Bereits die Regierung von Präsident Barack Obama hatte sich dem indopazifischen Raum zugewandt. Der Pivot to Asia beeinflusst die amerikanische Politik bis heute.

In einer Rede vor dem australischen Parlament im November 2011 kündigte der damalige US-Präsident Barack Obama die Schwerpunktverlagerung (engl. „Pivot“) der USA in Richtung Asien an: ein bewusst prägnanter Slogan, der beim Publikum in Canberra Anklang finden sollte. Es hörten jedoch auch andere zu. Amerikas NATO-Verbündete nahmen die Verlagerung diplomatischer Zuwendung und militärischer Fähigkeiten in den Pazifikraum mit Sorge zur Kenntnis. Die Regierung Obama musste sich daraufhin beeilen, ihre europäischen Partner zu beruhigen, dass die USA sie nicht im Stich lassen würden. Bei der Schwerpunktverlagerung, so ließen die Vereinigten Staaten verlauten, handele es sich mehr um eine Akzentverschiebung als um eine pauschale Verlegung wirtschaftlicher, diplomatischer und militärischer Aktivitäten von Europa nach Asien. Nichtsdestoweniger lag dem „Pivot to Asia“ ein geostrategisches Rational zugrunde: Die USA wollten schon damals dem wachsenden Einfluss Chinas im indopazifischen Raum entgegentreten. Kritiker wiesen jedoch bald darauf hin, dass die Ankündigung mehr Ängste als tatsächliche Veränderungen mit sich brachte. Nach Obamas Rede nahm die militärische Präsenz der USA im Pazifik nur geringfügig zu.

Ein Jahrzehnt später bleibt diese Schwerpunktverlagerung weiterhin Eckpfeiler der US-Außen- und Sicherheitspolitik im asiatischen Raum. Während der Präsidentschaft Donald J. Trumps äußerte sich diese Politik in freundlicheren diplomatischen Beziehungen und einer vertieften militärischen Zusammenarbeit mit Indien sowie durch eine harte Kante gegenüber China vor allem in Handelsgesprächen. Heutzutage übt sich die Regierung von Joseph Biden bei der Kritik an China in leiseren Tönen, scheint aber dennoch entschlossen, die Schwerpunktverlagerungsstrategie zu verwirklichen und dabei wirtschaftliche, diplomatische und maritime Herausforderungen proaktiv anzugehen. Das kürzlich abgeschlossene trilaterale Abkommen zwischen den USA, Großbritannien und Australien (Aukus) deutet darauf hin, dass im Zuge des Pivots die militärischen Aktivitäten zunehmen werden. Was genau wollen die Amerikaner also mit diesem Fokus auf Asien im Allgemeinen und auf maritime Angelegenheiten im Speziellen erreichen?

Die maritime Dimension der US-Politik im Pazifikraum

Das Konzept der Schwerpunktverlagerung

Der grundlegende Zweck der Schwerpunktverlagerung ist es, Verbündeten und Partnern der USA in Asien wirtschaftliche, diplomatische und militärische Anreize zu bieten, um einen Ausgleich zum wachsenden chinesischen Einfluss im Pazifik zu schaffen. Gemäß einem Drehbuch, das auf realistischem und neo-realistischem Denken über internationale Beziehungen basiert, soll die verstärkte US-Präsenz einen Weg für asiatische Staaten ebnen und chinesischem Druck die Stirn zu bieten. Sonst könnten sich asiatische Nationen womöglich dazu entschließen, sich auf die Seite Chinas zu schlagen, also dem mächtigen Nachbarn Zugeständnisse machen, um weitergehende Forderungen Pekings zu vermeiden und deren Aufmerksamkeit auf andere Länder zu lenken. Politiker in asiatischen Hauptstädten begrüßen zunehmend diese amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik, da sie ihnen Mittel zur Verfügung stellt, die sie brauchen, um ihre Interessen zu verteidigen. Im diplomatischen Sinne kann man die amerikanische Schwerpunktverlagerung als „Anlaufstelle“ für unter Druck geratene asiatische Staaten betrachten; die US-Präsenz soll die Hauptstädte der Region beruhigen und ihnen versichern, dass sie nicht allein sind.

