40 Jahre Sea Lynx: Formationsflug in Wilhelmshaven. Foto: sharpeye-media.com

40 Jahre Sea Lynx: Formationsflug in Wilhelmshaven. Foto: sharpeye-media.com

14. Rüstungsbericht – Marinehelikopter im Fokus

Vergangene Woche hat das BMVg seinen mittlerweile 14. Rüstungsbericht zur Lage der militärischen Großprojekte in der laufenden Beschaffung mit Stand Mitte Dezember 2021 veröffentlicht. Wir wollen einen Blick auf die für die Deutsche Marine relevanten Projekte werfen und fangen in dieser Woche mit den Marinehubschraubern an, konkret die beiden Projekte NH90 Naval Transport Helicopter (NTH) SEA LION und NH90 Multi Role Frigate Helicopter (MRFH). Dazu lesen wir im aktuellen Rüstungsbericht:

Der NH90 ist ein von Frankreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland gemeinsam entwickelter Transport- und Fregattenhubschrauber. Die Kooperationspartner beschaffen national angepasste Serienvarianten. Deutschland beschafft 82 NH90 Leichter Transporthubschrauber (LTH) basierend auf der Variante Tactical Transport Helicopter (TTH) für das Heer sowie 18 NH90 Naval Transport Helicopter (NTH) SEA LION und 31 NH90 Multi Role Frigate Helicopter (MRFH) jeweils basierend auf der Variante Naval Frigate Helicopter (NFH) für die Marine.

NTH Sea Lion

Der NTH SEA LION wird das Luftfahrzeug (Lfz)-Muster SEA KING ab dem Jahr 2023 ablösen und dessen Aufgaben als Bordhubschrauber für die Einsatzgruppenversorger (EGV) der Marine sowie den Such- und Rettungsdienst (Search and Rescue [SAR])-Betrieb für die Nord- und Ostsee und die Seeraumüberwachung vollständig übernehmen. Der erfolgreiche Erstflug des Hubschraubers fand im Dezember 2016 statt. Die Auslieferung der 18 Lfz NTH SEA LION soll im Zeitraum Ende 2019 bis Ende 2022 erfolgen.

Es wurden bisher elf von insgesamt 18 NH90 NTH SEA LION (Stand: 31. Oktober 2021) ausgeliefert. Bedingt durch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie verschiebt sich die Auslieferung eines Lfz von 2021 in das Jahr 2022, so dass 2021 noch zwei und 2022 die restlichen fünf Lfz ausgeliefert werden sollen. Der Fokus lag und liegt weiterhin auf der Stabilisierung des Flugbetriebes, um die weiteren Schritte der Einsatzprüfung und der Ausbildung der Besatzungen zeitgerecht für eine Übernahme der Aufgabe SAR See im Jahr 2023 zu ermöglichen. Die getroffenen Maßnahmen zur Verbesserung der Ersatz-/Austauschteile (ET/AT)-Lage und zur technischen Unterstützung der Marine zeigen Wirkung. Ein Großteil der Bodendienstgeräte für die Durchführung des Flugbetriebes wurde an die Marine geliefert.

Stand & Entwicklung des Projektes

Die Auslieferung des ersten NH90 NTH SEA LION in der Konfiguration Step 1 erfolgte am 24. Oktober 2019. Die Aufnahme des Flugbetriebes durch die Marine fand Anfang Juni 2020 statt. Der finale Bauzustand (Konfiguration Step 2) ist bedingt durch Verzögerungen bei Qualifizierung und Integration im Bereich Avionik weiterhin für Anfang 2022 geplant. Das Upgrade von Step 1 auf Step 2 ist für den Zeitraum 2022 bis 2024 vorgesehen. Verzögerungen in der Entwicklung, Qualifikation und Auslieferung sind zu vermeiden, um die bruchfreie Aufgabenwahrnehmung nach dem Nutzungsdauerende des SEA KING Mk41 im Jahr 2023 sicherzustellen. Der Anfangsflugbetrieb konnte noch nicht zufriedenstellend stabilisiert werden. Der Ausbildungsstand der Lfz-Besatzungen liegt unter den Erwartungen. Die Übernahme der Aufgaben vom SEA KING wird in 2023 grundsätzlich gewährleistet. In einzelnen Aufgabenteilen ist eine volle Einsatzreife wahrscheinlich nicht zu erreichen. Die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl an Lfz in der finalen Konfiguration (Step 2) zum Zeitpunkt der Aufgabenübernahme im vollen Einsatzspektrum vom Lfz-Muster SEA KING Mk41 im Jahr 2023 wird derzeit aufgrund des mittlerweile notwendigen Umrüstaufwandes von Step 1 auf Step 2 als risikobehaftet bewertet. Primäres Ziel ist die Übernahme der Dauereinsatzaufgabe SAR See im Jahr 2023.

