Fregatte SHARM EL SHEIKH der PERRYKlasse

Fregatte SHARM EL SHEIKH der PERRYKlasse (Foto: Deutsche Marine)

Die Ägyptische Marine

In ewiger Konkurrenz zu Heer und Luftwaffe

3.000 Jahre vor der Zeitwende entsteht am Nil eine der frühen Hochkulturen, aber die Ägypter sind zunächst auf ihr Binnenland fokussiert: „Maritime“ Aktivitäten – militärisch wie merkantil – gibt es nur auf dem Nil. Erst mit Erweiterung des regionalen Einflusses gewinnt auch die offene See an Bedeutung. Pharao Thutmosis III (1486-1425 v.Chr.) gründet schließlich eine erste Marine und lässt zur Unterstützung seiner Feldzüge nach Babylonien auf einer für damalige Verhältnisse riesigen Werft in Memphis zahlreiche Schiffe bauen. Meist dienen diese allerdings nur dem Transport von Truppen, Pferden und Material über das östliche Mittelmeer und durch das Rote Meer, und die Marine hat bloße logistische Unterstützungsfunktion für die Landarmee des Pharaos. Mit Eroberung durch die Perser (525 v. Chr.) gerät Ägypten für mehr als 2.300 Jahre unter Fremdherrschaft. Den Persern folgen Alexander der Große, Ptolemäer, Römer, Byzantiner, Araber, Mameluken und schließlich Osmanen.

1798 landen französische Truppen unter Napoleon in Ägypten und beenden de facto die osmanische Herrschaft. Als Napoleon nach dem Seesieg des britischen Admirals Nelson bei Abukir seinen Orient-Feldzug abbrechen muss, nutzt der albanische Offizier Muhammad Ali Pascha die Lage zur Machtergreifung. Er kann den Osmanen eine gewisse Selbstständigkeit abringen und leitet die Ge¬schichte des modernen Ägyptens ein. Der Bau des Suezkanals (1859–1869) macht das Land allerdings derart von ausländischem Geld abhängig, dass die von Briten und Franzosen eingerichtete Staatsschuldenverwaltung eigentliche Regierung wird. Als Großbritannien 1882 „seinen“ Seeweg nach Indien durch einen Putsch bedroht sieht, besetzt ein Expeditionskorps kurzerhand das Land – und bleibt. 1914 wird Ägypten formell britisches Protektorat. 1922 gewährt Großbritannien dem „Königreich Ägypten“ offiziell Unabhängigkeit, zieht aber weiter die Fäden; Souveränität gibt es erst 1936.

Fast 3.400 Jahre nach Pharao Thutmosis III entstehen in dieser Zeit wieder eigenständige maritime Sicherheitskräfte. 1927 erwähnen internationale Flottenhandbücher erstmals eine mit ex-britischen Fahrzeugen ausgestattete „Küstenwache und Fischereischutzbehörde“. Flaggschiff ist die AMIR AL FAROUK, eine mit zwei „Sechs-Pfündern“ (152-mm) bestückte 1.400-ts Korvette. Größtes Schiff ist aber eine 1865 gebaute Staatsjacht, die übrigens noch heute unter dem Namen EL HORRIA in Dienst ist. Sie fährt etwa drei Mal im Jahr für einen Tag zur See. Im Zweiten Weltkrieg spielt die kleine ägyptische Küstenwache keine Rolle. Vielmehr wird ihr Haupthafen Alexandria Flottenstützpunkt der britischen Royal Navy und Exil-Hafen für zahlreiche Schiffe europäischer Mittelmeermarinen, die sich hierhin flüchten und von hier operieren. Die wenigen ägyptischen Einheiten sind in Kämpfe praktisch nicht verwickelt und überstehen den Krieg denn auch meist unbeschadet.

