Das Selbstbewusstsein der U-Boot-Besatzungen könnte einige Kratzer abbekommen

Das Selbstbewusstsein der U-Boot-Besatzungen könnte einige Kratzer abbekommen, Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

U-Boote: Katz-und-Maus-Spiel auf See

Modernste Unterwasserortung stellt auch für konventionelle U-Boote eine Bedrohung dar. Dem müssen sich U-Boot-Fahrer stellen.

Der stählerne Jäger gleitet nahezu geräuschlos durch die stockdunkle Tiefe. In der Gefechtszentrale des U-Boots herrscht angespannte Konzentration. Der Kommandant hat Schleichfahrt befohlen. Nur das Flüstern der Besatzung übertönt hin und wieder das leise Brummen der Ortungs- und Waffeneinsatzsysteme. Die Sonarbediener die kaum wahrnehmbaren Signale weit entfernter Aktivsonaranlagen. Ein getauchtes U-Boot in der relativ flachen Ostsee zu orten, gleicht der altbekannten Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Selbstbewusst, entspannt und mit einem stillen Lächeln im Gesicht begegnet die Besatzung diesem Versuch, sie zu finden.

Urplötzlich wird die Stille gebrochen. Ein lauter, hoher und markerschütternd penetranter Ping dringt wie ein Blitz durch die Stahlhülle ins Innere des Bootes. Nun lächelt niemand mehr. In der Zentrale wird es hektisch. Auf den Kojen werden verschlafene Augen weit aufgerissen. U-Boot-Fahrer hassen dieses Geräusch. Vom Kommandanten bis zum Smut wissen sie sofort, was es bedeutet. Die Quelle des Sonarsignals ist diesmal nicht weit entfernt, das U-Boot wurde geortet. Wütend stürmt der Kommandant in die Gefechtszentrale. Wie kann das sein? Alle Fahrzeuge im Umkreis des Jägers waren doch als Containerfrachter analysiert. Das Boot befand sich weit außerhalb der angenommenen Ortungsreichweite der Aktivsignale.

Was an Bord zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Das Flottendienstboot Alster hat dank neuer mobiler Sensorik, deren Ortungsreichweite weit über den Erwartungen der U-Bootfahrer liegt, das getauchte Boot detektiert und aufgeklärt. Jetzt sitzt der Jäger selbst in der Falle.

Mehr Kunst als Wissenschaft

„Die Kunst beim Katz-und-Maus-Spiel ist es, zu wissen, wer die Katze und wer die Maus ist.“ Dieses Zitat des Kommandanten der USS Dallas aus dem Roman „Jagd auf Roter Oktober“ besitzt auch nach über dreißig Jahren Gültigkeit.

Viele bezeichnen daher die U-Boot-Jagd (Anti-Submarine Warfare, ASW) eher als Kunst denn als Wissenschaft. Die meisten Operateure werden bereits früh in ihrer Ausbildung mit diesem Bild konfrontiert. Es beschreibt die vielfältigen Herausforderungen des Unterwasserlagebildaufbaus unter komplexen Umweltbedingungen. Die unendlichen Weiten der Ozeane, vermeintlich geringe Sensor- und Waffenreichweiten auf der eigenen Seite und scheinbar grenzenlos hohe Sensor- und Waffenreichweiten der U-Boote lassen diese Aussage vielen U-Boot-Jägern nur zu gern über die Lippen gehen. ASW bleibt weiterhin eine der herausforderndsten Warfare Areas in der Seekriegsführung.

Ein getauchtes U-Boot aufzuspüren ist mehr Kunst als Wissenschaft,Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Ein getauchtes U-Boot aufzuspüren ist mehr Kunst als Wissenschaft,Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Das 1. Ubootgeschwader hat jedoch seit den ersten Schritten der Weiterentwicklung im Rahmen des Westlant-Deployments und der konsequent betriebenen Auswertung aller Manöver, Schießabschnitte und Schülerfahrten gemeinsam mit Entwicklungen der Wehrtechnischen Dienststelle 71 (WTD 71) und den Soldaten des Marinefliegerkommandos entscheidende Fortschritte auf diesem Feld machen können. Dies beweisen die experimentell angewandten, neu entwickelten Verfahren unter Einsatz modernster Sensorik im Sensor-Aufklärungsverbund (SAV). Erstmalig brachte das 1. Ubootgeschwader den SAV zusammen mit anderen Stakeholdern wie dem Kommando Cyber- und Informationsraum, der WTD 71, der Luftwaffe und Dienststellen der Marine im Rahmen der Aufklärungsoperationen Frontier Conceiver 2020 und 2021 mit bahnbrechenden Erkenntnissen erfolgreich zum Einsatz. Die Erkenntnisse waren bei Weitem nicht auf Aspekte der Aufklärung begrenzt. Sie zeigten die Potenziale der Deutschen Marine im Bereich der Wirkung im Theatre ASW auf. Der Baukasten an Instrumenten, mit denen Herausforderungen in der ASW begegnet werden kann, ist deutlich umfangreicher und potenter geworden. Im Verbund eingesetzt, erzielen sie nachweislich Ergebnisse, die die bisher bekannten Maßstäbe deutlich übertreffen.

