Foto: Fregatte Nordrhein-Westfalen (Kennung F 223) der Baden-Württemberg-Klasse (F125) der Deutschen Marine. Daniel Angres

Foto: Fregatte Nordrhein-Westfalen (Kennung F 223) der Baden-Württemberg-Klasse (F125) der Deutschen Marine. Daniel Angres

DWT-Special Marineartillerie: Neue Rollen für Haupt- und Nebenkaliber

DWT-Special: Von Feldern und Zügen

Die Marine ordnet ihre Rohrartillerie neu. Zwischen Hauptkaliber und Nebenkaliber verschieben sich die Gewichte.

Bewährte Konstante

Seit Jahrzehnten steht das 76 Millimeter Geschütz von OTO Melara, heute Leonardo, für Kontinuität auf den Überwassereinheiten der Deutschen Marine. Auf Schiffen wie Booten ist es mehr als ein bewährtes Kalibe07r. Es wirkt gegen Seeziele und Luftziele und in engen Grenzen auch gegen Ziele an Land. Mit dem zweiten Los der Korvetten „K130“ setzt sich diese Linie fort. Die Boote erhalten die Marineeinzelturmlafette OTO  76/62 Super Rapid- die leistungsgesteigerte Weiterentwicklung des bekannten Systems. Höhere Kadenz, moderne Munition und eine bessere Eignung für die Punktverteidigung zeigen, dass Bewährtes hier nicht nur fortgeschrieben, sondern sichtbar nachgeschärft wird. Wie lebendig diese Linie ist, zeigte sich zuletzt im Juli 2026, als der Haushaltsausschuss auch Übungsmunition im Kaliber 76 x 636 Millimeter für die Geschütze der Klassen „F123“, „F124“ und „K130“ bewilligte. Parallel dazu hat Leonardo mit dem Geschütz 127mm das derzeit schwerste Rohrkaliber der Flotte gesetzt. Auf den Schiffen der Klasse „F125“ steht dieses Geschütz für weitreichenden Feuerkampf und Naval Gunfire Support, eine Fähigkeit, die in der deutschen Flotte lange eher Randerscheinung als Schwerpunkt war.

Nebenkaliber – wo geht die Reise hin?

Wer über Rohrartillerie auf Schiffen und Booten spricht, redet über zwangsläufig auch über Nebenkaliber. Diese nehmen an Bord eine tragende Rolle ein. Betrachtet auf Fregatten nur als Nebenkaliber, so treten sie auf den militärischen Einheiten des Trossgeschwaders sowie Booten als Hauptkaliber auf.

Das prägende System in den letzten beiden Dekaden ist das Marineleichtgeschütz MLG 27 im Kaliber 27mm x 145. Es basiert auf der Mauser BK 27,- einst für den PA 200 „Tornado“ konzipiert- wird die Waffe heute von Rheinmetall gefertigt und hat sich in der Nah- und Nächstbereichsverteidigung bewährt. Das MLG 27 ist kein bloßes Beistellsystem, sondern fester Bestandteil des abgestuften Waffenmixes. Auch auf den Schiffen der Klasse „F125“ ist es als Nebenkaliber gesetzt. Die modernisierte Variante MLG 27 4.0 war ursprünglich für die Fregatten „F126“ vorgesehen. Dieses Projekt wurde jedoch im Juni 2026 beendet. An seine Stelle treten vier vom Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages bewilligte Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU, bei der Marine als „F128“ geführt, mit einer Option auf vier weitere Schiffe. Sollte die Bewaffnungsplanung der bisherigen Linie folgen, könnte das MLG 27 4.0 auch auf diesen Einheiten seinen Platz finden.

Hinzu kommen Waffenstationen im Kaliber 12,7 Millimeter für Eigensicherung im Nahbereich in Rollen wie Harbour Protection. Rheinmetall beschreibt die Natter 12.7 ausdrücklich als Sekundärbewaffnung größerer Schiffe und zugleich als Hauptbewaffnung kleiner Boote wie RHIB. Schon diese doppelte Rolle zeigt, wie fließend die Grenze zwischen Hauptkaliber und Nebenkaliber tatsächlich verläuft. In Lagen mit asymmetrischer Bedrohung, bei Boarding oder in der Hafensicherung bleibt dieses Kaliber unverzichtbar.

In den kommenden Jahren dürfte sich der Nahbereichsschutz stärker auf neue 30 Millimeter Systeme ausrichten. Rheinmetall wirbt mit airburstfähigen Lösungen (tempierbare Munition), MSI in England mit der Seahawk Waffenstation als maritimer Plattform. Das wäre vor allem eine Antwort auf die Bedrohung durch Drohnen, schnelle kleine Ziele und die wachsende Bedeutung des inneren Verteidigungsrings. Sollte dieser Weg beschritten werden, wäre entscheidend, dass der Schritt querschnittlich gedacht würde. Ein 30 Millimeter System, das das MLG 27 über alle Schiffs- und Bootsklassen hinweg ablöst, würde Ausbildung, Personalverwendung, Logistik und Instandhaltung spürbar entlasten. Jedes zusätzliche Kaliber dagegen würde eigene Ausbildungsgänge erzeugen, den Austausch von Besatzungen zwischen den Einheiten erschweren und eigene Versorgungsketten für Ersatzteile und Munition behindern.

Zugleich dürfte das 76 Millimeter Kaliber in der Super Rapid Variante zusätzliche Aufgaben in der Luftverteidigung übernehmen, während das 127 Millimeter Geschütz der „F125“ den weitreichenden Feuerkampf gegen Landziele abdecken würde. Im Zusammenspiel von 12,7, 30, 76 und 127 Millimetern entstünde ein abgestuftes und zugleich verschlanktes Bild, das von der Eigensicherung bis zur Wirkung auf große Distanz reicht. Wenn Drohnenschwärme den Nahbereich zur gefährlichsten Zone machen, entscheidet womöglich nicht mehr das größte Kaliber über den Ausgang des Bedrohungsszenarios, sondern das schnellste.

Gelingt der Marine dann der Schritt zu einem einheitlichen Nebenkaliber, oder leistet sie sich einen Flickenteppich, den Ausbildung, Logistik und Instandhaltung auf Dauer nicht tragen könnten?

Autor: Kapitänleutnant Daniel Angres ist freier Mitarbeiter des marineforum

 

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