Gorch Fock 38. Ausbildungsreise 1971 Lissabon-Kiel

Auch schon vor einem halben Jahrhundert wurden Fotografien von den Ausbildungsreisen der „Gorch Fock“ gemacht – allerdings ausgesprochen „analog“. Farbenfreudige Diapositive waren das Maß der Dinge, auch Super-8-Filme wurden gedreht. Schwarzweiß aber war erschwinglich und ließ alle grafischen Gestaltungsmöglichkeiten der „tausend Grauwerte“ zu.

Da ich in der Schulzeit schon fast professionell mit Schwarzweißfotografie zu tun hatte, blieb ich auch bei diesem Genre, als ich mich für eine vierjährige Verpflichtungszeit bei der damaligen Bundesmarine entschieden hatte. Leider habe ich später als Berufssoldat mit zunehmender Seriosität des Dienstes nach und nach die Zeit für die Fotografie verloren. Die Segelschulschiffsreise an Bord der „Gorch Fock“ während des ersten Dienstjahres war wohl die letzte Möglichkeit, völlig ungeniert meterweise Filmmaterial zu verbrauchen. Auch wenn lediglich „unretuschiert“ und digital eingelesen – hier sind einige Bilder aus den 70ern! Es half natürlich, dass ich mich im Laufe der Ausbildungsfahrt als Besan-Toppsgast einiger Freiheiten erfreuen durfte, die anderen so nicht zuteil wurden. Aber der Reihe nach.

Als blutjunge Offiziersanwärter nach Grundausbildung und den ersten Monaten des Offizierslehrganges an der Marineschule Mürwik gingen die „Zetties“ - die auf vier oder mehr Jahre verpflichteten Zeitsoldaten der Crew X/70 – mitten im Sommer 1971 an Bord der „Gorch Fock“. In Lissabon hatten die Berufssoldaten bereits ihren Törn hinter sich und mussten nach Hause fliegen. Wir kamen in ein sonniges, damals zwar noch mit Angola beschäftigtes, aber sonst noch ungetrübtes Portugal und machten drei Wochen Segelvorausbildung an der Pier – im Hafen, mitten in der Stadt. Vormittags Ausbildung im Blaumann, nachmittags Landgang in Weiß „Wäsche achtern“ – sofern man keine Wache zu schieben hatte. Interkulturelle Anfangserlebnisse – großes Kino!

Gorch Fock: der lange Weg zurück

Als das Gröbste gelernt war, Gleichgewichts- und Angstgefühl sich im Topp die Waage hielten, und auch Beine und Arme auf Kraft eingestellt waren, ging es den Tejo abwärts Richtung Azoren. Mit Backstagsbrise an Madeira vorbei. Einen kleinen Umweg um die Kanarischen Inseln herum nahm man in Kauf, weil der Kahn richtig gut lief. Dann Windstille – Charaktersegeln – gedämpfte Demut, denn auch das Nichts-Tun-Können muss man ertragen lernen. War aber nicht so schwer!

Meine Wache: Steuerbord zwei, im achteren Deck. Hängematten in zwei Etagen. Matten packen – wehe wenn nicht ordentlich geschnürt – Bootsmannsmesser sind scharf. Matten stauen, sich waschen mit Kaltwasser und aus Blechschüsseln. Salzwasserdusche ist Luxus. Backen und Banken abschlagen zum Essen – dreimal am Tag – alles wieder aufräumen – dann Unterricht. Oder Segelmanöver, egal wann, tags oder nachts – Lifebändsel immer um den Bauch geknotet. Einen Karabinerhaken – mehr gab es damals einfach nicht, den Rest besorgten schwielige Hände und manchmal wackelige Beine. Während der Manöver hatte ich an Deck nichts zu suchen – meine Station als Toppsgast war immer im Mast. Das war verpflichtend, hatte aber mächtige Vorzüge - man durfte der Arbeit an Deck von oben zuschauen! Vieles kann man lernen – an manches kann man sich sogar gewöhnen. Nur übermütig darf man nicht werden – das lehrt einen das Segelschiff.

