Die-„Orzeł“,-ein-U-Boot-der-KILO-Klasse

Die-„Orzeł“,-ein-U-Boot-der-KILO-Klasse. (Bild: Lukasz Golowanow/konflikty.pl)

Weckruf für die Marine

Polens neue Marinestrategie

Eine maritime Strategie ist eine umfassende Ausrichtung aller Aspekte der nationalen Macht, um bestimmte politische Ziele in einer bestimmten Situation durch ein gewisses Maß an Kontrolle auf See zu erreichen (John Hattendorf). Nationale Marinestrategien geben wichtige Hinweise für die konkrete Planung der Marinebeschaffung. Gleichzeitig sind veröffentlichte Marinestrategien wichtige Instrumente der Abschreckung, da sie Freund und Feind über die damit verbundenen Absichten informieren.

Polnische Seekriegsflagge mit dem goldgekrönten weißen Adler

Polnische Seekriegsflagge mit dem goldgekrönten weißen Adler. (Bild: Polnische Marine)

Während des Kalten Krieges konnte die Ostsee als wichtiges Schlachtfeld in einer zukünftigen Konfrontation zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt angesehen werden. Seit den 1990er-Jahren betrachteten die baltischen NATO-Mitglieder und ihre Partner die Ostsee als eine friedliche Umgebung. Die Marinen rund um die Ostsee reduzierten ihre Kapazitäten für den Zugang zu Gebieten (A2/AD) und konzentrierten sich mehr auf die Unterstützung von Missionen außerhalb dieses Raumes, z.B. im Mittelmeer oder am Horn von Afrika. Die Annexion der Krim im Jahr 2014 und der anschließende Krieg, den Russland in der Ostukraine führte, wirkten sich ernüchternd auf die militärische Planung der baltischen Marinen aus. Weder die NATO noch Ihre Partnerschaftsstaaten verfügen derzeit über Marinen, die in der Lage sind, einer etwaigen russischen Aggression in der Ostsee überzeugend begegnen zu können. Dabei ist jedoch die Stärke der heutigen russischen Marine nicht mit der ihrer Vorgängerin vergleichbar. Eine überzeugende Antwort muss sich deshalb auch von den Strategien des Kalten Krieges unterscheiden.

Die NATO entwickelte im September 2014 den sogenannten „Readiness Action Plan“ (RAP) zur Rückversicherung ihrer östlichen Mitglieder. Seltsamerweise führte dies nicht zu einem umfassenden Umdenken darüber, welche Auswirkungen die neue Strategie Russlands auf den Ostseeraum haben könnte. Die NATO hat auf die neuen Herausforderungen im Allgemeinen mit ihrer „Alliance Maritime Strategy“ reagiert. Darin wurde zu verstärkten Transformationsbemühungen des Bündnisses aufgerufen und weitere Planungen gefordert, um die Fähigkeiten des Bündnisses zu entwickeln und andere Bereiche zu identifizieren, in denen eine Transformation erforderlich ist. Dies bedeutete, dass die Mitglieder und Partner der NATO ihre eigenen Marinestrategien entwickeln müssten, die mit der Bündnisstrategie übereinstimmen sollten.

Ehrenposten der polnischen Marine

Ehrenposten der polnischen Marine. (Bild: Polnische Marine)

Polen ist nun der erste Ostseeanrainer, der eine umfassende Marinestrategie mit dem Titel „Strategiczna Koncepcja Bezpieczeństwa Morskiego Rzeczypospolitej Polskiej“ (Polnisches Strategiekonzept für maritime Sicherheit) veröffentlicht hat. Das Papier wurde von einem Expertenkomitee bestehend aus Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsbüros, der polnischen Marineakademie, des Rates für Schiffbau und des General-Józef-Haller-Instituts entwickelt. Das Komitee vermied es, seine Ausführungen „Polnische Marinestrategie“ zu nennen. Stattdessen sei der Beitrag eher ein erster Schritt, der zu einer umfassenderen Strategie führen würde.