Nach Kriegsende entsteht neben der bisherigen kleinen Küstenwache eine reguläre Marine. Noch im Aufbau befindlich, kommt ihre erste Herausforderung im Krieg gegen den neuen Feind Israel. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg ist die ägyptische Marine einzige arabische Marine, aber sie bleibt gegen die Juden, die nur über einige wenige, sehr schwach bewaffnete Fahrzeuge verfügen, ohne vorzeigbaren Erfolg. Vereinzelte Versuche zum Beschuss der israelischen Küste sind halbherzig, die Propaganda dafür aber laut. Als die ägyptische Luftwaffe ein israelisches Schiff vor Tel Aviv zum Abdrehen zwingt, reklamiert die am Geschehen völlig unbeteiligte Marine sofort den „Sieg in der Seeschlacht vor Tel Aviv“ für sich. Wenig später versenken israelische Kampfschwimmer vor Gaza mit Sprengbooten die AMIR AL FAROUK; 500 ägyptische Seeleute und eingeschiffte Soldaten gehen mit dem Flaggschiff unter.

Mit dem Anspruch, neben der stärksten Armee auch die stärkste arabische Marine zu stellen, wächst die ägyptische Flotte in den Folgejahren kräftig auf. 1949/50 überlässt die britische Royal Navy aus Überschussbeständen Geleitzerstörer, Fregatten, Korvetten, Wachboote, Minensucher und Landungsboote. 1955 zählt die Marine bereits 5.000 Mann, und aus Großbritannien kommen noch einmal zwei Zerstörer der Z-Klasse; aus den USA ein 4.000-ts-Landungsschiff. So ausgewogen und relativ modern ausgerüstet sich diese Flotte auch präsentieren mag: Mangelnde Ausbildung und Motivation sowie völlig fehlendes Verständnis in der Streitkräfteführung für maritime Belange setzen ihren Fähigkeiten enge Grenzen.

1952 beendet ein Militärputsch die Monarchie. Oberst Gamal Abdel Nasser verfolgt eine nationalistische „pan-arabische“ Politik. Als er 1956 den Suezkanal verstaatlicht, kommt es zum Krieg mit Großbritannien und Frankreich (und Israel). Die ägyptische Marine kann der amphibischen Invasion der Großmächte am Nordeingang des Suezkanals nur hilflos zusehen. Zwar behält Ägypten nach einer auf Druck der USA und der Sowjetunion vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution letztendlich die Kontrolle über den Kanal, aber die Beziehungen zu den Briten sind natürlich beendet.
Im begonnenen Kalten Krieg springt die Sowjetunion nur zu gern in die Bresche. Von ihrer großzügigen Militärhilfe profitiert auch die Marine, die sich auf sowjetische Technologie umstellt (wenngleich die alten ex-britischen Einheiten noch in Dienst bleiben) und bis 1970 auf 14.000 Mann aufwächst. Schon direkt nach dem Suezkrieg treffen zwei Zerstörer der SKORY-Klasse ein; weitere zwei folgen etwas später. Die Sowjetunion liefert U-Boote der WHISKEY-Klasse, Torpedoschnellboote SHERSHEN und P-6 (letztere werden dann auch in Lizenz in Alexandria gebaut), Minensucher, U-Jagdboote und Landungsfahrzeuge sowie einige Hilfsschiffe. 1962 gibt es erste FK-Schnellboote der KOMAR-Klasse, etwas später auch der OSA-Klasse.

Die Umstellung auf „überlegene“ sowjetische Technologie und Einsatzverfahren trägt jedoch nicht die erwarteten Früchte. Auf dem Papier stellt Ägypten noch immer die stärksten Seestreitkräfte im gesamten Nahen und Mittleren Osten – mit kampfstarken Flotten im Mittelmeer und im Roten Meer –, aber in zwei neuen Kriegen gegen Israel (Juni-Krieg 1967 und Yom Kippur-Krieg 1973) bleiben diese hoffnungslos unterlegen. Überdies können nach Blockierung des Suezkanals durch (von Ägypten selbst) gesprengte Schiffe jahrelang auch keine Einheiten mehr zwischen den Flottenbereichen verlegen.

