Der Sea Lion bei der Indienststellung, Foto: Bw/ Kim Brakensiek

Der Sea Lion bei der Indienststellung, Foto: Bw/ Kim Brakensiek

Beschaffung: Milliarden für die Marine

Gerade noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl konnten wichtige Großprojekte unter Dach und Fach gebracht werden. Diese Beschaffungen werden die Marine auf Jahrzehnte hinaus prägen.

Der Verteidigungs- und der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages haben noch vor der Sommerpause am 23. Juni für die Bundeswehr 27 sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlagen mit einem Gesamtvolumen von über 19 Milliarden Euro zur Beschlussfassung vorgelegt und grünes Licht für die Beschaffung gegeben. Davon erhält die Marine 7,3 Milliarden Euro zur Beschaffung von drei Flottendienstbooten, zwei Doppelhüllentankern, zwei U-Booten (U 212CD), fünf Seefernaufklärern, zwei Messbooten für die WTD 71 sowie zur Modernisierung der Fregatten 123 und der Minenjagdboote der FRANKENTHAL-Klasse (MJ 332C). Diese dringend erforderlichen Rüstungsvorhaben dienen dem Ersatz älterer Einheiten und der Anpassung an den neuesten Stand der Technologie. Abgesehen von zwei neuen U-Booten und den fünf im Bau befindlichen Korvetten 130 führen die Beschaffungen nicht zu wesentlich mehr Flaggenstöcken. Die Anzahl der Seefernaufklärer verringert sich sogar. Die Deutsche Marine verfügt immer noch über die kleinste Flotte ihrer Geschichte.

Über einen Ersatz der Tender Klasse 404, der MCM-Einheiten und der Unterstützungsfahrzeuge wie Hafenschlepper, Tauchereinsatzboote und Sicherungsboote wurde noch nicht verhandelt. Dennoch ist die Marine erleichtert und dankbar, denn die Überalterung der Flotte wird aufgehalten. Insgesamt betrachtet wird die Flotte in den kommenden zwölf Jahren mit den vier Fregatten 125, den fünf Korvetten des zweiten Loses, den vier in Auftrag gegebenen Fregatten 126, den zwei U-Booten, den 18 Hubschraubern Sea Lion sowie den neuen 31 Bordhubschraubern Sea Tiger zwar nur leicht aufwachsen, dafür wird sie aber moderner und kampfkräftiger.

Die politische Leitung der soeben abgelaufenen Legislaturperiode hatte erkannt, dass die Bundeswehr größere finanzielle Mittel benötigt und mit den 27 Beschaffungsprojekten für Abhilfe gesorgt. Ungewiss bleibt bislang, ob nun auch die nächste Regierungskoalition diese Erkenntnis besitzt und die jahrelange Unterfinanzierung der Bundeswehr zu stoppen vermag.

Seefernaufklärer P-8A Poseidon der Deutschen Marine. Grafik: Boeing

Seefernaufklärer P-8A Poseidon der Deutschen Marine. Grafik: Boeing

Flottendienstboote

Noch am 23. Juni 2021 hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) den Vertrag zum Entwurf und Bau von drei Flottendienstbooten der Klasse 424 abgeschlossen. Für 2,1 Milliarden Euro soll die Fr. Lürssen Werft die drei Flottendienstboote sowie eine Ausbildungs- und Referenzanlage liefern. Die 130 Meter langen Einheiten werden mit einer Verdrängung von 4000 Tonnen nach zivilen Standards gebaut und mit modernster Elektronik und komplexen Systemen zur Aufklärung über und unter Wasser, aber auch mit Anlagen zum Eigenschutz und zur Führungsfähigkeit ausgestattet. Dazu zählt auch ein geräuscharmer Fahrantrieb. Vorgesehen ist, das erste Flottendienstboot 2027 in Dienst zu stellen. Die neuen Schiffe sollen dann ab 2027 die über 33 Jahre alten Einheiten der Klasse 423 ablösen.

