Sieht so ein Szenario auf See zukünftig aus? Foto: KI generiert

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DWT Special: Krieg der Zukunft – strategische Handlungsfähigkeit statt Vorhersage

Der nächste Krieg ist nicht vorhersehbar. Strategische Handlungsfähigkeit schon.

Der nächste Krieg wird anders verlaufen, als wir ihn heute erwarten.

So banal diese Erkenntnis erscheinen mag: Jede Generation glaubt zu wissen, wie der nächste Krieg aussehen wird – und jede Generation wird von ihm überrascht.

In der sicherheitspolitischen Debatte wird oft versucht, den „Krieg der Zukunft“ anhand neuer Technologien zu beschreiben. Künstliche Intelligenz, autonome Systeme und unbemannte Plattformen werden den Charakter der Kriegsführung zweifellos tiefgreifend verändern. Welche Technologien sich jedoch wann, wo und in welchem Zusammenspiel mit politischen Zielen, militärischen Konzepten und organisatorischen Strukturen als entscheidend erweisen, lässt sich nicht verlässlich vorhersagen. Der eigentliche strategische Wettbewerb entscheidet sich deshalb nicht allein an der Entwicklung neuer Technologien, sondern an der Fähigkeit von Staaten, diese schneller als potenzielle Gegner zu adaptieren und in militärische Wirkung zu überführen. Die entscheidende strategische Frage lautet daher: Welche Fähigkeiten müssen Staaten entwickeln, um unter Bedingungen strategischer Unsicherheit dauerhaft handlungsfähig zu bleiben?

Die Illusion der Vorhersagbarkeit

Die Suche nach dem „Krieg der Zukunft“ prägt sicherheitspolitische Debatten seit Jahrzehnten. Nahezu jede technologische Innovation, von Maschinengewehren und Panzern, über die Nuklearwaffe, bis hin zu Künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen, wurde als entscheidender Wendepunkt zukünftiger Kriegsführung, als „Gamechanger“, interpretiert. Die Geschichte zeigt jedoch, dass die konkrete Gestalt des nächsten Krieges selten korrekt vorhergesagt wurde. Vor dem Ersten Weltkrieg rechneten die europäischen Großmächte mit einem kurzen Bewegungskrieg und fanden sich in einem industrialisierten Stellungskrieg wieder. Vor dem Zweiten Weltkrieg unterschätzten viele Akteure die Dynamik hochmobiler, kombinierter Operationen. Der Kalte Krieg brodelte trotz nuklearer Abschreckung an seiner Peripherie in heißen Stellvertreterkonflikte und kaum jemand hielt vor den Anschlägen vom 11. September 2001 einen globalen Krieg gegen transnationale Terrornetzwerke für das prägende sicherheitspolitische Leitmotiv der folgenden Jahrzehnte.

Für zukünftige Szenarien gerüstet? F 127 Entwurf von MTG
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Rückblickend erscheinen Konflikte häufig als logische Konsequenz vorhergehender Entwicklungen. Dieser Rückschaufehler begünstigt die Annahme, gegenwärtige Trends ließen sich mit ähnlicher Sicherheit linear in die Zukunft projizieren. Debatten neigen deshalb zu einem technologischen Determinismus, der einzelnen Innovationen eine nahezu zwangsläufige Veränderung der Kriegsführung zuschreibt. Tatsächlich entsteht militärische Wirkung jedoch stets aus dem Zusammenspiel politischer Zielsetzungen, gesellschaftlicher Stimmung, technologischer Möglichkeiten und ihrer organisatorischen Umsetzung. Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht diese Zusammenhänge eindrucksvoll. Satellitenaufklärung, Drohnen, Künstliche Intelligenz und elektronische Kampfführung prägen das Gefechtsfeld ebenso wie Artillerie, Schützengräben und industrielle Produktionskapazitäten. Moderne Kriege ersetzen bestehende Formen der Kriegsführung nicht, sondern überlagern sie. Der Versuch, den „Krieg der Zukunft“ anhand einzelner Technologien zu definieren, greift deshalb zwangsläufig zu kurz.

Das Warum bestimmt das Wie

Die begrenzte Vorhersagbarkeit zukünftiger Kriege folgt aus ihrem Wesen. Kriege entstehen nicht aufgrund technologischer Innovationen, sondern aus politischen Konflikten. Technologien erweitern die verfügbaren Handlungsoptionen, bestimmen jedoch weder den Anlass noch die Zielsetzung militärischer Gewalt. Wer den Krieg der Zukunft primär anhand neuer Waffensysteme oder Technologien beschreibt, betrachtet daher die Mittel der Kriegsführung, nicht ihre Ursachen.