Zwar werden in beiden Kriegen lautstark große „Seesiege“ verkündet; tatsächlich wird aber keine einzige israelische Kampfeinheit auch nur beschädigt, während die ägyptische Marine die meisten ihrer brandneuen sowjetischen FK-Schnellboote verliert. Der einzige Erfolg kommt im Oktober 1967, als – nach dem erklärten Waffenstillstand – FK-Schnellboote aus der Deckung der Hafenmolen von Port Said den vor der Küste patrouillierenden israelischen Zerstörer EILAT mit Seeziel-FK Styx versenken.

Nach dem Krieg von 1967 gleicht die Sowjetunion zwar die Verluste schnell aus, liefert Ende der 60er Jahre u.a. modernste U-Boote der ROMEO-Klasse, FK-Schnellboote OSA sowie weitere Minensucher und Landungsschiffe. Dessen ungeachtet wird aber auch der Yom Kippur-Krieg zum militärischen Desaster. Nassers Nachfolger Sadat bricht schließlich mit der Sowjetunion, sucht den politischen Ausgleich mit Israel – und den Schulterschluss mit den Westmächten.

Mit der politischen Neuorientierung will die ägyptische Marine nun natürlich auch zügig den Wechsel zu westlicher Technologie. Auf der Wunschliste stehen moderne französische/britische U-Boote und italienische Fregatten, aber das Geld fehlt, und unverändert haben die Land- und Luftstreitkräfte Priorität. Die Flotte muss weiter mit den ex-sowjetischen (ja noch immer auch einigen ex-britischen) Einheiten leben, die zusehends materiell verfallen.

Langsam kommt der Flottenumbau dann aber doch in Gang. Mitte der 1970er Jahre beginnt auf einer Werft in Alexandria der Bau neuer FK-Schnellboote der OKTOBER-Klasse. Basis sind KOMAR-Rümpfe, wobei die Neubauten nun mit italienischen Seeziel-FK bestückt werden; letztere finden sich auch auf von der britischen Vosper gebauten FK-Schnellbooten der RAMADAN-Klasse. Für die Küstenwache entstehen einige Jahre später auf Werften in Port Said und Timsah kleinere Wachboote. In Spanien kann man schließlich zwei Fregatten DESCUBIERTA kaufen.

Die neuen politischen Partner helfen, aber Geschenke gibt es weniger als erwartet. Auf der Suche nach preisgünstigen Alternativen wird man Anfang der 1980er Jahre in China fündig. Die Chinesen liefern vier U-Boote ROMEO und zwei JIANGHU-III FK-Fregatten. Alte sowjetische FK-Schnellboote KOMAR werden durch praktisch baugleiche der chinesischen HEGU-Klasse ersetzt; Patrouillenboote der SHANGHAI-II- und HAINAN-Klasse lösen alte sowjetische Boote ab.

FK-Schnellboot HETTEIN der RAMADANKlasse

FK-Schnellboot HETTEIN der RAMADANKlasse (Bild: Deutsche Marine)

Damit nicht genug: Anfang der 1990er Jahre überlassen die USA gebrauchte Fregatten der KNOX-Klasse, denen einige Jahre später noch mehrere Schiffe der OLIVER HAZARD PERRY–Klasse folgen und liefern neue, moderne SWIFTSHIPS Minenabwehrfahrzeuge. Aus Deutschland werden 2003 fünf FK-Schnellboote KLASSE 148 und zwei Versorger übernommen. Seit 2006 dienen von der US-Navy ausgemusterte Minenjagdboote OSPREY neben den alten sowjetischen Booten der NATYA- und YURKA-Klasse. Um auch an Bewährtem und Bekanntem festhalten zu können, werden 2007 in Montenegro und Finnland gebrauchte, dort ausgemusterte OSA gekauft, überwiegend als Ersatzteilspender für die alten eigenen Boote. Für die inzwischen 30 Jahre alten RAMADAN ist eine Modernisierung geplant.

