Barkasse Marine 1 mit Admiralsflagge vor dem Reichstag Berlin Foto: Daniel Angres

Barkasse Marine 1 mit Admiralsflagge vor dem Reichstag Berlin Foto: Daniel Angres

Navy Talks: Jan Christian Kaack zieht Bilanz seiner Amtszeit

Wenige Wochen vor der Kommandoübergabe blickte der Inspekteur der Marine in Berlin auf viereinhalb Jahre im Amt zurück – und auf einen Kurswechsel, der noch nicht abgeschlossen ist.

Navy Talks auf Barkasse „Marine1“ Foto: hsc
Navy Talks auf Barkasse „Marine1“ Foto: hsc

Zum dritten und für ihn letzten Mal lud Vizeadmiral Jan Christian Kaack ausgewählte Journalisten zu den „Navy Talks“ ein. An Bord der Barkasse „Marine 1“ sprach der scheidende Inspekteur über den Zustand der Deutschen Marine, die Veränderungen seit seinem Amtsantritt und die Aufgaben, die sein Nachfolger übernehmen wird.

Kaack trat sein Amt im März 2022 an, wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Bis dahin war die Marine vor allem auf planbare Stabilisierungsmissionen in südlichen Gewässern ausgerichtet. Für ein hochintensives Gefecht in Europa sei sie organisatorisch und mental noch nicht ausreichend auf Landes- und Bündnisverteidigung vorbereitet gewesen.

Sein erster Befehl lautete: „Alles, was schwimmt, geht raus.“ Die Marine sollte kurzfristig größtmögliche Präsenz zeigen – gegenüber Russland, den Verbündeten und den eigenen Soldatinnen und Soldaten. Diese Einsatzbereitschaft habe sich nicht dauerhaft aufrechterhalten lassen. Nach Kaacks Einschätzung löste sie innerhalb der Marine jedoch einen Motivationsschub aus. Eigeninitiative und die Bereitschaft, unter Zeitdruck neue Lösungen zu finden, hätten deutlich zugenommen.

Den Rahmen für die Neuausrichtung bildete der „Kurs Marine“. Das Strategiepapier rückte den Schutz Deutschlands und seiner Verbündeten sowie die Einsatzfähigkeit im Nord- und Ostseeraum wieder in den Mittelpunkt. Wie konkret die russische Bedrohung inzwischen geworden ist, beschrieb Kaack anhand von Ausspähversuchen gegen militärische Einrichtungen, Drohnenüberflügen, Sabotageversuchen und den Aktivitäten der russischen Schattenflotte.

Mit dem Stab Commander Task Force Baltic in Rostock habe sich das gemeinsame Lagebild im Ostseeraum verbessert. Auffällige Aktivitäten könnten dadurch früher erkannt und Reaktionen schneller abgestimmt werden. Trotz der Konflikte im Nahen Osten, im Roten Meer und am Persischen Golf habe die Marine ihre Kräfte an der Nordflanke der NATO verstärkt. Kaack verwies dabei auf die Fregatte „Sachsen“, die zeitweise Aufgaben eines ausgefallenen britischen Flaggschiffs im NATO-Verband übernahm.

Die Krisen außerhalb Europas hätten zugleich gezeigt, wie schnell freie Seewege gefährdet werden können. Internationales Krisenmanagement müsse deshalb neu bewertet werden. Die Marine müsse auf mehrere Einsatzräume reagieren können, ohne den Schwerpunkt der Landes- und Bündnisverteidigung aus den Augen zu verlieren.

Mit dem beschlossenen Ende des Bundeswehr-Engagements bei UNIFIL geht ein fast zwanzigjähriger Einsatz der Deutschen Marine vor der libanesischen Küste zu Ende. Die Marine werde sich zwar nicht vollständig aus der Region zurückziehen, dort künftig aber nicht mehr dauerhaft ein Schiff einsetzen.

Navy Talks auf Barkasse „Marine1“ Foto: hsc
Navy Talks auf Barkasse „Marine1“ Foto: hsc

Beim Personal sieht Kaack eine Trendwende. Seit 2023 steigen nach seinen Angaben die Einstellungszahlen. Für 2026 rechnet die Marine mit rund 3.000 neuen Kräften. Dieser Aufwuchs benötigt zusätzliche Unterkünfte, Ausbildungsplätze und Infrastruktur. Zugleich müssen mehr einsatzbereite Schiffe, Flugzeuge und Waffensysteme verfügbar sein.