Diese Erkenntnis bildet den Kern des Clausewitzschen Verständnisses vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Der politische Zweck bestimmt, weshalb ein Konflikt geführt wird. Daraus ergeben sich die angestrebten militärischen Wirkungen und erst anschließend die Wahl der verfügbaren Mittel. Vereinfacht ausgedrückt: Das Warum bestimmt das Wie, und das Wie bestimmt letztlich das Womit. Die heute häufig geführte Debatte über einzelne Schlüsseltechnologien greift deshalb zu kurz. Strategischer Wettbewerb wird zunehmend durch geopolitische Rivalität, den Zugang zu kritischen Rohstoffen, technologische Souveränität, Nahrungsmittelverfügbarkeit, wirtschaftliche Abhängigkeiten sowie den Schutz globaler Handels- und Informationsströme geprägt. Ob Staaten dabei auf diplomatischen Druck, wirtschaftliche Maßnahmen, hybride Aktivitäten oder militärische Gewalt zurückgreifen, hängt von ihren politischen Zielen und der jeweiligen Eskalationslogik ab. Die eingesetzten Fähigkeiten folgen somit dem angestrebten politischen Effekt und nicht umgekehrt.

Adaptionsfähigkeit als strategische Ressource

Wenn weder die politischen Auslöser zukünftiger Konflikte noch ihre konkrete militärische Ausprägung mit hinreichender Sicherheit vorhersehbar sind, wird die systemische Fähigkeit entscheidend, politische Zielsetzungen unterschiedlichster Akteure frühzeitig zu erkennen und das eigene sicherheitspolitische Instrumentarium kontinuierlich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Adaptionsfähigkeit wird damit selbst zu einer strategischen Ressource. Dies verändert zugleich den Blick auf Innovation. Die entscheidende langfristige sicherheitspolitische Frage lautet nicht, welche Technologie heute beschafft werden muss, sondern wie staatliche Strukturen so ausgestaltet werden können, dass sie zukünftige Innovationen kontinuierlich aufnehmen und in militärische Wirkung übersetzen. Innovation und Adaption bilden dabei einen kontinuierlichen Lernprozess, welcher strategische Initiative und glaubwürdige Abschreckung erst ermöglicht.

Die Erfahrungen aus der Ukraine verdeutlichen diese Entwicklung. Innovationsplattformen wie Brave1 vernetzen Streitkräfte, Industrie und Start-ups, während es digitale Beschaffungsplattformen wie DOT-Chain Defence Kommandeuren ermöglichen, benötigte Fähigkeiten dezentral und bedarfsgerecht zu beschaffen. Dadurch verkürzt sich der Zeitraum zwischen operativem Bedarf, technologischer Entwicklung und militärischer Nutzung erheblich. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Innovation als die institutionelle Fähigkeit, Erkenntnisse systematisch aufzunehmen, zu erproben und in neue Fähigkeiten zu überführen.

Die deutsche Beschaffungspraxis verdeutlicht zugleich, dass steigende Verteidigungsausgaben allein keine militärische Handlungsfähigkeit schaffen. Obwohl Deutschland inzwischen zu den Staaten mit den höchsten Verteidigungsausgaben Europas zählt, gelingt es bislang nur eingeschränkt, technologische Innovationen rasch in militärische Fähigkeiten zu überführen. Eine Analyse des Kiel Military Procurement Trackers zeigt, dass der wertmäßige Anteil sogenannter „New-Paradigm-Systems“, darunter insbesondere unbemannte Systeme, KI-gestützte Fähigkeiten und vernetzte militärische Systeme, an den deutschen Beschaffungsausgaben von durchschnittlich 21 % (2020–2021) auf 9 % (2024–2026) zurückging. Ursachen sind langwierige Beschaffungsprozesse, institutionelle Trägheit und eine unzureichende strategische Priorisierung technologischer Innovation. Glaubwürdige Abschreckung erfordert daher nicht nur höhere Verteidigungsausgaben, sondern eine Beschaffungsstrategie, welche technologische Entwicklungen frühzeitig fördert und Doktrin, Ausbildung sowie Organisationsentwicklung kontinuierlich anpasst. Innovation ist damit keine isolierte Beschaffungsentscheidung, sondern eine gesamtstaatliche Aufgabe. Eine Armee im Aufwuchs kann nicht dauerhaft an zentralisierten Strukturen festhalten, die in einer Phase des Abbaus entstanden sind. Die erforderliche Flexibilität entsteht durch dezentrale Verantwortung, Vertrauen in untere Führungsebenen und den Ideenreichtum der Truppe. Auftragstaktik sollte deshalb nicht nur ein taktisches Führungsprinzip sein. Sinnvoll wären Innovationsfonds auf Brigade-, Geschwader- oder Flottillenebene, größere Budgetverantwortung für Bataillons- und Regimentskommandeure, die stärkere Einbindung von Soldaten in gemeinsame Entwicklungsprojekte mit Wissenschaft und Industrie sowie die Schaffung von rechtlichen Rahmenbedingungen, die Experimentieren und Erproben möglich machen.