Ponta Delgada war der erste Auslandshafen für uns, und auf dem Schiff musste alles blitzblank und poliert sein. Das Holzdeck mit Bimssteinen „blockern“ bis Knie, Rücken und Handgelenke weh taten. Aber dann auf São Miguel in Kleinbussen die Vulkanhänge rauf und runter, quer durch Bananenhaine mit einem Mietwagen – und süßer Schnaps macht Kopfschmerzen – was eben so im Gedächtnis bleibt!

Dann wieder raus in ein Sturmtief – vorher Bojenmanöver, das muss sitzen. Segel bergen, reffen, runter mit dem Zeugs! Mit halbem Wind laufen, was das Rigg hergibt. Windstärke acht, Böen bis zehn – Sturmroutine bei 30 Grad Krängung. 2.000 Tonnen Stahl und Segel mit fast 14 Knoten Fahrt. Bestes Etmal 286 Seemeilen! Eine kleine Flottille Fischerboote kam uns entgegen, ansonsten waren wir alleine zwischen den Azoren und Irland. Schwachen Herzen kann das zusetzen, aber im nächsten Hafen fühlten wir uns alle schon wieder unsterblich! Beinahe wären wir an der grünen Insel vorbeigerauscht, doch der Wind drehte nach drei Tagen und führte uns in die Irische See.

Dass es in Dublin fast nur regnete, merkte man kaum. Die Tage gingen schnell vorbei und auch Molly Malone blieb in ihrer Fair City zurück. Vorbei an der Isle of Skye, rund um das Land des Whiskys (macht auch Kopfschmerzen) und backbords auf die Strudel des Tidenstroms bei Scapa Flow schauen. Geschichtsunterricht - kurzes Innehalten. Drei Tage achterlicher Wind und durch das Skagerrak ins Kattegat, dann Kurs Kiel. Zu guter Letzt dann auch noch einen Meter Tausendbein eingefangen für irgend eine Blödsinnigkeit. Alles mitgemacht – nichts ausgelassen. Hat ein Leben lang gehalten!

Text: Axel Stephenson

Kapitän zur See a.D.

Andreas-Peter Graf von Kielmansegg, Foto: Bw/Marcel

Zurück zur Routine

Ihren ersten erfolgreichen „Auftritt“ nach dem jahrelangen Reparaturdrama hatte die Gorch Fock während der Kieler Woche. Zuletzt hatte das deutsche Segelschulschiff die Windjammerparade der Kieler Woche vor sieben Jahren angeführt. Mit ihr fuhren 70 Groß- und Traditionssegler, 16 Motor- und Dampfschiffe sowie weitere 50 Sportsegelboote. Beobachten durften das rund 130 000 Zuschauer an Land und von Begleitbooten aus. Weitere Teilnehmer waren die Schulschiffe Shabab Oman II aus dem Oman, die Dar Mlodziezy aus Polen sowie die Alexander von Humboldt II, die Thor Heyerdahl und die Roald Amundsen.

Mit dem neunen Kommandanten geht es nach der Sommerpause wieder in den Ausbildungsbetrieb. Am 8. August verließ das Schiff den Heimathafen Kiel zur ersten Auslandsausbildungsreise unter dem Kommando von Kapitän zur See Andreas-Peter Graf von Kielmansegg. Vorgesehen ist die Teilnahme an der Hanse Sail in Rostock sowie ein Hafenaufenthalt in Stettin (Polen) und Helsinki (Finnland). Ende September wird das die Gorch Fock wieder in Kiel zurückerwartet.

Rund 100 Offizieranwärter der Crew 2021 werden im Rahmen ihrer Seemännischen Basisausbildung erste maritime Erfahrungen an Bord des Großseglers sammeln. Hier erlernen sie das grundlegende seemännische Handwerk. Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft, bevor es an die Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München in den akademischen Teil ihrer Ausbildung geht.