Flugzeugtraeger wie die Carl Vinson und die Nimitz bilden das Rueckgrat der militaerischen Praesenz Amerikas im Pazifik, Foto: US Navy

Flugzeugtraeger wie die Carl Vinson und die Nimitz bilden das Rueckgrat der militaerischen Praesenz Amerikas im Pazifik, Foto: US Navy

Gleichzeitig werden informelle Mechanismen und begrenzte Ressourcen angeboten, damit Staaten ihre Außen- und Sicherheitspolitik multilateral koordinieren und ihre kollektiven Fähigkeiten erhöhen. Denn die zunehmende Macht Chinas in Asien ist ein Motor, der die Akteure der Region antreibt, zusammenzuarbeiten. Die Biden-Regierung hat daher in ihrem ersten Jahr im Amt die Partnerschaft der USA mit Indien nicht besonders betont. Nichtsdestoweniger beschleunigt sich zurzeit die Kooperation zwischen der indischen und der amerikanischen Marine, indem Regierungsvertreter und Militärs in beiden Ländern Gelegenheiten zur Zusammenarbeit ausschöpfen.

Barack Obama war von 2009 bis 2017 der 44. Praesident der Vereinigten Staaten, Foto: The White House

Barack Obama war von 2009 bis 2017 der 44. Praesident
der Vereinigten Staaten, Foto: The White House

Im ökonomischen Bereich wurde die Schwerpunktverlagerung ursprünglich als Möglichkeit angepriesen, um wirtschaftliche Entwicklung und wirtschaftliches Engagement in ganz Asien zu fördern. Im Gegensatz zu den energischeren diplomatischen und militärischen Initiativen der USA sind die Bemühungen in diesem Bereich bis jetzt nur Stückwerk geblieben. Seit Ankündigung der Schwerpunktverlagerung hat der Verband Südostasiatischer Nationen (Asean) beispielsweise weitere Handelsvereinbarungen beschlossen, nicht nur um die Konjunktur zu fördern, sondern auch, um als Gegenpol zu Chinas wirtschaftlicher Macht zu dienen. Die Regierung Trump beschloss jedoch, die Beteiligung an von Asean inspirierten, multilateralen Handelsforen zugunsten bilateraler Handelsdeals aufzugeben. Es gibt Hinweise, dass sich die Regierung Biden womöglich erneut an von Asean ausgehandelten multilateralen Vereinbarungen beteiligen könnte.

Seit Beginn der Schwerpunktverlagerung haben die Vereinigten Staaten eine zunehmend starke Haltung gegen rücksichtslose chinesische Handelspraktiken eingenommen. Die Regierung Trump äußerte Bedenken bezüglich Handelsdefiziten und Chinas unlauteren Geschäftspraktiken – Diebstahl geistigen Eigentums und unfaire Behandlung ausländischer Unternehmen stehen ganz oben auf der Liste der angeprangerten Missstände. Sie verhängte Zölle auf chinesische Importe, schränkte Chinas Zugang zu amerikanischer Technologie ein und begrenzte ausländische Investitionen in China. Die Regierung Biden hat die meisten dieser politischen Richtlinien der Ära Trump stillschweigend beibehalten, darunter auch die Importzölle, trotz der Tatsache, dass US-Wirtschaftsführer sich mehr und mehr darüber beschweren, dass die Kosten dieser Zölle größtenteils auf amerikanische Firmen und Verbraucher umgelegt werden. Der sogenannte Handelskrieg zwischen den USA und China schadet weiterhin den Ökonomien beider Länder. Dennoch haben sich Regierungen in ganz Asien bezüglich des Handelsdisputs größtenteils auffallend still verhalten – Bedenken wegen ungleichen Zugangs zu Chinas Märkten, mangelhaften Schutzes geistigen Eigentums und erzwungenen Technologietransfers scheinen in ganz Asien verbreitet zu sein.