Ein entscheidender Fakt macht all dies umso bemerkenswerter. Es bedarf keiner teuren Einrüstung neuer ortsfester Plattformsensorik. Tieffrequente Schleppsonaranlagen sind keine zwingende Voraussetzung für die Anwendung modernster Unterwasserortung, wie zum Beispiel bi- und multistatischer Verfahren. Das Warten auf neue, potente und speziell für die ASW konzipierte Waffenplattformen ist nicht notwendig. Die skizzierten Fähigkeiten und Verfahren sind erprobt. Sie funktionieren und sind marktverfügbar. Vergleichsweise schnell und aufwandsarm kann nahezu jede Einheit der Marine als leistungsstarker Fähigkeitsträger für den Unterwasserlagebildaufbau genutzt werden. Damit wird die Marine für U-Boote unberechenbar. Jede Überwassereinheit kann mobile Sensorik mitführen, die eine U-Boot-Besatzung unruhiger schlafen lassen wird. Ein ehemaliger Kommandeur des      1. Ubootgeschwaders formulierte bewusst überspitzt: „Wir können U-Jagd mit der Gorch Fock betreiben.“

Szenare wie das beschriebene sind also keine Fiktion mehr sondern Realität. Das Waffensystem Unterseeboot sieht sich einer wachsenden Bedrohung durch hochpotente Unterwassersensorik gegenüber. Fahrzeuge, die das U-Boot zuvor mit ruhigem Gewissen vernachlässigen konnte, stellen plötzlich eine reale und nicht zu vernachlässigende Bedrohung dar. Dies beschränkt den Aktionsraum von U-Booten ungemein.

Ihr Gegner wird nicht nur potenter, er ist schwerer zu erkennen und wird dadurch in erster Linie unberechenbarer. Für Kommandanten konventionell angetriebener U-Boote, die aufgrund der begrenzten Geschwindigkeit ihres Waffensystems vor allem durch das Antizipieren des gegnerischen Verhaltens agieren müssen, ist dies ein ernsthaftes taktisches Problem.

Teil konventioneller Abschreckung

Die Ortung des konventionellen U-Bootes gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen – diese jahrzehntelange Gewissheit ist nicht länger gültig. Dem müssen sich auch die U-Bootfahrer stellen.

Die Ortung eines U-Boots gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Die Ortung eines U-Boots gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Die Digitalisierung des Ozeans ist beim Militär kein Buzzword mehr. Sie muss als Herausforderung und Ansporn für den Erhalt des Kampfwerts eines bemannten U-Boots im Operationsraum See begriffen werden. Dazu gehört vor allem, dass ein modernes U-Boot lediglich mit aktiven Sonarsignalen geortet werden kann. Vielmehr muss ein U-Boot in die Lage versetzt werden, ein digitalisiertes Lagebild über die Dislozierung der gegnerischen Einheiten von eigenen Kräften beigestellt zu bekommen. Dies wurde im Rahmen des SAV erfolgreich nachgewiesen und das U-Boot erfolgreich in einen dynamischen und hochagilen Einsatzverband integriert.

Das Begreifen der neuen Rolle U-Boot, fernab des Einzelkämpfers Unterwasser, erlaubt die Einbindung in ganzheitliche Wirkverbünde, welche nicht an der Wasseroberfläche mit der Übertragung eines kryptierten Fernschreibens nach vorgegebenen Zeitfenstern endet. Die Einbindung und echtzeitnahe Vernetzung eines U-Boots in Befehls- und Kommandostrukturen militärischer Führer erlaubt erst den verzugslosen Zugriff auf dieses Wirkmittel. In einer dynamischen Operationsführung ist dadurch der militärische Führer oder politische Entscheider jederzeit in der Lage, gezielte Wirkung durch ein U-Boot anzuweisen. Das sind Einsatzmöglichkeiten eines U-Bootes, die wir im 20. Jahrhundert in dieser Qualität und Verdichtung nicht kannten. Sie finden sich bis heute in keinem unserer Lehrbücher für militärische Führungskräfte hinterlegt.

