F222 „Baden-Württemberg“ klar zum Auslaufen zur Werftprobefahrt

F222 „Baden-Württemberg“ klar zum Auslaufen zur Werftprobefahrt (Bild: Gottschalk)

F125 – Der Weg bis zur Einsatzfähigkeit

Modern und innovativ – Nach Projektierung und langjähriger Fertigung begann im April dieses Jahres für die „Baden-Württemberg“ mit der erstmaligen Seefahrt, der sog. Werftprobefahrt, die Zeit der Erprobungen und damit startete der Nachweis der geforderten Leistungsfähigkeit. Am Ende des zweijährigen Prozesses wird die Erklärung neben der Verwendbarkeit der Fregatte „Baden-Württemberg“ auch eine Aussage für die gesamte Klasse 125 getroffen.

Die kommende Erprobungsphase wird nicht nur die materiellen und operativen Aspekte betreffen, sondern darüber hinaus die Überprüfung der gemachten Annahmen und technischen Unterstützung des Mehrbesatzungsmodells beinhalten.

Der erreichte Meilenstein ist Anlass genug, das Projekt Fregatte Klasse 125 aus Sicht der Marine einmal mehr unter den folgenden Aspekten zu beleuchten.
Die Einsatzbelastung für die Deutsche Marine hat in letzter Zeit beständig zugenommen. Die Flotte stellt gleichzeitig Einheiten für vier verschiedene mandatierte Einsätze. Hinzu kommen unter anderem Verpflichtungen im Rahmen der Standing Maritime Groups der NATO und die Teilnahme an gemeinsamen Übungen. Dies geht einher mit einer gleichzeitigen Außerdienststellung von Einheiten, beispielsweise den Fregatten der Klasse 122 und den Schnellbooten der Klasse 143A. Die Anzahl der verfügbaren Plattformen für Einsatzaufgaben wird darüber hinaus durch die umfänglichen Maßnahmen zum Erhalt der Einsatzreife Fregatten Klasse 123 sowie die Hardware-Regeneration für die Klasse 124 mit beeinflusst. Umso wichtiger sind ein möglichst schneller, termingerechter Zulauf der vier Fregatten der Klasse 125 und deren Verfügbarkeit für Einsatzaufgaben. In diesem Artikel soll der Weg bis dahin beschrieben und auf die unterschiedlichen Herausforderungen bis zum ersten Einsatz – voraussichtlich Frühjahr 2019 – eingegangen werden.

Die vier Einheiten der Fregatten Klasse 125 werden von der ARGE F125, einem Verbund aus thyssenkrupp Marinesystems und der Friedrich Lürssen Werft, gebaut. Der Schiffsbau der Vordersektionen erfolgte an den Lürssen Standorten Lemwerder und Wolgast. Anschließend wurden die Vorderschiffe nach Hamburg überführt, um sie dort mit dem bei Blohm und Voss entstandenen achteren Sektionen und Aufbauten zu verschweißen. Alle vier Schiffe, Vorder- und Achtersektionen, sind aktuell am Werftstandort in Hamburg und sie befinden sich in verschiedenen Stufen der Fertigstellung: Das Typschiff „Baden-Württemberg“ befindet sich in der Erprobungsphase, auf der „Nordrhein-Westfalen“ findet derzeit die Inbetriebnahme der Anlagen statt. Auf der dritten F125, „Sachsen-Anhalt“, wird die Ausrüstung vorangetrieben. Die vierte Fregatte befindet sich noch im Baudock und wird voraussichtlich am 11.05.2017 auf den Namen „Rheinland-Pfalz“ getauft. Die Ablieferung der „Baden-Württemberg“ an den öffentlichen Auftraggeber wird voraussichtlich im Mai 2017 erfolgen. Die weiteren Einheiten laufen im Abstand von jeweils knapp einem Jahr zu. Der Ablieferungstermin des letzten Schiffes ist Februar 2020.

Wie wird nun der Weg bis zur Einsatzverfügbarkeit aussehen?