U-Boot der chinesischen Volksbefreiungsarmee, Foto: PLAN

U-Boot der chinesischen Volksbefreiungsarmee, Foto: PLAN

Foto: US Navy

Foto: US Navy

Obwohl Peking amerikanische Regierungsvertreter oft beschuldigt, sich einer „Mentalität des Kalten Kriegs“ zu bedienen, ist die Schwerpunktverlagerungsstrategie doch eher ein Versuch, den sich entwickelnden Widerstand gegen Chinas wachsende Macht in Asien zu fördern und zu formen. Verstärkte amerikanische diplomatische und militärische Aktivitäten halfen den regionalen Akteuren dabei, Pekings Machtprojektion „Sand ins Getriebe“ zu streuen. Diesem Zweck dient auch das Aukus-Abkommen, das neben dem Verkauf von nuklear betriebenen U-Booten an Australien auch die Lieferung von Abstandswaffen sowie eine verstärkte Zusammenarbeit in den Bereichen Cyber, künstliche Intelligenz und Quantencomputer in Aussicht stellt. Glücklicherweise haben Washingtons wenig erfolgreiche wirtschaftspolitische Strategien die zunehmenden multilateralen Bemühungen ihrer asiatischen Verbündeten und Partner nicht verlangsamt. Insgesamt ist die Schwerpunktverlagerung weniger der Beginn eines neuen Kalten Kriegs als vielmehr eine Zeitgewinnungsstrategie, mit der Peking gezeigt werden soll, dass sein Verhalten Widerstand hervorruft. In Washington besteht immer noch die Hoffnung, dass das beständige Vorleben demokratischer Werte sowie eine tiefere Integration in die Weltwirtschaft die aggressiveren und autokratischeren Tendenzen der Kommunistischen Partei Chinas mäßigen werden.

Die maritime Situation im Westpazifik

Trotz der Zielsetzung, den Einfluss Chinas einzudämmen, verschlechtert sich das strategische Umfeld im Pazifik, insbesondere aus maritimer Perspektive. Die US Navy sieht sich mit einer grundlegend veränderten Lage konfrontiert: Sie verfügt nicht mehr über die Seeherrschaft in den Gewässern vom asiatischen Festland bis zur ersten Inselkette im Westpazifik. Dies steht im krassen Gegensatz zur Situation unmittelbar nach dem Ende des Kalten Kriegs, als US-Verteidigungsplaner sich noch auf den ungehinderten Zugang zu den Ozeanen und den meisten Küstenregionen der Welt verlassen konnten. Amerikanische Flugzeugträgerkampfgruppen und Expeditionsstreitkräfte konnten schnell den Ort einer beliebigen Krise erreichen und Luftmacht an Land projizieren, amphibische Operationen durchführen oder humanitäre Hilfe leisten, ohne einer signifikanten Bedrohung auf See ausgesetzt zu sein. Natürlich waren bei diesen Einsätzen gelegentlich Opfer zu beklagen. Anschläge kamen dann vor, wenn Kommandeure die Sicherheitslage falsch beurteilten und ihre Schiffe der begrenzten Reichweite gegnerischer Waffen aussetzten. Ein Beispiel dafür waren erfolgreiche Angriffe mit sprengstoffbeladenen Skiffs. Allerdings konnten derartige Aktionen die Auftragserfüllung der amerikanischen Marine nicht beeinträchtigen. Heutzutage sehen sich deren Offiziere mit der taktisch-operativen Herausforderung konfrontiert, dass sie im Westpazifik zuerst ein Gefecht auf See gewinnen müssten, bevor sie Einfluss auf Ereignisse an Land ausüben könnten. Einsatzplaner gehen heute davon aus, dass ihre maritime „Vormachtstellung unklar“ ist.