Fregatte SHARM EL SHEIKH der PERRYKlasse

Fregatte SHARM EL SHEIKH der PERRYKlasse (Bild: Deutsche Marine)

Schließlich kommt auch ein zehn Jahre altes Vorhaben in Fahrt. Schon 1999 bittet die ägyptische Marine in den USA um Bau (und Finanzierung) von sechs bis acht modernen größeren FK-Booten. Sie sollen spätestens ab 2008 alte Boote der HEGU- und OKTOBER-Klasse ersetzen. Die Wahl fällt auf das AMBASSADOR Mk-III Design der US-Werft Halter. Die mit u.a. Seeziel-FK Harpoon und Flugabwehrsystem RAM bewaffneten 750-ts-Korvetten erfüllen punktgenau die Wünsche der ägyptischen Marine, aber sie sind so teuer, sodass nur vier bestellt werden können. Die Pleite der US-Werft verzögert den Baubeginn. Erst 2005 (als Halter einen neuen Eigentümer findet) wird das Vorhaben wiederbelebt, und im Dezember 2009 gibt der US-Kongress seinen abschließenden Segen.

Im Februar 2011 wird im „Arabischen Frühling“ der seit 30 Jahren autokratisch regierende Präsident Hosni Mubarak gestürzt. Die ersten freien Präsidentschaftswahlen Ägyptens bringen im Juni 2012 den Islamisten Mohammed Mursi an die Macht. Als dieser sein Mandat als Freibrief für eine – islamistisch geprägte – Autokratie betrachtet („winner takes all“), beendet nach nur einem Jahr die Armee seine Regierung. Armeechef Abdel Fattah el-Sisi übernimmt die Amtsgeschäfte; im Juni 2014 wird er zum neuen Präsidenten gewählt.

Die USA stellen nach el-Sisi‘s Putsch Militärhilfe und Waffenexporte für Ägypten „auf den Prüfstand“. Eine geplante Lieferung von Kampfflugzeugen wird gestoppt, aber der Bau der AMBASSADOR-Korvetten geht weiter. Nur wenige Monate nach dem Umsturz werden die ersten beiden Boote sogar formell übergeben, bleiben aber zum Abschluss von Besatzungsausbildung zunächst noch in den USA. Im Mai 2014 treten sie auf einem Spezial-Transportschiff die Reise nach Ägypten an. Auch die restlichen beiden Boote stehen kurz vor Lieferung.

Obwohl in dieser unruhigen Zeit die politische Zukunft durchaus fraglich ist, kann die Marine noch ein weiteres, immer wieder verschobenes Projekt auf den Weg bringen: die Erneuerung ihrer U-Boot-Komponente. In den letzten Jahren des Mubarak-Regimes sucht man primär noch nach „Schnäppchen“ auf dem Gebrauchtmarkt, richtet das Augenmerk u.a. auf ausgemusterte deutsche U-Boote Typ 206A und ex-jugoslawische U-Boote der HEROJ-Klasse. Als die Bemühungen erfolglos bleiben, kommen Neubauten ins Gespräch. Zunächst fragt man in China und Russland an, aber dann wird man mit Deutschland handelseinig. Im November 2011 – Mubarak ist inzwischen gestürzt – segnet der Bundessicherheitsrat den Export von zwei U-Booten TYP 209 ab. Medien sprechen von konventionell dieselelektrisch angetriebenen (kein außenluftunabhängiger Antrieb) U-Booten wie sie ähnlich vor einigen Jahren für Südafrika (Typ 209-1400 SAN) gebaut wurden.

Südafrikanisches U-Boot TYP 209 – so ähnlich wohl auch für Ägypten

Südafrikanisches U-Boot TYP 209 – so ähnlich wohl auch für Ägypten (Bild: Michael Nitz)

Mit Amtsantritt des (islamistischen) Präsidenten Mursi gibt es zunächst wieder Vorbehalte, die aber schnell ausgeräumt sind. U-Boote eignen sich nicht als innenpolitisches Machtmittel für repressive Maßnahmen gegen oppositionelle Teile der ägyptischen Bevölkerung. Ende 2012 werden die Verträge mit ThyssenKrupp Marine Systems unterzeichnet, und die Kieler HDW kann mit dem Bau beginnen. 2016 soll das erste U-Boot geliefert werden. Anfang Februar 2015 genehmigt der Bundessicherheitsrat einen im Anschluss geplanten Bau von zwei weiteren U-Booten dieses Typs.