Gesamtplanerische Einordnung

Das Projekt NH90 NTH SEA LION ersetzt den SEA KING Mk41 und stellt dabei die Fähigkeiten SAR See und den Einsatz als Bordhubschrauber der EGV sicher. Die Hubschrauber wurden durch die Marine aufgrund fehlerhafter Dokumentation und fehlender Werkzeuge und Bodengeräte erst sechs Monate nach Auslieferung des ersten Hubschraubers an das BAAINBw in den Flugbetrieb genommen. Mittlerweile laufen der Flug- und Ausbildungsbetrieb sowie die Einsatzprüfung sukzessive, aber schleppend an. Mitigationsmaßnahmen über das Altsystem Mk41 sind aufgrund sinkender Besatzungszahlen und auslaufender technisch-logistischer Basis nicht großflächig verlässlich abbildbar.

Verteidigungs- & bündnispolitische Aspekte

Das uneingeschränkte Nutzen der See ist bündnis- und bundeswehrgemeinsam sicherzustellen. Dies erfordert die Fähigkeit zur Beteiligung am gesamten nationalen und multinationalen Einsatzspektrum seegehender Kräfte. Mit dem NH90 NTH SEA LION wird die Wahrnehmung vielfältiger Aufgaben, insbesondere in den Bereichen SAR, Unterstützung von Spezialkräften sowie Überwasserseekriegsführung, sowohl national als auch im bündnispolitischen Rahmen sichergestellt.

Rüstungswirtschaftliche Aspekte & Entwicklungen

Das NH90 NTH SEA LION-Programm trägt zur Auslastung der nationalen Fertigungskapazitäten bei, während die Ingenieurskapazitäten im Rahmen der noch notwendigen Entwicklungsarbeiten ausgelastet werden.

Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft

Im Rahmen des Anfangsflugbetriebes bei der Marine wird derzeit die Einsatzprüfung für das Waffensystem NH90 NTH SEA LION als Teil der Integrierten Nachweisführung durchgeführt. Hierbei gilt es, die vielfältigen Herausforderungen der Neueinführung rechtzeitig zu meistern, um die bruchfreie Ablösung der SEA KING Mk41 und somit die Fähigkeit SAR See sicherstellen zu können.Voraussetzung hierfür ist ein einsatzreifes Waffensystem, welches über die geforderten funktionalen Fähigkeiten sowie über eine ausreichende materielle Einsatzbereitschaft zur Deckung des operationellen Bedarfs verfügt. Dieses wird der NH90 NTH SEA LION nun im Rahmen der Einsatzprüfung unter Beweis stellen müssen. Hierbei werden die einsatzwichtigen Funktionen im vorgegebenen Soll-Nutzungsprofil des Hubschraubers unter einsatznahen Bedingungen geprüft. Darüber hinaus wird das technisch-logistische Konzept in allen Facetten auf seine Einsatztauglichkeit unter den besonderen Bedingungen der Marine bewertet.

NH 90 MRFH

Der Beitrag des MRFH im Systemverbund Kampfschiff betrifft insbesondere die Befähigung zum Kampf in den Bereichen Unter- und Überwasserseekriegsführung. Darüber hinaus verbessert der MRFH die Fähigkeit der Überwachung und Aufklärung des Seeraumes. Das Aufgabenspektrum beinhaltet auch den taktischen Lufttransport, das Boarding, den Verwundeten- und Krankentransport, Evakuierungsoperationen und logistische Leistungen im Rahmen von Katastrophenhilfe. Die Auslieferung ist für den Zeitraum Ende 2025 bis Anfang 2030 geplant. Der MRFH wird das Luftfahrzeug (Lfz)-Muster SEA LYNX Mk88A ab dem Jahr 2026 ablösen und als Bordhubschrauber auf den Fregatten F124, F125 und zukünftig auch auf der F126 zum Einsatz kommen. Zum Erreichen der vollen Leistungsfähigkeit gemäß Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung (FFF) ist zu einem späteren Zeitpunkt ein Hochrüsten von Step 3 auf Step 4 (Link 22/GPS M-Code) geplant. Das Erreichen der Anfangsbefähigung der Marine (Unter- und Überwasserseekriegsführung) ist für das Jahr 2027 vorgesehen.

Das Preliminary Design Review (PDR) für den NH90 MRFH wurde im September 2021 abgeschlossen. Das unmittelbar folgende Critical Design Review (CDR) wird voraussichtlich zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt im Januar 2022 abgeschlossen werden können. Eventuell kann der Erstflug eines MRFH bereits vor dem Mai 2022 erfolgen.

Stand & Entwicklung des Projektes

Die zeitgerechte Realisierung des Projektes dient der bruchfreien Übernahme der Aufgaben des SEA LYNX Mk88A als bordgestützter Fregattenhubschrauber in den Aufgaben Unterwasser- und Überwasserseekriegsführung. Hierzu soll die Auslieferung des ersten NH90 MRFH Ende 2025 und die Auslieferung der weiteren NH90 MRFH bis Anfang 2030 erfolgen.

