Foto: Medientag "Mine" in Kiel an Bord Tender "Donau". VAdm Kaack und FKpt Inka von Puttkamer beantworteten Fragen der Presse. BW/Theska

Foto: Medientag "Mine" in Kiel an Bord Tender "Donau". VAdm Kaack und FKpt Inka von Puttkamer beantworteten Fragen der Presse. BW/Theska

Minenkrieg in der Straße von Hormuz: Vorbereitung der Deutschen Marine

Die öffentliche Aufmerksamkeit für einen Einsatz der Deutschen Marine ist beachtlich. Dabei scheint es nicht nur um den Iran-Krieg oder hohe Energiepreise zu gehen, die Fragen an unsere Redaktion und vibrierende Telefone nach Erscheinen des Erklärstück zeugen von einem ehrlich sachlichen Interesse an den Einsatzmöglichkeiten, dass man so nicht immer kannte.

Auftritt des Inspekteurs vor der Presse

Media Day im Marinestützpunkt Kiel: Reges Presse-Q&A. Foto: Bw/Theska
Media Day im Marinestützpunkt Kiel: Reges Presse-Q&A. Foto: Bw/Theska

Das hatte auch Vizeadmiral Jan C. Kaack, Inspekteur der Deutschen Marine, offenbar so aufgefasst und entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Am Donnerstag, den 23. April lud er Pressevertreter nach Kiel ein, um die Lage der Deutschen Marine und ihrer Minenabwehr-Fähigkeiten vor dem Hintergrund aktueller Erwartungen an Deutschland zu erläutern. In Kiel deshalb, weil dort das 3. Minensuchgeschwader beheimatet ist, welches für einen möglichen Einsatz im Persischen Golf die geforderten Fähigkeiten mitbringt. Die Kommandeurin des 3. Minensuchgeschwaders, Fregattenkapitän Inka von Puttkamer, stellte in einem umfassenden Display die Einsatzmöglichkeiten des Verbandes vor den rund 40 Journalisten dar.

Zuvor machte Jan Kaack in seiner Rede an Bord des Tenders „Donau“ erneut deutlich, welchen aktuellen Bedrohungen Deutschland und Europa nicht nur in der Ostsee, sondern im gesamten Nordflankenarum ausgesetzt ist. Der Inspekteur wird nicht müde, die Sabotageakte, die hybriden Bedrohungen und die Schattenflotte als Indizien heranzuziehen, dafür dass wir „getestet“ werden – wie er es nennt.

Inspekteur Marine und Kommandeurin 3. MSuchG. Foto: Bw/Theska
Inspekteur Marine und Kommandeurin 3. MSuchG. Foto: Bw/Theska

Und das belastet das Auftragsbuch der Marine enorm. Die „kleinste Flotte aller Zeiten“ arbeitet mit ihren Männern und Frauen am Limit. Das bedeutet, dass ein Einsatz der Deutschen Marine im Persischen Golf zu Prioritäten zwingt. Auf die Frage, was man denn dafür nicht mache, verwies er auf den Einsatz in der Ägäis, der dann weniger Priorität zukomme. Zudem sei davon auszugehen, dass man zeitweilig eine Einheit aus einem NATO-Verband abziehen müsse. Als weitere Option eines deutschen Beitrages wurde er nach dem möglichen Einsatz des neuen Seefernaufklärers P-8A Poseidon gefragt, der inzwischen mit einer Stückzahl von drei bereits die ersten Flüge für die Marine absolviert hat. Er schloss dies nicht aus, deutete aber auch „andere Möglichkeiten“ der Aufklärung an.

Vorausstationierung als Zeitgewinn

Er sagte offen, dass „natürlich“ Vorbereitungen bereits laufen, denn „Militär hat immer einen Plan“, um bei Erteilung eines Mandats sofort reagieren zu können. Das beträfe die Logistik, das Material und vor allem das Personal, die drei Punkte seien „immer ein Thema“. Er machte auch deutlich, dass man ein solches Vorhaben als Deutschland nicht allein machen können, sondern nur im Zusammenwirken mit Alliierten. Außerdem sei eine Entscheidung – ebenso wie eine Mandatierung – noch nicht gefallen. Das bedeutet aber dennoch, dass man bereits konkret eine Vorausstationierung beabsichtigt, um „vor dem Suez“ zu sein, wenn der Befehl komme. Ein zeitgewinnendes "Forward Deployment" nutzt die Flexibilität von Seestreitkräften als ihre Stärke. Sollte der Einsatzbefehl nicht kommen, würde man wieder umkehren. Dieses Prinzip scheint die Politik inzwischen verstanden zu haben – das war nicht immer so.