Text: Holger Schlüter, Chefredakteur marineforum

14.08.2022 – Gorch Fock auf der Hanse Sail in Rostock

81 Meter Länge, 23 Segel, drei bis zu 45 Meter hohe Masten – die Gorch Fock ist nicht nur eines der bekanntesten Segelschiffe der Welt, sondern wohl auch das imposanteste. ⛵ Sechs Jahre lang wurde das berühmte Schulschiff der Marine saniert und wirkt nun majestätischer denn je. Ebenso beeindruckend wie der Dreimaster an sich ist der Alltag an Bord: Der Großsegler lässt sich nur mit vielen gut koordinierten Händen, konzentrierten Köpfen, viel Geschick und ein wenig Mut führen. Auch deshalb gehört ein Ausbildungstörn auf dem Schiff noch immer zur Grundausbildung der Marine. Denn wer einmal auf der Gorch Fock gesegelt und dabei so manche Extremsituation gemeistert hat, wird nachhaltig geprägt – eine unverzichtbare Erfahrung für alle jungen Offiziersanwärter*innen … In diesem Sinne: Fair winds!

Text: Kirsten Düspohl

Gorch Fock im Wilhelmshavener Nordhafen Anfang September Foto: Mergener

30.09.2021 – Eine Kolumne am Weltschiffahrtstag

Absolvieren Einheiten der Deutschen Marine Instandsetzungen, gibt es vorgegebene Abläufe und detaillierte Pläne. Häufig entstehen dabei Verzögerungen und Pannen, bei  Funktionsnachweisen geht auch mal was schief. Manches ist ärgerlich, manches eine Lappalie. Am Ende gibt die Werft die Einheit über den Auftraggeber Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr und das Marinearsenal an die Marine zurück. Es folgt die Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit. Und in wenigen Jahren beginnt der Zyklus erneut. Das ist Marineleben.

Darüber muss man eigentlich nicht berichten, außer es handelt sich um die Gorch Fock. Deren Instandsetzung ist etwas Besonderes, denn das Segelschulschiff gibt es nur einmal und hat andere funktionale Bedingungen als ein in mehr oder weniger großer Stückzahl gebautes Kriegsschiff. Außerdem ist die Vorgeschichte zu lang, zu aufregend und zu quälend. Jede normale Bewegung des Schiffes mit Schlepperhilfe wird daher kommentiert, als ob jede Sekunde wieder etwas kaputt ginge. Das Seekühlwasserventil zum Beispiel: Man müsste das defekte Teil in ein Museum geben, denn es ist wohl das am häufigsten erwähnte Standard-Bauteil eines Schiffes in der Geschichte der deutschen Marinen.

Keine Berichterstattung, in der nicht der Werftskandal, die über die Jahre immer weiter angeschwollene Millionensumme und die Verzögerungen gebetsmühlenartig abgespult wird. Und immer wieder findet sich ein zufälliger Interviewpartner, wie heute Morgen im NDR. Ein Bild der ehemaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat diesmal gefehlt. Wer von seiner Redaktion noch etwas Raum erhält, erwähnt die über zehn Jahre zurückliegenden tödlichen Unfälle. Und regelmässig treten Experten auf, die über Neubauten oder Tropenholz fabulieren. Zum Beispiel das Ingenieurbüro Löll, was sich erlaubt, seinen gut zahlenden Auftraggeber Bundeswehr öffentlich in ntv herunterzuputzen. Geschäftspartner gehen so nicht miteinander um, aber für eine-Minute-dreissig Berühmtheit im skandalbereiten Frühstücksfernsehen kann man alles sattsam bekannte entrüstet nochmal aufwärmen.

Die Moderatorin des Norddeutschen Rundfunks fragte heute, ob die „Pannengeschichte denn jetzt langsam mal zum Ende kommt“. Ja, Sie kommt zum Ende. Jetzt. Heute beginnt die Zukunft für Schiff und Besatzung. Männer und Frauen, die jahrelang dieser Strapaze trotzen mussten, die aber für Kostenexplosion, Verzögerung und Betrügereien gar nichts können. Das „Narrenschiff“, wie der Spiegel einst schrieb, haben andere zu verantworten. Die schwierigen Jahre werden dem Schiff dauerhaft nachhängen, dafür werden nicht nur Gegner sorgen, sondern auch die Spötter, die persönliche Befriedigung im Schlechtreden finden. Die aufopferungsvolle Besatzung, allen voran der Kommandant Nils Brandt brauchen jetzt unser Vertrauen. Sie haben Häme nicht verdient. Die Skandalgeschichte ist seit heute was sie ist: Geschichte.

