Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: TKMS

Entwurf der Fregatte F 127 der Deutschen Marine Grafik: TKMS

Fregatte 127: Sensor oder Effektor gegen ballistische Raketen?

Fregatte 127: Schützenhilfe oder Schütze? Warum es wichtig ist, ob man einen Sensor oder auch einen Effektor beschafft. Der bedeutende Unterschied beim Bekämpfen ballistischer Ziele im Weltraum. 

Vergangene Woche fand in Linstow der 28. Marineworkshop der Deutschen Wehrtechnik (DWT) statt. Bei diesem "Workshop" treffen sich alljährlich Bundeswehr, Industrie und Verbände zu einem fachlichen Austausch mit Vorträgen, Diskussionen und Produktpräsentationen. Es ist keine Verkaufsmesse, sie ist nicht öffentlich, und es werden auch keine militärischen Geheimnisse gehandelt. Wohl aber werden Fähigkeiten, Forschungsergebnisse und Entwicklungen kommuniziert. Dass dies ein Familientreffen maritimer Wehrexperten ist, muss man nicht erwähnen. Politiker trifft man in diesen Fachgremien eher selten, sieht man dieses Jahr vom Grußwort des Wirtschaftsstaatssekretärs des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Jochen Schulte, ab.

BMD – Sensor- und Effektorbeiträge
BMD – Sensor- und Effektorbeiträge

Dabei gäbe es für Politiker, die über Rüstung zu entscheiden haben, durchaus Wissenswertes zu erfahren. Denn neben vielen anderen hochmodernen Entwicklungen wurde auch über das geplante Luftverteidigungsschiff F127 gesprochen. Es wurde deutlich, dass – wie immer – Begrifflichkeiten und Kenntnis der Fachsprache den gewissen Unterschied ausmachen können. Dazu gehört der allseits genutzte, aber wenig konkrete Ausdruck „Upper Layer“. Gemeint sind Fähigkeiten, die der Abwehr ballistischer Raketen (BMD) dienen. Und wenn der politisch Entscheidende, der militärische Anwender, der öffentliche Auftraggeber und die herstellende Industrie unter verschiedenen Begriffen nicht genau ein und dasselbe verstehen, sollten wir hier versuchen, zur Klarstellung beizutragen.

Offensichtlich lenkt die aktuelle Diskussion um Dimension und Kosten des Schiffes aber von der eigentlichen Herausforderung ab: Es fehlt eine klare, trennscharfe Aussage der Verantwortlichen zu den tatsächlich für das Schiff erforderlichen und leistbaren Fähigkeiten.

Hinreichend klar scheint, dass die F127 als Nachfolgeklasse der aktuellen Luftverteidigungsschiffe F124 (Sachsen-Klasse) mindestens deren bisherige Fähigkeiten der Verbandsflugabwehr mitbringen muss. Außerdem soll sie in der Lage sein, ballistische Raketen in der Endphase – der unteren Abfangschicht bis 35 Km Höhe („Lower Layer“) – abzufangen. Dazu muss sie zwangsläufig befähigt sein, ballistische Raketen auf ihrer Bahn bereits im Weltall entdecken zu können (Erfassen und Verfolgen). Nur so hat das System ausreichend Zeit, den Abfangvorgang zu berechnen, einzuleiten und durchzuführen (Bekämpfen). Sie braucht also zwingend einen Sensor, der weit in den Weltraum hinein reicht.

Der Ausdruck „Upper Layer-Fähigkeiten“ ist schwammig, weil sich die physikalische "Atmosphäre" und die militärischen "Layer" in ihren Höhen-Definitionen überschneiden. Der Upper Layer – die obere Abfangschicht – beginnt bei 35 Km Höhe innerhalb der Atmosphäre, verlässt die Atmosphäre bei 100 Km und hat darüber hinaus im Weltall keine obere Grenze. Mit „Fähigkeiten“ können sowohl jene zur "Entdeckung" (Sensorfähigkeiten) als auch jene zur "Bekämpfung" (Effektorfähigkeiten) gemeint sein. Dies ist unproblematisch für den Sensor, der von der Meeresoberfläche bis weit über 1000 km hinein in das Weltall alle Bereiche abdeckt. Beim Abfangflugkörper muss aber zwingend festgelegt sein, in welchem dieser Bereiche (Lower Layer oder Upper Layer – innerhalb bzw. außerhalb der Atmosphäre) er wirken soll. Hier braucht man nämlich drei verschiedene Abfangflugkörper – mit jeweils spezifischen Systemfähigkeiten für die Flugkörperbereithaltung, Zieldatenbehandlung und die Flugkörpersteuerung. Und genau hier liegen auch die Treiber für Abmessungen und Kosten einer derart befähigten Fregatte.

