Indienststellung S-40 Riachuelo. Foto: Brasilianische Marine

Indienststellung S-40 Riachuelo. Foto: Brasilianische Marine

Brasilianische Marine: Meilenstein im ehrgeizigen U-Bootprogramm erreicht

Marinha do Brasil: „S-40 Riachuelo“ in Dienst gestellt

Am 1. September 2022 hat die brasilianische Marine das U-Boot „S-40 Riachuelo“ in Dienst gestellt. Die Einheit ist das erste von vier neuen U-Booten mit konventionellem Antrieb (NATO-Klassifizierung SSK). Beim Stapellauf im Dezember 2018 wurde die Indienststellung bereits für das Jahr 2020 erwartet. Baunummer 2, S-41 Humaitá, führte am Vortag der Zeremonie für das Typschiff einen ersten Funktionstest durch.

Brasilianisch-französische Kooperation

Im Rahmen einer brasilianisch-französischen Verteidigungskooperation entschied sich Brasilia 2009 für das PROSUB-Programm‚ Programa de Desenvolvimento de Submarinos. Es sieht die Verstärkung der U-Boot-Flottille mit vier konventionellen und mit einem nuklear angetriebenen U-Boot vor. Darüber hinaus sieht das Programm den Aufbau einer Werft und eines U-Boot-Stützpunktes für die Konstruktion und die Unterstützung dieser Einheiten vor.

Während Teile der S-40 Riachuelo in Frankreich gefertigt wurden, werden die drei anderen Scorpène-BR-Boote vollständig von der brasilianischen Itaguaí Construções Navais (ICN) gebaut. Das Staatsunternehmen, an dem die französische Naval Group einen Anteil von 41 Prozent hält, beschäftigt fast 2.000 brasilianische Mitarbeiter. Neben den wenigen vor Ort arbeitenden Franzosen (eine Firmenbroschüre beziffert 15) sind nach Angaben der Naval Group an deren französischen Standorten zudem „Hunderte von Mitarbeitern“ im Backoffice für PROSUB tätig.

Brasilianische Marine: Meilenstein im ehrgeizigen U-Bootprogramm erreicht

S-40 Riachuelo in Fahrt. Foto: Brasilianische Marine

PROSUB: Mehr als nur U-Boote

Für Brasilien ist der Erwerb der industriellen und konzeptionellen Fähigkeiten, die für die Entwicklung und den Bau seines zukünftigen U-Bootes mit Atomantrieb erforderlich sind, enorm wichtig. Auf dem Webauftritt der Regierung wird das U-Boot-Entwicklungsprogramm PROSUB als eines der wichtigsten strategischen Projekte der brasilianischen Streitkräfte bezeichnet. Es soll nicht nur die nationale Verteidigungsstruktur stärken, sondern auch „die brasilianische maritime Souveränität“ gewährleisten. Darüber hinaus stärkt das Programm die industrielle Basis, womit es für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes einen Beitrag leistet. Nach Regierungsangaben sind bis heute 4.000 Arbeitsplätze geschaffen worden.

PROSUB geht über die konventionellen U-Boote hinaus. Im Zusammenhang mit dem Nuklearprogramm der Marine (Programa Nuclear da Marinha, PNM) verfolgt Brasilia die Konstruktion des ersten brasilianischen U-Bootes mit Nuklearantrieb, Submarino de Propulsão Nuclear Brasileiro (SNBR). Im Verteidigungs-Weissbuch 2020 weist die Regierung darauf hin, dass beide Programme miteinander verbunden sind. Dort steht: „Die Durchführbarkeit von PROSUB hängt ab von die Entwicklung des nuklearen Antriebssystems, das im Mittelpunkt des Nuklearprogramms der Marine steht.“ Das PNM sieht unter anderem Entwicklung und Bau eines Prototyps eines Druckwasserreaktors vor, der als Basis für den Reaktor des ersten brasilianischen U-Boots mit Nuklearantrieb vorgesehen ist.

Im Zuge von PROSUB wurde bei Itaguaí (75 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, 895 km südöstlich von der Hauptstadt Brasília) ein Marineschiffbaukomplex für Bau, Betrieb und Wartung der konventionellen wie des nuklearen U-Bootes errichtet. Die Marinebasis Madeira, in der sich nun auch der Firmensitz von Itaguaí Construções Navais befindet, konnte 2020 eingeweiht werden. Im Juli 2021 verlegte der brasilianische Befehlshaber der U-Boote (ComForS) nach Itaguaí/Madeira.

