Totalverluste in der Schifffahrt auf Rekordtief, aber Pandemie und politische Spannungen trüben die Aussichten

Totalverluste in der Schifffahrt auf Rekordtief, aber Pandemie und politische Spannungen trüben die Aussichten

Pressemitteilung der Allianz zur Studie der AGCS Safety & Shipping Review 2020:

Die Totalverluste in der Schifffahrt befinden sich auf einem Rekordtief - 2019 gingen weltweit 41 größere Schiffe verloren. Im Jahresvergleich sind sie um mehr als 20% gesunken, im Vergleich zum Durchschnitt des letzten Jahrzehnts um fast 70%, so die Studie „Safety & Shipping Review 2020“ des Schiff- und Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty SE (AGCS). Allerdings könnten die Folgen der Covid-19-Pandemie die langfristigen Sicherheitsverbesserungen in der Schifffahrt in diesem Jahr und darüber hinaus gefährden. Schwierige Betriebsbedingungen und der drohende wirtschaftliche Abschwung stellen die Branche vor große Herausforderungen.

Zusammenfassend folgende Punkte

· Die Zahl der Zwischenfälle auf hoher See (2.815) ist gestiegen, ebenso wie die Anzahl der Maschinenschäden. Die Sicherheit von Ro-Ro-Schiffen wird als wachsendes Problem gesehen.
· Die Folgen der Coronavirus-Pandemie und ein wirtschaftlicher Abschwung könnten die langfristige Verbesserung der Sicherheit an Bord gefährden und zu einem Anstieg der Schäden durch Kostensenkungsmaßnahmen, erschöpfte Besatzungen, aufliegende Schiffe und die erschwerte Einsatzbereitschaft in Notfällen führen.
· Steigende geopolitische Spannungen, neue Emissionsvorschriften und Dekarbonisierungsziele sowie falsch deklarierte Ladung und Brände an Bord stellen weiterhin große Risiken für die Schifffahrt dar.

Herausforderungen durch Covid-19

Die Schifffahrtsbranche hat ihren Betrieb während der Pandemie weitgehend fortgesetzt – trotz Unterbrechungen in Häfen und bei dem Wechsel der Besatzungen. Während weniger Schiffsverkehr aufgrund der Coronavirus-Restriktionen zu einem Rückgang der Schadensfrequenz führen könnte, verweist die Studie auf zehn Corona-Herausforderungen, die die Risiken wiederum erhöhen. Darunter sind:

· Das Aussetzen des turnusmäßigen Besatzungswechsels wirkt sich auf das Wohlergehen und die Leistungsfähigkeit der Crews aus, was zu einer Zunahme menschlicher Fehlerführen könnte.
· Störungen bei wesentlichen Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten erhöhen das Risiko von Maschinenschäden – diese sind schon heute eine der Hauptursachen für Versicherungsansprüche.
· Reduzierte oder verzögerte gesetzlich vorgeschriebene Besichtigungen und Hafeninspektionen könnten dazu führen, dass unsichere Praktiken oder defekte Ausrüstung unentdeckt bleiben.
· Ladungsschäden und Transportverzögerungen sind wahrscheinlich, da die Lieferketten unter Druck geraten.
· Im Notfall schnell zusätzliche Unterstützung aktivieren zu können, könnte schwierig werden - es drohen größere Zwischenfälle, die von der Besatzung nicht selbst behoben werden können.
· Die wachsende Zahl von Kreuzfahrtschiffen und Öltankern, die weltweit aufliegen, stellt aufgrund der potenziellen Bedrohung durch extreme Wetterereignisse, Piraterie oder politische Risiken ein erhebliches finanzielles Risiko dar.

Hauptschadensorte und am stärksten betroffene Schiffe

Dem Bericht zufolge bleibt die Meeresregion Südchina, Indochina, Indonesien und die Philippinen mit 12 Schiffsverlusten im Jahr 2019 und 228 Schiffen in den letzten zehn Jahren weiterhin globaler Unfall-Hotspot. Ein Viertel aller Verluste passieren in dieser Region. Hohes Handelsaufkommen, stark befahrene Schifffahrtswege, ältere Flotten, das Risiko von Taifunen und Sicherheitsprobleme auf einigen inländischen Fährrouten tragen dazu bei. Im Jahr 2019 gingen die Verluste jedoch das zweite Jahr in Folge zurück. Der Golf von Mexiko und die westafrikanische Küste stehen an zweiter und dritter Stelle der Unfall-Hotspots. Auf Frachtschiffe entfiel mehr als ein Drittel der Totalschäden im letzten Jahr. Zu den Hauptursachen zählen: Drei von vier Schiffen gingen unter, schlechtes Wetter war für einen von fünf Verlusten verantwortlich. Probleme mit Autotransportern und Roll-on/Roll-off-(Ro-Ro)-Schiffen gehören nach wie vor zu den größten Sicherheitsproblemen in der Schifffahrt. Die Totalschäden bei diesen Schiffstypen sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen – zugleich haben auch die kleineren Zwischenfälle um 20% zugenommen.

