Lenkwaffenkreuzer "USS Lake Erie" (CG 70) feuert Standard Missile-3. Foto: U.S. Navy

Lenkwaffenkreuzer "USS Lake Erie" (CG 70) feuert Standard Missile-3. Foto: U.S. Navy

Aegis Combat System: Schild der Flotte für die Fregatte F127

Das Aegis Weapon System gilt als bestes Gefechtsführungssystem der Welt. Es ist im Vergleich zu anderen Führungssystemen aber auch sehr teuer und aufwandsintensiv. Für viele Streitkräfte wiegen die Vorteile trotzdem schwerer als die Nachteile. Neuester Anwender könnte die Deutsche Marine werden. Die Bundeswehrführung will im Rahmen der Beschaffung der neuen Luftverteidigungsfregatten F127 acht Aegis Systeme im Gesamtwert von zirka 10,2 Milliarden Euro erwerben.

Arleigh Burke-Zerstörer USS Stockdale (DDG 106). Foto: US-Navy/E.L.M. Senn
Arleigh Burke-Zerstörer USS „Stockdale“ (DDG 106). Foto: US-Navy/E.L.M. Senn

Bei der US-Navy wird das Aegis System auf den drei verbliebenen Lenkwaffen-Kreuzern der Ticonderoga-Klasse sowie den über 75 Lenkwaffen-Zerstörern der Arleigh-Burke-Klasse geführt. Auch Australien, Japan und Korea sowie Norwegen und Spanien in deutlich abgespeckter Form setzen das System bislang ein. Der Name „Aegis“ ist eine direkte Anlehnung an den gleichnamigen Schutzschild des griechischen Göttervaters Zeus. Dies reflektiert die Kernaufgabe des Systems, Schiffe und Marineverbände vor Flugzielen zu schützen. Die erste Generation des Aegis Systems wurde 1983 mit der Indienststellung der „Ticonderoga“ als Typschiff operativ eingeführt. Im Mittelpunkt des Systems stand das AN/SPY-1 Radar. Dieses war imstande, gleichzeitig den Luftraum auf Flugzielen zu überwachen, erfasste Ziele zu verfolgen und Abfangraketen ins Ziel zu leiten.

Lenkwaffenkreuzer USS Kitty Hawk (CV 63). Asymmetrischer Aufbau der Radar-Antennen. Foto: US-Navy/T. Frantom
Lenkwaffenkreuzer Ticonderoga-Klasse. Asymmetrischer Aufbau der Radar-Antennen. Foto: US-Navy/T. Frantom

Seitdem wurde Aegis laufend ergänzt, ausgebaut und aufgerüstet. Die einzelnen Entwicklungsstufen des Aegis Systems werden als “Baseline” bezeichnet und mit einer Nummer versehen. Jede Baseline stellt eine klar definierte Kombination aus Software, Sensor- und Waffenintegration sowie Systemarchitektur dar und bildet die Grundlage für die jeweiligen Fähigkeiten der Einheit.

In den vergangenen 15 Jahren lagen die tiefgreifendsten Entwicklungen in den Bereichen Abwehr ballistischer Raketen (Ballistic Missile Defense – BMD) sowie integrierte Luftverteidigung (Integrated Air and Missile Defense – IAMD). Durch Einführung der kooperativen Fähigkeit zur gemeinsamen Lagebilderzeugung und Feuerleitung (Cooperative Engagement Capability – CEC) kann das Aegis System auch Sensordaten mehrerer Aegis-Schiffe automatisiert fusionieren und deren Waffeneinsatz koordinieren.

Operationszentrale USS Shiloh (Ticonderoga-Klasse). Foto: US-Navy/A. Rosen
Operationszentrale USS „Shiloh“ (Ticonderoga-Klasse). Foto: US-Navy/A. Rosen

Aegis gilt allgemein als bestes Gefechtsführungssystem der Welt. Dies beruht darauf, dass Aegis das breiteste Fähigkeitsspektrum besitzt, die ausgeprägteste Sensor-Effektor-Integration vorweist und die größte Palette an integrierbaren Flugkörpern umfasst. Das Aegis System gilt zudem als das ausgereifteste Gefechtsführungssystem seiner Art, da die permanente Weiterentwicklung seiner Komponenten und Fähigkeiten seit Anbeginn ein integraler Bestandteil des Programms ist. Auch wenn andere Gefechtsführungssysteme in Teilbereichen mit Aegis gleichziehen können, bleibt das US-amerikanische System in seiner Gesamtleistung bis jetzt unübertroffen.