Zu den ersten westlichen Staaten, die nach dem Putsch von Armeechef el-Sisi rüstungspolitisch schnell zur Tagesordnung übergehen, gehört Frankreich. Im Juni 2014 findet vor Toulon die bilaterale Marineübung „Cleopatra 2014“ statt – und im gleichen Monat bestellt Ägypten vier 2.400-ts-Korvetten vom Typ GOWIND-2500. Das erste der für Randmeeroperationen und Einsätze im Küstenvorfeld optimierten Schiffe soll bei der französischen DCNS gebaut werden, die restlichen drei dann mit DCNS-Werfthilfe und unter einem Technologietransfer-Abkommen in Alexandria. Medien sprechen von einer Option auf noch zwei weitere Einheiten.

Bewaffnung und Ausrüstung erlauben Operationen im fast gesamten Spektrum traditioneller Seekriegsführung (incl. U-Jagd). Die GOWIND können daneben aber auch als Einsatzplattformen für Kommandotruppen dienen oder in asymmetrischen Szenarien (Bekämpfung von Piraterie/Terrorismus, Schutz von Offshore Anlagen, Umweltschutz, Search & Rescue, humanitäre Hilfeleistung) eingesetzt werden. Die Finanzierung des Projektes erfolgt übrigens mit tatkräftiger Unterstützung durch Saudi-Arabien, das in ex-General el-Sisi wohl einen Garanten für die Zurückdrängung eines radikalen Islamismus erkennt.

Mehrzweckkorvette GOWIND 2500

Mehrzweckkorvette GOWIND 2500 (Bild: DCNS)

Mit den GOWIND allein ist der ägyptischen Marine aber offenbar nicht gedient. Sie werden erst in einigen Jahren zulaufen, sind damit eine gute Option für die Zukunft, aber schon heute besteht dringender Bedarf an mindestens einem modernen größeren Kampfschiff. Wieder springt Frankreich in die Bresche. Mitte Februar 2015 wird ein weiteres, Milliarden-schweres Rüstungspaket unterzeichnet, das auch die Lieferung einer Mehrzweck-Fregatte des Typs FREMM einschließt.

Bei dem Schiff handelt es sich um die ursprünglich für die französische Marine bestimmte NORMANDIE. Ihre eigentlich schon Ende 2014 geplante Lieferung an die französische Marine wird nach Bekanntwerden der ägyptischen Wünsche eingefroren. Nun bereitet Hersteller DCNS den Neubau für den Dienst bei der ägyptischen Marine vor, modifiziert einige Anlagen und Geräte und bildet eine erste Besatzung aus. Schon im Juni soll die Fregatte übergeben werden. Angeblich wollte Ägypten auch noch eine zweite FREMM kaufen, aber dafür soll dann trotz saudischer Unterstützung das Geld dann doch nicht mehr gereicht haben.

Zusammenfassung und Bewertung

Mit mehr als 100 in der Liste der Kriegsschiffe aufgeführten Schiffen und Booten sowie einem Personalumfang von fast 20.000 Mann präsentiert sich die ägyptische Marine rein zahlenmäßig auch heute noch als die stärkste im gesamten arabischen Raum. Die aktuellen Beschaffungsvorhaben sind durchaus geeignet, diesen Anspruch noch zu unterstreichen.

Die operative Führung erfolgt direkt aus dem Marinehauptquartier in Ras El Tina bei Alexandria. Hier findet sich auch der größte Flottenstützpunkt mit u.a. der Fregatten- und U-Boot-Brigade. Weitere kleinere Stützpunkte gibt es entlang der ganzen Mittelmeerküste – von Sollum bis Port Said, im Suezkanal (Ismailia) und an dessen Südausgang sowie schließlich im Roten Meer bei Hurghada und Safajah.