Diese grundlegende Veränderung des maritimen Umfelds ist das Ergebnis dreier Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärkten, kurz nachdem die Regierung Obama die Schwerpunktverlagerung angekündigt hatte. Die erste Entwicklung sind die zunehmenden Fähigkeiten der chinesischen Volksbefreiungsarmee (PLA) im Bereich Zugangsbeschränkung (Anti-Access/Area Denial, A2/AD). Der sichtbarste Teil dieser Anstrengungen ist die Familie bodengestützter ballistischer Boden-Boden-Mittelstreckenflugkörper mit der Bezeichnung DF. Der DF-21D ist ein mobiler, bodengestützter Flugkörper mit einer Reichweite von ungefähr 1000 Meilen, der angeblich fähig ist, Seeziele mit nuklearen und konventionellen Wirkladungen zu bekämpfen. Der straßentaugliche DF-26 mobile erweitert die Bekämpfungsreichweite auf etwa 2000 Meilen.

Chinas Flotte soll bis zum Jahr 2030 auf bis zu 460 Schiffe erweitert werden, Foto: US Navy

Chinas Flotte soll bis zum Jahr 2030 auf bis zu 460 Schiffe erweitert werden, Foto: US Navy

Diese ballistischen Flugkörper werden ergänzt durch einen umfangreichen Bestand an Seezielmarschflugkörpern nach sowjetischer Bauart, insbesondere den YJ-18. Bei einer Militärparade im Oktober 2019 enthüllte China zwei neue Seezielflugkörper: den Hyperschallmarschflugkörper DF-17 und den Marschflugkörper DF-100. Zudem nutzt China Satelliten und Überhorizontradarsysteme, um die Zielfindung seiner wachsenden Flugkörperkräfte zu unterstützen. Neue autonome Systeme, Hyperschallkörper und Fähigkeiten in den Bereichen künstliche Intelligenz und Raumfahrt befinden sich in der Entwicklung. Sie haben nur ein Ziel vor Augen – die Flugzeugträgerkampfgruppen der US-Marine. Manchen Beobachtern zufolge handelt es sich bei den bereits eingeführten chinesischen Flugkörpern und den geplanten neuen Technologien um „bahnbrechende“ Systeme. Sie stellen die Fähigkeit der US Navy und ihrer Partner vor grundlegende Herausforderungen, Überwasseroperationen innerhalb von ein paar Tausend Meilen Entfernung vom chinesischen Festland durchzuführen.

Die zweite Entwicklung ist das schiere Wachstum der chinesischen Marine (PLAN). Zwar sind die amerikanischen Kriegsschiffe fähiger als ihre PLAN-Gegenstücke; doch verfügt China mit 355 Schiffen mittlerweile über die größten maritimen Streitkräfte der Welt. Deren erwartete Erweiterung auf 460 Kriegsschiffe bis zum Jahr 2030 ist noch beunruhigender. Bei diesen Schiffen handelt es sich nicht um flugkörpertragende Küstenwachfahrzeuge – die PLAN verfügt über 85 solcher Schiffe, die nicht in diesen Zahlen enthalten sind –, sondern um moderne Mehrrollenplattformen, die fortschrittliche Schiffsabwehr-, Luftabwehr- und U-Bootabwehrsensoren und waffen aufweisen. Diese zahlenmäßige Zunahme wird begleitet von einem wachsenden Fokus auf streitkräftegemeinsame maritime Operationen mit der PLA, wodurch die PLAN in größerer Distanz zu den eigenen Küstengewässern operieren kann. Die Vereinigten Staaten können mit dem rapiden Aufbau der PLAN aufgrund bestehender Fertigungs- und Werftfähigkeiten sowie vorgegebener Auflagen an die Materialerhaltung von Schiffen nicht Schritt halten.