Kaack verwies auf mehrere Beschaffungs- und Modernisierungsvorhaben, darunter neue MEKO-Plattformen, die Seefernaufklärer P-8A Poseidon, den Bordhubschrauber Sea Tiger, neue U-Boote, unbemannte Luftfahrzeuge vom Typ MQ-9B und neue Flottendienstboote.

Unbemannte Systeme sollen künftig auf nahezu allen Einheiten eingesetzt werden können. Selbst Hilfsschiffe wie Schlepper könnten über Containerstellplätze entsprechende Systeme aufnehmen. Kaacks Ziel: Jede Einheit soll Drohnenträger werden, jede Soldatin und jeder Soldat soll unbemannte Systeme bedienen können. Bemannte Schiffe, U-Boote und Flugzeuge würden dadurch ergänzt, aber nicht ersetzt.

Zu den prägenden Einsätzen seiner Amtszeit zählte Kaack das Pacific Deployment 2024 und den Kampfeinsatz der Fregatte „Hessen“ bei der EU-Mission Aspides. Auch die Modernisierung der Marineflieger und die Einführung der „Operational Experimentation“ hob er hervor.

Dabei wird marktverfügbare Technik kurzfristig beschafft und unter realistischen Einsatzbedingungen erprobt. Bewährt sie sich, führt die Marine zunächst eine kleine Stückzahl ein und entwickelt das System gemeinsam mit der Industrie weiter. Auf diese Weise sollen neue Fähigkeiten schneller verfügbar werden als über die bisherigen Beschaffungsverfahren.

Auch die Zusammenarbeit mit Norwegen und weiteren Partnern im Nord- und Ostseeraum wurde während Kaacks Amtszeit ausgebaut. Gemeinsame Übungen, abgestimmte Planungen und der regelmäßige Austausch sollen dafür sorgen, dass die beteiligten Marinen im Einsatz als Verband handeln können.

Stolz, seinen Inspekteur steuern zu dürfen. Barkassenführer Oberstabsbootsmann Daniel Lange
Stolz, seinen Inspekteur steuern zu dürfen. Barkassenführer Oberstabsbootsmann Daniel Lange
Foto: hsc

Kaacks Bilanz blieb nicht bei den erreichten Veränderungen stehen. Die Verfügbarkeit der Einheiten, der Personalaufwuchs und der Ausbau der Infrastruktur werden die Marine noch über Jahre beschäftigen. Diese Aufgaben übernimmt Konteradmiral Tobias Abry, der unter Kaack bereits als Chef des Stabes im Marinekommando tätig war.

Im anschließenden Gespräch mit den Journalisten ging es unter anderem um langwierige Beschaffungsverfahren, die Verfügbarkeit der Fregatten und die Voraussetzungen für einen möglichen Einsatz deutscher Minenabwehreinheiten in der Straße von Hormuz.

Am 3. September hält Kaack bei der Maritime Security & Defence Conference im Rahmen der SMM in Hamburg eine Keynote zur aktuellen Sicherheitslage und zur Zukunft der Deutschen Marine. Sie wird in Fach - und Journalistenkreisen mit Spannung erwartet, denn diese Rede gilt als die "legacy" seiner Amtszeit.

Schließlich ist Jan Kack der erste Inspekteur der Marine in der Geschichte der Bundesrepublik, der einen scharfen Waffeneinsatz zu verantworten hatte. Der erste Inspekteur, der einer über vierjährigen Bedrohung begegnen muss. Das Ende seiner Amtszeit ist um ein paar Monate vorzeitig, damit sich das Führungsteam der Marine ausgerichtet auf die Bedrohung neu positionieren kann. Mit der Konsequenz, mit der er die Marine eingeschworen hat, macht er auch vor sich selbst nicht halt. Am 30. September 2026 übergibt er die Amtsgeschäfte offiziell an Tobias Abry.

Text/Fotos: hsc

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