Sonderbeauftragter F125 KzS Christoph Mecke

Sonderbeauftragter F125 KzS Christoph Mecke (Bild: Marine)

Fregatte Klasse 125 – Nicht nur ein Rüstungsprojekt

Interview mit dem Sonderbeauftragten Fregatte Kl. 125 Kapitän zur See Christoph Mecke

Herr Kapitän zur See Mecke, der Bau der Fregatte „Baden-Württemberg“, dem ersten Schiff der neuen Klasse 125, ist mittlerweile weit fortgeschritten. Wo stehen Sie derzeit im Projektplan?
Das Schiff hat wichtige Hürden genommen, unter anderem die erfolgreiche Standprobe der Antriebsanlage. Die Werftprobefahrt der „Baden-Württemberg“ist für das Frühjahr dieses Jahres geplant. Das ist ein entscheidender Meilenstein, auf den alle Beteiligten mit Hochdruck hinarbeiten.

Sie sind seit Anfang 2015 Sonderbeauftragter Fregatte F125 im Marinekommando und arbeiten dem Inspekteur dabei direkt zu. Was sind Ihre Aufgaben?
Die Fregatte 125 ist mehr als ein Rüstungsprojekt. Die Deutsche Marine betritt mit dem Betrieb der neuen Schiffe in vielen Bereichen Neuland. Sei es das Mehrbesatzungsmodell auf einem Schiff, sei es die Intensivnutzung, sei es die relativ kleine Stammbesatzung mit großen Einschiffungselementen. Das bedeutet erheblichen planerischen Aufwand, dessen Bewältigung ich mit meinem kleinen Team koordiniere. Damit entlaste ich diejenigen Kameraden der Marine, deren wesentliche Aufgabe die Begleitung der technischen Realisierung von F125 ist.

Die Fregatte 125 ist, so hat es der Inspekteur Marine formuliert, das „Gravitationszentrum der neuen Marine“. Das signalisiert, dass es nicht nur um ein Modernisierungsprogramm für die Flotte geht, sondern auch ein grundlegend neues Betriebskonzept eingeführt wird. Worin besteht dieses neue Konzept?
Erstens trennen wir konsequent Plattform und Besatzung. Dadurch können wir das Schiff bis zu zwei Jahre im Einsatzgebiet lassen. Zweitens verlagern wir so viel wie möglich an Administration, Ausbildung und Inübunghaltung von See an Land. Dazu brauchen wir unter anderem das Einsatzausbildungszentrum, das sich derzeit im fortgeschrittenen Stadium der Planung befindet. Damit konzentrieren sich Betriebsstunden der Schiffe und Abwesenheitszeiten der Besatzungen weitgehend auf den Einsatz und auf einsatzgleiche Verpflichtungen. Insgesamt gewinnen wir also eine höhere Verfügbarkeit an Fregatten. Nur so können wir den Spagat aus weniger Einheiten und mehr Aufgaben bewältigen und gleichzeitig durch verringerte Abwesenheitszeiten einen Beitrag zur Attraktivität der Marine leisten.

Im Marinestützpunkt Wilhelmshaven wird unter anderem für das Projekt F125 gebaut. Was hat es mit diesen Arbeiten auf sich?
Die nicht im Einsatz oder anderweitig auf See befindlichen Besatzungen müssen an Land einen effektiven Dienstbetrieb durchführen können. Dazu brauchen sie Dienstgebäude und teilweise auch Unterkunftsgebäude. Die entstehen derzeit in der sogenannten Westerweiterung der 4. Einfahrt.

Was bedeutet das Mehrbesatzungsmodell für das Personalmanagement der Schiffe?
Zunächst einmal ist das ein mentaler Schritt. Wir müssen uns angewöhnen, in Besatzungen und nicht nur in Einheiten zu denken. Dazu kommt, dass die Besatzung F125 für ein Schiff dieser Größe vergleichsweise klein ist. Das bedeutet, dass da nicht einfach mal vier oder fünf Besatzungsmitglieder fehlen dürfen. Diese Redundanz haben wir nicht. All das generiert Planungsaufwand, der im Wesentlichen an Land geleistet werden muss.

