Gorch Fock im Wilhelmshavener Nordhafen Anfang September Foto: Mergener

Gorch Fock im Wilhelmshavener Nordhafen Anfang September Foto: Mergener

Gorch Fock: der lange Weg zurück

Eine Kolumne am Weltschiffahrtstag

Absolvieren Einheiten der Deutschen Marine Instandsetzungen, gibt es vorgegebene Abläufe und detaillierte Pläne. Häufig entstehen dabei Verzögerungen und Pannen, bei  Funktionsnachweisen geht auch mal was schief. Manches ist ärgerlich, manches eine Lappalie. Am Ende gibt die Werft die Einheit über den Auftraggeber Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr und das Marinearsenal an die Marine zurück. Es folgt die Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit. Und in wenigen Jahren beginnt der Zyklus erneut. Das ist Marineleben.

Darüber muss man eigentlich nicht berichten, außer es handelt sich um die Gorch Fock. Deren Instandsetzung ist etwas Besonderes, denn das Segelschulschiff gibt es nur einmal und hat andere funktionale Bedingungen als ein in mehr oder weniger großer Stückzahl gebautes Kriegsschiff. Außerdem ist die Vorgeschichte zu lang, zu aufregend und zu quälend. Jede normale Bewegung des Schiffes mit Schlepperhilfe wird daher kommentiert, als ob jede Sekunde wieder etwas kaputt ginge. Das Seekühlwasserventil zum Beispiel: Man müsste das defekte Teil in ein Museum geben, denn es ist wohl das am häufigsten erwähnte Standard-Bauteil eines Schiffes in der Geschichte der deutschen Marinen.

Keine Berichterstattung, in der nicht der Werftskandal, die über die Jahre immer weiter angeschwollene Millionensumme und die Verzögerungen gebetsmühlenartig abgespult wird. Und immer wieder findet sich ein zufälliger Interviewpartner, wie heute Morgen im NDR. Ein Bild der ehemaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat diesmal gefehlt. Wer von seiner Redaktion noch etwas Raum erhält, erwähnt die über zehn Jahre zurückliegenden tödlichen Unfälle. Und regelmässig treten Experten auf, die über Neubauten oder Tropenholz fabulieren. Zum Beispiel das Ingenieurbüro Löll, was sich erlaubt, seinen gut zahlenden Auftraggeber Bundeswehr öffentlich in ntv herunterzuputzen. Geschäftspartner gehen so nicht miteinander um, aber für eine-Minute-dreissig Berühmtheit im skandalbereiten Frühstücksfernsehen kann man alles sattsam bekannte entrüstet nochmal aufwärmen.

Die Moderatorin des Norddeutschen Rundfunks fragte heute, ob die „Pannengeschichte denn jetzt langsam mal zum Ende kommt“. Ja, Sie kommt zum Ende. Jetzt. Heute beginnt die Zukunft für Schiff und Besatzung. Männer und Frauen, die jahrelang dieser Strapaze trotzen mussten, die aber für Kostenexplosion, Verzögerung und Betrügereien gar nichts können. Das „Narrenschiff“, wie der Spiegel einst schrieb, haben andere zu verantworten. Die schwierigen Jahre werden dem Schiff dauerhaft nachhängen, dafür werden nicht nur Gegner sorgen, sondern auch die Spötter, die persönliche Befriedigung im Schlechtreden finden. Die aufopferungsvolle Besatzung, allen voran der Kommandant Nils Brandt brauchen jetzt unser Vertrauen. Sie haben Häme nicht verdient. Die Skandalgeschichte ist seit heute was sie ist: Geschichte.

Und am Montag wird die Gorch Fock ihren Heimathafen Kiel wiedersehen. Vorher wird Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in See zusammen mit dem Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, an Bord gehen. Beim Einlaufen des Segelschiffs sind Salutschüsse vorgesehen und eine Vorbeifahrt am Landeshaus. Schließlich wird gegen 15:30 Uhr die Bark wieder in ihrer Heimat sein. Hoffen wir das Beste. Wir werden berichten.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Herr Schlüter,
    ebenfalls vielen Dank für die klaren Worte. In der Tat Herr KptzS Brandt hat jegliche Anerkennung und Unterstützung verdient für das, was er zusammen mit seiner Besatzung geleistet hat. Um so weniger verstehe einmal mehr nicht die Pressearbeit der Marine. In diesem Kontext verweise ich auf den Artikel in der Samstagausgabe der Kieler Nachrichten und den zu gehörenden Kommentar (Printausgabe) und Online: URL: https://www.kn-online.de/Kiel/Segelschulschiff-Gorch-Fock-erstmals-wieder-auf-See [16.10.2021].
    Haben wir aus der Vergangenheit nichts gelernt? Fehlende Offenheit und fehlende Transparenz führen nur zu Spekulationen. Der Begriff ‚Restarbeiten‘ nach einer Werftliegezeit ist mir nicht unbekannt, aber sind diese im Falle der „Gorch Fock“ tatsächlich so umfangreich, dass man dies nicht kundtun darf? Wir sollten mit der Presse ehrlicher und offener umgehen, sei es On-Records und erst recht Off-Records. Es ist in keinster Weise nachvollziehbar, warum man mit den Pressevertreter*innen nicht an Bord gegangen ist. Nun hat man meines Erachtens allen möglichen Mutmaßungen wieder einmal Tür und Tor geöffnet (vgl. Behling: Steuerzahler müssen draußen bleiben. KN 16.10.2021, S. 16).

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  2. Seefahrt ist und tut Not“h“: Solidarische Grüße von uns aus dem Urlaub im „Osten“, auch von den Kameraden der Polnischen Seekriegsflotte: 3. Schiffsflottille „Kommodore Bolesław Romanowski“ (3. Flotylla Okrętów im. kmdr Bolesława Romanowskiego), Marinestützpunkt Gdynia

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  3. Auch von mir: Herzlichen DANK für diese wichtigen Worte in der Kolumne; mögen sie bundesweit Beachtung und Verbreitung finden.

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  4. In diesem Zusammenhang lesenswert ist der Kommentar von VAdm C. Stawitzki auf LinkedIn

    https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:6849386694727254016/?commentUrn=urn%3Ali%3Acomment%3A(activity%3A6849386694727254016%2C6849424947605991424)

    und meine Antwort, auch, wenn sie mit einem gehörigen Schub Emotionalität entstand. Wozu ich stehe.

    Und, werter Herr Chefredakteur, bei aller Zustimmung: die negativen Kommentierungen anderer (nicht die zitierten Aufmerksamkeitsheischer oder SDS-Erkrankten (SDS: Selbstdarstellungssyndrom) haben da ihren Wert, wo sie den Finger in den Missstands-Eiter unserer Rüstungs- und Instandsetzungsplanung legen. Aber leider gehen sie nicht tief genug, um tatsächlich zur Heilung beizutragen.

    Wohl denn. Seefahrt tut Not. In unserer Marine MIT „Gorch Fock“.

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  5. Danke für die klaren Worte!
    Wünschen wir dem Kommandant und der Besatzung der Gorch Fock allzeit gute Fahrt!

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