„Die derzeitigen Streitkräfte der polnischen Marine sind nicht ausreichend“

So ehrgeizig die neue polnische Marinestrategie auch sein mag, sie muss den aktuellen Zustand der polnischen Marine berücksichtigen, die weitgehend mit veralteten Plattformen operiert. Dazu gehören fünf U-Boote (ein sowjetisches KILO und vier ehemalige norwegische NATO-Einheiten aus dem Kalten Krieg). Das Bild ist nicht viel rosiger, wenn man die Überwassereinheiten betrachtet: Zwei Fregatten und eine Korvette, die jeweils in den 1980er-Jahren gebaut wurden. Unterstützungs- und Kampfunterstützungsschiffe sind gleichermaßen veraltet.

Die Autoren der Marinestrategie sind sich der Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Ausrüstung bewusst. Ihre Einschätzung ist ein klarer Weckruf für die polnische Marine. Darin heißt es: „Die derzeitigen Streitkräfte der polnischen Marine sind nicht ausreichend für die Bedrohungen, Herausforderungen und Chancen, die sich aus dem maritimen Sicherheitsumfeld des Landes, seinen Zielen und dem maritimen Einsatzgebiet ergeben. Die Reaktion auf die großen Bedrohungen, die von Russland im Ostseeraum ausgehen, wäre mit dem derzeitigen Potenzial und den Kräften, die im Rahmen des vereinbarten Marinemodernisierungsprogramms gefordert werden, nicht möglich.“

Minenjagdboot-der-KORMORAN-2-Klasse

Minenjagdboot-der-KORMORAN-2-Klasse. (Bild: Michael Nitz)

Die Autoren haben diese Unzulänglichkeiten erkannt und nun eine möglichst umfassende Strategie formuliert, die die Grundlage für die zukünftige Marineplanung bilden könnte. Die Strategie befasst sich mit den aktuellen Bedrohungen und Risiken des Meeres und listet eine ganze Reihe sich dynamisch verändernder Bedrohungen auf, wie die Missachtung des internationalen Seerechts, Terrorismus, Piraterie, grenzüberschreitende Kriminalität, Cyberkriege, Militarisierung des Ostseeraums, das russische Energiemonopol sowie Wasserverschmutzung und Klimawandel. Für die polnische Marine würden diese Bedrohungen große Herausforderungen mit sich bringen, wie z.B. die Entwicklung ihres Potenzials zur Gewährleistung eines akzeptablen Sicherheitsniveaus im Seeverkehr und die Gewährleistung der Zusammenarbeit mit der NATO und der EU. Um dies zu erreichen, fordert die Strategie die Anpassung der Marine an die aktuellen Herausforderungen und Bedrohungen im Zusammenhang mit der polnischen Seeverkehrssicherheit. Dies könnte nur durch die Umgestaltung der politischen und militärischen Nutzung der polnischen Marine in Bezug auf die NATO und die EU erreicht werden, indem das gegenwärtige Modell, das aus der Zeit des Warschauer Paktes stammt, in ein aktuelles Marinemodell umgewandelt würde, das in die alliierten Strukturen eingebunden ist.