Brücke der „Baden-Württemberg“

Brücke der „Baden-Württemberg“ (Bild: Gottschalk)

Aktuell weist die ARGE F125, die vertraglich vereinbarten Leistungen gegenüber dem Auftraggeber nach. Dies startete im April 2016 mit dem Funktionsnachweis See Schiffstechnik auf der „Baden-Württemberg“. Bei dieser ersten Seefahrt des Schiffes konnten viele wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, aus denen sich erfreulich geringfügiger konstruktiv/technischer Änderungsbedarf ergeben hat, der durch die ARGE innerhalb weniger Wochen umgesetzt werden konnte. Auf einer zweiten Seefahrt wurden die Änderungen bereits erprobt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels befand sich „Baden-Württemberg“ wiederum auf See, um die Leistungsfähigkeit der schiffstechnischen Anlagen gegenüber der Abnahmekommission der Bundeswehr nachzuweisen. Die bisherigen Seefahrten der Nachweisführung erfolgen noch unter der navigatorischen und technischen Verantwortung der ARGE F125. Teile der zukünftigen Besatzung der Marine befanden sich jedoch bereits mit an Bord und haben die Zeit in See für die ersten Erfahrungen und Schulungen im Umgang mit der neuen Plattform und deren Technik genutzt. Dabei konnte sich die spätere militärische Fahrmannschaft mit dem technischen Betrieb und der seemännischen Führung des Schiffes vertraut machen. Sehr zuversichtlich stimmen die ersten Eindrücke der zukünftigen Besatzung, die sich von ihrem Schiff bisher begeistert zeigt. Wenngleich den ersten Besatzungen keine formale Rolle bei der Abnahme des Schiffes zukommt, ist ihr Urteil von hoher Wichtigkeit.

Nach Abschluss des Funktionsnachweises See Schiffstechnik und der anschließenden Verlegung von der Bauwerft in Hamburg zum zukünftigen Heimathafen Wilhelmshaven für die weitere Nachweisführung im Juli wird ein weiterer sichtbarer Meilenstein erreicht.

Mit dem anstehenden „Kleinen Flaggenwechsel“ beginnt die „militärische Laufbahn“ der „Baden-Württemberg“. Ab diesem Zeitpunkt erfolgt der Betrieb des Schiffes nicht mehr durch die ARGE F125, sondern im Auftrag des Projektleiters beim BAAINBw durch die militärische Fahrmannschaft unter der Leitung des militärischen Schiffsführers, der auch der spätere Kommandant sein wird.

Voraussetzungen für die Übernahme in den Verantwortungsbereich der Marine sind neben der ausgebildeten Besatzung, dem Vorliegen einer für die sichere Betriebsführung erforderlichen und verwendbaren Dokumentation der Nachweis der umgesetzten Betriebs- und Arbeitsschutz-bestimmungen für militärisches Personal. In die Verantwortung der Marine liegen dann des Weiteren die Aufgaben der militärischen Bewachung sowie der Schiffssicherheit in See und Hafen.
Nach dem erfolgreichen Nachweis der Funktionalitäten für den Bereich Schiffstechnik ist ab August bis November 2016 die Durchführung einzelner Funktionsnachweise von Anlagen und Geräten aus dem Bereich Führungsmittel und den Waffeneinsatzsystemen im Hafen sowie in See geplant. Dazu gehören der Funktionstest des Systems für den Elektronischen Kampf, diverse Vermessungen bei der Wehrtechnischen Dienststelle 71 in Eckernförde, die Durchführung des dynamischen Alignments sowie der Erprobungen für das Multifunktionsradar.

Nach erfolgreichem Abschluss dieser „Einzelprüfungen“ wird anschließend ab voraussichtlich November 2016 der Funktionsnachweis Waffen- und Führungssysteme See beginnen. Hier wird geprüft, ob die vielen Einzel- und Untersysteme erfolgreich integriert sind und als ein Ganzes den Anforderungen entsprechend zusammenwirken. Nach derzeitigem Planungsstand münden all diese Funktionsnachweise und Erprobungen in der für Mai 2017 geplanten Ablieferung an den Auftraggeber. Die Indienststellung durch die Marine ist dann zeitnah im Anschluss geplant.

Mit den Fregatten der Klasse 125 setzt die Marine die sogenannte Intensivnutzung mit Mehrbesatzungsmodell und den Einsatz von bis zu acht über die Plattform rotierenden Besatzungen um. Ziel ist es, das Schiff ohne zwischenzeitliche Transitphasen in und aus dem Einsatzgebiet für bis zu zwei Jahre im Einsatz zu halten. Ein sukzessiver Personalaufbau – synchronisiert mit den Erfordernissen der Werft – erfolgt. Die Besatzungen Alpha und Bravo sind aufgestellt sowie deren Ausbildung in Angriff genommen worden. Darüber hinaus befindet sich bereits die Besatzung Charlie als dritte zukünftige Besatzung ebenfalls vor Ort in Hamburg und begleitet die Inbetriebnahme der „Nordrhein-Westfalen“. Dieser Personalkörper ermöglicht es, zwei komplette militärische Fahrmannschaften aufzustellen, mit denen dann der kontinuierliche Betrieb unter den neuen Bedingungen der Verordnung über die Arbeitszeit der Soldatinnen und Soldaten (Soldatenarbeits¬zeitverordnung – SAZV) durchführbar ist. So werden bereits in dieser Erprobungs- und Nachweisphase der Personalwechsel der Fahrmannschaften praktiziert und damit die notwendigen Seefahrtsvorhaben ermöglicht sowie die Wahrnehmung der Bewachungsaufgaben im Hafen sichergestellt. Die dazu geplanten Ausbildungen und die Einfahrschulung erfolgen durch die Industrie.