Aegis gilt auch als das teuerste maritime Gefechtsführungssystem der Welt. Dies betrifft sowohl Beschaffung als auch Betrieb, Wartung und Personalaufwand. In 2026 bezahlt das US-Kriegsministerium alleine für Beschaffung und Weiterentwicklung der BMD-Komponente rund 1,635 Milliarden US Dollar. Für inkrementelle Nachbesserung des Standard-Aegis-Systems (ohne Beschaffung für die Ausstattung weiterer Schiffe) werden der US-Navy für 2026 voraussichtlich rund 426 Millionen Dollar in Rechnung gestellt. Hinzu kommt die Beschaffung der mit Aegis verbundenen Waffensysteme. Ein Beispiel: Unter dem laufenden Fünfjahresauftrag der US-Navy zur Beschaffung der SM-6 Abfangflugkörper kostet jeder Einzelne zirka 4,5 Millionen Dollar.

Operationszentrale des Ticonderoga-Klasse Lenkwaffenkreuzers USS Normandy. Foto: US-Navy/JR DiNiro
Operationszentrale des Lenkwaffenkreuzers USS „Normandy“. Foto: US-Navy/JR DiNiro

Die Ausbildung an dem komplexen Führungssystem ist ebenfalls anspruchsvoll. Die Grundausbildung am System plus verwendungsbezogener Ausbildung an Bord können zusammen zwischen zwölf und vierundzwanzig Monaten dauern.

Deutschland könnte mit der abschließenden Vertragsunterzeichnung für das Aegis Gefechtsführungssystem einen strategischen Fähigkeitsgewinn erzielen, der in Europa bislang unerreicht ist. Die Kombination aus Aegis, dem neuen AN-SPY-6(V)1 Radar und der Integration moderner Abfangflugkörper wie SM-6 und SM-2 IIIC ermöglichte nicht nur einen deutlichen Mehrwert für die Luftverteidigung, sondern auch erstmals die seegestützte Abwehr ballistischer Raketen in der Endanflugphase (lower layer) sowie die Verfolgung und Bekämpfung von Hyperschallflugkörpern. Mit dem AN/SPY-6 Radar wäre ein Sensorbeitrag auch gegen Ziele im Weltraum (upper layer) sichergestellt. Mit der hier dargestellten Systemkonfiguration könnte auch der bislang nicht eingeplante SM-3-Flugkörper, der ausschliesslich Ziele im Weltraum  bekämpfen kann, eingesetzt werden.

Ohne die Absicht des SM-3-Einsatzes wäre aber auch eine deutlich weniger komplexe nationale und/oder europäische Systemkonfiguration zu signifikant weniger Kosten und bei halber Verdrängung der Plattform grundsätzlich in der Lage, die geforderten Fähigkeiten in der Luftverteidigung liefern.

Hält Deutschland am bisherigen Plan fest, würde es unter den US-Verbündeten der Erstnutzer des Integrated Combat System (ICS MK 6 MOD X), der neuesten Evolution von Aegis. Dieses bildet die Grundlage für einen langfristigen, modularen Fähigkeitsaufwuchs über mehrere Jahrzehnte hinweg. Die deutschen F127 Fregatten würden zu regionalen Führungsplattformen für Flug- und Raketenabwehr, die weit über die klassischen Fähigkeiten europäischer Schiffe hinausgehen. In der Gesamtschau erhielte Deutschland mit Aegis/ICS eine Gefechtsführungsarchitektur, die leistungsfähiger, in sich stärker integriert und umfassender vernetzt ist als alle derzeit verfügbaren europäischen Systeme. Es bleibt zu hoffen, dass Politik und Bundeswehrführung sich vor der Vertragszeichnung der Komplexität und Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind: Aegis/ICS und AN/SPY-6 sind die größen-, kosten- und risikotreibenden Faktoren im Projekt F127. Die Deutsche Marine könnte diese Schiffe in Zukunft nur betreiben, wenn sich ihre Struktur, Infrastruktur und Ressourcen den Superlativen des Aegis Systems zeitnah anpassen. Ein solches Leistungsspektrum hat eben seinen Preis.

Text: au/sd

 

 

 

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2 Antworten

  1. Moin,

    im zweiten Bild auf der rechten Seite in diesem Artikel ist die CG-63 „Cowpens“ abgebildet (wie auch auf dem Bild nachzulesen ist) und NICHT der Flugzeugträger „Kitty Hawk“.

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