Ende Mai hat nach Angaben der Abteilung für unbemannte Systeme (USF) der ukrainischen Streitkräfte erneut ein Drohnenangriff auf den russischen Militärflugplatz Taganrog am Asowschen Meer in der Oblast Rostow stattgefunden. Ziel des Einsatzes waren zwei Flugzeuge der Tu-142-Familie sowie ein Iskander-Raketensystem.
Nach Angaben des USF-Kommandeurs kamen dabei Langstrecken-Kampfdrohnen zum Einsatz. Eine unabhängige Bestätigung der gemeldeten Schäden oder Verluste liegt bislang nicht vor und dürfte unter den Bedingungen des laufenden Krieges kaum zu erwarten sein.

Nach Einschätzung verschiedener Open-Source-Analysten handelt es sich bei den betroffenen Flugzeugen um eine Tu-142MK (Bear-F) und eine Tu-142MR (Bear-J). Beide Varianten basieren auf der Tupolew Tu-95 (Bear), einem strategischen Langstreckenbomber aus der Zeit des Kalten Krieges. Die maritime Tu-142-Familie wurde zwischen 1968 und 1994 für die weiträumige Seeraumüberwachung und die U-Boot-Abwehr gebaut. Dank ihrer hohen Reichweite können diese Flugzeuge große Seegebiete überwachen, Sonarbojen ausbringen und Seeziele sowie aufgeklärte gegnerische U-Boote bekämpfen.

Besonders schwer würde ein Verlust der Tu-142MR wiegen. Die Spezialversion dient als luftgestützte Kommunikationsplattform zwischen der militärischen Führung und den strategischen U-Booten mit ballistischen Raketen. Über Langwellensender können auch getauchte Boote erreicht werden. Damit erfüllt das Flugzeug eine wichtige Funktion innerhalb der russischen nuklearen Führungs- und Abschreckungsstruktur. Schätzungen zufolge verfügt Russland nur noch über wenige Exemplare dieses Typs.

Die Tupolew Tu-95 zählt zu den langlebigsten strategischen Bombern der Welt. Nach ihrem Erstflug im Jahr 1952 steht sie in modernisierten Versionen bis heute bei den russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräften im Dienst und bildet das Rückgrat der strategischen Bomberstreitkräfte ihres Landes. Ähnliches gilt für die Boeing B-52 Stratofortress, deren Erstflug ebenfalls 1952 erfolgte und die eine vergleichbare Rolle in den Vereinigten Staaten einnimmt. Umfangreiche Modernisierungen haben die Einsatzfähigkeit der Tu-95 kontinuierlich verbessert. Die aktuelle Version Tu-95MSM verfügt unter anderem über modernisierte Avionik, neue Navigations- und Kommunikationssysteme sowie die Fähigkeit zum Einsatz weitreichender Marschflugkörper. Nach derzeitigen Planungen soll die Tu-95 mindestens bis 2040 im Dienst bleiben. Die B-52, die ebenfalls fortlaufend modernisiert wird, soll sogar noch bis in die 2050er Jahre eingesetzt werden. Beide Muster gehören damit zu den langlebigsten Militärflugzeugen der Luftfahrtgeschichte.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werden Tu-95 regelmäßig als Trägerplattformen für Marschflugkörperangriffe eingesetzt. Dadurch geraten diese Flugzeuge zunehmend selbst in den Fokus ukrainischer Angriffe. Bereits während der Operation „Spinnennetz“ im Juni 2025 wurden mehrere russische Langstreckenbomber und Frühwarnflugzeuge auf Militärflugplätzen weit hinter der Front angegriffen und beschädigt.
Der nun im Mai angegriffene Militärflugplatz mit angeschlossener Flugzeugwerft in Taganrog liegt rund 180 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Medienberichten zufolge befanden sich die betroffenen Maschinen dort möglicherweise zu Wartungs- oder Instandsetzungsarbeiten. Ob sie zum Zeitpunkt des Angriffs einsatzfähig waren, ist nicht bekannt. Vieles spricht jedoch dafür, dass eine Reaktivierung vorbereitet wurde. Sollte sich dies bestätigen, könnte der Vorfall darauf hindeuten, dass Russland versucht, den Mangel an einsatzbereiten Flugzeugen durch die Aktivierung von Reservebeständen auszugleichen.

Unabhängig vom tatsächlichen Schadensausmaß verdeutlicht der Vorfall die zunehmende Reichweite ukrainischer Drohnensysteme und die Verwundbarkeit hochwertiger Luftfahrzeuge selbst auf rückwärtigen Stützpunkten. Sollten sich die gemeldeten Verluste bestätigen, könnten die Fähigkeiten der russischen Marinefliegerkräfte angesichts der geringen Stückzahlen und des hohen Alters der betroffenen Systeme in den Bereichen maritime Aufklärung, U-Boot-Abwehr und strategische Kommunikation spürbar beeinträchtigt werden. Ein kurzfristiger Ersatz ist nicht wahrscheinlich.
Axel Stephenson, Gunter Schneider, Klaus Klages