Ein dritter Faktor, der sich ungünstig auf das Kräfteverhältnis auswirkt, ist die „Tyrannei der Entfernung“. Distanzen zu Einsatzgebieten haben Einfluss auf die Beurteilung der Kampfkraft gegnerischer Marinen. Wie wichtig dieser Faktor ist, zeigte sich vor ungefähr 100 Jahren während der Verhandlungen zum Washingtoner Flottenabkommen, das die Flottengröße und die Ausgaben für den Schiffbau der wichtigsten Marinen der Welt begrenzen sollte. Eine damals weitverbreitete Kenngröße legte nahe, dass pro 1000 Seemeilen Entfernung, die zum Erreichen eines Einsatzraumes überwunden werden müssen, eine zehnprozentige Minderung der Kampfkraft einzukalkulieren sei. Die Entfernung wirkt sich also schnell negativ auf diejenige Seite aus, die weit vom Einsatzraum entfernt ansässig ist. Für die amerikanische Marine stellt sich dies heute wie folgt dar: Aufgrund von Ausbildungs-, Überführungs- und Materialerhaltungsanforderungen benötigt sie sechs oder mehr Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, um sicherzustellen, dass einer hiervon im Westpazifik einsatzbereit ist.

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das maritime Kräftegleichgewicht im Pazifik bedeutet für die US-Marine, dass die Seeherrschaft strittig ist. Ein Krieg könnte als Schlacht um die Erlangung der Kontrolle über die Gewässer zwischen dem asiatischen Festland und womöglich bis über die erste Inselkette hinaus entstehen. Besonders alarmierend an diesem Zustand ist die Tatsache, dass in der taktischen und operativen Ausgangslage des Seekriegs diejenige Seite, die als erste wirksam schießt, im Allgemeinen das Gefecht gewinnt. Schiffs- und Flottengefechte ähneln einer Schießerei an Land – derjenige Revolverheld, der seinen Gegner zuerst trifft, gewinnt in der Regel das Duell. Daher können Begegnungen zur See bereits in Friedenszeiten angespannt sein, da in der Regel diejenige Seite, die als erste wirksam schießt, als Sieger aus dem Gefecht hervorgeht. Als Erster wirksam zu schießen wäre für die in Unterzahl befindliche Flotte doppelt wichtig, um die Feuerkraft eines überlegenen Gegners bereits zu Beginn der Feindseligkeiten zu verringern. Während des Kalten Kriegs handelten die Marinen der USA und der Sowjetunion 1972 das Abkommen zur Verhütung von Zwischenfällen auf See aus. Es sollte die Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigter Eskalationen durch Vermeidung von Unfällen und provokantem Verhalten verringern. Für Begegnungen im Einsatz zwischen der amerikanischen Marine und der PLAN besteht kein derartiges Abkommen. Es ist jedoch weiterhin unklar, ob den Regierungen bewusst ist, wie die Zwänge der Marinekriegführung im Widerspruch zum allgemeinen militärischen und politischen Denken in Washington – und übrigens auch in Peking – stehen könnten. Gefechte auf See folgen einer taktischen und operativen Logik, und diese Logik erschließt sich gewählten politischen Amtsträgern nicht immer.

Folgerungen für Deutschland

Wie sollten deutsche Politiker und Strategen auf die zunehmende Großmacht-, System- und Ordnungskonkurrenz im indopazifischen Raum reagieren? Wie können sie die Stärken ihres Landes nutzen? Welche Rolle kann dabei die Deutsche Marine spielen?

Die amerikanische Strategie, Chinas Macht durch multinationale Zusammenarbeit einzuhegen, steht in Einklang mit einem der wichtigsten Prinzipien deutscher Außen- und Sicherheitspolitik: der Selbstverpflichtung zu einem Handeln im multilateralen Rahmen und zur Förderung internationaler Zusammenarbeit weltweit. Gemeinsamkeiten bestehen auch im strategischen Denken: Um die expansiven und autokratischen Tendenzen der Kommunistischen Partei Chinas zu mäßigen, werden alle zur Verfügung stehenden diplomatischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Machtmittel im Sinne einer vernetzten Sicherheitspolitik eingesetzt. Für die Ausplanung der Rolle, welche die Deutsche Marine dabei einnehmen kann, bildet der im Weißbuch 2016 sowie in den Leitlinien zum Indo-Pazifik aus dem Jahr 2020 niedergelegte ressortübergreifende strategische Ansatz einen exzellenten Orientierungsrahmen.