Adaptionsfähigkeit benötigt vor allem strategische Orientierung, welche bei der Bundesregierung beginnen muss. Wer Sicherheit als Ressortverantwortlichkeit in Parteipolitischen Rahmenbedingungen denkt, verkennt den Ernst der Lage. Es braucht eine „Grand Strategy“, also die Fähigkeit politischer Führung, trotz unvermeidbarer Unsicherheit eine klare strategische Richtung vorzugeben und Innovationen, Reformen sowie organisatorische Anpassungen konsequent auf langfristige sicherheitspolitische Ziele auszurichten. Nur so können wir Innovationen schneller als potenzielle Gegner in militärische Wirkung überführen.

Der maritime Raum als Prüfstein strategischer Adaptionsfähigkeit

Die Meko A 200 wird zukünftig die U-Jagd Fähigkeit der Deutschen Marine abbilden Grafik: TKMS
Die Meko A 200 wird zukünftig die U-Jagd Fähigkeit der Deutschen Marine abbilden Grafik: TKMS

Kaum ein sicherheitspolitischer Handlungsraum verdeutlicht den Wandel moderner Kriegsführung so eindrücklich wie der maritime Raum. Hier treffen geopolitische Rivalität, globale Handelsströme, kritische Infrastruktur und technologische Innovation unmittelbar aufeinander. Gerade auf See wird sichtbar, dass Milliardeninvestitionen in einzelne Plattformen keine strategische Überlegenheit garantieren.

Die aktuellen Konflikte im Schwarzen Meer, im Persischen Golf und im Indopazifik verdeutlichen diese Entwicklung. Technologie verändert den Charakter der Kriegsführung, nicht ihre politischen Triebkräfte. Der Ukraine gelang es trotz ihrer maritimen Unterlegenheit, mit unbemannten Systemen und kurzen Innovationszyklen die russische Schwarzmeerflotte operativ erheblich einzuschränken. Gleichzeitig zeigen die wiederholten Konfrontationen zwischen den USA und dem Iran im Persischen Golf, dass selbst technologisch überlegene Seestreitkräfte erhebliche Ressourcen aufwenden müssen, um neuartige Drohnen-, Flugkörper- und asymmetrische Bedrohungen abzuwehren und die Freiheit kritischer Seewege nur schwer sicherstellen können. Entscheidend ist nicht der Besitz einzelner Technologien, sondern die Fähigkeit, neue Systeme schneller als potenzielle Gegner zu entwickeln, anzupassen und wirksam einzusetzen.

Die entscheidende strategische Ressource ist nicht länger allein die einzelne maritime Plattform, sondern ein vernetzter Wirkverbund aus bemannten und unbemannten Systemen, der den Zeitraum zwischen Aufklärung, Entscheidung und Wirkung verkürzt und gleichzeitig die Ausfallsicherheit gegenüber dem Verlust einzelner Komponenten erhöht. Der maritime Raum wird aufgrund seiner Komplexität und Bedeutung für die Weltgemeinschaft zum strategischen Prüfstein moderner Sicherheitspolitik.

Fazit

Die Frage nach dem „Krieg der Zukunft“ wird die sicherheitspolitische Debatte auch künftig prägen. Sie führt jedoch nur dann zu belastbaren Schlussfolgerungen, wenn sie nicht auf die Vorhersage zukünftiger Technologien oder Konfliktszenarien reduziert wird. Die Geschichte zeigt ebenso wie aktuelle Konflikte, dass Kriege weder in ihren politischen Ursachen noch in ihrer konkreten Ausprägung verlässlich prognostiziert werden können. Vorhersagbar ist allein, dass sie anders verlaufen werden als erwartet.

Die eigentliche strategische Herausforderung besteht deshalb darin, staatliche Strukturen so auszugestalten, dass sie auch unter Bedingungen dauerhafter Unsicherheit handlungsfähig bleiben. Strategische Überlegenheit entsteht künftig weniger durch den Besitz einzelner Technologien als durch die Fähigkeit, Innovationen kontinuierlich aufzunehmen, institutionell zu verankern und schneller als potenzielle Gegner in politische und militärische Wirkung zu überführen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie der Krieg der Zukunft aussehen wird. Sie lautet, ob Staaten lernfähig genug sind, ihm gewachsen zu sein.

Autor: Steffen Tylewski. Kapitänleutnant Steffen Tylewski ist Angehöriger des Marinekommandos

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