Selbstbewusste Darstellung der Fähigkeiten

Übungsmine an Bord eines Minenjagdbootes. Foto: Bw/Theska
Übungsmine an Bord eines Minenjagdbootes. Foto: Bw/Theska

Auch die Kommandeurin des Verbandes, die ihren Verband als „Auge der Marine unter Wasser“ beschrieb, verwies auf die hohe Einsatzbelastung. Auf die Frage nach der Einsatzfähigkeit des Verbandes, erläuterte sie das Prinzip der „drei Einheiten“. Kritik an der Fähigkeit aufgrund des Alters der inzwischen über dreißig Jahre alten Boote wies sie zurück, denn trotz des Alters seien die Hüllen der aus amagnetischem Stahl gefertigten zehn verbliebenen Boote der „Frankenthal-Klasse“ tadellos. Sie räumte aber ein, dass die fest an Bord eingerüsteten Systeme in die Jahre gekommen und Erneuerungen eingeleitet sind. Eine Umrüstung der Sonar-Systeme müsse allerdings noch bis Anfang 2027 warten. Man vermisse jetzt eben die Einheiten, „die man vor 15 Jahren hätte bauen müssen“.  Besonders hervorzuheben sei der Umstand, dass man zum Ausüben der Minenabwehr eine Waffenruhe brauche. Unter laufender Bedrohung durch Drohnen und Flugkörper käme ein vernünftiges Minensuchen nicht in Betracht, denn so „wie ein Zerstörer keine Minen räumen kann, könne ein Minensuchboot derartige Bedrohungen nicht abwehren“.

Der Einladung auf das Minenjagdboot „Sulzbach-Rosenberg“ folgten alle Teilnehmer. Dort wurden sie von Experten und Expertinnen begrüßt, die freimütig die Fähigkeiten der Minenabwehr-Technik erläuterten. Die gezeigte Ausrüstung ist erneuert und Neues ist im Zulauf, auch in Containern und modular einsetzbar.

Was man vorstellte

Minentaucher mit Drohne „Seefuchs“ beim Display Foto: Schlüter
Minentaucher mit Drohne „Seefuchs“ beim Display Foto: Schlüter

Was man hat, ist teilweise älter, aber durchaus geeignet. Seit den siebziger Jahren nutzte die Deutsche Marine für die Minenjagd ferngelenkte Systeme zur Vernichtung von Seeminen. Diese („PAP 104“, später „Pinguin“) waren organisch mit dem Minensuchboot verbunden. Diese Zeiten sind vorüber, heute nutzt man den „Seefuchs“, der in zwei Versionen flexibel einsetzbar ist. In der „Combat-Version“ vernichtet er als Einwegwaffe die aufgespürte Mine mit einer Hohlladung.

REMUS mit Seefuchs-Rack im Hintergrund. Foto: Bw/Theska
REMUS mit Seefuchs-Rack im Hintergrund. Foto: Bw/Theska

Die unbemannten Unterwasserfahrzeuge „REMUS 100“ UUV‘s, die Huntington Ingalls Industries an die Deutsche Marine geliefert hat, haben zur Meeresbodenuntersuchung eine Ausdauer bis zu 12 Stunden. Die Deutsche Marine hat „REMUS“ nach umfangreichen Tests durch das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung erworben. Seit Jahren werden diese UUVs zur Flächensuche, Trümmerfeldkartierung und topographischen Meeresbodenkartierung in Wassertiefen bis zu 100 Metern eingesetzt. Sie haben ein Side-Scan-Sonar und sind in schlecht einsehbaren Gebieten effizient einsetzbar (siehe https://marineforum.online/einsatzgruppe-unbemannte-systeme-entschieden-in-die-zukunft/).

Deep Trekker ROV. Foto: Schlüter
Deep Trekker ROV. Foto: Schlüter

Für Einsätze in Häfen und im Bootsumfeld werden ROV’s der Firma Deep Trekker eingesetzt. Das sind handgesteuerte kombinierte kleinere handelsübliche Geräte mit Sonar, Video und Wärmebildkameras.