Gesamtplanerische Einordnung

Das Projekt NH90 MRFH wird den SEA LYNX Mk88A ersetzen und dabei vor allem die Fähigkeiten der organischen U-Boot-Jagd und Überwasserseekriegsführung aus der Luft im Systemverbund Kampfschiff für die Fregatten der Marine übernehmen. Die Fregatten der Marine sehen konzeptionell mehrrollenfähige Bordhubschrauber als einen integralen Bestandteil der Sensor- und Wirkmittelkette vor. Ohne diese sogenannte organische fliegende Komponente - organisch im Sinne von fester Bestandteil des Schiffes in Übung und Einsatz - ist der Kampfwert einer Fregatte essenziell geschwächt. Sie ist unter U-Boot-Bedrohung nicht durchsetzungsfähig, da moderne U-Boote gegenüber Überwassereinheiten einen deutlichen Reichweitenvorteil besitzen, der eben nur durch einen Bordhubschrauber im "abgesetzten/vorgelagerten Einsatz von Bord mit erheblicher Radiuserweiterung des Schiffes" umgekehrt wird. Der Beschaffungsvertrag erfüllt die Anforderungen der Marine als Nachfolger für den SEA LYNX Mk88A, wenngleich wichtige Funktionalitäten noch zeitnah nach Auslieferung realisiert werden müssen.

Verteidigungs- & bündnispolitische Aspekte

Die uneingeschränkte Nutzung der See und ihrer Verbindungswege ist bündnis- und bundeswehrgemeinsam sicherzustellen. Dies erfordert die Fähigkeit zur Beteiligung am gesamten nationalen und multinationalen Einsatzspektrum seegehender Kräfte. Der MRFH verfügt, neben den im Leistungsspektrum genannten Fähigkeiten, insbesondere über die seitens der NATO hochpriorisierte Fähigkeit zur U-Boot-Jagd und wird dadurch Deutschlands Position als Kooperationspartner im maritimen Bereich stärken.

Rüstungswirtschaftliche Aspekte & Entwicklungen

Der Abschluss der Verträge über ein europäisches Modell hat positive Effekte auf die Auslastung der nationalen Fertigungskapazitäten und begleitenden Ingenieurskapazitäten im Rahmen von Entwicklungsleistungen basierend auf dem europäischen Grundmodell des Hubschraubers.

Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft

Das Projekt NH90 MRFH hat nach dem Vertragsschluss im November 2020 mit dem Eintritt in die Detailfestlegungen zur technischen Entwicklung wichtige Meilensteine in der Realisierungsphase erreicht. Die nun anstehenden Planungen und Vorbereitungen sind konsequent auf das Ziel auszurichten, dem zukünftigen Nutzer ein einsatzreifes Produkt zur Verfügung zu stellen, welches die funktionalen Forderungen weitgehend abdeckt und von Beginn an eine hohe Einsatzbereitschaft gewährleistet. In der Projektarbeit stehen daher jetzt die Projektelemente im Fokus, die sich unmittelbar auf die Bereitstellung und den zukünftigen Betrieb bei der Marine als Bordhubschrauber auf den Fregatten auswirken, um so die zeitgerechte Ablösung der SEA LYNX Mk88-Flotte und die bruchfreie Übernahme ihrer Aufgaben sicherstellen zu können.

3 Kommentare

  1. Ich bitte um eine Übersetzung dieser verschwurbelten Information in Deutsch oder Englisch.

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    • Da kann ich Ihnen nicht widersprechen – für die Lesbarkeit seiner Publikationen ist am Ende
      das BMVg nunmal selbst verantwortlich.

      Nachtrag Dazu passt der folgende Beitrag online bei der Welt:
      „Wünsche mir mehr Klarheit und weniger Geschwurbel der Generalität“ so die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Strack-Zimmermann (FDP).
      https://www.welt.de/politik/deutschland/plus236275350/Strack-Zimmermann-FDP-will-weniger-Geschwurbel-in-der-Bundeswehr.html

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    • Ganz einfach: erfolgreicher Erstflug eines NH 90 heisst, das Ding kann starten, eine Platzrunde fliegen und landen, ohne abzustürzen – step 1. In diesem Zustand werden alle Exemplare ausgeliefert. Dann heisst es für die meisten Exemplare, am Boden rumzustehen, weil wichtige Teile
      etc. fehlen. Anschließend geht’s zurück ins Werk, um die für die volle Funktion notwendigen Dinge nachzurüsten, wodurch im Einsatzverband zu wenige Exemplare verfügbar sind, um den normalen Flugbetrieb und die Qualifikation der Piloten sicherzustellen (weshalb ein neuer, kleiner Hubschraubertyp her muss, damit die Piloten was zum Fliegen haben) – step 2. Nach einigen Jahrzehnten kann der NH 90 schlussendlich zumindest teilweise das, was er können muss, allerdings kann man nicht genau sagen, wann und was.
      Der Lerneffekt der für die Beschaffung Verantwortlichen besteht nun darin, auch beim Fregatten-NH 90 auf dieses bewährte Verfahren zurückzugreifen, um sich der deutschen Ingenieurskunst auf ewig zu versichern.
      Das Ganze zahlt selbstredend in bewährter Weise der Steuerzahler.

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