Niederländische Fregatte Evertsen Foto RNLN Marine
Niederländische Fregatte Evertsen. Foto: Niederländische Marine

Dies bestätigt auch die potenzielle Bauwerft TKMS, die eine zukünftige F127 in ihrem vorläufigen Entwurf explizit auf die Fähigkeit ausgelegt hat, ballistische Flugkörper außerhalb der Erdatmosphäre abzufangen. TKMS nennt hier genau diese Forderung als einen wesentlichen Treiber für Größe, Sensorik, Effektoren, Energiebedarf und Wachstumsreserven des Schiffes. Und Recht hat TKMS! Eine Fähigkeit zur Bekämpfung von ballistischen Zielen im Weltraum (Ballistic Missile Defence - BMD) lässt zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum eine andere Lösung zu als den US-amerikanischen Systemverbund aus Aegis-Gefechtsführungssystem, einem SPY-Radar und dem Abfangflugkörper Standard Missile 3 (SM-3).

Es lässt sich jedoch eine solche explizit von den verantwortlichen Stellen der Bundeswehr geäußerte Forderung zur Bekämpfung von ballistischen Zielen im Weltraum an keiner Stelle aus der Fachpresse herauslesen.

Man muss allerdings auch deutlich unterscheiden zwischen einer Vollbefähigung zur Abwehr ballistischer Ziele (Sensor und Abwehrflugkörper SM-3) und einem reinen Sensorbeitrag, wie er z.B. von den aktuellen niederländischen Luftverteidigungsschiffen der Zeven Provincien-Klasse für die NATO bereitgestellt wird. Für Letzteres muss das Schiff ballistische Ziele früh erkennen, verfolgen und qualitativ hochwertige Zielspur-Daten in einen NATO-Verbund einspeisen können – der eigentliche Abfangflugkörper kann dann von einem anderen Schiff oder von landgestützten System gestartet werden. Ein Sensorbeitrag vergrößert von Fall zu Fall den Bekämpfungsbereich der schießenden Einheiten und leistet so ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Gesamtverteidigung.

Wenn man nun aber in der weiteren Behandlung des Themas die vermeintlich im Raum stehende Forderung „Abfangfähigkeit ballistischer Ziele außerhalb der Atmosphäre“ aus dem F127-Profil herausnähme und auf einen entsprechend qualifizierten Sensorbeitrag reduzierte, eröffnen sich Rüstungsoptionen ohne den komplexen und kostentreibenden US-Systemverbund, die für die Bundeswehr insgesamt womöglich handhabbarer wären, als der aktuelle Entwurf.

Die von der NATO geforderte Fähigkeit zum Bekämpfen von ballistischen Raketen in der unteren Abfangschicht bliebe davon unberührt. Die Botschaft ist: Es geht hier nicht allein um eine Fähigkeit der Marine, hier geht es um eine militärische Fähigkeit in der NATO und für die EU. Es geht um einen signifikanten deutschen Beitrag von internationaler Relevanz bei gleichzeitig schwindender amerikanischer Präsenz. Es geht auch nicht um Abhängigkeiten, es geht um Kooperation. Diese Luftverteidigungsfregatte wäre zu betrachten als Teil der europäischen Luftverteidigung – sie ist allerdings bei der European Sky Shield Initiative (ESSI) nicht beachtet worden.

Wieviel "Upper Layer" für die F127 letztendlich beschafft wird, ist keine militärische - sondern eine politische Entscheidung.

Text: au/hsc

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