Der Fernlenk-Hohlstab Typ Seehund ist ein ferngelenktes Minenräumboot mit 20 Metern Länge und 100 Tonnen, das magnetische und akustische Signale erzeugt, die dem Profil eines Schiffes sehr ähnlich sind und somit die Seeminen auslösen. Eingeführt als System „Troika“ wurde es seit den frühen 1980er Jahren erfolgreich genutzt.  Es wurden 18 Einheiten gebaut, von denen 12 noch funktionieren. Es hat den Vorteil, die Minen durch Simulation zur Detonation zu bringen, ohne Boot und Besatzung zu gefährden. Es ist allerdings nur 9 Knoten langsam, muss durch gecharterte Spezialschiffe "huckepack" in das Räumgebiet verbracht werden und wird von einem  Minensuchboot aus gesteuert – ohne diese Hohlstablenkboot - Zentrale kann man es nicht einsetzen.

Ferner präsentierten sich die Minentaucher mit einem Einsatz-Schlauchboot. Ein Kompaniechef erläuterte den Journalisten deren Tätigkeit als Unterwasser-Kampfmittel-Räumer. Die Minentaucher benötigen in See zwar eine Plattform, aber das muss nicht zwingend ein Minensuchboot sein.

Welche Waffen zum Einsatz kommen werden, oder was im Zusammenwirken mit Verbündeten an Mitteln durch Deutschland bereitgestellt wird, ist heute noch nicht festgelegt. Diese Fragen werden durch politische Entscheidungen beantwortet. Aber die Planungen, die der Politik alle möglichen Optionen aufzeigen sollen, sind jedoch in vollem Gange.

„SeaCat“ der Firma Atlas Elektronik
„SeaCat“ von Atlas Elektronik Foto: Schlüter

Ein Teil der Zukunft der Minenabwehr der Deutschen Marine war bereits an Bord zu sehen: Der „SeaCat“ der Firma Atlas Elektronik. Die Drohnen erstellen mit hochauflösenden Sonaren bis 300 Meter Tiefe ein umfassendes Unterwasserlagebild und erreichen dabei eine dreifache Flächensuchleistung gegenüber einem Minenjagdboot ohne Drohneneinsatz. Möglich wird dies durch Datenverarbeitung bereits während der Mission. Die Geräte sind im Zulauf, aber noch nicht endgültig eingeführt.

Was wird die Einheiten in der Region erwarten?

Die Besatzungen müssen sich auf einen zehrenden Feind einstellen – die Hitze. Das war die Erfahrung des Einsatzes im Persischen Golf 1990/91, als der „Minenabwehrverband Südflanke“ als einer der ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr überhaupt stattfand. Auch operative Erfahrungen sind dokumentiert, zwar über 30 Jahre alt, aber immer noch ein guter Anhaltswert: Minenjagd zeigte sich nicht so erfolgreich, wie die „Seehunde“ – und Minentaucher waren unverzichtbar. Warum das so ist? Frau Fregattenkapitän von Puttkamer machte deutlich, dass das Seegebiet anders sei, als die Ostsee – für die unsere Einheiten nun mal konzipiert sind.

Wie die Ostsee ist der Golf ein Randmeer mit einem sehr begrenzten Zugang. Aber die südlichere Klimazone mit deutlich höheren Temperaturen bewirkt eine starke Verdunstung des Oberflächenwassers, was zu erhöhtem Mineralgehalt des verbleibenden Wassers führt. In der Folge sinkt das schwere, salzhaltige Wasser ab und sucht bodennah seinen Weg aus dem Persischen Golf heraus in normal salzhaltiges Wasser im Golf von Oman. Dadurch strömt oberflächennah „frisches“ Wasser in den Golf zurück. In der Straße von Hormus ergeben sich somit zusätzlich zu den Gezeitenströmen unterschiedlich fließende, deutlich geschichtete Wassermassen – oben hinein und unten hinaus. Wasserschichtungen mit differierendem Salzgehalt oder unterschiedlicher Temperatur bedeuten aber auch, dass Unterwasser-Sensoren in der Signalverarbeitung ungenau werden und das Bild verfälschen. Um in einem derartigen Seegebiet erfolgreich Minen zu räumen, kommt es auf das geschickte Nutzen aller Mittel und auf die Ausbildung, Erfahrung und Besonnenheit von Tauchern und Operateuren an.

Planen – vorbereiten – machen. Wir werden berichten.

Text: Schlüter/Stephenson

Anzeigen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.

de_DEGerman