Kann man sicher sein, dass man für die vorgesehenen acht Besatzungen auch ausreichend Personal zur Verfügung hat?
Die Gewinnung von Fachpersonal ist eine echte Herausforderung für die Marine. Die Gründe sind vielfältig und eine umfassende Erörterung würde sicher den Rahmen dieses Interviews sprengen. Intuitiv liegt natürlich bei Personalmangel die Idee nahe, F125 mit weniger als den vorgesehenen acht Besatzungen zu betreiben. Das hätte aber einen großen Haken. Bei weniger als acht Besatzungen funktioniert die Rotation über die vier Schiffe nicht mehr komplett und die Verfügbarkeit der Einheiten im Einsatz reduziert sich drastisch. Das wäre also sehr ineffizient. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Das Mehrbesatzungsmodell reduziert die Abwesenheitsbelastung. Das spielt bei jungen Menschen, die sich für die Bundeswehr interessieren, eine zentrale Rolle bei ihrer Entscheidung, zur Marine zu gehen. Das Mehrbesatzungsmodell ist also auch ein Beitrag zu erfolgreicher Personalgewinnung. Deshalb gehe ich weiter von acht Besatzungen aus.

Baustelle der Westerweiterung

Baustelle der Westerweiterung (Bild: Marine)

Halten Sie in diesem Zusammenhang die Vorbehalte, wie sie ja auch schon in Leserzuschriften im MarineForum geäußert wurden, Stichwort „Besatzung Hotel“, hinsichtlich der Auflösung herkömmlicher Besatzungsstrukturen und einem möglicherweise damit einhergehenden Identifizierungsverlust für nachvollziehbar?
Die Besatzungsstrukturen bleiben ja erhalten. Der Unterschied ist die Trennung von Besatzung und Schiff. Altvertrautes aufzugeben fällt immer schwer. Allerdings haben sich unsere Bootsbesatzungen schon lange daran gewöhnt, auf verschiedenen Booten Dienst zu tun. Intensivnutzung von Fregatten ist gegenüber Booten komplexer, keine Frage. Auf dem Gebiet der mentalen Akzeptanz sind die Herausforderungen aber dieselben. Was die Bootsbesatzungen geschafft haben, können die Schiffsbesatzungen deshalb mit Sicherheit auch. Wer gleichwohl das Mehrbesatzungskonzept kritisiert, muss ehrlich sagen, was die Alternativen sind. Wenn Deutschland weiter einen substanziellen Beitrag zu maritimen Operationen leisten will, muss an irgendeiner Stellschraube gedreht werden. Entweder wir brauchen wesentlich mehr Einheiten. Das ist, auch unter verbesserten finanziellen Rahmenbedingungen, illusorisch. Oder die Abwesenheitszeiten der Besatzungen steigen weiter deutlich an. Das ist nicht mehr vermittelbar, denn die Besatzungen sind schon hochbelastet. Dann tun wir doch lieber das, was wir mit F125 vorhaben: Wir verbessern die Verfügbarkeit der Einheiten im Einsatz. Das halte ich für die beste Lösung, um die Verpflichtungen der Deutschen Marine auch weiterhin erfüllen zu können.

Für die Verfügbarkeit des Schiffes für bis zu zwei Jahre im Operationsgebiet braucht man besonders zuverlässige und betriebssichere Geräte und Anlagen und einen entsprechend durchhaltefähigen Vorrat von Ersatz- und Austauschteilen an Bord. Wie wird dies im Rüstungsprozess der neuen Fregatten berücksichtigt?
Die F125 ist dafür ausgelegt, zwei Jahre im Einsatzgebiet zu stehen. So steht es im Bauvertrag. Das erwarten wir. Und ich gehe davon aus, dass uns die Industrie in dieser Hinsicht ein gutes Produkt liefern wird.

