Training in der Eckernförder Bucht

Training in der Eckernförder Bucht

Maritime Interdiction Operations

Sollen politische Beschlüsse gegen den Willen Dritter durchgesetzt werden, stehen eine Reihe von Möglichkeiten offen. Bei der Operation Irini steht das Boarding in verschiedenen Varianten im Mittelpunkt.

Maritime Interdiction Operations dienen der Durchsetzung von politischem Willen. Beispielhaft genannt sei hier die aktuelle militärische Operation Irini (Eunavfor Med Irini) der Europäischen Union (EU), deren Vorläufer die Operation Sophia war. Kernaufgabe von Irini (griechisch für Frieden) ist die Umsetzung des Waffenembargos der Vereinten Nationen gegen Libyen gemäß der UN-Resolution 2292 aus dem Jahr 2016. Darüber hinaus hat die Operation die Gewinnung von Informationen über illegale Ölexporte sowie die Unterbindung des Menschenschmuggels zum Ziel. Außerdem soll Libyen beim Aufbau einer Marine unterstützt werden.

Derartige Operationen sind auf ein bestimmtes Seegebiet zugeschnitten. Im Fall Irini umfasst es die See zwischen Italien, Libyen und Malta – mit einer Fläche von über 360 000 Quadratkilometern. Dort werden sämtliche Seefahrzeuge von Seefernaufklärern oder Marineschiffen erfasst, über Seefunk befragt und an die Irini-Operationszentrale in Rom gemeldet.

Abhängig von Verdachtsmomenten in Bezug auf das jeweilige zivile Schiff und dessen Kooperationsbereitschaft kann der Befehlshaber in Rom unterschiedliche Einsatzsoptionen befehlen. Neben dem Abfragen von weiteren Informationen über Funk („hailing“) und dem friendly approach ist dies das Anhalten, Durchsuchen und Überprüfen des Schiffes, von dessen Besatzung und der Ladung, gegebenenfalls unter Einsatz militärischer Gewalt. Hier gibt es verschiedene Stufen: unopposed, non-cooperative und opposed boarding.

Sie unterscheiden sich hinsichtlich des Maßes an militärischer Gewalt. Den Handlungsrahmen für die Soldaten bei der Umsetzung ihres Boardingauftrages bilden die Rules of Engagement (ROEs) – eine Zusammenfassung und Präzisierung geltenden Einsatzrechts, das von der Politik vorgegeben ist. Die Verbringung der Boardingteams erfolgt lage- und seegangsabhängig mit Speedbooten oder Hubschraubern.

Per Bordhubschrauber zum Einsatzort

Per Bordhubschrauber zum Einsatzort

Einsatzoptionen

Unter hailing wird eine erste Kontaktaufnahme mit einem Schiff über UKW-Seesprechfunk verstanden. Erfragt werden dabei allgemeine wie technische Daten – zur Besatzung, zur Fracht und dem Reiseverlauf, um sie dem Irini-Befehlshaber zur Bewertung zu übermitteln. Werden die Daten dort als unauffällig eingestuft, kann das Schiff als cleared vessel seine Fahrt fortsetzen. Es gilt übrigens bei allen Einsatzstufen der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, dass heißt unter anderem, Verspätungen im Handelsverkehr so weit wie möglich zu vermeiden.

Die Annäherung an ein Schiff mit Zustimmung des jeweiligen Masters (Kapitäns) wird als friendly approach bezeichnet. Zweck ist die Informationsgewinnung und Aufklärung sowie die Unterrichtung der Schiffsführung über das Ziel der Operation.

Sofern sich Verdachtsmomente eines Verstoßes ergeben, wird der Einsatzstab in Rom ein Boarding anordnen. Ein unopposed boarding in internationalen Gewässern setzt die Zustimmung des jeweiligen Flaggenstaates voraus. Weitere Bedingungen für diese Klassifizierung: Der Master befolgt die Anweisungen des On-Scene-Commanders (OSC) und die zusätzlichen Voraussetzungen sind gegeben:

  • Es wird kein offensichtlicher passiver oder aktiver Widerstand von der Besatzung geleistet.
  • Es liegen keine Erkenntnisse über eine Bedrohung vor.