„Baden-Württemberg“ läuft zur Werftprobefahrt aus

„Baden-Württemberg“ läuft zur Werftprobefahrt aus (Bild: D. Schneider)

Im Zusammenhang mit dem Mehrbesatzungsmodell und der Verfügbarkeit der vier Schiffe vor dem Hintergrund der angestrebten Verfügbarkeit (Level of Ambition) von bis zu zwei Einheiten im Einsatz kommt der Einsatzausbildung und Inübunghaltung der bis zu acht vorgesehenen Besatzungen eine große Bedeutung zu. Die Antwort auf diese Herausforderung ist der Aufbau eines Einsatzausbildungszentrums (EAZ) Einsatzgruppenversorger/Fregatten Anteil F125 in Wilhelmshaven. Hier sollen all diejenigen Ausbildungsabschnitte vorbereitend vertieft werden, wo nach konventionellem Modell die Besatzung auf ein/das eigene Schiff zurückgreifen kann. So wird z.B. den nicht eingeschifften Besatzungen die Möglichkeit der Vertiefung von Anlagenkenntnissen geboten. Dieses Vorhaben stellt trotz der engen Verzahnungen, u.a. zum Projekt Fregatte F125, ein eigenständiges Rüstungsprojekt dar. Unter der Federführung des Planungsamtes wurde zusammen mit der Marine und dem BAAINBw ein entsprechender priorisierter Forderungskatalog erstellt, ein Projektleiter benannt und das Integrierte Projektteam (IPT) aufgestellt. Die ersten Ausbildungsabschnitte um EAZ F/EGV sollen 2020 aufgenommen werden können. Bis zum Abschluss des stufenweisen Aufbaus des EAZ wird die Inübunghaltung sowie auch Teile der Einsatzausbildung im Rahmen freier Kapazitäten, zusätzlich zur lehrgangsgebundenen Regelausbildung eines jeden Soldaten, an den Schulen der Marine stattfinden müssen.

Vorschiff der „Baden-Württemberg“

Vorschiff der „Baden-Württemberg“ (Bild: Gottschalk)

Mit der für Mai 2017 geplanten Übernahme durch den Auftraggeber und der folgenden Indienststellung beginnt für die Marine die Umsetzung des neuen Betriebskonzeptes. Zur Entlastung der Besatzungen von administrativen Aufgaben an Bord wird die logistische und administrative Unterstützung der Einheiten durch ein landgebundenes Unterstützungselement erfolgen. Dieses zentralisierte Element wird die Unterstützung der Einheiten, die Personalsteuerung und Ausbildungsplanung der einzelnen Besatzungen sowie die Einsatzsteuerung reibungsarm und effizient durchführen. Diese Aufgabenverlagerung sowie ein hoher Automatisierungsgrad der Anlagen und Geräte an Bord erlauben den Betrieb der Einheiten mit einer Besatzungsstärke von derzeit ca. 120 Soldaten und Soldatinnen.

Da die diversen IT-Systeme unterschiedliche Verschlussgrade verarbeiten, ist vor Beginn der Nutzung eine Zertifizierung der Anlagen und Geräte nötig. Die nationale Methodik und Systematik dieses „Akkreditierung“ genannten Prozesses werden von entsprechenden Vorgehensweisen der NATO/EU übernommen. Hierdurch wird erreicht, dass die Ergebnisse der nationalen Akkreditierung auch im Bündniskontext und multinational anerkannt bzw. eingebracht werden können. Neben einer Überprüfung der IT-Sicherheitsdokumentation werden die Einzelsysteme einer technischen IT-Sicherheitsprüfung unterzogen. Verantwortlich für die Akkreditierung der F125 ist das BAAINBw Abteilung Information. Der Zeitansatz hierfür beträgt ca. acht Wochen und erst im Anschluss kann die Einheit im Grundbetrieb betrieben werden.