Betriebsstofftransporter

Beschaffung: Milliarden für die Marine

Entwurf des Betriebsstofftransporters Klasse 707. Grafik: MTG

Die Fr. Lürssen Werft hat vom BAAINBw den Auftrag (944 Millionen Euro) erhalten, zwei neue Betriebsstofftransporter der Klasse 707 für die Marine zu bauen., um die über 46 Jahre alten Einhüllentanker RHÖN und SPESSART der Klasse 704 ab 2024 zu ersetzen. Lürssen will beim Bau der Schiffe mit der Papenburger Meyer Werft zusammenarbeiten. Die neuen 170 Meter langen Doppelhüllentanker verdrängen 20 000 Tonnen, entsprechen den IMO-Richtlinien in Bezug auf den Umweltschutz und besitzen Ballastwasser-Aufbereitungsanlagen sowie Abgasnachbehandlungssysteme zur Emissionsreduzierung. Auch kommen sie der NATO-Forderung auf ABC-Tauglichkeit nach. Sie verfügen über ein Ladevermögen von 12 000 Kubikmetern Diesel- und Flugkraftstoff, Ihre Reichweite beträgt 8000 Seemeilen bei 18 Knoten. Die Besatzung soll aus 95 Personen bestehen. Mit den entsprechenden Stationen werden bis zu drei Betankungen gleichzeitig ermöglicht. Auf dem Oberdeck befinden sich modulare Containerstellplätze für Werkzeuge und Ersatzteile. Die Tanker erhalten eine Krankenstation und ein Hubschrauber-Landedeck für den Betrieb von Hubschraubern des Typs NH 90.

U-Boote

Am 8. Juli haben die norwegische Beschaffungsbehörde und das BAAINBw mit Thyssenkrupp Marine Systems Verträge über die Lieferung von sechs U-Booten der Klasse 212 Common Design geschlossen – vier für Norwegen und zwei für Deutschland. Der Bau der ersten Einheit für Norwegen soll 2023 beginnen, die Auslieferung wird ab 2029 erwartet. Die beiden Boote für die Deutsche Marine sollen 2032 und 2034 geliefert werden. Das gesamte Auftragsvolumen wird mit 5,5 Milliarden Euro beziffert. U 212CD basiert auf dem Design der U-Boote der Klasse 212A. Die 73 Meter lange Klasse 212CD wird 2500 bis 2800 Tonnen verdrängen. Befähigt ist sie für den weltweiten Einsatz. Ein neues Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES), Orcca, soll erweiterte Fähigkeiten in der Lagebilddarstellung und der Vernetzung bei maximaler IT-Sicherheit bieten. Auch ein Flugkörpersystem zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft ist vorgesehen. Zur deutsch-norwegischen Kooperation zählt auch die Beschaffung von Flugkörpern des Typs Naval Strike Missile Block 1A für die deutschen Fregatten.

U-Boot der Klasse 212CD

U-Boot der Klasse 212CD. Grafik: TKMS

Seefernaufklärer

Der Haushaltsausschuss hat am 23. Juni 1,3 Milliarden Euro für die Beschaffung von fünf Seefernaufklärern P-8A Poseidon für unsere Marineflieger bereitgestellt. Die Flugzeuge sollen 2025 von Boeing geliefert werden. Sie lösen die derzeitigen acht Seefernaufklärer vom Typ P-3C Orion ab, deren Außerdienststellung ohnehin 2025 vorgesehen war. Zwar wurden nur fünf statt acht Seefernaufklärer gekauft, doch immerhin dienen die Poseidons den Marinefliegern als leistungsfähige „Interimslösung“ zur Fähigkeitserhaltung bis 2035. Ab dann soll das geplante deutsch-französische Maritime Airborne Weapon System (MAWS) als Seefernaufklärer und U-Jäger eingeführt werden. Die Beschaffung der Poseidons enthält neben den fünf Maschinen die zugehörige Missions- und Kommunikationsausstattung, Ersatzteile, Zubehör, Bordprüfgeräte und Sonderwerkzeuge, ein Missions-Unterstützungssystem sowie technisch-logistische Unterstützung und Ausbildung.