F125 „Baden-Württemberg“ in der Werft Blohm + Voss-Foto: Marine

F125 „Baden-Württemberg“ in der Werft Blohm + Voss (Bild: Marine)

Die Betriebsphilosophie der Fregatte Kl. 125 umfasst eine erhebliche Reduzierung der Besatzung an Bord. Was bedeutet das für die Qualifikation und die Ausbildung des Bordpersonals?
Mit der Aussetzung der Wehrpflicht kann die Bundeswehr nicht mehr auf ein großes Reservoir an Mannschaftsdienstgraden zurückgreifen, die mit vergleichsweise geringem Ausbildungsniveau einfache Tätigkeiten durchführen. Es führt also kein Weg daran vorbei, Bordbesatzungen zu verkleinern und diese einfachen Tätigkeiten zu automatisieren. Die dafür notwendige anspruchsvolle Technik erfordert höhere Qualifikation des verbleibenden Personals. Das ist einerseits eine Herausforderung, denn Fachkräfte sind nicht einfach zu bekommen. Andererseits ist es auch ein Attraktivitätsmerkmal, denn der Umgang mit moderner Technologie ist interessant und erfüllend. Für diejenigen, die nur temporär bei uns bleiben wollen und sich deshalb für eine Karriere als Zeitsoldat bei der Marine entschieden haben, ist es darüber hinaus eine exzellente Empfehlung an künftige Arbeitgeber. Wer bewiesen hat, dass er unter Einsatzbedingungen verantwortungsvoll mit komplexer Technik umgehen kann, wird auch im Berufsleben außerhalb der Bundeswehr erfolgreich sein.

127-mm-Geschütz der Fregatte der Klasse 125.

127-mm-Geschütz der Fregatte der Klasse 125. (Bild: Marine)

Mit der Besatzungsreduzierung geht auch die Verlagerung einiger Aufgaben von Bord an Land einher, namentlich hinsichtlich der Nachweisführung und Bewirtschaftung des Materials und seiner Instandsetzung. Wie weit sind da die organisatorischen Vorbereitungen, z.B. die der geplanten „Werftgruppe“, gediehen? Von welchen Aufgaben werden die Besatzungen tatsächlich entlastet?
Zunächst einmal wird es Elemente an Land geben, die einen Teil der Aufgaben übernehmen, die bisher an Bord erledigt wurden. Darüber hinaus wird die Werftgruppe eine F125 während Teilen einer Werftliegezeit betreuen, damit sich die Besatzungen auf Einsätze und Einsatzausbildung konzentrieren und sich auch nach einem Einsatz erholen können.

Seit dem 1.1.2016 gilt die „Verordnung über die Arbeitszeit der Soldatinnen und Soldaten“ für den Geschäftsbereich des BMVg. Welche Auswirkungen hat dies auf den Betrieb der Fregatte Kl. 125?
Wenn es das Mehrbesatzungsmodell nicht schon gäbe, müsste man es jetzt erfinden. Dadurch ist F125 in der Lage, auch unter den neuen Rahmenbedingungen hohe Flexibilität zu zeigen, weil man hier zum Beispiel einer Besatzung Freizeitausgleich gewähren kann, während eine andere das Schiff weiterfährt. Insgesamt sind die Auswirkungen auf F125 deshalb geringer als auf bestehende Waffensysteme.

Wie geht es mit Bau und Indienststellung der neuen Fregatten nun weiter und worauf liegt dabei Ihr Hauptaugenmerk?
Über die „Baden-Württemberg“ haben wir schon gesprochen. Die „Nordrhein-Westfalen“ wird derzeit in Hamburg ausgerüstet und in Betrieb genommen. Sie wird im kommenden Jahr erstmals zur See fahren. Die dritte F125 wird im März in Hamburg getauft. Die vierte existiert noch in zwei Hälften, das Vorschiff befindet sich in Wolgast und das Achterschiff in Hamburg. Die beiden Sektionen werden noch in diesem Jahr zusammengefügt. Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Vorbereitung des Betriebes der Schiffe. Dazu befinde ich mich in intensivem Kontakt mit vielen Bereichen der Marine. Noch haben wir einige Monate Zeit, aber spätestens mit der Verlegung der „Baden-Württemberg“ nach Wilhelmshaven im Sommer muss und wird die Zeit kommen, in der wir die Dinge nicht mehr theoretisch durchdenken, sondern sie praktisch in Angriff nehmen.

Herr Kapitän zur See Mecke, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Frank Ganseuer.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.