Einsatzprüfung durch die Marine

Mit der Abgabe an das BAAINBw ist der Nachweis der vertraglich vereinbarten Leistungen zwischen ARGE und BAAINBw erfolgt. Dies ist jedoch noch nicht der Nachweis, dass die Einheit den operativen Anforderungen, die an sie gestellt werden, in realen operativen Szenarien genügt.

Hierzu überprüft das Zentrum Einsatzprüfung des Marineunterstützungskommandos die Einsatzfähigkeit. Die Einsatzprüfung dient der Prüfung einsatzwichtiger Funktionen unter Berücksichtigung von im Nutzungsprofil der Fregatte F125 vorgegebenen einsatznahen Bedingungen. In ihr soll der Nachweis der Eignung des Waffensystems F125 basierend auf dem Einsatzkonzept für alle klassenbezogenen Aufgaben des Schiffes erfolgen.

Für die Einsatzprüfung der Fregatte „Baden Württemberg“ ist der Zeitraum ab Juni 2017 vorgesehen. Neben der erforderlichen Einzelausbildung der beiden aufgestellten Besatzungen sowie deren Zertifizierung im Rahmen der Schadensabwehrgefechtsdienstausbildung sind weitere Prüfungen der Funktionsketten in realen operativen Szenarien sowie ein Ansprengversuch vorgesehen. Da die Einheit weltweit operieren soll, muss die Einsatzfähigkeit unter den verschiedenen klimatischen Verhältnissen nachgewiesen werden. Dazu erfolgen Kalt- und Warmwassererprobungen in entsprechenden Seegebieten. Die integrierte Nachweisführung bietet darüber hinaus den Ausbildungseinrichtungen der Marine, hier vor allem Einsatzausbildungs¬zentrum Schadensabwehr der Marine (EAZS), aber auch dem Flag Officer Sea Training der Royal Navy (FOST) in Plymouth, UK die Möglichkeit, sich mit der Plattform sowie den Anlagen, Geräten und Führungssystemen vertraut zu machen. Den Abschluss der Integrierten Nachweisführung wird dann ein Ausbildungsabschnitt beim FOST im Frühsommer 2018 bilden.

Die „Baden-Württemberg“ wird dann bereits etliche Seemeilen zurückgelegt und zahlreiche Prüfungen und Nachweise erbracht haben. Nach ca. zwei Jahren Betrieb seit der ersten Probefahrt folgt eine Instandsetzungsphase, in der neben Garantiearbeiten weiterer Instandsetzungs-, Prüf- und Wartungsbedarf abgearbeitet wird.

Hauptaugenwerk wird die Gewährleistung der materiellen Verfügbarkeit der Einheit für die nun beginnende Phase der Intensivnutzung von 24 Monaten sein. Aus heutiger Sicht ist mit der vollen operativen Verfügbarkeit der Einheit im Frühjahr des Jahres 2019 zu rechnen.
Das Projekt F125 wird zunehmend für die Marine greifbarer. Besatzungen werden aufgestellt und ausgebildet, das Typschiff, die „Baden-Württemberg“, fährt zur See und wird bald in Wilhelmshaven – ihrem Heimathafen – zu sehen sein. Die Zeit bis zur Ablieferung und Indienststellung ist mit vielfältigen Erprobungen und Aktivitäten ausgeplant.

Auch nach dem Kommando: „Heiß Flagge und Wimpel“ stehen mit der Einsatzprüfung ab Mitte 2017 weitere wichtige Schritte auf dem Weg zur vollen Einsatzfähigkeit der Einheit bevor. Doch schon jetzt stimmen die Ergebnisse der ersten Seefahrten, der weitere Weg für die erste Einheit der neuen Klasse ist bestimmt und am Horizont wird erkennbar, wie diese neuen Fregatten ihren Beitrag zur Reduzierung der Einsatzbelastung älterer Schiffklassen der Marine leisten werden.

Die Marine bekommt mit der Klasse 125 ein modernes, in Teilen innovatives Schiff, welches zur Entlastung im Einsatzbetrieb der Marine dringend benötigt wird.

Autor: Roland Kalinski

Kapitän zur See Roland Kalinski ist Referatsleiter Einsatzunterstützung im Marinekommando Rostock.

Zum Thema: Interview mit dem Sonderbeauftragten Fregatte Kl. 125 Kapitän zur See Christoph Mecke

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