Der Mehrwert der Digitalisierung des Ozeans und die Anerkennung des wissenschaftlichen Fortschritts und die konsequente Erprobung in hydrografisch herausfordernden Gewässern, das alles sind Schlüsselelemente, die uns aufzeigen, dass ASW in der neuen, komplexen, digitalen Welt als Überschrift zu kurz greift. Der Übergang zwischen dem elektromagnetischen und akustischen Spektrum Unterwasser wird zunehmend fließend. Wir müssen auch weiterhin außerhalb abgetretener Wege denken.

Eigene Unterseeboote und insbesondere ihre taktischen Führer vor Ort profitieren bereits umfassend von diesem Verbund und dem Willen der Mitgestaltung. Neue Kommunikationswege und Lagebildaustauschsysteme machen eine tiefere Integration des getauchten Unterseeboots in dreidimensionale Verbände möglich. Dem Verbandsführer wird der direkte und nahezu verzugslose Zugriff auf unterstellte Unterseeboote ermöglicht. Sie können enger koordiniert und damit gezielter zur Wirkung gebracht werden. Die Schlagkraft innerhalb des Unterwasserseekriegs erhöht sich dadurch sogar wesentlich. Der vorhandene Informationsvorsprung kann bei Bedarf unmittelbar in einen Wirkvorbehalt umgesetzt werden.

Neue mobile Sensorik besitzt eine große Auffassreichweite, Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Neue mobile Sensorik besitzt eine große Auffassreichweite, Fotos: Bw/1. Ubootgeschwader

Nun gilt es, das Wissen um Einsatzart und Funktionsweise dieser Sensorik und Kommunikationswege innerhalb der Marine zeitnah zu streuen. Technologie und abgeleitete Verfahren müssen zügig Eingang in die Ausbildung finden und in Übungen und Manövern zur Anwendung gebracht werden. In enger Zusammenarbeit der Flottillen und Geschwader gilt es, sie zielführend weiterzuentwickeln und in taktischen Anweisungen als Verfahren zu etablieren. Dazu muss sich jedoch zunächst dringend flächendeckend das Mindset ändern. Wir müssen nicht auf das Towed Array Sonar der Fregatte 126 warten, um ASW-fähig zu werden. Wir können bereits heute mit den uns zur Verfügung stehenden Systemen und neuen, erfolgreich erprobten Verfahren sehr wichtige Beiträge zur ASW im Bündnis leisten. Die baldige Einführung der F 126, der P-8A Poseidon und des Sea Tiger werden diesen Prozess komplettieren und uns mit an die Spitze der ASW-fähigen Nationen setzen. Sie werden unsere Fähigkeiten insbesondere bei Standkraft und Ausdauer entscheidend erweitern.

Während die aufgeschreckte U-Boot-Besatzung schwitzend versucht, der Bedrohung zu entkommen, herrscht wenige Seemeilen entfernt auf U 32 angespannte Konzentration. Die Zieldaten des Flottendiensbootes Alster wurden zunächst an den Verbandsführer auf dem Tender Main und anschließend von dort an das tiefgetauchte Unterseeboot übermittelt. Sie stimmen mit dem eigenen Lagebild auf U 32 überein. Unter Zuhilfenahme der externen Sensorik konnte auch das eigene U-Boot eine valide Ziellösung generieren. U 32 wartet auf den Befehl zur Bekämpfung des gegnerischen U-Bootes. Diesen kann es durch die erfolgreich erprobten neuen Kommunikationsverfahren jederzeit erhalten. Die Deutsche Marine hält zum ersten Mal einen Wirkungsvorbehalt in ihren Händen.

Frédéric Strauch ist Kommandeur 1. Ubootgeschwader, Roland Spahr ist ehemaliger Leiter des Hydroakustischen Analysezentrums der Marine, Tobias Eikermann ist Kommandant der Besatzung U 212A Foxtrot.

Frédéric Strauch, Roland Spahr, Tobias Eikerman

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