Fregatten Klasse 123

Für die Sicherstellung der Einsatzverfügbarkeit der vier Fregatten der BRANDENBURG-Klasse hat der Haushaltsausschuss 428 Millionen Euro eingeplant. Dazu hat das BAAINBw den schwedischen Rüstungskonzern Saab mit der Modernisierung beauftragt. Der Auftrag umfasst die Lieferung und Integration neuer Schiffsradare und Feuerleitanlagen. Die Lieferung und weitere Leistungen sollen zwischen 2021 und 2030 erfolgen. Dazu gehören das Führungs- und Waffeneinsatzsystem 9LV mit den Radaren Sea Giraffe 4A und Sea Giraffe 1X, das Feuerleitsystem Ceros 200 sowie weitere Systeme von Drittanbietern. Dazu gehören IFF-Fähigkeiten, neue Eloka-UM/GM-Anlagen und ein Upgrade der Vertical-Launching-Systems Mk 41.

Minenjagdboote Klasse 332C

Fünf Minenjagdboote der FRANKENTHAL-Klasse werden mit der modernsten Version des
Integrated Mine Countermeasures System (IMCMS) ausgerüstet. Nachdem dieses auf drei Booten der Klasse bereits integriert worden ist. Das BAAINBw hat am 9. Juli nach der parlamentarischen Freigabe der Haushaltsmittel Atlas Elektronik mit der Lieferung und der Integration dieses Führungs- und Waffeneinsatzsystems beauftragt, die Realisation ist zwischen 2021 und 2025 geplant. Damit wird die Vereinheitlichung der Technologie zur Seeminenbekämpfung auf den Minenjagdbooten vollzogen und eine querschnittliche Nutzung der Ausbildungs- und Prüfanlagen ermöglicht.

Messboote Seeversuche Küste

Entwurf Messboote Seeversuche Küste

Entwurf Messboote Seeversuche Küste. Grafik: Fassmer

Die Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, maritime Technik und Forschung (WTD 71) in Eckernförde erhält zwei neue Messboote Seeversuche Küste. Das BAAINBw hat am 22. Juli die Fassmer-Werft mit dem Bau beauftragt. Die Boote werden die zwei Einheiten der Klasse 745 (MITTELGRUND und BREITGRUND) und das Sperrwaffenversuchsboot der Klasse 741 WILHELM PULLWER nach 32 beziehungsweise 55 Jahren ablösen. Die neuen Schiffe werden nach zivilen Standards gebaut und für die besonderen Anforderungen wehrtechnischer Erprobungen entsprechend modifiziert. Ihr Aufgabengebiet umfasst das Absichern und Bergen von Torpedos, die Sicherung von U-Booten bei Flachwassererprobungen, den Einsatz autonomer Unterwasserfahrzeuge sowie die Unterstützung von Tauchereinsätzen im Rahmen wehrtechnischer Erprobungen von Tauchgeräten und Ausstattung. Bereits 2023 sollen sie an die WTD 71 ausgeliefert werden.

