MPV "Einar Mikkelsen" der dänischen Rasmussen-Klasse Foto: Royal Danish Navy

MPV "Einar Mikkelsen" der dänischen Rasmussen-Klasse Foto: Royal Danish Navy

Ukraine erhält dänische Marinetechnologie

Während ihres Besuches in der Ukraine zeichnete am 18. Dezember 2021 die dänische Verteidigungsministerin Trine Bramsen eine Absichtserklärung über die Bereitstellung dänischer Marinetechnologie für das osteuropäische Land. Dänemark ist nach der Türkei und dem Vereinigten Königreich das dritte Land, mit dem die Ukraine ein derartiges Abkommen zur Kooperation im Schiffbau geschlossen hat. Im November 2021 hatte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace die Ukraine besucht und ein Abkommen zur „Entwicklung der Fähigkeiten der Seestreitkräfte der Ukraine“ finalisiert (marineforum online berichtete).

Die stellvertretende Premierministerin für europäische und euro-atlantische Integration der Ukraine Olha Stefanishyna mit der dänischen Verteidigungsministerin Trine Bramsen. Foto: Cabinet of Ministers of Ukraine

Die stellvertretende Premierministerin für europäische und euro-atlantische Integration der Ukraine Olha Stefanishyna (r.) mit der dänischen Verteidigungsministerin Trine Bramsen (l.). Foto: Cabinet of Ministers of Ukraine

Mehrzweckschiff MPV 80

Konkret geht es um das Projekt MPV80 (Multi Purpose Vessel). Dabei handelt es sich um eine vom Naval Team Denmark entwickelte Variante des Arktis-Patrouillenschiffes vom Typ Knud Rasmussen. Die Königlich Dänische Marine betreibt drei dieser Einheiten. Eine ukrainische Delegation besichtigte kürzlich das Typschiff während seiner Werftliegezeit in der Karstensens Skibsværft A/S in Skagen, die auch die Bauwerft dieser Klasse ist. Das Design der 72-Meter langen und 2.600 Tonnen verdrängenden Schiffe stammt von Odense Martime Technology A/S (OMT).

Die für die Ukraine vorgesehene MPV80 sind für die Küstenwache sowie für den Such- und Rettungsdienst vorgesehen. Angaben auf der Webseite der ukrainischen Botschaft in Kopenhagen zufolge hat der von der Ukraine angestrebte Typ MPV80 folgende Spezifikationen:

Länge 84 Meter
Breite 17,6 Meter
Tiefgang 4,5 Meter
Höhe 17,6 Meter
Verdrängung 3.600 Tonnen
Reichweite 13.600 nautische Meilen
Geschwindigkeit 17 Knoten
Besatzung / zusätzliches Personal 35 / 30
Besonderheiten Eisfähig bis zu 1 Meter

Hubschrauberdeck

Foto: Ministry of Infrastructure of Ukraine, “Politiken” newspaper

Foto: Ministry of Infrastructure of Ukraine, “Politiken” newspaper

Zu der Illustration eine Anmerkung: in dem Kasten wird erwähnt, dass MPV80 128 Funktionen erfüllen wird. Dem Autor erschließt sich nicht, ob Schwimmen hierbei mitgezählt wurde.

Zur Ausrüstung wurden bisher noch keine Angaben gemacht. Die Knud Rasmussen Klasse kann mit unterschiedlichen Missionsmodulen in drei Containerpositionen ausgestattet werden. Das Helikopterdeck ist für containerisierte Forschungslabors und den Transport von 20’ ISO-Containern vorbereitet. Die Einheiten der dänischen Marine operieren mit je einem Festrumpfschlauchboot von 7 Metern und 4,8 Metern sowie einem Versetzboot Storebro SB90E LCP. Da dänische Technologie in den MPV80 verbaut werden soll, könnte Terma mit einem Radar aus der Scanter-Reihe zum Tragen kommen. Aufgrund der größeren Dimensionen der MPV80 könnte das Hubschrauberdeck Operationen eines mittelschweren Hubschraubers (bis zu 10 Tonnen) ermöglichen.

MPV80, dessen erste Einheit 2024 erwartet wird, soll in der Ukraine gebaut werden. Mehr als die Hälfte des Auftragsvolumens soll von ukrainischen Unternehmen ausgeführt werden. Das Projekt wird mit Hilfe des dänischen Exportkredit-Fonds (EKF, Eksport Kredit Fonden) finanziert. Die dänische Regierung bürgt mit 7,8 Milliarden DKK (1,19 Milliarden US-Dollar, 1,05 Milliarden Euro).