Aufgrund der Globalisierung und der daraus erwachsenen Abhängigkeit nationaler Ökonomien von internationalen Handelsströmen und funktionierenden Informations- und Kommunikationssystemen gerät der freie und sichere Zugang zu den Weltmeeren immer stärker in den Fokus von Außen- und Sicherheitspolitik. Damit wächst weltweit die Bedeutung von Seestreitkräften. Deutschland ist in besonderer Weise auf global funktionierende Rahmenbedingungen angewiesen. Wohlstand und Volkseinkommen sowie die mit seiner Wirtschaftskraft verbundenen politischen Einflussmöglichkeiten beruhen auf der regelbasierten internationalen Ordnung und einem freien, ungehinderten Welthandel. Auch wenn Deutschland nicht zuletzt aus geografischen Gründen eine Landmacht ist und das Rückgrat der konventionellen Verteidigung in Europa bildet, so muss die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik verstärkte Anstrengungen unternehmen, um der veränderten Lage auf den Weltmeeren gerecht zu werden. Deutschland sollte deutlich signalisieren, dass es ein vitales Interesse am Schutz der freien Seefahrt hat und bereit ist, die globale Ordnung aktiv mitzugestalten, indem es auch seine militärischen Fähigkeiten dafür anpasst.

Mit der Entsendung der Fregatte Bayern hat Deutschland einen ersten Schritt in diese Richtung getan. In Washington sehen sowohl das State Department als auch das Pentagon darin eine Bestätigung, dass Deutschland die amerikanische Schwerpunktverlagerung nach Asien als strategisch notwendig anerkennt und die veränderte maritime Lage im Indopazifik ebenfalls als besorgniserregend bewertet. Für die US-Regierung ist es wichtig, dass auch Deutschland dazu beiträgt, die Einigkeit des Westens in dem Bemühen zu demonstrieren, Chinas aggressive Außenpolitik zu mäßigen – auch wenn damit Deutschlands angestammte Rolle als vertrauenswürdiger Mittler und Vermittler gegenüber Peking in Gefahr gerät. Die USA erwarten allerdings, dass Deutschland nach dem eher symbolischen Beitrag einer Fregatte auf Ausbildungsfahrt künftig militärische Fähigkeiten bereitstellt, die der Ausbalancierung des Kräftegleichgewichts im Indopazifik dienen. Die Teilnahme deutscher Schiffe an größeren Seemanövern, deren zeitweilige Eingliederung in Flugzeugträgerkampfgruppen, aber auch die Beteiligung von Heer und Luftwaffe an Übungen wären dafür geeignete Maßnahmen. Für die Bundeswehr bedeutet dies, dass sie der Interoperabilität mit den US-Streitkräften und anderen Partnern in der Region mehr Aufmerksamkeit schenken muss.

Das Weißbuch 2016 betont die enge Sicherheitspartnerschaft mit den USA und die Bereitschaft Deutschlands, ein verlässlicher Verbündeter zu sein. Mit dem Pivot to Asia gewinnt der seit Gründung der NATO bestehende transatlantic bargain erneut eine hohe Relevanz. Washington erwartet von seinen Verbündeten nicht nur, dass sie selbst mehr Verantwortung für die Sicherheit in Europa übernehmen, wenn die USA sich stärker dem Indopazifik zuwenden. US-Politiker und Strategen fordern auch, dass Verbündete die verstärkten Anstrengungen amerikanischer Streitkräfte in Europa, wie sie gegenwärtig wegen der aggressiven Außenpolitik Russlands notwendig sind, an anderer Stelle, wo amerikanische Interessen berührt sind, kompensieren. Dabei blicken sie vor allem auf Deutschland, von dem sie sich nicht nur ein stärkeres militärisches Engagement wünschen. Deutsche Politiker sollen zudem ihren Einfluss in NATO und EU nutzen, um bei der anstehenden Erarbeitung von strategischen Konzepten Pekings aggressive Außenpolitik im Indopazifik angemessen zu berücksichtigen.