Und am Montag wird die Gorch Fock ihren Heimathafen Kiel wiedersehen. Vorher wird Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in See zusammen mit dem Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, an Bord gehen. Beim Einlaufen des Segelschiffs sind Salutschüsse vorgesehen und eine Vorbeifahrt am Landeshaus. Schließlich wird gegen 15:30 Uhr die Bark wieder in ihrer Heimat sein. Hoffen wir das Beste. Wir werden berichten.

Gorch Fock im Wilhelmshavener Nordhafen Anfang September Foto: Mergener

Text: Holger Schlüter, Chefredakteur marineforum

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5 Kommentare

  1. Herr Schlüter,
    ebenfalls vielen Dank für die klaren Worte. In der Tat Herr KptzS Brandt hat jegliche Anerkennung und Unterstützung verdient für das, was er zusammen mit seiner Besatzung geleistet hat. Um so weniger verstehe einmal mehr nicht die Pressearbeit der Marine. In diesem Kontext verweise ich auf den Artikel in der Samstagausgabe der Kieler Nachrichten und den zu gehörenden Kommentar (Printausgabe) und Online: URL: https://www.kn-online.de/Kiel/Segelschulschiff-Gorch-Fock-erstmals-wieder-auf-See [16.10.2021].
    Haben wir aus der Vergangenheit nichts gelernt? Fehlende Offenheit und fehlende Transparenz führen nur zu Spekulationen. Der Begriff ‚Restarbeiten‘ nach einer Werftliegezeit ist mir nicht unbekannt, aber sind diese im Falle der „Gorch Fock“ tatsächlich so umfangreich, dass man dies nicht kundtun darf? Wir sollten mit der Presse ehrlicher und offener umgehen, sei es On-Records und erst recht Off-Records. Es ist in keinster Weise nachvollziehbar, warum man mit den Pressevertreter*innen nicht an Bord gegangen ist. Nun hat man meines Erachtens allen möglichen Mutmaßungen wieder einmal Tür und Tor geöffnet (vgl. Behling: Steuerzahler müssen draußen bleiben. KN 16.10.2021, S. 16).

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  2. Seefahrt ist und tut Not“h“: Solidarische Grüße von uns aus dem Urlaub im „Osten“, auch von den Kameraden der Polnischen Seekriegsflotte: 3. Schiffsflottille „Kommodore Bolesław Romanowski“ (3. Flotylla Okrętów im. kmdr Bolesława Romanowskiego), Marinestützpunkt Gdynia

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  3. Auch von mir: Herzlichen DANK für diese wichtigen Worte in der Kolumne; mögen sie bundesweit Beachtung und Verbreitung finden.

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  4. In diesem Zusammenhang lesenswert ist der Kommentar von VAdm C. Stawitzki auf LinkedIn

    https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:6849386694727254016/?commentUrn=urn%3Ali%3Acomment%3A(activity%3A6849386694727254016%2C6849424947605991424)

    und meine Antwort, auch, wenn sie mit einem gehörigen Schub Emotionalität entstand. Wozu ich stehe.

    Und, werter Herr Chefredakteur, bei aller Zustimmung: die negativen Kommentierungen anderer (nicht die zitierten Aufmerksamkeitsheischer oder SDS-Erkrankten (SDS: Selbstdarstellungssyndrom) haben da ihren Wert, wo sie den Finger in den Missstands-Eiter unserer Rüstungs- und Instandsetzungsplanung legen. Aber leider gehen sie nicht tief genug, um tatsächlich zur Heilung beizutragen.

    Wohl denn. Seefahrt tut Not. In unserer Marine MIT „Gorch Fock“.

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  5. Danke für die klaren Worte!
    Wünschen wir dem Kommandant und der Besatzung der Gorch Fock allzeit gute Fahrt!

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