Unkooperatives Boarding bedeutet, dass keine Erkenntnisse über eine Bedrohung existieren, aber mindestens eine der folgenden Bedingungen erfüllt ist:

  • Der Master erwidert die Ansprache über Funk nicht, offenbart nicht den Grund für seinen Aufenthalt in dem Seegebiet oder verweigert fortwährend die Durchführung des Boardings.
  • Von der Besatzung wird passiver Widerstand geleistet, der darauf abzielt, ein Boarding des verdächtigen Fahrzeugs zu verzögern, zu behindern, zu erschweren oder zu verhindern. Diese Maßnahmen können jedoch mit mechanischen Mitteln überwunden werden.
  • Es wird passiver Widerstand geleistet, der nur darauf abzielt, eine Durchsuchung und Beschlagnahmung des verdächtigen Fahrzeugs zu verzögern, zu behindern, zu erschweren oder zu verhindern. Diese Maßnahmen können allerdings ebenfalls mit mechanischen Mitteln überwunden werden.

Unter opposed boarding ist ein Boarding unter Bedrohung zu verstehen. Mindestens eine der folgenden Voraussetzungen trifft zu:

  • Der Master des Schiffes verweigert aktiv die Erlaubnis zur Durchführung des Boardings.
  • Passive oder aktive Widerstandsmaßnahmen der Besatzung zielen eindeutig darauf ab, dem Bordeinsatzteams Schaden zuzufügen oder ein sehr gefährliches Umfeld zu schaffen.
  • Es liegen Erkenntnisse über eine mögliche Bedrohung an Bord des Zielfahrzeugs vor oder es besteht der Verdacht, dass das Fahrzeug terroristische Konterbande transportiert.

An Bord des Schiffes ist daher ein Höchstmaß an taktischem Vorgehen erforderlich, wobei die Sicherheit des Teams ebenso im Vordergrund steht wie die gleichzeitige Beweissicherung.

Training an Bord des Forschungsschiffes Planet

Training an Bord des Forschungsschiffes Planet

Maßnahmen nach dem Boarding

Erhärtet das Ergebnis des Boardings den Verdacht eines Verstoßes, kann das betreffende Fahrzeug beispielsweise in den Hafen eines EU-Mitgliedsstaates umgelenkt werden, um dort weitere Untersuchungen von Schiff und Fracht vorzunehmen. Bereits auf See lassen sich zum Beispiel bei einer Flüssigladung wie Kerosin Proben nehmen, die dann gegebenenfalls an Land zur weiteren Untersuchung verbracht werden. Je nach Befund sind Maßnahmen bis hin zur Beschlagnahme des Schiffes und Festsetzung der Besatzung möglich. Boarding ist nicht das Maß aller Dinge. Das heißt, der Kommandant kann seinen Auftrag auch ohne ein Boarding, zum Beispiel durch Umleitung in einen Hafen, durchsetzen. Er ist derjenige, der ultimativ vor Ort die Operation führt.

Überwältigung eines Verdächtigen

Überwältigung eines Verdächtigen

Zusammensetzung eines Bordeinsatzteams

Ein Bordeinsatzteam besteht aus zwei Trupps zu je fünf Soldaten. Dabei hat jedes Teammitglied eine spezielle Funktion.

Position 1: Risikoanalyst – kontrolliert Räume auf Begehbarkeit und Gefahrenquellen
Position 2: Zugangstechniker – mechanische, ballistische, sprengtechnische Öffnungsverfahren
Position 3: Dokumentator – Beweissicherung
Position 4: Teamführer – Portepeeunteroffizier, taktischer Führer eines Bordeinsatzteams
Position 5: Combat First Responder (Einsatzsanitäter)

Zur Boardingausbildung gehört spezielles Nahkampftraining sowie eine erweiterte Schießausbildung.

Fregattenkapitän d.R. Jürgen R. Draxler ist Journalist und Publizist.
Fotos: Bundeswehr/Daniel Auwermann, David Hecker

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