Schlussfolgerungen

Die Analyse der sicherheitspolitischen Lage im Indopazifik verdeutlicht, dass der dortige Einsatz von Seestreitkräften einen Wandel im Mindset erfordert. Die Seeherrschaft in diesen Gewässern liegt nicht mehr in der Hand der NATO-Verbündeten und ihrer Partner. Bereits jetzt verfügt die chinesische Marine über eine numerische Überlegenheit bei den Hauptwaffensystemen. Noch entscheidender ist ihr Vorteil, dass sie heimatnah operieren kann. Im Unterschied zu den USA und ihren europäischen Verbündeten nimmt deren Kampfkraft nicht durch die Verlegung in ferne Einsatzgebiete ab. Besonders problematisch ist das Fehl an internationalen Vereinbarungen mit klaren Handlungsmustern, die das Verhalten auf See regeln und helfen, krisenauslösende Missverständnisse zu vermeiden. Hier besteht eine so hohe Eskalationsgefahr, wie es sie seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr gegeben hat. Es geht nicht nur darum, dass sich die Deutsche Marine auf diese Bedrohung einstellt. Als Handelsnation und auf den Export seiner Waren angewiesenes Land sollte Deutschland proaktiv gestaltend tätig werden und seine Stärken bei der Förderung multilateraler Zusammenarbeit in der Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung einbringen, wie es die Leitlinien zum Indo-Pazifik vorsehen.

Strategische Analysten weisen zu Recht darauf hin, dass Europa und Asien außen- und sicherheitspolitisch eng miteinander verbunden sind. Ereignisse in der einen Region beeinflussen Entwicklungen in der anderen, sowohl politisch-diplomatisch als auch militärisch. Auch wenn eine Allianz zwischen China und Russland wenig wahrscheinlich ist, so ist es doch vorstellbar, dass Moskau Konflikte im Westpazifik opportunistisch ausnutzt, um seinen Macht- und Einflussbereich zu erweitern. Auch aus diesem Grunde hat Deutschland ein vitales Interesse an Frieden und Sicherheit im indopazifischen Raum. Mit Blick auf die insgesamt instabile und angespannte geopolitische Lage im Westpazifik sendete die Fahrt der Fregatte Bayern ein erstes Signal, aber keine eindeutige politische Botschaft. Vom rein militärischen Standpunkt aus betrachtet war sie eine nicht risikofreie Aktion.

Oberst i.G. Dr. phil. Uwe Hartmann, Uwe ist Visiting Lecturer an der Naval Postgraduate School in Monterey, USA. James J. Wirtz, Ph.D., ist Professor im Department of National Security Affairs der Naval Postgraduate School in Monterey.

Uwe Hartmann und James J. Wirtz

1 Kommentar

  1. Dank an Dr. Hartmann und Prof. Wirtz für diesen klar strukturierten Aufsatz über die kommende Herausforderung im Indopazifik. Wir Marineforum Bezieher haben diesen in der März Ausgabe lesen können.
    Wenn ich mir allerdings die derzeitige Hype über den Ukraine Krieg in unseren Medien anschaue, stellt sich mir die eher prinzipielle Frage: wer sagt es den Redakteuren, daß dieser Aufsatz im Marineforum erschienen ist?
    Wie können wir Maritime Expertise besser unter die Leute und in unsere Gesellschaft bringen? Oder sehe nur ich hier ziemlich schwarz?

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