Als der britische Premierminister Keir Starmer Ende März an dem Joint Expeditionary Force Gipfel in Helsinki teilnahm, gab London bekannt, dass militärische und paramilitärische Teams nunmehr berechtigt seien, sanktionierte und zur Schattenflotte zählende Schiffe während des Transits durch britische Gewässer zu entern oder boarden, um sie überprüfen und weitere Maßnahmen einleiten zu können.
Das beinhaltet ausdrücklich auch den Ärmelkanal als häufig für diese Transporte gewählte Wasserstraße und einer der wichtigsten internationalen „Chokepoints“. Diese Entscheidung war fällig, weil andere Partner der JEF wie Finnland, Schweden und Estland in der Ostsee diese Befugnis bereits in die Praxis umsetzen. Großbritannien als Hauptakteur und Standort des Hauptquartiers hätte nicht länger hintanstehen können! Zu den Gründungsmitgliedern der nordischen Aktionsgemeinschaft innerhalb der NATO gehören seit 2014 Dänemark, Estland, Großbritannien, Lettland, Litauen, Niederlande und Norwegen; noch vor ihrem NATO-Beitritt traten 2017 Finnland und Schweden bei, zuletzt 2021 Island als zehntes Mitglied.
Nun treibt London eine neue Idee durch den europäischen Norden: Ein multinationaler Marineverband aus neun NATO-Mitgliedern soll für den Bereich Nordatlantik und Arktis – the High North – über kollektive Verteidigungsmaßnahmen und gesteigerte Einsatzbereitschaft in See das Abschreckungspotenzial stärken. Dafür hatte sich jedenfalls Mitte April der First Sea Lord, General Sir Gwyn Jenkins, anlässlich eines Vortrags beim Royal United Services Institute (RUSI) ausgesprochen. Diese Initiative soll Partnerschaft, Integration und Reaktionsfähigkeit der „Northern Navies“ fördern. Sie richtet sich insbesondere gegen aggressive Hybridaktionen Russlands. Diese Maßnahme soll die seit 2014 bestehende, von Großbritannien aus dem Hauptquartier in Northwood geführte Joint Expeditionary Force (JEF) ergänzen, deren Kernpunkt allerdings eher streitkräftegemeinsame Übungen und Operationen sind. Der neue Vorschlag konzentriert sich auf maritime Aspekte und soll Ausbildung, Übung und Einsatz über angeglichene Systeme, gemeinsame Standards und integrierte Logistik betreiben – herauskommen soll ein Verband, der unmittelbar einsatzfähig ist durch abgestimmte Einsatzpläne und interoperable Verfahren. Das soll innerhalb der NATO und komplementär zu Bestehendem geschehen.
Hört sich an wie NATO Standing Naval Force 2.0! Aber warum ein Erfolgsrezept duplizieren? Natürlich braucht die NATO mehr maritime Präsenz im Hohen Norden. Aber ist es nicht auch so, dass Großbritannien zwar zwei Flugzeugträger und strategische U-Boote betreibt – beides extrem teuer und aufwändig – zur Zeit aber für einen ausreichenden Schutz des Trägers nicht über eigene, einsatzfähige Fregatten und Zerstörer verfügt, die letztendlich einen Trägerverband – eine Carrier Strike Group – ausmachen? Das wird sich in zehn oder fünfzehn Jahren zwar ändern, wenn alle Neubauten zugelaufen sind. Das reicht aber nicht für heute und die entscheidende nächste Dekade.
Also dann wie aus London bekannt: Zündende Idee, schlankes Organigramm, HQ nahe London, hochwertige Posten aus eigenen Ressourcen besetzen, am besten als erste. First in – first out. My game – my rules. Not macht eben erfinderisch!

