche nach russischen Störern, die mit täuschenden Kopien von echten Medien wie der Süddeutschen Zeitung wirkten, so Correctiv, nun auch jene erfasst, die man klar und deutlich von Fakes unterscheiden kann. Auf den seit 2023 täglich neu auftauchenden Facebook-Seiten mit willkürlichen Namen wie „Furtive Toes“ oder „Steadfast Pets“ werden Propaganda-Texte und auch AfD-Inhalte verbreitet - und die Plattformen mit trickreichen Links getäuscht. AfD-Abgeordnete im Bundestag wie Harald Weyel profitieren davon, denn Beiträge des Netzwerkes führten zu einem Video mit ihm. Eigentlich wollte Facebook die unerwünschten Eindringlinge abgeschaltet haben, aber die prorussische Desinformations-Kampagnen treten ausgesprochen aktiv auf. Sie verbreiten gefälschte Nachrichten-Beiträge, Fake-Regierungsseiten und Nazi-Inhalte. Das Auswärtige Amt deckte einen groß angelegten prorussischen Medien-Angriff in Deutschland auf, wie "Der Spiegel" Ende Januar berichtete. Experten des Ministeriums entlarvten auf X mehr als 50.000 gefälschte Accounts, von denen gegen die deutsche Unterstützung für die Ukraine agitiert wurde. Analysten rechnen diese Angriffswelle auch der sogenannten Doppelgänger-Kampagne zu, die seit Frühjahr 2022 in ganz Europa läuft. T-Online schrieb "Putins Troll-Armee greift Deutschland an" und META bestätigte "Facebook: Riesiger Troll-Angriff kam aus Russland". Es scheint, so das Ministerium, dass ein Teil der Kampagne automatisiert funktioniert. KI befeuert Desinformation. Wenn es keine sicheren Mechanismen gibt, die Gut und Böse auseinanderhalten können, dann wirft das ernsthafte Fragen nach den Algorithmen und Moderationspraktiken von Social-Media-Plattformen wie Meta auf.

Das marineforum dürfte es getroffen haben, weil man in sachlich und neutraler Form auch schon mal russische Lügen entlarvt hatte, z.B. bei der Beschädigung von Pipelines, und dabei ähnliche Key-Words ansetzte, wie Putins Täuscher womöglich auch. Und so schaffen Propaganda-Netzwerke immer wieder einen Durchbruch. Das ist für freie Berichterstattung ein fatales Ergebnis. Plattformen wie Meta müssen ihre Verantwortung ernst nehmen und wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Verbreitung von Falschinformationen zu bekämpfen - gleichzeitig müssen sie natürlich die Freiheit legitimer Meinungsäußerung schützen. Und die Abschaltung von Followern des marineforum im fünfstelligen Bereich grenzt an einen Skandal. Firmen können an so etwas schlimmstenfalls wirtschaftlich in die Knie gehen. Die Bemühungen der Hamburger Agentur, die im Auftrag des Herausgebers das Wiederfreischalten unseres Profils forderte, landeten in einem Chatroom, in dem Menschen mit Namen wie „Alexander“ oder „Marc“ vom „Meta Pro Team“ sich lieb mit der Floskel „danke, dass Du Meta kontaktiert hast“ äußern, faktisch aber nicht das Geringste bewegen. Facebook schaltet den Account seit Monaten nicht frei – vermutlich will da jemand einen Fehler nicht eingestehen oder schlimmer noch: merkt ihn nicht. Anrufe? Fehlanzeige, nicht gewollt. Es geht hier nicht um einen kleinen Fehler von Call-Agents ohne Durchblick, hier wird Vertrauen und Glaubwürdigkeit in der digitalen Kommunikation verspielt. In Zeiten vor den Wahlen in Deutschland sollten erkannte Desinformations-Kampagnen gegen demokratische Prozesse zu einem Aufschrei in der Chef-Etage führen. Apropos: Tino Krause, Facebooks Deutschland- und Zentraleuropa-Chef, hatte bei Amtsantritt noch geäußert, man wolle „Menschen in der Ukraine und weltweit weiterhin die Möglichkeit bieten können, sich zu vernetzen“ (Horizont). Das marineforum kann dies jetzt noch nicht einmal mehr in Deutschland machen! Eigentlich müsste man laut werden: „Herr Krause, wachen Sie auf, Sie haben die Falschen erwischt!“.

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