Internationales Panel mit der Befehlshaberin der schwedischen Marine, Konteradmiral Ewa Skoog Haslum. Foto: hum

Internationales Panel mit der Befehlshaberin der schwedischen Marine, Konteradmiral Ewa Skoog Haslum. Foto: hum

Ist der Weg das Ziel?

In Kiel diskutierten Experten über die Zukunft der westlichen Marinen

Kiss, das Kiel International Seapower Symposium, hat sich in diesem Jahr mit den Wegen einer alliierten maritimen Strategie im 21. Jahrhundert befasst. Nachdem 2018 die maritimen strategischen Zwecke und 2019 die Mittel im Fokus standen. Die Konferenz ist Teil einer Reihe von Symposien, die die Maritime Strategie der NATO, 2011 veröffentlicht, bewerten. Darüber hinaus will sie Impulse für zukünftige EU-, NATO- und nationale Konzeptionen im maritimen Bereich liefern. Denn angesichts der jüngsten geopolitischen Entwicklungen und des Wiederauflebens eines Wettbewerbs zwischen den Großmächten sind Anpassungen in den Augen mancher sogar schon überfällig.
In drei Podiumsdiskussionen erlebten über hundert, teils online zugeschaltete Teilnehmer, wie sich die operativen Erfahrungen in strategische Planungen umsetzen lassen (könnten).
Eine der Herausforderungen für die Marinen besteht darin, in ihrer Auslegung und Aufstellung die unterschiedlichen Anforderungen des Einsatzspektrums auszubalancieren. Sie reichen von der dreidimensionalen Kriegführung auf See bis hin zu humanitärer und Katastrophenhilfe und können damit kaum unterschiedlicher sein.
Eine Entscheidung zu den operativen Prioritäten und der nachfolgenden Rüstungsplanung zu treffen, ist nicht gerade einfach. Dabei spielen die genaue Wahrnehmung und korrekte Einschätzung des Risikopotenzials eine große Rolle. In den Podiumsdiskussionen wurde deutlich, dass zwar unter den Marinen Einvernehmen bei der Beurteilung der maritimen Lage besteht, bei den politischen Führungen jedoch durchaus unterschiedliche Ansichten vorhanden sind.
Insofern blieben die Diskutanten im Panel eine Antwort schuldig, wie sich die Seestreitkräfte der NATO angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts für die Zukunft aufstellen sollten. Hinzu kommen operative Details. Dazu gehört, dass die NATO bisher Russland immer als alleinstehende Bedrohung betrachtet hat. Die Tragweite der Bedrohungsanalyse würde sich jedoch maßgeblich ändern, falls Russland mit Verbündeten vorginge. Weiterhin sind die Konsequenzen aus Multi-Domain Operations zu berücksichtigen.

Ist der Weg das Ziel?

Verleger Peter Tamm im Gespräch mit Konteradmiral Jan Kaack. Foto: hum

Letztendlich stehen zur Optimierung der Fähigkeiten von NATO- und EU-Marinen Integrationen über nationale Grenzen hinaus im Raum – im Sinne der belgisch-niederländischen Minenstreitkräfte. Solange die politischen Entscheidungen hierzu nicht fallen, bleibt es bei individualstaatlichen Betrachtungen und Lösungen – von den Ausnahmen im Rahmen multi- und bilateraler Kooperationen abgesehen.
Zur Frage, wie die westlichen Marinen das Heft des Handelns in der Hand behalten können, kam von Bryan McGrath, einem pensionierten Offizier der US Navy, der Vorschlag zur Schaffung maritimer ISRT-Umgebungen (Intelligence, Surveillance, Reconnaissance and Targeting). Damit soll 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, jede russische und chinesische Marineeinheit von mehr als 50 Meter Länge in relevanten geografischen Gebieten erfassbar sein. Zu denen zählt er Nord- und Ostsee, die GIUK-Lücke, das östliche Mittelmeer, das Schwarze Meer und den gesamten westlichen Pazifik. Die über die ISRT-Umgebung erreichte Integration auf Datenebene geht über Kooperation und Interoperabilität hinaus. Einzelne Marinen für sich seien nicht ausreichend, um eine effiziente Abschreckung zu erzielen. Zur Schaffung der „erweiterten konventionellen Abschreckung“ ist es erforderlich, so McGrath, dass die US Navy ihre Partner einbindet. Anstrengungen seien nötig, Verbündete zu gewinnen, sie mit den technischen Anforderungen vertraut zu machen und die ISRT-Fähigkeiten in ihre neuen Waffensysteme einzubetten.
Zu seinen handfesteren Empfehlungen gehörte die Aufforderung, in logistische Einheiten und Minenabwehrfahrzeuge zu investieren.

Das Kieler Seapower Symposium war nicht nur eine erste willkommene Gelegenheit zum Austausch über Fragen der maritimen Sicherheit nach der Coronapause. Es bot auch eine Plattform, unter Experten die maritimen Trendlinien, die nicht unbedingt zugunsten der westlichen Welt verlaufen, zu erörtern. Am Ende der diesjährigen Veranstaltung stand die Veröffentlichung des Buchs From the North Atlantic to the South China Sea. Darin behandeln mehr als zwanzig Autoren ausgewählte maritime Themen.

Autor: Hans-Uwe Mergener

 

Mit dem Konzept Joint All-Domain Command and Control” (JADC2) vereinigen die US-Streitkräfte die klassischen Gebiete der See-, Luft- und Landkriegsführung mit den neuen Domänen Cyber und Space. Das Vereinigte Königreich geht in seinem Konzept der Multi-Domain Integration (MDI) darüber hinaus und verknüpft die militärischen Handlungsoptionen (Instruments of Power) mit jenen anderer Politikbereiche, beispielsweise der Innen-, Außen-, Wirtschaftspolitik. Für die NATO würde eine solche Vorgehensweise bedeuten, die über 100 Teilstreitkräfte der 30 Mitgliedsstaaten konzeptionell und technisch zu integrieren. Insofern ist der in Entwicklung befindliche Ansatz zu Multi-Domain Operations der NATO ein anderer.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.