Die maritime Seite des Krieges: Krise im Schwarzen Meer Teil I

Ein Schiff ist in der Nähe des Seehafens Pivdenny (Yuzhny) außerhalb von Odessa, Ukraine, Foto: gcaptain.com

Die maritime Seite des Krieges: Krise im Schwarzen Meer Teil I

Besatzungen und Schiffe in der Falle

Der russische Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Schifffahrt im Schwarzen Meer. Um zu verhindern, dass die russische Marine in ihre Häfen einläuft und versucht, sie in einem Handstreich zu erobern, verminten ukrainische Schlepper und Flottenhilfsboote die Gewässer entlang der Küste des Golfs von Odessa.

Für viele Schiffe war dies eine Falle. Beispiel sind der auf den Marshallinseln registrierte Massengutfrachter MV Riva Wind oder das unter Hongkong-Flagge fahrende COSCO-Containerschiff Joseph Schulte. Das Problem war, lebenswichtige Rohstoffe aus dem Hafen von Odessa herauszubringen.

Minen treiben laut russischem Geheimdienst „frei im westlichen Teil des Schwarzen Meeres“. Türkei und Rumänien haben gemeinsam mit Bemühungen begonnen, nach den Minen zu suchen.

Türkei und Rumänien haben begonnen, nach den Minen zu suchen.

Was uns Mitteleuropäer bisher vermeintlich nicht berührte: Sowohl die Ukraine als auch Russland sind wichtige Exporteure von Mais und Weizen und damit wichtige Nahrungsmittel-Lieferanten in der ganzen Welt. Jeder Konflikt gefährdet die Versorgung mit Rohstoffen weltweit.

Während sich viele auf den Landkrieg konzentrierten, war die Sicherung des nördlichen Ufers des Asowschen Meeres zwischen der Krim und dem Donbas für die Russen von entscheidender Bedeutung.  Der Schiffsverkehr und Binnenhandel über den Don, vom Kaspischen Meer über den Don-Wolga-Kanal, aber auch das gesamte Tiefwassersystem des europäischen Russlands, das nicht nur das Schwarze und das Kaspische Meer, sondern auch die Ostsee und das Weiße Meer miteinander verbindet, sind für den russischen Handel wichtig.

Derzeit fahren die Schiffe im Konvoi der russischen Marine durch das Asowsche Meer, wobei ihre AIS-Transponder ausgeschaltet sind, um sie vor den ukrainischen Streitkräften zu verbergen. Doch gibt es überhaupt Nachweise, dass die Ukraine diesen Handelsweg jemals bedroht hätte? Auch dies ist ein Aspekt vom paranoiden Narrativ des Kreml!

Was kann die Welt tun?

Wenn auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres auch die Häfen in der Region Odessa nicht geöffnet werden, ist das eine Kriegserklärung an die weltweite Ernährungssicherheit. Und es kann zu Hungersnöten, Destabilisierung und Massenmigration auf der ganzen Welt führen.

Die Schiffe, die in den Häfen entlang des Golfs von Odessa, sowohl in den ukrainischen als auch in den russisch besetzten Gebieten, festsitzen, können nicht nach Hause zurückkehren, sie haben sich seit Monaten nicht bewegt. Viele benötigen Reparaturen.  Sollten die großen Nationen der Welt mit der Türkei verhandeln, um das Montreux-Übereinkommen zu lockern und ihnen zu erlauben, mit militärischen Einheiten durch die türkische Meerenge zu fahren und den zivilen Schiffsverkehr zu schützen, wenn er in die ukrainischen Häfen am Golf von Odessa läuft?

Die Russen sind Gewinner der Lebensmittelkrise

Die NATO und die US-Schifffahrtsbehörde haben Empfehlungen zur Lage im und um das Schwarze Meer herausgegeben, die allerdings veraltet sind und nur begrenzte Informationen über die Entwicklung der Situation enthalten. Die größte Bedrohung geht von Minen aus, die entweder von den Ukrainern oder von den Russen gelegt wurden, sich aus ihrer Verankerung lösen und in Richtung der türkischen Meerenge oder der Donaumündung treiben.

Die AIS-Ortung zeigt, dass eine wachsende Flotte von Schiffen in rumänischen Gewässern vor Anker liegt, jedoch nur 15 bis 25 Meilen südwestlich der Schlangeninsel. Nach der Versenkung der "Moskwa" und den ukrainischen Angriffen gegen die russische Stellung auf der Schlangeninsel ist die Gefährdung der Massengutfrachter und Tanker, die südlich der Grenze zwischen der Ukraine und Rumänien auf eine Einfahrt in die Donau warten, besorgniserregend gewachsen ist.

Die maritime Seite des Krieges: Krise im Schwarzen Meer Teil I

Moldawische "Millenial Spirit" in Brand geschossen; Foto: MoD Ukraine

Die Russen verfügen immer noch über eine große Flotte im Schwarzen Meer, darunter fünf U-Boote der Kilo-Klasse. Darüber hinaus haben die Russen durch Einsatz mehrerer Hubbohrinseln und durch Beschlagnahme ukrainischer Ölplattformen im Golf von Odessa von der Schlangeninsel bis zur Krim eine Überwachungslinie errichtet, um alle ein- und auslaufenden Schiffe kontrollieren zu können.

Paradoxerweise hat die russische Offensive hat sie selbst zu den größten Gewinnern der Lebensmittelkrise gemacht, die sie verursacht haben. Da die Weltmarktpreise für Weizen um 50 % gestiegen sind, konnte Moskau Einnahmen in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar aus Exportsteuern erzielen. Der massive Rückgang der ukrainischen Exporte hat einige europäische Staats- und Regierungschefs dazu veranlasst, auf eine Eskorte der Schiffe im Schwarzen Meer zu drängen, oder das Getreide über andere Häfen umzuleiten.

Letzteres geschieht derzeit nur in begrenztem Umfang, da die unterschiedliche Spurweite der Eisenbahnen zwischen der Ukraine und Europa, der Auslastung der ukrainischen Häfen an der Donau sowie die schiere Menge des zu transportierenden Getreides Probleme machen. Man schätzt, dass von den 6 Millionen Tonnen Getreide, die normalerweise auf dem Seeweg exportiert werden, derzeit nur 1 bis 1,5 Millionen Tonnen ins Ausland gelangen; nicht eingerechnet ist die Menge, die von Russland übernommen und verschifft wurde.

Quellen: Salvatore Mercogliano, Alexander Gillespie, Pavel Polityuk, Felix Hoske, Stefaniia Bern, Natalia Drozdiak, Rosalind Mathieson, Kitty Donaldson, Gotev, Thomson Reuters 2022, Bloomberg, Euractiv

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