Brasilianische Marine: Meilenstein im ehrgeizigen U-Bootprogramm erreicht

PROSUB - Größenvergleich konventionelles und atomar getriebenes U-Boot. Grafik: Brasilianische Marine

Scorpène-BR

Die „S-40 Riachuelo“ hat eine Gesamtlänge von 70,62 Metern, einen Rumpfdurchmesser von 6,2 Metern, eine Verdrängung von 1.740 Tonnen an der Wasseroberfläche, getaucht 1.900 Tonnen. Sie verfügt über sechs Waffenausstossrohre. Zur Bewaffnung gehören der französische Schwergewichtstorpedo F21, Seezielflugkörper MM39 und Minen. Nach Angaben der Naval Group kann die brasilianische Variante insgesamt 18 Flugkörper und/oder Torpedos mitführen. Als Führungs- und Waffeneinsatzsystem greift die brasilianische Marine auf SUBTICS von Naval Group zurück. Die Boote sollen für eine 35-köpfige Besatzung ausgelegt sein mit der Möglichkeit zur Mitnahme von zwölf zusätzlichen Personen. Vier Diesel und vier Generatoren gewährleisten Antrieb und Stromversorgung. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 20 Knoten angegeben.

Brasilianische Marine: Meilenstein im ehrgeizigen U-Bootprogramm erreicht

Schiffbau als komplexe Aufgabe. Grafik: defensaaereanaval.com.br

In Brasilien werden die Boote auch als Scorpene-BR oder S-BR bezeichnet. Sie gehen auf den französischen Entwurf der Scorpène 2000 zurück. Dabei handelt es sich um ein etwa 2.000 Tonnen verdrängendes konventionelles U-Boot. Der Bootskörper variiert zwischen 66 und 82 Metern. Zu den Merkmalen gehört ein außenluftunabhängiger Antrieb, hoher Automatisierungsgrad, unterschiedliche Ausstattungsoptionen und eine Aufnahmemöglichkeit von 25- bis 31-köpfigen Besatzungen.

Insgesamt 14 Scorpène sind weltweit unter Vertrag bzw. schon im Einsatz. In Chile und Malaysia sind jeweils zwei im Dienst, in Indien vier. Dort erwarten zwei weitere ihre Fertigstellung. Mit der „S-40 Riachuelo“ erweitert sich die Gruppe der operativen Scorpène 2000 auf neun Boote.

Der Bau der übrigen Boote ist in Brasilien angelaufen, Baustart von „S-42 Tonelero“ war 2017, der von „S-43 Angostura“ 2018. Naval Group gibt als Auslieferungszeitpunkt des letzten Bootes das Jahr 2025 an. Als Gesamtkosten stehen Angaben von 10 Milliarden US Dollar im Raum. Über die Zukunft der vorhandenen U-Boote der Baureihe U 209 gibt es widersprüchliche Aussagen.

Brasilianische Marine: Meilenstein im ehrgeizigen U-Bootprogramm erreicht

Brasilianisches Nuklear-U-Boot "Alvaro Alberto. Grafik: defensaaereanaval.com.br

Am Ende steht ein Atom-U-Boot

Das Atom-U-Boot „SN-10 Álvaro Alberto“ steht vermutlich vor Ende der ‚Initial Design Phase‘. Dem Internetauftritt des brasilianischen Verteidigungsministeriums zufolge, soll, Stand heute, seine Seeerprobung im Jahr 2029 beginnen. Die geschätzten Kosten für Entwicklung und Bau belaufen sich mit Stand 2020 auf über 7,4 Milliarden US Dollar. Älteren brasilianischen Pressemeldungen zufolge plant das Land bis 2047 sechs Einheiten dieser Klasse. In der brasilianischen Terminologie wird vom SN-BR gesprochen. Es soll etwa 100 Meter lang sein bei einem Durchmesser von 9,8 Metern, womit das SSN auf eine Verdrängung von etwa 6.000 Tonnen käme. Und wäre damit etwas schwerer als sein französischer Cousin der Suffren-Klasse. Womit das französische Barracuda-Projekt, zu der die Suffren-Klasse gehört, trotz des australischen Ausstiegs noch ein gutes Ende findet.

Die „S-40 Riachuelo“ ist die siebte Einheit der brasilianischen Marine und das dritte U-Boot, das diesen Namen trägt. In der Schlacht von Riachuelo standen sich 1865 auf dem Fluß Paraná die Marinen Brasiliens und Paraguays gegenüber. Brasilien konnte die Auseinandersetzung für sich entscheiden. Die Schlacht gilt als entscheidender Wendepunkt im Tripel-Allianz-Krieg von 1864 bis 1870 - Brasilien, Argentinien und letztlich auch Uruguay standen Paraguay gegenüber.

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