Die Strategie konstatiert einen Mangel an maritimer Kultur in Polen, eine faktische Meeresblindheit, die als eines der größten Probleme der polnischen Seestreitkräfte im Allgemeinen und der polnischen Marine im Besonderen zu gelten habe. Die Notwendigkeit der Existenz und des kreativen Einsatzes gegenwärtiger und zukünftiger Ressourcen würde daher nicht in einer Weise zum Ausdruck kommen, die sich auf die polnische Gesellschaft auswirkt.
Die Autoren befürworten, auch deshalb, die fortgesetzte Beteiligung Polens an Operationen außerhalb der NATO und der EU, um gemeinsame strategische Interessen der maritimen Sicherheit außerhalb der europäischen Gewässer in Gebieten zu sichern, die für die nationalen Interessen Polens von entscheidender Bedeutung sind. Dabei werden die Gebiete von vitalem Interesse viel breiter definiert als in einem engen Ansatz, der nur die Hoheitsgewässer und die angrenzenden Gebiete umfassen würde. Als „nächstgelegene Gebiete von entscheidender Bedeutung für Polen“ werden die Ostsee und die dänische Meerenge, die Nordsee, das Norwegische Meer, das Mittelmeer mit allen angrenzenden Atlantikgebieten sowie das Schwarze Meer und die Gewässer der Arktis genannt.
Polen müsse in mehreren Bereichen Fähigkeiten erwerben, um das Ziel zu erreichen, sowohl im nationalen Interesse als auch als aktiver Teilnehmer an Allianzen und Koalitionen agieren zu können. Die Strategie fordert Küstenverteidigungsfähigkeiten und gleichzeitig jene Kapazitäten, die eine Zusammenarbeit beim Schutz der Souveränität der Alliierten ermöglichen würden. Die polnischen Seestreitkräfte sollen in die Lage versetzt werden, sich dauerhaft an gemeinsamen Operationen (z.B. NATO Maritime Groups) zu beteiligen. Dazu benötige Polen Kriegsschiffe mit standardisierten taktisch-technischen Fähigkeiten, die eine flexible Zusammenarbeit in Einsatzgruppen ermöglichen. Zu diesem Zweck müssen alle Bereiche der operativen Fähigkeiten (Führung, Aufklärung, Feuerkraft, Kraftprojektion und Überlebensfähigkeit, Aktionsunterstützung, Bewegung und Manöver sowie nichtmilitärische Unterstützung) entwickelt werden.

Zum polnischen Modernisierungsprogramm gehören auch sechs Coastal Defence Vessels

Zum polnischen Modernisierungsprogramm gehören auch sechs Coastal Defence Vessels. (Grafik: Rolls Royce)

Die polnische Strategie wurde vor dem Hintergrund der bereits erwähnten Veränderung des Charakters des Ostseeraums entwickelt. Deshalb enthält sie ein Szenario, wie sich ein potenzieller Konflikt mit Russland entwickeln könnte. Es wird erwartet, dass jeder gewaltsame Konflikt See-, Luft- und Landstreitkräfte umfassen würde. Ein eskalierender Konflikt hätte dann das Potenzial eines hochintensiven (wenn auch nur kurz andauernden) Konflikts im Ostseeraum. Russische Ostseehäfen könnten leicht von NATO-Streitkräften geschlossen werden, mit möglicher Kooperation des schwedischen oder finnischen Militärs. Hier würden die polnische Marine, Luftstreitkräfte und mobile Küstenbatterien, die in der Lage sind, feindliche Kriegsschiffe zu zerstören, eine wichtige Rolle spielen. Dies würde nicht nur die Entwicklung der Fähigkeit zur Gebietsverweigerung, sondern auch zur lokalen Seekontrolle erfordern.

Beschaffungsvorschläge

Um die polnischen Streitkräfte in die Lage zu versetzen, russische A2/AD-Mittel zu neutralisieren, müssen sie die lokale Seekontrolle in den vier Bereichen Luft, Überwasser, Unterwasser und Cyberspace erlangen. Die Wahrscheinlichkeit eines hochgradigen Konflikts im Ostseeraum erfordert die Entwicklung von maritimen Plattformen, die die verbliebenen Waffensysteme der polnischen Marine (insbesondere die Coastal Missile Battery, CMB) und Komponenten der Luftwaffe ergänzen.

Das bisherige polnische Operationsprogramm „Fighting the Threats at Sea 2013-2022/30“ wird von den Strategieautoren verworfen, weil es lediglich alte Plattformen des Warschauer Pakts gegen neuere der entsprechenden Klassen ausgetauscht hätte, was zur Erhaltung des vormodernen Kriegsflottenkonzepts geführt hätte. Dabei würden moderne Konzepte der maritimen Sicherheit und Landesverteidigung sowie NATO-Standards außer Acht gelassen.