Nun gehören zwar hochseefähige Kampfschiffe zur Flotte, aber für die Marine werden jenseits der Küstengewässer kaum Aufgaben erkannt; dies reflektiert auch ihr offizieller Auftrag. Zunächst einmal soll sie Häfen, Küste und Hoheitsgewässer sowie die Eingänge des die Volkswirtschaft tragenden Suezkanals und dessen Ansteuerungen schützen und gegnerische Angriffe von See abwehren. Dazu verfügt sie auch über Küstenverteidigungsstellen mit FK-Batterien.

Darüber hinaus soll sie Operationen der Landstreitkräfte durch seeseitigen Flankenschutz, amphibische Operationen und Kommando-Unternehmen unterstützen und schließlich Binnenwasserstraßen und Suezkanal vor Terrorangriffen schützen sowie Schmuggel und Migration über See bekämpfen. Für diesen Teil der Auftragserfüllung ist ihr operativ auch die ansonsten strukturell zu den Grenztruppen gehörende Küstenwache unterstellt. Eine eigene Marinefliegerkomponente gibt es nicht; Flugzeuge der Luftwaffe erfüllen bei Bedarf maritime Aufgaben.

Leider bleiben die operativen Fähigkeiten der ägyptischen Marine hinter den Erwartungen an eine zahlenmäßig so umfangreiche Flotte zurück. Dies liegt zum einen an einer ausgeprägten „materiellen Vielfalt“, einem Sammelsurium unterschiedlichster Technologie, wie es in dieser Form weltweit wohl einmalig sein dürfte. Ex-sowjetische Erzeugnisse finden sich direkt neben alten und neuen chinesischen, amerikanischen und westeuropäischen Systemen, Ersatzteilen und technischen Handbüchern. Die geplanten Neuzugänge dürften noch weiter zum logistischen Albtraum (Stichwort: Ersatzteil-Bevorratung) beitragen.

Daneben gibt es erhebliche Ausbildungsdefizite. Auch wenn Übungen mit anderen (westlichen) Marinen allmählich zunehmen, „produzieren“ Schiffe und Boote doch nur wenige Seetage. Bei Führung „nach Gutsherrenart“ ist der Teamgedanke bei Besatzungen nur wenig ausgeprägt, und auch die regionale Zersplitterung vom Mittelmeer bis ins Rote Meer ist nicht gerade vorteilhaft.

Hauptfaktor dürfte aber sein, dass – wie im gesamten Nahen und Mittleren Osten – die Marine auch in Ägypten konzeptionell, vor allem aber im Budget weit hinter Heer und Luftwaffe rangiert. In der politischen und militärischen Führung (seit Jahrzehnten weitgehend identisch) gibt es kaum Verständnis für übergreifende maritime Belange, und die Funktion einer Marine wird weitestgehend in bloßer Unterstützung der Landstreitkräfte von See her gesehen. In der Konsequenz bleiben ihre Mittel für Neubeschaffungen, aber auch für Wartung und Instandhaltung vorhandener Einheiten deutlich begrenzt. Letztendlich muss sie sich mit dem begnügen, was Heer und Luftwaffe „übrig lassen“.

Auch in Zukunft wird die ägyptische Marine von substanzieller Hilfe befreundeter Nationen abhängig bleiben. Im wohl gerade erst beginnenden, innenpolitischen wie regional übergreifenden Kampf gegen radikalen Islamismus hat Präsident el-Sisi klare Position bezogen und kann hier sicher auch auf breite Unterstützung hoffen. Entspannt ist auch das Verhältnis zu Israel. Mit der in Gaza regierenden radikal-islamischen Hamas, die offiziell den Schulterschluss mit islamistischen Terrorgruppen auf dem ägyptischen Sinai beschwört, hat man einen gemeinsamen Gegner, und getreu der die politischen Beziehungen in Nah-/Mittelost seit jeher mit bestimmenden Devise ist „der Feind meines Feindes mein Freund“.

Autor: Klaus Mommsen

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