Auch zu Stückzahlen wurde bisher nichts verlautbar. Die Kosten der letzten Einheit der Knud Rasmussen Klasse werden mit 513 Millionen DKK angegeben. Die mit dem MPV80 zumindest größenmäßig ungefähr vergleichbare französische Gowind 2500-Klasse soll sich auf 375 Millionen Euro belaufen.

Win-Win für Kopenhagen und Kiew

Die ukrainische Schiffbauindustrie steht vor einer notwendigen Renaissance. In 2021 hob die ukrainische Regierung ein Programm zur Wiederherstellung des ukrainischen Schiff- und Maschinenbaus aus der Taufe. In den nächsten fünf Jahren sollen insbesondere See- und Flussschiffe, aber auch Bahnfahrzeuge und Flugzeuge fertiggestellt werden. Es wird erwartet, dass die Maßnahmen zur Förderung des Schiffbaus fast 50.000 Arbeitsplätze schaffen werden. Nach früheren Angaben des Innenministeriums soll das von Präsident Volodymyr Zelenskyi aufgelegte Programm die Zahl der Arbeitsplätze in der Schiffbauindustrie von 6.800 auf 56.000 erhöhen. Der Anteil der Schiffbauindustrie am Bruttoinlandsprodukt soll sich von 2019 bis 2025 verachtfachen.

Für Dänemark ist das Abkommen nicht nur ein internationaler Achtungserfolg, sondern hat auch industriepolitische Bedeutung: „In der Strategie der Regierung für die dänische Verteidigungsindustrie betonen wir, dass die dänische Verteidigungsindustrie wichtig für die dänische Sicherheit und für die Gemeinschaft mit unseren Verbündeten und Partnern ist.“, sagte die dänische Verteidigungsministerin Trine Bramsen anlässlich der Unterzeichnung des Memorandums of Understanding.

Denkbar ist, dass das dänische Konsortium die Konstruktionsstätten in der Ukraine für die weitere Nutzung dieser Schiffsklasse auch für eigene Zwecke nutzt. Die Torso der Knud Rasmussen-Klasse wurden in Danzig erstellt. Im Marktsegment eines Patrouillenschiffes 80 (MPV oder OPV) herrscht international starke Konkurrenz. Alle namhaften Hersteller sind vertreten.

Außenpolitisch nicht un-heikel

Die Vereinbarung, die den politischen Rahmen für detailliertere Absprachen über die nun folgenden Maßnahmen bildet, ist auch außenpolitisch von Tragweite. Denn die Absichtserklärungen und die Mittelbereitstellung gehen über die üblichen Unterstützungsbekundungen auf dem Brüsseler Parkett hinaus. Entsprechend ließ sich die Verteidigungsministerin denn auch ein: „Ein wichtiges Ziel meines Besuchs in Kiew ist es, die dänische Unterstützung für die Ukraine in der derzeitigen Situation zu zeigen. Unterstützung kann mit Worten gegeben werden, aber die Taten überwiegen natürlich die Worte.“

Waffenlieferungen und andere militärische Unterstützungsleistungen aus NATO-Mitgliedsstaaten an die Ukraine sind seit 2014 üblich. Im vergangenen Jahr haben die USA die Ukraine mit ungefähr 450 Millionen US-Dollar an Waffen und militärischen Dienstleistungen unterstützt. Frankreich liefert Patrouillenboote (marineforum online berichtete).

Kurz vor Weihnachten sorgte die angebliche Berliner Blockade von Waffenlieferungen im NATO-Rahmen für Verstimmungen mit Kiew. Wobei, wie die Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 13. Dezember 2021 informierte, die Bundesregierung der Lieferung eines defensiven Waffensystems zustimmte. Deutschland sprach sich lediglich gegen die ebenfalls anstehende Beschaffung von neunzig Scharfschützengewehren – made in USA – aus.

Zu Jahresbeginn 2022 wurde in Brüssel bekannt, dass Estland die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine beabsichtigt. Unter Berufung auf die Nachrichtenagentur Estonian News Agency werde die Verfügbarmachung von Raketen- und Artilleriewaffensysteme zur Panzerabwehr erwogen.

Innerhalb der zivileren Beschaffungen der Ukraine reiht sich das Programm MPV80 ein in den Kauf des britischen Polarversorgungs- und Forschungsschiffes „James Clark Ross“ vom August 2021. Mit ihr verfügt Kiew über seinen ersten Eisbrecher zur Versorgung seines antarktischen Außenpostens, die Station Akademik Vernadskiy.

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