Zulauf neuer Einheiten

Die Marine beschafft zunächst vier Fregatten der Klasse 126, dem ehemaligen Mehrzweckkampfschiff 180. Das Projekt mit einem Gesamtvolumen von 5,27 Milliarden Euro ist eines der größten Beschaffungsvorhaben in der Geschichte der Bundeswehr. Gemeinsam mit den deutschen Partnern Blohm+Voss als Teil der Fr.-Lürssen-Gruppe und German Naval Yards Kiel will die niederländische Schiffbaugruppe Damen Schelde Naval Shipbuilding (DSNS) das Bauprojekt so umsetzen, dass rund 80 Prozent der Gesamtinvestition als Wertschöpfung in Deutschland verbleiben. Die Schiffe werden daher auf den Werften in Hamburg, Kiel und Wolgast gebaut. Der Bau soll 2023 nach Abschluss der Konstruktionsphase beginnen. Die erste F 126 könnte dann ab Mitte 2028 ausgeliefert werden. Die vier Schiffe sollen Anfang der 2030er-Jahre schrittweise die vier Fregatten Klasse 123 ersetzen.
Die F 126 soll ein durchhalte- und durchsetzungsfähiges sowie flexibel einsetzbares Seekriegsmittel sein, das für alle Gefechtsarten in der dreidimensionalen Seekriegführung befähigt ist. Sie baut auf dem Konzept der Fregatte Klasse 125 auf, das sich insbesondere durch Intensivnutzung, einen hohen Automatisierungsgrad, Wartungsarmut und eine relativ geringe Besatzungsstärke auf der Grundlage des Mehrbesatzungskonzeptes auszeichnet. Die 155 Meter langen Schiffe sollen etwa 9000 Tonnen verdrängen. Damit sind sie um 5 Meter länger und um 2000 Tonnen größer als die Fregatten der Klasse 125.
Mit dem Zulauf von fünf neuen K 130 wird sich der Korvettenbestand der Flotte auf zehn Einheiten erhöhen. Mit der Kiellegung des ersten Schiffs, der KÖLN, hat die Arbeitsgemeinschaft K 130, bestehend aus der Fr. Lürssen Werft, Thyssenkrupp Marine Systems und German Naval Yards Kiel, im April 2019 die Fertigung eingeleitet. Bislang verläuft der Bau nach Plan. Die KÖLN soll bereits Ende 2022 ausgeliefert werden, die anderen Schiffe folgen bis 2026.
Die neuen Korvetten sind grundsätzlich identisch mit ihren Vorgängern, die aber bereits vor 19 Jahren konzipiert wurden. Seitdem traten nicht nur neue Gesetze und Vorschriften in Kraft, auch die Technologie hat sich weiterentwickelt. Das erfordert Anpassungen, Änderungen und Modifizierungen von Geräten und Anlagen, insbesondere beim Führungs- und Waffeneinsatzsystem, bei der IT-Sicherheit und der Systemvernetzung. Zudem werden leistungsstärkere Sensoren und Effektoren in das Einsatzsystem integriert. Dazu zählen ein neues Radar TRS-4D, ein neues Eloka-System, Mirador Mk 2 und ein neues das neue 76-Millimeter-Geschütz Super Rapid. Zu den weiteren Änderungen gehören eine neue Wasseraufbereitungsanlage und neue Bereitschaftsboote.
Von 18 bestellten Mehrzweckhubschraubern des Typs NH 90 Sea Lion wurden seit 2020 bereits elf an die Marineflieger übergeben. Bis 2023 sollen alle Maschinen ausgeliefert werden. Der Sea Lion ersetzt den Sea King Mk 41, der seit Mitte der 1970er-Jahre im Einsatz ist und längst das Ende seiner Nutzungszeit erreicht hat. Der Sea Lion wird vor allem für taktische Transporte von Personal und Material, zur Seeraumüberwachung, zum SAR-Dienst, zu Evakuierungsaufgaben oder auch zum Boarding eingesetzt. Der Hubschrauber kann mit zwei schweren Maschinengewehren und Täuschkörpersystemen ausgerüstet werden.
Bereits 2020 hat der Haushaltsausschuss 2,7 Milliarden Euro für die Beschaffung von 31 mehrrollenfähigen Bordhubschraubern des Typs Sea Tiger freigegeben. Ab 2025 löst er auf den Fregatten den Bordhubschrauber Sea Lynx Mk 88A ab, der seit den 1980er-Jahren im Einsatz ist. Der Sea Tiger ist als Kampfhubschrauber integraler Bestandteil der Fregatten Er wird zur U-Jagd, zur Bekämpfung von Überwasserzielen und auch für Transportaufgaben sowie für SAR-Einsätze innerhalb eines Schiffsverbands eingesetzt.

Autor: Dieter Stockfisch

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