Zahl kleinerer Schadenereignisse nimmt zu

Während bei den Totalschäden weiterhin ein positiver Trend zu verzeichnen ist, stieg die Zahl der gemeldeten Schadenereignisse (2.815) im Vergleich zum Vorjahr um 5% an. Dies ist vor allem auf Maschinenschäden zurückzuführen, die mehr als jeden dritten Zwischenfall (1.044) verursachten. Ein Anstieg der Unfälle in den Gewässern der Britischen Inseln, der Nordsee, des Ärmelkanals und des Golfs von Biskaya (605) führte dazu, dass diese Gewässer das östliche Mittelmeer zum ersten Mal seit 2011 als Hotspot abgelöst haben. Einer von fünf Vorkommnissen weltweit ereignet sich in dieser Region.
Im vergangenen Jahr gab es fast 200 gemeldete Brände auf Schiffen, ein Anstieg um 13%, mit fünf Totalschäden allein im Jahr 2019. Falsch deklarierte Ladung ist eine der Hauptursachen. Maßnahmen zur Bekämpfung dieses Problems sind von entscheidender Bedeutung, da sich das Schadenpotenzial mit zunehmender Größe der Schiffe und mehr transportierten Gütern weiter verschlimmern dürfte. Zudem werden Chemikalien und Batterien zunehmend in Containern verschifft und stellen eine ernsthafte Brandgefahr dar, wenn sie falsch deklariert oder verstaut werden.

Geopolitische Spannungen und Cyber-Angriffe beeinträchtigen die Sicherheit

Unterdessen zeigen die Ereignisse im Golf von Oman und im Südchinesischen Meer, dass politische Rivalitäten zunehmend auf hoher See ausgetragen werden und die Schifffahrt weiterhin in geopolitische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Erhöhte politische Risiken und Unruhen weltweit haben Auswirkungen auf die Schifffahrt – wie z.B. die Sicherheit der Besatzungen zu gewährleisten und Häfen sicher anzulaufen. Darüber hinaus stellt die Piraterie nach wie vor eine große Bedrohung dar : Der Golf von Guinea gilt wieder als globaler Brennpunkt, während in Lateinamerika bewaffnete Raubüberfälle zunehmen und auch die Piraterie in der Straße von Singapur wieder zunimmt. Auch Schiffseigner sind zunehmend besorgt über Cyberkonflikte. Es hat eine wachsende Zahl von GPS-Spoofing-Angriffen auf Schiffe gegeben, insbesondere im Nahen Osten und in China. Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist die Zahl der versuchten Cyberangriffe auf den maritimen Sektor um 400% gestiegen.

Weitere Risiken, die in der AGCS Safety & Shipping Review aufgeführt sind:

Die Ziele zur Emissionssenkung werden die Schifffahrt auf Jahre hinaus prägen: Das Ziel, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren, erfordert von der Branche eine radikale Änderung der Kraftstoffe, der Motorentechnologie und sogar der Schiffskonstruktion. Seit dem 1. Januar 2020 wurden die zulässigen Schwefelgehalte im Schiffsdiesel drastisch gesenkt, doch die Einhaltung der Vorschriften ist nicht einfach, und Kinderkrankheiten könnten zu einem Anstieg der  Schadenersatzforderungen bei Maschinenschäden führen.

  • Neue Technologien sind kein Allheilmittel, aber ein zunehmend nützliches Werkzeug: Die Schiffssicherungstechnik kann sich positiv auf die Sicherheit und Schadenhäufigkeit auswirken und wird zunehmend eingesetzt, um einige der im Bericht hervorgehobenen Risiken zu bekämpfen, wie z.B. die Verringerung der Brandgefahr auf Schiffen durch Temperaturüberwachung der Ladung und Monitoring durch Drohnen.
  • Die unglücklichsten Schiffe: Die drei unfallträchtigsten Schiffe des letzten Jahres waren zwei griechische Inselfähren und ein Massengutfrachter in Nordamerika, die alle in jeweils sechs verschiedene Vorfälle verwickelt waren.

Quelle: Heidi Polke [email protected]
Daniel Aschoff [email protected]

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.