Nach dem Stapellauf der „Slazak“ 2015 wurde das Programm der GAWRON-Klasse gestoppt

Nach dem Stapellauf der „Slazak“ 2015 wurde das Programm der GAWRON-Klasse gestoppt. (Bild: Polnische Marine)

Das derzeitige Modernisierungsprogramm für die polnische Marine, das den Erwerb von Kriegsschiffen der Klassen MIECZNIK und CZAPLA beinhaltet, würde nicht ausreichen, da diese, wenn überhaupt, nur mit einem Selbstverteidigungssystem (Kurzstrecke) ausgestattet werden sollen. Die einzigen Einheiten der polnischen Marine, die über ein Flugabwehrpotenzial verfügen, sind die Fregatten der OLIVIER-HAZARD-PERRY-Klasse, die mit SM-1-Systemen (Standard Missile) mit einer Reichweite von 40 km ausgestattet sind. Daher wird die dringende Notwendigkeit betont, die nächste Generation von Mehrzweckfregatten mit fortschrittlichen Luftverteidigungsfähigkeiten einzuführen. Dies würde nicht nur die bestehende Fähigkeitslücke schließen, sondern auch den Einsatz anderer Einheiten der polnischen Marine in Zusammenarbeit mit der Luftwaffe erleichtern.

Ein wichtiger Punkt für die polnischen Marineplaner ist, dass Korvetten nicht nur wegen ihrer, im Vergleich zu Fregatten, eingeschränkten Seetüchtigkeit und ihrer Unfähigkeit, sich gegen koordinierte Raketenangriffe aus mehreren Richtungen zu verteidigen, am ungeeignetsten wären. Nur Fregatten könnten anderen Schiffen, CMBs und Landstreitkräften eine effektive Luftverteidigung bieten.

Die Strategen schlagen die Entwicklung einer sogenannten postmodernen, mittleren globalen „Force Projection Navy“ der Kategorie 3 vor. Dies ist ein recht ambitionierter Vorschlag, da die polnische Marine derzeit hauptsächlich als unterstützende Streitmacht mit dem Ziel des Gebietsschutzes betrachtet werden kann.

Die Entwicklung der Glaubwürdigkeit Polens als Verbündeter solle durch regelmäßige Beteiligung an den Aktivitäten der ständigen maritimen Einsatzgruppen und Bündnisoperationen erreicht werden und gleichzeitig etwaigen Aggressoren Reaktionswillen und -fähigkeit des Bündnisses verdeutlichen (Artikel 5).

Für die konkrete Modernisierung der polnischen Seestreitkräfte empfiehlt die Strategie die Beschaffung von Mehrzweckkampfschiffen (Fregatten), U-Booten (mit Fähigkeiten zur Bekämpfung von Über- und Unterwassereinheiten sowie Minen, zur Durchführung von Aufklärungs- und Kontrollmissionen, dem Einsatz von Spezialeinheiten sowie zum Abschuss von taktischen Landangriffsraketen), Aufklärungs- und Patrouillenflugzeuge, Hubschrauber (zur U-Boot-Bekämpfung), Minenjäger und Minenbekämpfungsschiffe sowie unbemannte Systeme zur Unterstützung von Luft-, See- und Unterwassereinsätzen.
Die Strategie legt keine Zahlen für bestimmte Plattformen fest. Es wird jedoch empfohlen, den 1:3-Betriebskoeffizienten (Fähigkeit zur ständigen Ausführung bestimmter Aufgaben durch eines von drei Schiffen einer bestimmten Klasse) einzuhalten. Nach erfolgreicher Umsetzung des Modernisierungsprogramms könne nur eine regelmäßige und wechselnde Beteiligung polnischer Kriegsschiffe an NATO-Operationen den Erwerb eines Kaders der polnischen Marine mit praktischen Fähigkeiten und nützlichen Erfahrungen sichern.

„Polens strategisches Konzept für die maritime Sicherheit“ stellt einen wichtigen Schritt hin zu einer geplanten und sorgfältig strukturierten Modernisierung der polnischen Seestreitkräfte dar. Seine weitere Entwicklung und Umsetzung würde das Land in die Lage versetzen, seine maritime Bedeutung wiederzubeleben und den neuen Herausforderungen im Ostseeraum und darüber hinaus gerecht zu werden.

Autor: Jan Asmussen ist Professor an der Fakultät für Kommando- und Marineoperationen der polnischen Marineakademie in Gdynia.

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